„Das Weisse zwischen den Worten“ (Max Frisch). Die andere Seite der liturgischen Sprache

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Gunda Brüske spürt (ausgehend von Max Frisch) dem „Weissen zwischen den Worten“ liturgischer Sprache nach, dem Geheimnis, der Kraft von geprägter Sprache und „tönender Grenze“.

„Was wichtig ist: Das Unsagbare, das Weisse zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heisst ganz wörtlich: man schreibt darum herum: Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und das Eigentliche, das Unsagbare erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen. Unser Streben geht vermutlich dahin, alles auszusprechen, was sagbar ist; die Sprache ist wie ein Meissel, der alles weghaut, was nicht Geheimnis ist und alles Sagen bedeutet ein Entfernen. Es dürfte uns insofern nicht erschrecken, dass alles, was einmal zu Wort wird, einer gewissen Leere anheim fällt. Man sagt, was nicht das Leben ist. Man sagt es um des Lebens willen. Wie der Bildhauer, wenn er den Meissel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare vorantreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, dass man das Geheimnis zerschlägt, und ebenso die andere Gefahr, dass man vorzeitig aufhört, dass man es einen Klumpen sein lässt, dass man das Geheimnis nicht stellt, nicht fasst, nicht befreit von allem, was immer noch sagbar wäre, kurzum, dass man nicht vordringt zu seiner letzten Oberfläche.

Diese Oberfläche alles letztlich Sagbaren, die eins sein müsste mit der Oberfläche des Geheimnisses, diese stofflose Oberfläche, die es nur für den Geist gibt und nicht in der Natur, wo es auch keine Linie gibt zwischen Berg und Himmel, vielleicht ist es das, was man die Form nennt? Eine Art tönender Grenze – .“[1]

Das Geheimnis ereignet sich nie ohne das Wort.

Um das Geheimnis geht es auch in der Liturgie – als gefeiertes Geheimnis, nicht als geschriebenes Wort wie bei Max Frisch. Nie ereignet sich dieses Geheimnis, das wir glauben, ohne Wort, ohne das Wort: „Alle Worte haben Kraft vom ersten Wort.“ (Meister Eckhart) Doch worum geht es Max Frisch? Was ist das Weisse zwischen den Worten? Er nennt es „das Unsagbare“, „das Eigentliche“, „das Lebendige“, „das Geheimnis“. Die Worte, die Sprache, das Sagbare sind nicht dieses Eigentliche, Lebendige. Der Schriftsteller, der ja nichts als die Worte hat, nimmt sich zurück. Die Sprache ist sein Werkzeug und nicht das Eigentliche, das, was der Meissel für den Bildhauer ist. Bevor aus dem Steinblock ein Kunstwerk wird, muss viel Stein abgeschlagen werden. Eine staubige Angelegenheit, bei der Schutt entsteht. Der Schriftsteller legt mit Hilfe der Sprache Hand an und produziert Schutt: „Es dürfte uns insofern nicht erschrecken, dass alles, was einmal zu Wort wird, einer gewissen Leere anheim fällt.“ Immer wieder solchen Schutt, solche Leere zu produzieren, um dem Eigentlichen, das wohl erahnt, aber noch nicht sichtbar ist, näher zu kommen, das ist mühsam. Es braucht den Sinn für das Geheimnis, den Mut weitere Schichten abzuschlagen – es könnte eine zu viel sein und das Geheimnis ist zerschlagen. Aber es darf auch keine zu wenig sein, weil sich das Geheimnis sonst weiter verbirgt. „Eine Art tönender Grenze“ gilt es freizulegen. Ein Äusseres, wo sich das Sagbare und das nicht mehr Sagbare berühren, etwas wie eine Haut, die das Geheimnis überzieht, so dass es gerade noch fühlbar ist und doch das nicht mehr Sagbare dem habenwollenden Zugriff entzieht.

Man kann danach nicht einfach weiterreden.

Gibt es in der Liturgie Worte, die tönende Grenze sind? Worte, die gesagt werden müssen, obwohl sie ins Leere fallen, und gerade so dem Eigentlichen, Lebendigen, dem Geheimnis Raum geben? Worte, die das Geheimnis nicht zerschlagen, und doch so viel vom Sagbaren hinter sich lassen, dass eine Art tönender Grenze zu klingen beginnt? Drei Vorschläge: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“; das Bruder-Klausen-Gebet – „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir …“; die Litanei von der Gegenwart Gottes – „Sei hier zugegen, Licht unsres Lebens. … Flamme und Leben, Gott bei den Menschen …“. Was verbindet diese Texte? Man kann danach nicht einfach weiterreden; behutsame Worte wären möglich, besser aber nicht, denn es braucht Raum für Begegnung, für eine verborgene Gegenwart, für den, der jenseits aller menschlichen, liturgischen Worte einfachhin ist.

Das aber könnte das Weisse zwischen diesen Worten sein: die Erfahrung des lebendigen Gottes.

Doch es gibt in der Liturgie nicht nur jene Worte, die sich an einer tönenden Grenze bewegen, sondern viele andere Wortschichten. Sie müssen erklingen und verklingen auf dem Weg zum Geheimnis. Ein paar freie Worte zur Begrüssung sind gut. Das Eigentliche sind sie nicht. Die Predigt schlägt äussere Schichten ab, indem sie Verständnisbarrieren beseitigt, oder biblische Grundworte – Gott, Gnade, Heil, auch Sünde – von den Übermalungen befreit, die diese Beziehungsworte gefärbt haben, oder auch: entfärbt, verfärbt. Das aber könnte das Weisse zwischen diesen Worten sein: die Erfahrung des lebendigen Gottes. Wo Gott Vater genannt wird, ist es ein Sagen, das ein Entfernen ist und darin eine Annäherung an das Geheimnis, und wo Mutter, ist es ebenso ein Sagen, das ein Entfernen ist und darin eine Annäherung an das Geheimnis. Wo eine Geschichte von den Vätern und Müttern Israels erzählt wird, oder eine von Jesus, der sich mit Zöllnern und Sünderinnen trifft, treibt das Sagbare dem Geheimnis entgegen: der Begegnung mit dem Gott Israels, mit Jesus. Wie können die uralten Geschichten so erzählt werden, dass alles zurücktritt, was nur Schale ist? Welche Übersetzung lässt die Goldadern im Sprachklumpen aufleuchten? Welche Stimmlage, welchen Lesefluss, welche inneren Bilder braucht es, damit die biblischen Lesungen zu einer Art tönender Grenze werden? Ein und derselbe Satz kann sehr unterschiedlich klingen. Und je nachdem kommt das, was zwischen den Worten ist zum Schwingen – oder auch nicht.

Im Augenblick der Stille beginnt eine tönende Grenze zu schwingen.

Das Weisse zwischen den Worten, der Leerraum im gedruckten Text, das Spatium, trennt zwei Worte. Beim gesprochenen Wort sind es die Pausen im Redefluss. Es ist der Augenblick, in dem das Wort ankommt. Im Augenblick der Stille beginnt eine tönende Grenze zu schwingen – oder das Wort fällt einfach nur ins Leere. Und in der Liturgie? Wird eine Lesung vorgetragen, so geht es nicht um die Vortragenden, es ist auch nicht Jesaja selbst, der spricht, oder Lukas oder Paulus, auch wenn die Sprache noch so altertümlich klingt. Das Eigentliche steht dazwischen: das Weisse zwischen den Worten erfordert Stille und ereignet sich: am Ende des Sagens die Berührung durch die ganz andere Stimme. Und dann passt die Akklamation „Wort des lebendigen Gottes“. Doch was, wenn nicht?

der menschliche Ausgangspunkt, ohne den es auch in der Liturgie kein Streben nach Transzendenz gibt

Es geht Max Frisch um das, was an den Rändern oder jenseits der Sprache aufscheint, um eine Transzendenz. Dazu gehört aber auch das Diesseits der Sprache und des Sprechens, „unser Streben … alles auszusprechen, was sagbar ist.“ Es gibt den Wunsch, sich selbst auszudrücken, etwas zu erzählen vom Schönen oder Schweren, dem Leben. Das ist der menschliche Ausgangspunkt, ohne den es auch in der Liturgie kein Streben nach Transzendenz gibt, die geschaffene Existenz, bejaht und nicht verleugnet. Findet das Eingang in die liturgische Sprache? Martin Walser klagte: „Mit Lissa in der Kirche. Konnte nicht beten. … Die feierliche Amtssprache in der Kirche klang fremd. Kunstgewerbe-Vokabular. Glauben die Frommen, Gott höre sie nur, wenn sie beten, er habe keine Ahnung von den Worten, die sie sonst denken und sagen?“[2] Plakativer tönt Erik Flügges Kritik am „Kirchensprech“, der jenseits der alltäglichen Kommunikation laufe, ein Binnenkosmos, gewoben aus Machtphantasien, Angst und fehlendem Gefühl für Relevanz. Er empfiehlt, „in neuen Räumen zu sprechen, den eigenen Auftritt neu zu choreographieren und sich selbst in seinem Text zu überprüfen. Aber all diese Optionen stehen beim Sprechen von Gott nicht zur Verfügung. Liturgie ist fest gefügt, der Raum in seiner Struktur vorgeprägt und auch der Text ist 2.000 Jahre alt.“[3]

Eine Übertreibung, aber natürlich: Es gibt vorgegebene Texte, wenn auch nicht für alle Gottesdienste, und unveränderlich sind sie auch nicht. Das einzige liturgische Buch, das nach Art und Umfang bleibt, ist die Bibel. Nur die Auswahl der Lesungen wechselt oder die Übersetzung. Veränderungen im Kernbereich liturgischen Sprechens und Handelns sind dagegen möglich: Das Spendewort bei der Eucharistiefeier wurde nach dem II. Vatikanischen Konzil geändert. Das Eucharistische Hochgebet und Weihegebete wurden bearbeitet und vermehrt. Unverändert blieben biblische Grundworte: Amen, Halleluja, Kyrie eleison. Hier wurde keine Schicht mehr abgetragen. Vielleicht berühren wir mit diesen biblischen Worten die tönende Grenze.

„Sprich nur ein Wort.“

Dazu müssen die Worte erklingen. Flügge rät zu neuer Performance via Raum, Bewegung, Rolle. Unmöglich? Nein. Es gibt Vorgaben, aber Nähe und Ferne zu den Mitfeiernden, Gestik und Mimik bestimmen die Sprechenden selber. Sie übernehmen eine Rolle. Wie stehen sie zu ihrem Text? Welche Bilder weckt er in ihrem Inneren? Wer kann sagen: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“? Nicht nur zwei Seelen wohnen in jeder Brust, sondern ungezählte Stimmen – auch die des verletzten Menschen. Wer sie im liturgischen Rollenspiel zum Schwingen bringt, spricht wahrhaftig, und leiht dazu noch anderen seine Stimme. Eine reformierte Frau erzählte, sie sei in einer Krise in eine katholische Messe gegangen, um diesen Satz zu hören: „Sprich nur ein Wort …“. Das Weisse zwischen den Worten sitzt verborgen zwischen den Mitfeiernden, ein Innenraum, in dem es Not gibt, Gewalt, sogar Opfer. Die Liturgie und ihre Sprache ist wahrhaftig, wenn sie diese Wirklichkeiten nicht ausblendet. Sie hört auf, wahrhaftig zu sein, wenn sie dabei stehen bleibt und der Freude keinen Raum gibt.

Das Weisse zwischen den Worten, die tönende Grenze hätte theologisch und liturgisch keine Kraft, wenn nicht noch anderes am Rand der vielen Worte stehen würde. „Alle Worte haben Kraft vom ersten Wort“, so Meister Eckhart in einer Predigt über die Erweckung des Jünglings von Naim. Ein Wortereignis: Steh auf. Das Eigentliche, das Geheimnis, das Weisse zwischen den Worten ist hier das Wort in Person, Jesus. Er füllt die tönende Grenze von der anderen Seite her. Der Schatz und der Schutt der liturgischen Sprache bleiben notwendig. Ohne gibt es keinen Leerraum für das Weisse. Aber die Worte sind relativ: zu relativieren, weil sie an das Eigentliche immer nur annähernd heranreichen, und relativ auf den hin, der das erste Wort ist.

Anmerkungen:

[1] Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen. Hg. von Daniel de Vin. Frankfurt 2008, S. 23f (urspr. Tagebucheintrag 1946).

[2] Martin Walser, Halbzeit. Roman. Werke Bd. 2. Frankfurt a. M. 1997, 312.

[3] Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. München 2016, 91.

Gunda Brüske ist Co-Leiterin des Liturgischen Instituts der deutschsprachigen Schweiz in Freiburg, Lehrbeauftragte für Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg/CH und im Studiengang Theologie des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts der deutschschweizerischen Bistümer.

Bild: Granitskulptur Gurutz Aldare im nördlichen Seitenschiff der St. Peter-Kirche in Köln, vom baskischen Bildhauer Eduardo Chillida (1924-2002), Foto v. G. Brüske

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