Das Beste aus zwei Welten

Neulich, im kirchlichen Bildungshaus – ein Erlebnis. Ach was, eine Offenbarung! Den Humor der Feinschwarz-Leser_innen testet Daniel Bogner mit seinem Latrinenreport…

Haus Ohrbeck, irgendwo bei Osnabrück. Und zugegeben, wir reden nicht übers Kerngeschäft – Seminare, Kurse, das Übliche. Hier interessiert das Nebengeschäft, und das ist in der Regel unterbewertet. Denn Nebenprogramm kann schnell Hauptprogramm werden, wenns pressiert…

„Bin mal eben um die Ecke“ – der Abschied von Stehtisch und Konferenzgebäck muss sein, die menschliche Natur will es so. Zuhause höchst willkommen. Ein Anlass, dem Familienchaos für ein paar Minuten ganz legitim zu entfliehen. Aber im öffentlichen Raum? Oh je! Geruchs- und Sehsinn werden runter geregelt, der Pflicht im vegetativen Blindflug Genüge getan und der Lokus rasch wieder verlassen.

Nun hat das Ganze einen Gender-Bias, wie so oft. Und auch hier scheint der Mann – auf den ersten Blick immerhin und warum weiß der Teufel – kulturell begünstigt. Das kleine Geschäft verrichtet er gern im Stehen und die Sanitärindustrie hat sich darauf mit dem „Pissoir“ eingestellt. Zuhause soll Mann sitzen, schon klar, aber im öffentlichen Raum sind die Vorteile unbestritten: Kein fieser Kontakt nötig mit multibakteriell kontaminiertem Toilettenmöbiliar…

Aber es hat eben auch Nachteile. Wer jemals in Autobahntoiletten, Flughafenterminals und anderswo mit Wildfremden am Pissoir-Riegel stand, wird wissen, was „Diktatur der Intimität“ bedeutet. Schlimmer noch: In der Pause der Seminarveranstaltung am Pissoir stehend angesprochen werden, während… nun ja. Es ändert sich in unserer Zeit so manches, auch das Bild des Mannes von sich selbst. Heute, wo er nicht mehr Raubauz und Haudrauf sein muss, darf er endlich auch zu diesem Bedürfnis stehen: allein zu sein auf dem Lokus, bitte! Nie mehr preudo-lockere Sprüche austauschen müssen mit irgendwem, nur weil man gerade einem ähnlichen Bedürfnis nachgeht und halbe Minuten lang ortsmäßig angekettet ist…

Nichts von alledem in unserm Bildungshaus. Da sage einer, Kirche und Christentum seien verfangen im Schwarz-weiß-Denken, gut oder böse, das eine oder das andere. Pissoirs in der abschließbaren Einzelkabine – wow! Das ist echte complexio oppositorum, die einem erst mal einer nachmachen muss. Kontaktfreier Toilettengang mit Sichtschutz on top. Katholizismus in seiner Bestform: sowohl – als auch, das Beste aus zwei Welten. Im Bistum Osnabrück hat man den Schuss nun wirklich gehört. Weiter so!

Daniel Bogner ist Mitglied der Redaktion von Feinschwarz. Er schätzt Humor, auch solchen ohne (kirchen-) politische Botschaft. Bild: Autor.

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