Denn Gott bin ich und nicht Mann (Hosea 11,9)

Ottmar Fuchs widerspricht Bischof Oster (Passau): Handeln „in Persona Christi“ ist auf kein Geschlecht festgelegt. Was aber bedeutet es dann, dass Gott in einem Mann Mensch geworden ist?

So hieß die aktuelle Meldung in „Katholisch.de“ vom 28.08.2017: „Der Passauer Bischof Stefan Oster hat sich gegen die Priesterweihe für Frauen ausgesprochen. Zum ‚Geheimnis von Schöpfung und Erlösung‘ gehöre, dass Jesus ein Mann war, sagte er in einem Interview der aktuellen ‚Herder Korrespondenz‘. Deshalb könne der Priester, der ‚in Persona Christi“ handle, keine Frau sein.‘… Dass Frauen in der Kirche ausgegrenzt worden seien und Unterdrückung erfahren hätten, „das ist eine Sünde der Kirche, das geht nicht“, sagte Oster weiter. Der Vorbehalt des Priestertums für Männer gehöre vom Grundsatz her jedoch nicht in diese „sündigen Strukturen“, das Verbot der Frauenordination sei vielmehr ‚lehramtlich geklärt‘.“[1]

Sündige Strukturen überall, nur beim Männern vorbehaltenen Priestertum nicht?

Es steht nicht zuletzt das Geheimnis der Inkarnation, der Menschwerdung des unendlich geheimnisvollen Gottes auf dem Spiel, dass man solche Worte eines deutschen Bischofs nicht unwidersprochen hinnimmt, auch wenn er dafür die Bestimmungshoheit beansprucht.

1. Übergeschlechtlichkeit Gottes

Es wird niemand behaupten, dass die Analogierede von den drei göttlichen Personen geschlechtlich festgelegt sei.[2] Denn nach dem 4. Laterankonzil ist alle Rede von Gott, auch die der Offenbarung, also auch der Bibel Gott unähnlicher als ähnlich.[3] In diesem unendlichen und unerschöpflichen Mysterium „stricte dictum“ lösen sich alle Zuschreibungen auf. So dass die Gottesrede im Diesseits dieses Geheimnisses offen ist für viele Metaphern, die Gott je nach kultureller Gegebenheit bzw. dem Wunsch, sich von ihr zu befreien, so oder/und so bebildern und mit den Erfahrungen der Menschen verbinden. Es sind die jeweils herrschenden Menschen selbst, die es nicht verhindern, die Rede von Gott ausgrenzend und degradierend gegenüber anderen bzw. gegenüber dem anderen Geschlecht zu benutzen, und die keine diesbezüglich reziprok inklusive Weise zulassen. So blendet jede dauerhafte Fixierung in der Rede von den drei göttlichen Personen auf das Männliche diese Offenheit, mit der sich die jenseitige Übergeschlechtlichkeit Gottes im Diesseits spiegelt, aus dem Bewusstsein aus.

Die Gottesrede ist offen für viele Metaphern

Hierin ist auch die Bibel nicht unschuldig. Und auch nicht Bibelübersetzungen: wenn z.B. die Neue Einheitsübersetzung den hebräischen Gottesnamen YHWH mit HERR wiedergibt. Der notwendige Respekt vor dem Jüdischen Gottesverständnis hätte sich mit einem analogen Respekt vor den Frauen verbinden können, vor allem jenen, denen das Herrsein Gottes allüberall schon längst auf die Nerven geht und die sich dabei auf die Lehre von der Übergeschlechtlichkeit Gottes berufen können. Denn es ist ja gerade  eine aktuelle Ernstnahme der heiligen Geheimnishaftigkeit Gottes, seinen Namen nicht mit den „Vokalen“ eines Herrsein-Wortes zu vereindeutigen. Auch wenn die Großbuchstaben ein Textsignal andeuten, beinhaltet HERR semantisch mehr Eindeutigkeit als das Textsignal YHWH und verfehlt damit das Anliegen, der jüdischen Seite (heiliges Geheimnis YHWHs) gerecht zu werden, verfehlt aber auch die Weigerung (um einer noch radikaleren Ehrfurcht willen), die „adonai“ (Herr)-Vokalisierung des Tetragramms zu überwinden.

Auch die Bibel ist hier nicht unschuldig

Mehr und sensiblere Phantasie wäre hier nötig gewesen. Hier hat sich die „Übersetzung in Gerechter Sprache“ mehr Mühe gemacht.[4] Die paradoxe Chance, semantische Unaussprechlichkeit auch im Deutschen aussprechbar zu machen und derart die Doxologie der Herranrede „herrenfrei“ zu gestalten, ist gründlich vertan. Mir schlägt das Herr-Gerede zunehmend auf den Magen, nicht nur in Solidarität mit den Frauen, sondern auch in Solidarität mit Gottes unendlicher Weite selbst.

2. Ein hochambivalentes Geschlecht

Die prinzipielle Übergeschlechtlichkeit Gottes bezieht sich selbstverständlich auch auf die zweite göttliche Person, die zwar im Mann Jesus Mensch geworden ist, die aber sowohl in Gott selbst wie auch in ihren anderen innergeschichtlichen Seinsweisen für androgyne Bebilderungen bzw. Realisierungen offen ist. Die jeweilige Offenheit bezieht sich auf den Kontext und wird darin entsprechend geschenkt bzw. beansprucht, wie sich die Menschwerdung der zweiten göttlichen Person auf Grund des jüdischen Kontextes so und nicht anders ereignet hat. Dahinter stehen soziokulturelle Gründe im Kontext einer patriarchalen Religion und Gesellschaft, aber noch wichtiger im Kontext der Durchbrechungen dieses Systems in Israel selbst (durch wichtige Interventionen vor allem in der Prophetie). Und letzteres (nicht etwa das Patriarchale) zeichnet das erwählte Volk inhaltlich aus.

Durchbrechung soziokultureller Grenzen

So dass sich in der Menschwerdung in einem Mann im Kontext des erwählten Volkes die schärfsten Dialektiken, Ambivalenzen und Widersprüche kreuzen «Denn Gott bin ich und nicht Mann, in deiner Mitte der Heilige; ich will nicht in Zornglut kommen“ (Hosea 11,9). Gott spürt, so die Projektion dieses Widerspruchs in Gott hinein, in sich die Versuchung zum Mannsein, also dazu, in Zorn, Rache und Gewalt zu kommen und erliegt ihr nicht. Mit solchem Mannsein der Menschen will Gott nichts zu tun haben. Mannsein ist also religiös wie kulturell etwas Hochambivalentes und Zweischneidiges. Indem Gott in solchem Kontext in einem Mann Mensch wird, tut er dies an der in der damaligen Kultur gendermäßig sündigsten Seite des Menschseins, um darin die unbegrenzte Reichweite der Erlösung darzustellen. Denn: „Was in der Menschwerdung nicht angenommen worden ist, das ist auch nicht geheilt; was aber mit Gott vereint ist, das wird auch gerettet“ (Gregor von Nazianz).

Gott will auch das ambivalente Mannsein erlösen

So ist in Christus auch dieses kulturell und religiös gefährlichste Geschlecht (gender) angenommen, auch im Sinne von 2 Kor 5,21, wonach Gott die zweite göttliche Person in Jesus „zur Sünde gemacht“ hat.[5] Gott kommt als Mann, auch um in diesem Kontrast ein ganz anderes Mannsein darzustellen, eines, das nicht herrscht, sondern dient und sich auf ein mitmenschliches Menschsein hin öffnet. Damit wird androzentrisches Verhalten nicht bestätigt, sondern bekämpft, was sich dann auch im Verhalten Jesu gegenüber Frauen zeigt.

Diese Einsicht radikalisiert die Inkarnationstheologie, wie sie sie davor bewahrt, ungeschichtlich verallgemeinert zu werden und aus der Menschwerdung der zweiten göttlichen Person eine überkontextuelle Mannwerdung zu machen, oder anders: Aus der Mannwerdung der zweiten göttlichen Person diese selbst rückwirkend zum Mann zu machen und in solchem Zirkelschluss „schlüssig“ zu beweisen, dass die bereits in der Trinität ihrer Übergeschichtlichkeit beraubte und als Maskulinum existierende zweite göttliche Person es völlig verbiete, für den heilsökonomischen Welt- und Menschenbezug weibliche Symbolisierungen zuzulassen.

3. Mann und Frau „in persona“ der zweiten göttlichen Person

Es gibt eine eindrucksvolle theologische Tradition, Christus auch als Frau und Mutter zu begegnen und anzurufen, wie etwa bei Peter Claver und bei Franz von Sales, der Christus am Kreuz mit einer schwangeren Frau, die ihre Geburt erwartet, vergleicht.[6] Anselm von Canterbury nimmt Christus Jesus als „Gebärende“ wahr. Juliana von Norwich hat in ihren „Offenbarungen der Liebe“ gerade dieses Motiv reich entfaltet.[7] Dorothee Sattler unterstreicht diese vergessene Erinnerung „von der lebenstiftenden Sterbebereitschaft“ der werdenden und gebärenden Mutter.[8]

Christus als Frau und Mutter

Es kommt ja auch kaum jemand auf die Idee, im Horizont der Prä- und Postexistenzchristologie (in Gott und in der Schöpfung) die Präsenz der zweiten göttlichen Person in der Schöpfung nur auf Männliches zu beziehen. Die Christologie darf nicht von der Schöpfungstheologie abgetrennt werden, insofern nach Kol 1, 16 durch Christus alles (auch alles Weibliche!) geschaffen ist, was im Himmel und auf Erden ist.

So ist die zweite göttliche Person nach Mt 25, 35ff. selbstverständlich nicht nur „in persona“ gegenwärtig in den männlichen Kranken, Nackten, Obdachlosen, Fremden, Unterdrückten und kaputten Menschen, sondern genauso auch in den weiblichen. So ist die zweite göttliche Person im Kontext der Nachfolgetheologie in all denen vorhanden, die sich mit den Leidenden solidarisieren, darin etwas und am Ende sich riskieren und derart Jesus nachfolgen, natürlich nicht nur in den entsprechenden Männern, sondern auch in den Frauen. Und das gilt selbstverständlich auch für das „in persona“ von Männer und Frauen im sakramentalen Amt.

Auch wenn diese Bemerkungen banal klingen, sind sie es doch nicht, wenn man an die Worte von Bischof Oster denkt. Auch lehramtlich sollte der Bischof vorsichtiger sein:

4. Die Frage nach der Frauenordination ist lehramtlich nicht geklärt

Der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt wird von der Kurie gerne als endgültig vorgegebene Lehre vorgeschrieben, obgleich diese Lehre bislang, wenn auch mit harschen Formulierungen, textsortenmäßig nur in Verlautbarungen des ordentlichen Lehramts und darin nicht als Wahrheitsaussage, sondern als Befindlichkeitsaussage über die Kirche, dass sie sich zur Zulassung von Frauen zum Ordo nicht für berechtigt hält, formuliert wurde. „Mit der Feststellung, dass sich die Kirche nicht für berechtigt hält, ist mitnichten die Frage beantwortet, ob sie nicht entgegen ihrer Einschätzung in Wahrheit dazu berechtigt ist. Die Wahrheitsfrage wird durch die Form, in der man diesen Standpunkt vorträgt, nicht zum Thema.“[9]

Es geht um Gendergerechtigkeit

Und da zwar auf die Berufung der Zwölf durch Jesus, nicht aber auf die Offenbarungsaussagen Bezug genommen wird, dass Frauen für die Botschaft Jesu vom Reich Gottes wie auch für die Verkündigung der Auferstehung unentbehrlich sind, gilt: „Von einer Definition der Lehre, Frauen nicht zur Priesterweihe zuzulassen, kann daher schon aus formalen Gründen nicht die Rede sein.“[10] Auch weil damit die priesterliche Würde aller Gläubigen durch die Taufe in ihrer kirchenamtlichen Entfaltung halbiert wird und weil nicht zur Kenntnis genommen wird, welche Bedeutung Frauen überhaupt in neutestamentlichen Texten und in der Geschichte der Kirchen haben. Die Zeichen der Zeit sind klar: es geht um die auch christlich motivierte Herausforderung der Gendergerechtigkeit. Wo letztere nicht gegeben ist, handelt es sich in Gesellschaft und Kirche um eine „sündige Struktur“, in der Kirche auch um eine Versündigung an den entsprechenden Berufungen von Männern und Frauen und an der sakramentalen Präsenz in den Gemeinden.

Weiteres zu diesem Thema vgl. Ottmar Fuchs, „Ihr aber seid ein priesterliches Volk“. Ein pastoraltheologischer Zwischenruf zu Firmung und Ordination, Ostfildern 2017, 205-216.

Ottmar Fuchs ist emeritierter Professor für Praktische Theologie/Tübingen

Bild: alexas_fotos / Pixabay

In einer Mail vom 12.10.2017 bat Bischof Stefan Oster um den Hinweis auf diesen Text, der seine Argumentation erläutern soll. 

[1] Vgl. Katholisch.de, Aktuelle Artikel, Kirche, Freiburg – 28.08.2017, Zugriff 30.08.17, vgl. dazu „Ich bin ein Suchender“, Interview mit dem Jugendbischof Stefan Oster, in: Herder Korrespondenz 71 (2017) 8, 18-22.

[2] Zur Genderoffenheit im Gottesbild und in der Menschwerdung der zweiten göttlichen Person vgl. Ottmar Fuchs, Der zerrissene Gott. Das trinitarische Gottesbild in den Brüchen der Welt, Ostfildern 3/2016, 144-148.

[3] Vgl. Heinrich Denzinger, Peter Hünermann, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Freiburg 1991, 361-362.

[4] Vgl. Ruth Fehling, Wie die „Bibel in gerechter Sprache“ unsere männlichen Gottesreden zerschlägt, in: Maria Elisabeth Aigner, Johann Pock (Hg.), Geschlecht quergedacht, Berlin 2009, 83-100.

[5] Vgl. Fuchs, Der zerrissene Gott, 67 und 71.

[6] Vgl. Hermann Häring, Die Mutter als die Schmerzensreiche, in: Marie-Theres Wacker (Hg.), Der Gott der Männer und die Frauen, Düsseldorf 1987, 38-69, 46. Auch die femininen Kümmernisdarstellungen Christi am Kreuz gehören in diesen Zusammenhang.

[7] Vgl. Dorothee Sattler, Gottes Weisheit lebt mit uns, in: Raymund Schwager (Hg.), Relativierung der Wahrheit?, Freiburg i.B. 1999, 215-244, 217.

[8]  Sattler, Gottes Weisheit 215.

[9] Elmar Klinger, Christologie im Feminismus, Regensburg 2001, 235.

[10] Ebd.

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