Begegnung auf Augenhöhe. Zur Begegnung von Papst Franziskus mit dem Lutherischen Weltbund

Der evangelische Superintendent Olivier Dantine (Salzburg – Tirol) kommentiert die Reise von Papst Franziskus am Reformationstag nach Lund – und sagt, warum allein schon der Einzug in die dortige Kathedrale etwas Besonderes war. Gibt es Hoffnung für die Ökumene?

Viele Diskussionen gab es im Vorfeld der Begegnung von Papst Franziskus mit dem Lutherischen Weltbund am Reformationstag 2016 in Lund. Von einer vertanen Chance war die Rede, weil Papst Franziskus zum Gedenkjahr der 500. Wiederkehr der Reformation nicht nach Deutschland eingeladen wurde. Über die Gründe dafür wurde spekuliert: Wollte die Evangelische Kirche in Deutschland, die übrigens zeitgleich mit dem Ökumenischen Gottesdienst in Lund ihren Festgottesdienst zum Start des Reformationsjubiläum in Berlin feierte, sich die Show nicht stehlen lassen? War es ein Zugeständnis an konservative katholische Theologen, die im Zuge eines Deutschlandbesuches des Papstes im Reformationsgedenkjahr Äußerungen von Papst Franziskus zu Martin Luther und seinem Kirchenbann befürchtet hätten?

Ich persönlich glaube nicht, dass damit eine Chance vertan wurde, weil nicht in Deutschland, sondern in Schweden gefeiert wurde; ganz im Gegenteil, aber dazu später.

Überraschung, dass es keine Überraschung gab… und doch auf symbolischer Ebene beachtlich

Spannung erzeugte auch die Frage, welche symbolischen Gesten von Franziskus, der immer für Überraschungen gut ist, zu erwarten waren. Vielleicht war das ja die große Überraschung vom 31. Oktober in Lund, dass es keine große Überraschungen gab. Kein Abweichen von der schon bereits lange vorliegenden Liturgie (https://www.lutheranworld.org/sites/default/files/dtpw-lrc-liturgy-2016_de.pdf), keine symbolische Geste, die als Provokation empfunden werden konnte.

Globale Relevanz und Verantwortung

Und dennoch war einiges an dieser Begegnung beachtlich, vor allem wiederum auf der symbolischen Ebene. Da ziehen Papst Franziskus, Bischof Yunib Mounan, derzeitiger Präsident des Lutherischen Weltbundes, sowie dessen Generalsekretär Martin Junge nebeneinander in den Dom von Lund ein. Es wird sichtbar: Hier begegnet man einander auf Augenhöhe. Eine Weltkirche trifft auf eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen.

Die globale Relevanz dieser Begegnung wurde in Lund mehr als deutlich. Beteiligung von Liturginnen und Liturgen aus unterschiedlichen Weltgegenden, gerade bei der Verlesung der fünf Imperative; Gesänge und Lieder aus verschiedenen Ländern, ein buntes Fest wurde in Lund gefeiert. Reformation als weltweites Ereignis, genau das wäre bei einer Begegnung in Deutschland schwerer zu vermitteln gewesen. Wird doch das Reformationsjubiläum in Deutschland auch als nationales Ereignis begangen. Auch wenn die lutherische Reformation ihren Ausgang in Deutschland genommen hat, sie hat schnell auf andere Länder Europas ausgestrahlt, und mit der Auswanderung aus Europa sowie der Mission auch globale Bedeutung erlangt. Diese Vielfarbigkeit der Reformation in Lund sichtbar zu machen, ist, wie ich finde, durchaus gelungen.

Starkes Zeichen und kraftvolle Stimme

Aus der globalen Relevanz entspringt auch globale Verantwortung für Gerechtigkeit und die Würde des Menschen. Gerade hier treffen sich Anliegen von Papst Franziskus mit denen des Lutherischen Weltbundes. Die gemeinsame Erklärung (http://www.kathpress.at/goto/meldung/1435298/die-eucharistie-in-einem-mahl-empfangen), die in Lund unterzeichnet wurde, ist dahingehend auch ein starkes Zeichen. Das gemeinsame Zeugnis wird im gemeinsamen Eintreten gegen Gewalt, für Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung deutlich. Explizit wird auf die Flüchtlingssituation hingewiesen. Die gemeinsame Erklärung ist eine kraftvolle Stimme in einer Diskussion, die zunehmend die Wahrung der Würde der Menschen, um deren Not es geht, missachtet. Gerade um diese Aussagen in der gemeinsamen Erklärung bin ich sehr froh. Sie werden nicht für sich stehen bleiben. Es steht für mich außer Frage, dass Papst Franziskus sich hier noch öfter zu Wort melden wird. Genauso erwarte ich mir von der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Mai 2017 in Windhoek relevante Worte, die das in Lund Gesagte aufnehmen werden.

Auf dem Weg zur Einheit?

Welches Gewicht erhält bei ökumenischen Gottesdiensten zum Reformationsjahr die Klage über die verlorene Einheit? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Der Gottesdienstvorschlag für die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen im Jänner 2017 hat an seinem Beginn einen unglaublich massiven Schwerpunkt auf diese Klage, dramaturgisch noch verstärkt, indem eine Mauer aufgebaut werden soll (ausdrücklich auch als Bezug zur Berliner Mauer!). Ganz anders beim gemeinsamen Reformationsgedenken in Lund. Bevor es überhaupt zur Klage kommt, die auch nicht so wuchtig daherkommt, wird der Dank formuliert. „Miteinander freuen sie (Katholiken und Lutheraner) sich an den wahrhaft christlichen Gaben, die beide auf unterschiedliche Weise durch die Erneuerung und die Impulse der Reformation empfangen oder wiederentdeckt haben. Diese Gaben sind der Grund für ihren Dank.“

Die Klage ertönt erst, nachdem für die Gaben der Reformation gemeinsam gedankt wird. Das ist eine gute Grundlage für ein in ökumenischer Haltung begangenes Reformationsgedenken.

Wunsch nach sichtbarer Einheit

Dieses wird nicht ohne den Wunsch nach sichtbarer Einheit auskommen, dies tat auch die Feier in Lund nicht. Freilich ist bei der Bitte um die Einheit das wiederkehrende Problem auch hier zu bemerken: Was beide Seiten nun wirklich jeweils mit „Einheit“ meinen, bleibt letztendlich ungeklärt. Aber dem Imperativ der Suche nach Einheit wird die Bitte um Einheit vorangestellt. Und dies geschieht unter Rückgriff auf gemeinsame Erkenntnisse aus der Rechtfertigungslehre. So sagte Papst Franziskus in seiner Homilie (http://www.lund2016.net/s/Joint-Commemoration-PF-Sermon-Final-DE.pdf): „Mit dem Grundsatz ‚Allein aus Gnade’ werden wir daran erinnert, dass Gott immer die Initiative ergreift und jeder menschlichen Antwort zuvorkommt, und zugleich, dass er versucht, diese Antwort auszulösen.“ Einheit ist letztlich ein Geschenk. Das entbindet uns nicht von der Aufgabe, die Einheit zu suchen, nimmt aber moralischen Druck von beiden Seiten.

Eucharistie

Besondere Beachtung fanden in der Erklärung die Passagen über das eucharistische Mahl. Es ist richtig, dass die bisherigen Annäherungen zwischen Katholiken und Lutheranern und auch diese Feier keine wirkliche Bewegung in Richtung einer gemeinsamen Eucharistiefeier ergeben haben. Aber dass in einer offiziellen katholisch-lutherischen Erklärung von der Sehnsucht nach gemeinsamen Abendmahl und vom „Schmerz all derer, die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart im eucharistischen Mahl nicht teilen können“ gesprochen wird, ist tatsächlich beachtlich. Das Wahrnehmen dieser Sehnsucht sowie die klare Ansage, dass eucharistische Gemeinschaft das Ziel ökumenischer Bemühungen sind, sind fußballerisch gesprochen der Einwurf eines Balles, der schon mehrmals aus dem Spielfeld geschossen wurde. Der Ball ist nun wieder im Spiel, wie er nun aufgenommen wird, und ob es irgendwann einmal tatsächlich Ergebnisse geben wird, das ist allerdings auch nach dieser Feier weiterhin offen.

Eine Ermutigung, auf dieses Ziel zuzugehen, war die Begegnung in Lund allemal.

Olivier Dantine

Bildquelle: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/events/event.dir.html/content/vaticanevents/de/2016/10/31/sveziacattedrale.html

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