Wie eine blühende Hecke im April

Georges Bernanos schlug sich in Brasilien mit Luther herum. Es nahm einen guten Ausgang. Von Veit Neumann.

Nein, ein Martin Luther ist Georges Bernanos sicher nicht. Zu unterschiedlich sind die Welten der beiden Brauseköpfe und Poetici, um sie nur im Entfernten miteinander zu vergleichen, zu unterschiedlich die Jahrhunderte, das 16. und das 20., in denen sie lebten, reizten und wirkten. Immerhin fällt auf: Der väterlich-aufmerksame Nachbarpfarrer des Protagonisten aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers“ trägt den Vornamen Martin Luthers. Und Bernanos lässt ihn diesen Zusammenhang in seinem Tagebuch-Roman eigens erklären, obwohl die Einöde der Liebe in einer nordfranzösischen toten Gemeinde nun zunächst einmal so gar nichts mit Doctor Martinus zu tun hat.

Nein, ein Marcel Proust ist Georges Bernanos (1888-1948) im Übrigen auch nicht. Als Polemiker, nicht als Ästhet ist er auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Als sein Schlüsselwerk „Tagebuch eines Landpfarrers“ 1936 erscheint, steht er mit 48 Jahren, wie es scheint, in der Mitte seines Lebens. Die Straßenprügeleien der Pariser Studienzeit gehören der Vergangenheit an. In den 1920ern reist er, der es nicht als Lebensinhalt betrachtete, seine Existenz mit Sicherheit zu untermauern, als Versicherungsinspektor mit der Eisenbahn quer durch Frankreich. Die Traumata des Ersten Weltkriegs zwingen den äußerlich Starken in Behandlung. Schließlich führt das politische Chaos in den 1930ern Bernanos in die Emigration nach Brasilien, wo er hofft, von der Viehzucht zu leben, um endlich in Ruhe schreiben zu können. Faktisch aber muss er schreiben, um das Vieh zu erhalten.

Das „Tagebuch eines Landpfarrers“ als Spiegel der Lebensmitte und prophetische Ahnung.

Bewegte Zeiten also, da er den Schlüsselroman „Tagebuch eines Landpfarrers“ veröffentlicht. Das Werk ist Spiegel seiner Lebensmitte, kündigt aber in Wirklichkeit das Ende an und trägt es geheimnisvoll in sich. Der Landpfarrer, der einsam an Magenkrebs zugrunde gehen wird, ist das Porträt des Bernanos selbst. Die Handlung des Tagebuchromans ist geradezu auf den Tod des namenlosen Pfarrers von Ambricourt im französischen Flandern hin komponiert, wenn hier überhaupt von Handlung die Rede sein kann. Sein Autor erliegt, wie sein Landpfarrer zwölf Jahre zuvor, im US-Militärhospital Neuilly 1948 an Krebs. Als hätte er es gewusst! Hatte er eine prophetische Ahnung?

Luther fragt nach dem gnädigen Gott. Marcel Proust glaubt unvergänglich, was vergangen ist, Bernanos aber sucht das Kind, das er einst war. Kind werden heißt für ihn im Zerfall der eigenen Lebenszeit die heilige Agonie bestehen. „À nous deux“: „Jetzt zu uns beiden“, das waren seine letzten Worte vor dem Hinübertritt, wie Abbé Daniel Pézeril berichtet, der am Totenbett stand. Jahre zuvor hatte Bernanos, der Karikaturist, einen Engel vor seinem eigenen Grab gezeichnet und ihn dabei wissen lassen, die Posaune des Gerichts bitte nur recht laut zu blasen, da der Verstorbene schwerhörig sei. Dur d’oreille? Schwerhörig vielleicht, denn Bernanos ist bis heute oder gerade heute weder markt- noch geländegängig. „Dur de coeur“, hartherzig war er keinesfalls. Vielmehr hoffte er, mit seinen Gegnern dereinst im sanften Erbarmen Gottes vereint zu sein: la douce pitié de Dieu … so die berühmte Passage eines seiner Briefe. Dieser schöne Ausdruck für sich genommen würde seine häufigen und wohl auch zunehmenden Rasereien zudecken. Wie schön, sich auszumalen, wie der kleine Georges mit Vater unter dem Morgenrot Wanderungen zwischen den vögelbezwitscherten Hecken im Pas-de-Calais unternimmt.

Ein Mensch der Vielfalt in seiner Sehnsucht nach Einfalt. – Lebenshungrig auf der Suche nach der Barmherzigkeit Gottes.

Es spricht für eine gewisse Dialektik, dass sich Bernanos nach Einfalt im Leben sehnt, ist er selbst doch ein Mensch der Vielfalt: hin und her geworfen etwa zwischen Liebe zur Natur und Faszination durch Technik. Der Aficionado technique erleidet im vergifteten Jahr 1933 einen horrenden Motorradunfall, der ihm das Bein für den Rest seiner Jahre zerschmettert. Wäre er ausgewichen, um sich zu retten, hätte es das Kind auf der Straße getroffen! An dieser Stelle ist der Hinweis auf Jakobs Kampf mit dem Unbekannten und seine gebrochene Lende erlaubt. Bernanos hat den Kampf für das Kind im Bruchteil einer Sekunde bestanden. Er bleibt davon gezeichnet, kommt aber dem Kind ganz nahe (das er war?).

Dagegen ist die Figur des Landpfarrers bei Bernanos von Beginn an einfach gestrickt. Mit ihm verewigt dieser häufig genug gallisch-wilde Schwerenöter in der Literatur das harmlose Kind, als das er sich immer sehen möchte. Er reiht sich ein in die Tradition, die führt vom Parzifal über den Don Quijote Cervantes’, Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus, Voltaires Candide, Henry Fieldings Tom Jones, Gontscharows Oblomow und Dostojewskis Idioten. Kurz nach der Entstehung des „Landpfarrers“ gesellt sich auch noch Brechts guter Mensch von Sezuan zu dieser Gruppe. Für Cineasten sei schließlich Winston Grooms Forrest Gump angeführt.

Seltsame Zusammenhänge. Bernanos (Bewunderer des Jean Racine!) ist allerdings die Verschmelzung von Kirchenkritik und Kirchenliebe im Geist französisch-klassischen Esprits. Es ist ihm darum zu tun, „dass die Dinge einmal gesagt werden“, wie er das ausdrückt, als er über seine Berufung schreibt. Womit er an Luthers Hier-stehen-und-nicht-anders-Können erinnert. Wie Martin Luther ist der Lebenshungrige und phasenweise auch -gierige auf der Suche nach der Barmherzigkeit Gottes: nach dem sanften Erbarmen Gottes, in dem er sich am Ende seines Lebens sogar mit Charles Maurras wiederfinden möchte, mit dem er sich einst überwarf. Verletzte Idealismen!

In ihrer Unbeugsamkeit glichen Papst und Mönch sich in zu vielen Dingen, als dass sie je fähig gewesen wären, sich gegenseitig Erbarmen zu erweisen.

Was Luther und Bernanos angeht, so ist die unsichtbare Grenze eine nationale. Alle Wildheit sowie zärtliche Poesie, derer beide fähig und auch mächtig sind, vermögen die Barrieren bei Georges Bernanos nicht zu überwinden – ist Deutschland doch, für die Vertreter des „Renouveau catholique“, gleich Preußen, Preußen gleich Kant und irgendwie auch gleich Nietzsche. Selbst Paul Claudel (1869-1955), tätig als französischer Konsul in Hamburg, hält es nicht lange dort.

Sollte bei der vielbemerkten Aufführung von Claudels „Mariä Verkündigung“ 1913 in der jugendstilisierten Gartenstadt Dresden-Hellerau auch für Bernanos ein Sessel frei gewesen sein, er hätte ihn nicht eingenommen. Exakt zu jener Zeit blies Bernanos nämlich, Vorhut ganz in seinem eigenen Sinne, einem monarchistischen Organ in Rouen („L’Avantgarde de Normandie“) neues Leben ein, bis der junge Chefredakteur dieses Blattes sein Land im Morast der Schützengräben qualvoll untergehen erleben musste! Dort, in Schlamm und Kot, mag sein Interesse an Reform und Umkehr geboren worden sein – auch Félicité de Lamennais, des französischen „Reformators“ Schicksal bewegte ihn, und das sogar bis nach Brasilien, wo er 1943 heute so gut wie unbekannte Gedanken, hauptsächlich die Reformatoren betreffend, fand: „In ihrer Unbeugsamkeit glichen Papst und Mönch sich in zu vielen Dingen, als dass sie je fähig gewesen wären, sich gegenseitig Erbarmen zu erweisen.“

In der Fortsetzung dieses Textes wird Bernanos, der sonst so gänzlich unfranziskanische, schließlich zunehmend franziskanisch, was Kirchenreform angeht: „Franziskus hat der Ungerechtigkeit nicht getrotzt, er hat nicht versucht, ihr die Stirn zu bieten“, schreibt der polemisch-eruptive Gottsucher weiter: „Franziskus hat sich in die Armut gestürzt, er hat sich und die Seinen so tief wie möglich in sie eingetaucht wie in die Quelle aller Vergebung, aller Reinheit. Anstatt zu versuchen, der Kirche unrecht erworbene Güter zu entreißen, hat er sie mit unsichtbaren Schätzen überschüttet, und unter den sanften Händen dieses Bettlers hat der Gold- und Unzuchthaufen zu blühen angefangen, wie eine Hecke im April.“ Folgt Bernanossens finaler O-Ton: Die Kirche braucht nicht Reformatoren, sondern Heilige.

Reformator oder Heiliger sein – für das eine wie auch für das andere war Georges Bernanos wohl zu vielfältig oder, um es präziser zu sagen: zu wenig einfältig. Immerhin darf überlegt werden, was aus dem namenlosen Landpfarrer seines „Tagebuches“ geworden wäre, wenn der nicht am Ende seines ersten Jahres in der Pfarre an Krebs gestorben wäre. Sein geistlicher Freund und Begleiter rühmte sich ja, wie eingangs angedeutet, den Vornamen Luthers zu tragen, mithin sich mit Gottes Gnade herumzuschlagen. Dieser Martin war der einzige, der wenigstens mit der Zeit Erbarmen hatte mit dem, der immer Erbarmen hatte, übrigens ohne dass der Untergehende sich darüber Rechenschaft zu geben vermocht hätte. So symbolisiert der einfältige Landpfarrer gerade im Untergang die Heiligkeit der Kirche, die sich gerade in diesem Punkt keine Rechenschaft zu geben braucht.

„Da lag die alte Kirche bereits weit hinter ihm, in unermesslicher, riesiger Ferne, durch eine ganze Ewigkeit von ihm getrennt.“

Dieses kostenfreie Erbarmen zu ersehnen, war Bernanos im Leben immerhin einfältig genug. Es Martin Luther in einem geistlichen Sinne zuzutrauen, dafür war ihm der Wittenberger einfach zu deutsch. „Links und rechts Hufschläge austeilend, ist er Hals über Kopf davon gestürmt, und als er inne hielt – gewiss nicht, weil er müde war, sondern weil er sehen wollte, wo er stand, weil er verschnaufen und seine Wunden beschnuppern musste –, da lag die alte Kirche bereits weit hinter ihm, in unermesslicher, riesiger Ferne, durch eine ganze Ewigkeit von ihm getrennt.“ Schreibt Bernanos.

Und, um den wild-sehnsuchtsvollen Literaten und Gottesmann (eignet ihm nicht doch etwas Prophetisches?) ein letztes Mal zu Wort kommen zu lassen: „Seit Anbeginn war meine Kirche, was sie heute noch ist und was sie bis zum letzten Tag sein wird: das Ärgernis der Starken, die Enttäuschung der Schwachen, die Prüfung und der Trost der nach innen Gekehrten, die in ihr nur mich sehen. Ja, Bruder Martin, wer mich darin sucht, findet mich, aber man muss nach mir suchen, denn ich bin besser darin verborgen, als man denkt oder als gewisse meiner Priester euch glauben machen wollen.“

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Veit Neumann ist Professor für Pastoraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten.

Bild: Rainer Sturm; pixelio.de

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