Arabien: Unterm Halbmond scheint die Sonne anders

Peace – Salam – Shalom: Über Christinnen und Christen in Arabien und die Rolle der Frau in dieser Region berichtet aus eigener Erfahrung Martin Stewen.

Es war eine mittelgrosse Sensation, als am Nachmittag des 31. August auf dem Internationalen Flughafen der emiratischen Kapitale Abu Dhabi erstmalig eine Maschine der israelischen Airline El-Al – direkt von Tel Aviv durch den saudiarabischen Luftraum kommend – aufsetzte. An Bord: eine israelisch-amerikanische Delegation unter der Leitung des amerikanischen Präsidentenberaters und -schwiegersohns Jared Kushner und des nationalen Sicherheitsberater Israels, Meir Ben-Shabbat. Bereits Mitte August wurde in Washington ein Friedensabkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten angekündigt, der sogenannte Abraham-Accord, der Mitte September unterschrieben wurde. Im letzten Moment hatte sich auch das Königreich Bahrain der Übereinkunft angeschlossen. Das Sultanat Oman hat dahingehende Überlegungen angekündigt.

Dass der Republikaner Trump nach seinen demokratischen Vorgängern Carter (ägyptisch-israelischer Friedensvertrag von 1979) und Clinton (jordanisch-israelisches Friedensabkommen von 1994) auch einmal Nahost-Friedensgeschichte schreiben möchte und das noch in einem unangenehmen Wahlkampf, ist ja verständlich. Und ein israelisches Friedensabkommen mit Ländern, mit denen es keine Grenzstreitigkeiten oder andere Auseinandersetzungen, aber schon länger etliche «under-the-table»-Kontakte (VoiceOfAmerica, 15.8.2020) gibt, ist vor allem mal von ökonomischem und dann von symbolischem Wert. Und hilft eben auch der Reputation eines angeschlagenen amerikanischen Präsidenten.[1]

ein Friedensabkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten

Der Apostolische Vikar von Südarabien, Bischof Paul Hinder in Abu Dhabi, kommentiert: «Dass bei dieser Annäherung für beide Seiten auch wirtschaftliche Vorteile resultieren, ist wohl mehr als nur ein intendierter Nebeneffekt» (VaticanNews). Aber es ginge eben auch um mehr als nur um die Wirtschaft, nämlich «in Richtung Normalisierung der Beziehung zwischen der arabischen Welt und dem Staat Israel», so Hinder. Es wäre schön, wenn sich das so ergibt. Allerdings muss der Prozess weltweit gut beobachtet werden, denn wo immer Gewinner sind, wird es auch Verlierer geben. Wie werden diese reagieren? Vermutlich mit einer weiteren Radikalisierung ihrer eh schon radikalen Kräfte.

Diffus wie Sonnenlicht in der Wüste

Diese aktuelle Episode zeigt: Die arabische Welt ist voller Überraschungen und präsentiert immer wieder ungeahnte Entwicklungen. Sehr Vieles ist nicht so, wie man es vom Hörensagen kennt, und kommt oft ganz anders, als man es sich vorzustellen vermag. Diese Erfahrungen konnte ich selbst während meines fünfjährigen Aufenthaltes im Apostolischen Vikariat Südarabien machen. Von 2015 bis 2020 habe ich als Mitarbeiter von Bischof Hinder, dem Apostolischen Vikar von Südarabien, im Bischofshaus in Abu Dhabi gelebt und gearbeitet. Das Erstaunen über die Diskrepanz zwischen meinen Vorstellungen von Arabien und der arabischen Wirklichkeit gehörte im Anfang zu meinen täglichen Morgenübungen. Was es mir allerdings heute erleichtert, selbst skurrile Medienberichte über Arabien zu verstehen.

Sehr Vieles ist nicht so, wie man es vom Hörensagen kennt.

Zunächst einmal: Arabien ist nicht Saudi-Arabien. Wenngleich das Königreich flächenmässig das grösste Land der Arabischen Halbinsel darstellt, ist es nur eines neben Kuwait, Bahrain, Qatar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jemen. All diese Länder haben so viel und so wenig gemeinsam wie die Schweiz, Österreich und Deutschland.

Kreuz im Wüstensand

«Wie, da gibt’s Christen?» – Schon auf dem Deutschen Katholikentag 2016 in Leipzig und 2018 in Münster hat unser Team am Stand der arabischen Kirche etliche Dutzend Mal völlig überraschten Besucherinnen und Besucher auf diese Frage geantwortet. Tatsächlich: In all diesen Ländern leben rund zwei Millionen Katholiken und Katholikinnen (neben anderen christlichen Denominationen) in zwei Apostolischen Vikariaten (bistumsähnliche Strukturen). Zum Apostolischen Vikariat Südarabien (AVOSA) gehören dreizehn lebendige Pfarreien in den Emiraten und im Oman. Kriegsbedingt ist das Pfarreileben in den vier Gemeinden des Jemens nicht existent. Der Kapuziner-Bischof Paul Hinder leitet das Vikariat Südarabien seit 2004.[2] Bischofssitz ist Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Inmitten der muslimischen Kernlande können katholische Gläubige ihren Glauben recht ungehindert ausüben.

In Arabien leben rund zwei Millionen Katholiken und Katholikinnen.

Ich kann mich nicht an eine Situation erinnern, in der ich mich als katholischer Priester bedrängt gefühlt habe. Wohl stellt Saudi-Arabien jegliches gelebtes nichtmuslimisches Glaubensbekenntnis unter Strafe. In allen anderen Ländern hingegen gibt es ganz offiziell die genannten Pfarrgemeinden – St. Mary’s in Dubai gilt mit über 200’000 Gläubigen als die weltgrösste Pfarrei. In Abu Dhabi feiert die Gemeinde an einem Freitag, wenn es auch den Christen am ehesten möglich ist, zur Kirche zu gehen, dreizehn Gottesdiente mit durchschnittlich je anderthalb Tausend Gläubigen: Zum deutschsprachigen Gottesdienst kommen ungefähr zwanzig Mitfeiernde, zur Filipino-Messe etwas über 2’000 Gläubige. Während meiner Zeit habe ich ausserdem vier Priesterweihen erlebt, Bischof Hinder selbst hat in Abu Dhabi 2004 die Bischofsweihe empfangen. In den dreizehn Pfarreien des Südvikariats werden knapp 30’000 Kinder und Jugendliche wöchentlich von 1’900 ehrenamtlichen Katechetinnen und Katecheten im Glauben unterwiesen.

In Abu Dhabi feiert die Gemeinde an einem Freitag dreizehn Gottesdiente.

Wohl beobachten die Regierungen der verschiedenen Länder das Treiben der Christen mit Argusaugen und intervenieren hier und da schon einmal mit stichelnden Restriktionen. Daher ist das diplomatische Geschick der beiden Apostolischen Vikare[3] eines der Erfolgsrezepte dieses relativ freien Glaubenslebens. Auch hat Papst Franziskus mit seinem Besuch in den Emiraten im Februar 2019 zu weiteren Gesten der Entspannung im Verhältnis zwischen Christenheit und den muslimischen Administrationen beigetragen.

Kopftuch, Hijab, Burka – Frauen im Islam

Auch ein heisses Eisen, wenn man muslimische Gesellschaften anschaut: Wie steht’s eigentlich um die Rolle der Frau? Fraglos ist die Gesellschaft Arabiens patriarchalisch strukturiert. Und genauso fraglos läuft es da für die Frauen nicht immer gut. Zumindest aus westlicher Perspektive. Das Beispiel des Emirs von Dubai, dessen Verhältnis zu mindestens zweien seiner Töchter von fragwürdiger Väterlichkeit ist und dessen siebte Ehefrau sich mittels eines schwierigen Prozesses in Grossbritannien gerade eben aus den Händen ihres nun mehr Ex-Ehemannes befreite, ist sicher nur eines von vielen. Dennoch führt es in die Irre, wenn man meint, jede Frau, die nicht ihr Gesicht zeigt und sich ausserhalb des Hauses verhüllt, lebe daher schon in Unterdrückung. Die erwähnten Frauen aus der Familie Sheik Maktoums wählten übrigens immer einen sehr westlichen Dresscode, aber das war nicht das Problem des Vaters und Ehemannes.

Wie steht’s eigentlich um die Rolle der Frau?

Die Sachlage zum Thema «Frau im Islam» ist alles andere als eindeutig. Zu viele schwierige Fragen zu Tradition, Religion und sozialen Strukturen (ehemals) beduinischer Gesellschaften spielen hier hinein, als dass man vom Standpunkt einer westlichen Gesellschaft schnell zu einem kompetenten und klaren Urteil kommen könnte. Das gilt übrigens auch dann noch, wenn wir die Frage der verschleierten muslimischen Frau nicht mit Blick nach Arabien, sondern innerhalb unserer eigenen Gesellschaft diskutieren  und (vielleicht sogar per Abstimmung) zu klaren Normen finden wollen, die Frauen aus diesen arabischen Kulturen unter Umständen ganz und gar nicht gerecht werden. Übrigens: Manchmal kann man meinen, es gäbe in Metropolen wie München oder Genf mehr Frauen mit Gesichtsschleier als in Abu Dhabi oder Dubai, wo oft ein grosser Wert auf westliche Attitüden gelegt wird. Aber wie gesagt: Der äussere Anschein ist noch kein klares Bild über den inneren Zustand einer Gesellschaft.

Mal ganz langsam

Zwei Beispiele – die Rolle der christlichen Religion und die Rolle der Frau in muslimischer Gesellschaft – lassen erahnen, dass die allerwenigsten Eindrücke von muslimischen Gesellschaften, die wir haben, tatsächlich die volle Realität widerspiegeln. Was wir sehen, bleibt fragmentarisch. Die einzelnen Puzzleteile, die wir wahrnehmen, als vollständiges Bild zu deklarieren, ist eine gefährliche Verlockung. Soll in einer globalisierten Welt das Miteinander aber gelingen, ist es zuerst wichtig, dass man aneinander viele Fragen hat, bevor da Statements und Urteile übereinander sind. Das erfordert jedoch Hinschauen und Hinhören – kurz: eine äusserst sensible Einfühlsamkeit füreinander.

Es ist zuerst wichtig, dass man aneinander viele Fragen hat.

Hier ergibt sich ein anderes Problem: Dafür findet sich nämlich kein gemeinsames interkulturelles Niveau, weil verschiedene zwischenmenschliche Verhaltensweisen in verschiedenen Kulturen eben auch verschieden gelebt und trainiert werden. Mit diesen Unterschieden umzugehen muss dann ebenso  gelernt sein und bleibt wohl zuerst eine Aufgabe derer, die darin besser geübt sind als andere. Das verlangt vom kulturell «Stärkeren» ein gewaltiges Mass Demut, Vorsicht und Rücksicht. Eine grosse Herausforderung. Mit flachen Parolen oder hetzerischer (Innen- wie Aussen)Politik kommt man dabei aber keinen Schritt weiter.

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Dr. theol. Martin Stewen (*1970),  1997-2000 Pastoralassistent, seit 2001 Priester der Diözese Chur, in Zürich tätig, 2015-2020 im Einsatz als Auslandspriester auf der Arabischen Halbinsel, außerdem zertifizierter Supervisor. Im März 2020 erschien im Echter-Verlag sein Buch „Zwischen Kollar und Krawatte. Klerikalismus und (k)ein Ende?“.

Bild: Abdullah Shakoor/pixabay.com


[1] Mehr zum Hintergrund: Landler, Mark; Another Gulf State Recognizes Israel. Here’s Why It Matters.                                       in: New York Times 12.09.2020 URL: https://www.nytimes.com/2020/09/12/world/middleeast/bahrain-israel.html.

[2] Vgl. Hinder, Paul; Als Bischof in Arabien. Erfahrungen mit dem Islam, Freiburg: Herder 2016. Von 2004 bis 2011 war Bischof Paul Hinder der Apostolische Vikar für die ganze Arabische Halbinsel. Dann erfolgte die Trennung in ein Nord- und ein Südvikariat.

[3] Am Ostersonntag dieses Jahres verstarb der Apostolische Vikar von Nordarabien, Bischof Camillo Ballin MCCJ, in Rom. Während der Sedisvakanz wird das Vikariat von Bischof Paul Hinder als Apostol. Administrator verwaltet.

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