Bloodlands und Black Earth: Blicke ins Dunkel der Geschichte

Francesco Papagni stellt zwei Bücher von Timothy Snyder vor, die sich mit den grossen Gewaltexzessen im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts befassen.

Eins vorab: wer die beiden hier vorgestellten Bücher liest, blickt in einen Abgrund – in jene Hölle auf Erden, die Menschen im zwanzigsten Jahrhundert organisiert haben, um andere Menschen millionenfach zu töten.

Bloodlands

„Bloodlands“ schildert die Ereignisse in einer Zone Osteuropas, die vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer reicht. Ein Gutteil dieses Territoriums wurde gleich mehrmals besetzt: So marschierte die Sowjetunion als Folge des Hitler-Stalin-Paktes im September 1939 in die baltischen Staaten, in den Ostteil Polens, in Bessarabien und in die Bukowina ein und begann mit der Zerstörung der Institutionen dieser Staaten wie auch mit der Verfolgung aller, die als feindliche oder auch nur potentiell feindliche Personen betrachtet wurden. Gleichzeitig besetzte Nazi-Deutschland den Westteil Polens. Hinter der Wehrmacht rückten sogenannte Einsatzgruppen ein, bestehend aus Polizeibatallionen und SS-Einheiten, die unverzüglich mit dem Massenmord an Geisteskranken, Juden, Sinti und Roma sowie an polnischen Intellektuellen begannen.

Jenseits vom Historikerstreit: Verschränkungen und Wechselwirkungen zwischen „roter“ und „brauner“ Gewalt

Snyder zeigt, was in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft seit dem „Historikerstreit“ zum Tabu erklärt wurde, nämlich die Verschränkung und Wechselwirkung zwischen brauner und roter Diktatur. Allerdings vermeidet er jene Argumentationsfigur, die den Historikerstreit ausgelöst hatte – die Interpretation der Nazi-Vorgehensweise als Reaktion, als Wirkung infolge einer Ursache, die die Sowjetunion selbst darstellte. Nicht Ursache/Wirkung also, vielmehr Verschränkung und Wechselwirkung. Der braunen Diktatur wird nichts von ihrer originären Bosheit genommen. Wir hingegen verstehen besser, wie dieses Regime seine schreckliche Effektivität hat entfalten können.

Furcht, Hass, Kollaboration

Das lässt sich an denjenigen Territorien gut veranschaulichen, die nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion von der deutschen Wehrmacht besetzt wurden. Hier waren die Institutionen schon zerstört worden. Der Hass auf die sowjetischen Besatzer wurde jetzt von den neuen Herren genutzt, um auf Juden und auf kommunistische Kollaborateure Jagd zu machen. Die schlimmsten Helfershelfer der Deutschen waren aber just Personen, die sich schon mit den Sowjets kompromittiert hatten und sich in der neuen Situation durch besonderen Eifer vom Verdacht befreien wollten. Snyder zeigt auf meisterliche Weise auf, dass erst diese Mechanismen von Furcht, Hass und Kollaboration jene einheimischen Hilfstruppen schuf, ohne die namentlich die NS-Besatzung nicht ihre genozidale Gründlichkeit hätte erreichen können.

… eine der belastendsten Lektüren meines ganzen Lebens

Das Buch korrigiert auch eine allgemein verbreitete Sichtweise, die den Genozid mit dem Namen „Auschwitz“ in Eins setzt. Die Mehrzahl der Juden wurden nicht in Auschwitz, wo es eine wenn auch prekäre Überlebenswahrscheinlichkeit gab, sondern bei Massenerschiessungen ermordet sowie in Vernichtungslagern wie Sobibor und Belzec, wo die Überlebenschance gleich null war. Zu diesem Genozid an Juden und Sinti bzw. Roma kam in den deutsch besetzten Zonen ein genozidaler Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen, die mit Aushungern zu Tode gebracht wurden. In der Sowjetunion wiederum begann schon lange vor dem Krieg eine Deportation und Ermordung von Personen polnischer Herkunft; dies wegen der paranoiden Furcht Stalins vor einer polnischen Unterwanderung. Schauplatz dieser Massentötungen war Weissrussland und die Ukraine, wo schon in den dreissiger Jahren Bauern zu Millionen verhungerten, weil Stalin die Kollektivierung vorantreiben wollte.

„Bloodlands“, das muss ich als Rezensent bekennen, ist eine der belastendsten Lektüren meines ganzen Lebens. Zugleich ist es eine unvermeidbare Lektüre, will man nicht die Augen vor den höllischen Seiten des zwanzigsten Jahrhunderts verschliessen.

Black Earth

Mit „Black Earth“ führt Timothy Snyder Überlegungen weiter, die latent oder offen schon im Vorgängerbuch präsent waren, geht aber über dieses hinaus. Erstens studiert er noch einmal minutiös die Nazi-Weltanschauung, die das Handeln angeleitet hat, und kommt dann zum Schluss, dass sich der Holocaust wiederholen kann. Freilich ist der Genozid an Juden und Sinti bzw. Roma historisch einmalig. Snyder meint vielmehr, dass sich eine „Endlösung“ mit den Mitteln, wie es die Nazis angewendet haben, wiederholen könnte, und dies aus Motivationen, die schon beim historischen Holocaust handlungsleitend waren.

Die sozialdarwinistische Sicht eines globalen Kampfes um Ressourcen

Neben der antisemitischen Paranoia spielten nämlich auch wirtschaftliche Überlegungen in der Nazi-Ideologie eine nicht unwesentliche Rolle: es war die krude sozialdarwinistische Sicht eines globalen Kampfes um Ressourcen, die die gewalttätige Landnahme im Osten und der damit verbundene mehrfache Genozid aus Tätersicht unumgänglich hat werden lassen. „Das Frühstücksei der deutschen Hausfrau“, so Göbbels, sei ein Kriegsziel. Dass sich die Nahrungsmittelproduktion nicht durch Raub, sondern vielmehr durch biologisch-technische Verbesserungen steigern liesse, wollten die führenden Nazis nicht wahrhaben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine solche Wissenschaftsskepsis verbunden mit den gleichen sozialdarwinistischen Vorstellungen eines Kampfes um Ressourcen noch einmal handlungsleitend werden könnte.

Voraussetzungen des Zivilisationsbruchs

„Black Earth“ geht über den Rahmen einer üblichen historischen Abhandlung hinaus; es ist eine Studie zu den Voraussetzungen jenes Zivilisationsbruchs, den Europa hat erleben müssen. Das Buch enthält auch die Mahnung, den Institutionen und besonders dem Staat Sorge zu tragen, denn es ist kein Zufall, dass der mehrfache Genozid in einem Raum stattfand, in dem der Staat und seine Institutionen systematisch zerstört worden waren. Mit der Staatszerstörung entsteht ein rechtsfreier Raum, wo „Gewaltunternehmer“ (Timothy Snyder) freie Hand erhalten.

Lichtblick: „Rettungswiderstand“

Ein kleiner Lichtblick sind die letzten drei Kapitel, wo es um Widerstand und „Rettungswiderstand“ (Arno Lustiger) geht. Einige Menschen blieben in dieser Hölle auf Erden menschlich, halfen Verfolgten und wehrten sich gegen die Besatzer. Leider halfen längst nicht alle, die sich mit der Waffe gegen Besatzer wehrten, auch den Verfolgten. Mein persönliches Fazit:

Pflichtlektüre – für die, die psychisch in der Lage sind, die Lektüre durchzustehen

Diese zwei Bücher sind Pflichtlektüre für alle, die psychisch in der Lage sind, die Lektüre durchzustehen, wobei „Bloodlands“ in dieser Hinsicht das schwierigere Buch ist.


Francesco Papagni, freier Journalist, Zürich
Bild: Paul Green, unsplash.com

Bücher:

Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. München 2011, S. 425 (mit 36 Karten)

Timothy Snyder: Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. München 2015, S. 375 (mit 24 Karten)

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