Der Zeitgeist weht wo er will

Der Zeitgeist hat in Theologie und Kirche keinen guten Ruf. Zu Unrecht, denn man kann an ihm lernen, worauf es Menschen heute ankommt, meint Kirstine Fratz.

Von welchem Geist ist eigentlich die Rede, wenn man von Zeitgeist spricht? Ist es ein Geist, oder sind es mehrere Geister mit unterschiedlichen Absichten? Für manche ist es der heilige Geist, für andere die Lebensgeister, und für mich stellt sich immer die Frage nach dem jeweiligen Zeitgeist. Denn dieser weht auch, wo er will, und macht mit uns oft, was er will.

Wer oder was ist eigentlich dieser Zeitgeist? Und wie macht er das, was er macht? Wie geht das, mit der Zeit gehen oder aus ihr herausfallen? Muss man Zeitgeist Gewinner sein, oder gibt es die Möglichkeit sich vielleicht sogar dem Geist der Zeit zu entziehen? Oder sind wir im Bann dieses Gespenstes unausweichlich gefangen während unserer Zeit auf Erden?

Zeitgeist gibt Orientierung

Schauen wir uns seine Macht mal genauer an. Ähnlich wie andere Geister gibt er uns vor allen Dingen Orientierung. Er ist als Wegweiser zwar höchst temporär und gar nicht ewig. Dennoch zeigt er uns machtvoll, wo es im Moment gerade langgeht, wenn man in seinem Leben alles richtig machen will. Lebensplanung, Partnerwahl, Berufswahl, Kindererziehung, Gesundheits-, Ernährungs- und Fitnesspläne richten wir gerne und hoffnungsvoll an seinen aktuellen Geboten und Verboten aus. Und wir machen alle mehr oder weniger mit. Denn sich gut im Zeitgeist zu positionieren, verspricht Anerkennung und Zugehörigkeit, und wer will das nicht?

Der Zeitgeist ist ein temporäres Versprechen für ein gelungenes Leben. Das Problem allerdings liegt im Wort „temporär“, denn meist halten seine Versprechen nicht ein Leben lang. Dieser Geist weht schnell in eine andere Richtung, und dadurch ist ein nachhaltiges Gelingen oft schwierig. Eine heute erwachsene Person hat mindestens drei verschiedene Zeitgeister durchlebt, und alle haben neue pädagogische Konzepte, Traumpartner_innen und Ernährungs-Vorschriften hervorgebracht. Bleibt also die Frage: Wie gehen wir am besten mit diesem windigen Begleiter unseres Lebens um? Sind wir Baum oder Grashalm? Oder können wir lernen, mit den Zeitkräften zu spielen?

Temporäres Versprechen für ein gelungenes Leben

Egal wie man zum Zeitgeist steht, ob man ihn gerade gut oder schlecht, unterstützend oder eher herausfordernd findet, über eines muss man sich im Klaren sein: Er ist kein persönliches Wunschkonzert. Es ist unwesentlich, ob man sich erhofft, die Zeit wieder „zurückzudrehen“, oder sich wünscht, die Gesellschaft wäre mehr so oder so. Dem Geist der Zeit ist das ziemlich egal. Er weht, wo er will, und macht Ihnen lediglich das Angebot, ihn zu nutzen oder vielleicht sogar etwas zu beeinflussen. Dafür zeigt er uns Chancen auf, und das geht so: Das Steuerungs-Element des Zeitgeistes ist der Mangel. Immer wenn ein Zeitgeist lange am wehen ist, hat er andere Themen, die gerade nicht so aktuell sind, vernachlässigt. Daraus entsteht dann ein Mangel, dessen Behebung zum neuen Bedürfnis in einer Gesellschaft wird und den weiteren Verlauf des Zeitgeistes mitbestimmt oder ihm sogar eine neue Richtung vorgibt.

Gemeinschaftsbäder für Digital Natives

Ein kleines Beispiel: Jetzt haben wir seit längerem den Zeitgeist der Digitalisierung. Dabei sind Themen wie persönliche Ansprache und menschliche Interaktion allem Anschein nach etwas verrutscht. Nun öffnen die ersten Hotels ihre Pforten für die Generation der sogenannten Digital Natives, also die Zeitgeist Teilnehmer_innen, die in der Digitalisierung groß geworden sind, und bieten ihnen schicke Gemeinschaftsbäder auf dem Gang an. Für alle, die ihre Zeitgeist Prägung noch vor der Digitalisierung erhalten haben, ist das wahrscheinlich keine verlockende Vorstellung. Den Digital Natives aber gefällts – endlich wieder analoge Kontaktaufnahme beim Zähneputzen – wunderbar. Wenn man frühzeitig einen Mangel, ein Defizit oder ein neues Bedürfnis in der Gesellschaft ausmacht, dann könnte man als eine_r der Ersten diesen Mangel bedienen. Z.B. mit einer Dienstleistung, einem Produkt, einem Film / Buch, einem Kindergartenkonzept etc. Dann nimmt man Einfluss darauf, wie sich dieser Mangel in Zukunft gestalten wird. Man hat die Möglichkeit, diesen neuen Sehnsuchtsort der Gesellschaft mitzukreieren, und sei es auch nur eine Neu-Interpretation von Gemeinschaftsbädern.

Den Zeitgeist interpretieren, statt ihn zu verurteilen

Mit dieser besonderen Achtsamkeit für die Nöte und Bedürfnisse der Zeitgenoss_innen entwickelt man Zeitgeist-Bewusstsein. Dabei lernt man nicht nur, den Wandel mit etwas Abstand zu betrachten, sondern man erkennt auch, wonach es die Zeitgenoss_innen bewusst und unbewusst verlangt, und kommt viel näher an sie dran – ich nenne das Zeitgeist-Empathie. Indem man scheinbar simple Phänomene, wie neue Gemeinschaftsbäder im Hotel, als Impuls und Chance begreift, fängt man an, den Zeitgeist zu interpretieren anstatt ihn zu verurteilen. Es wäre so leicht ein Phänomen wie dieses mit der eigenen Vorverurteilung abzutun, wie „das hatten wir früher auch und da fand ich es auch schon nicht gut“. So verstellt man sich den Blick für neue Erkenntnisse über die Dynamik des Wandels. Mit dem Zeitgeist-Blick hat man die Möglichkeit, auch komplexere Phänomene als Chancen zu erkennen, wie z.B. dass die Gottesbotschaft in der fortschreitenden Individualisierung auf neue Nöte trifft.

Persönliche Freiheit und Wahlmöglichkeit

Das säkularisierte Individuum beansprucht gegenwärtig eine große persönliche Freiheit und Wahlmöglichkeit. Es will selbstbestimmt sein Leben gestalten und sich erfahren, seine wahre Bestimmung finden und ihr folgen. Schauen Sie sich um, in der Werbung, den Filmen und Büchern. In allen aktuellen Geschichten geht es betont darum, was der einzelne Zeitgenosse, die einzelne Zeitgenossin im Einzelnen will. „All about you“ nennt sich das und umfasst eigentlich alles, was wir zum Leben brauchen. Kreiere Dein eigenes Müsli, finde Deinen eigenen Style, benutze Kosmetik, die auf Deine DNA abgestimmt ist. Beanspruche alles, wie Du es willst, und Du es wirklich brauchst. Unseren inneren Kompass sollen wir suchen, das Glück in uns selbst finden, unsere innere Göttin entdecken und niemals stehenbleiben. Denn das Selbst, wenn wir es mal gefunden haben, lässt sich immer weiter optimieren – besonders gut mit digitaler Hilfe.

Mach Dir die Welt, wie sie Dir gefällt, ist das Motto der Gegenwart. Da mag jetzt manch eine_r vielleicht verächtlich sagen, dass diese narzisstische Gesellschaft früher oder später dem Untergang geweiht ist. Man kann aber auch mit dem Zeitgeist-Blick die Kulturleistung anerkennen, dass wohl kaum zuvor in der Geschichte das gemeine Volk über soviel Freiheiten verfügte wie heute, sein Leben selbstzubestimmen. Hat man das einmal in Betracht gezogen, kann man anfangen, nach den Chancen zu forschen.

„Warum bin ich auf der Welt?“

Denn: Wie geht es eigentlich so einem säkularisierten Individuum, das ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist und ohne überliefertes Referenzmodell sein ganz persönliches Glück schmieden soll? Wo ist der Mangel? Freiheit ist nicht mehr das Problem aber die Orientierung. Und da es kein „zurück zu“ in der Zeitgeist-Dynamik gibt, wird die Orientierung nicht bei den traditionellen Institutionen gesucht, sondern dort, wo man sich vermeintlich am besten auskennt – im Selbst. Yoga, Meditation und spirituelle Selbsterfahrung sollen den großen neuen Wegweiser für das individuell gelungene Leben aktiveren – die innere Stimme. Für dieses Streben gibt es neue Cafés in London und Paris, wo man in der Kaffeepause seinem inneren „Spark“, seinem inneren Funkeln lauschen soll, damit man auch zwischendurch im Alltag erkennen kann, wozu man berufen ist. Co-Working-Spaces, hippe Gemeinschaftsbüros, werden träumerisch ausgestattet, so dass der oder die dort arbeitende Zeitgeist-Teilnehmer_in im eigenen intuitiven Fluss gefördert wird. Das Wochenende im Schweigekloster, das Digital-Detox-Seminar, die Zen-Abende und der Life-Coach – ganz im hier und jetzt – sind alles Versuche, uns auf unsere Innerlichkeit zurückzuwerfen, um dort den großen Schatz zu heben von „Warum bin ich auf der Welt?“.

Re-Spiritualisierung auf Zeitgeist-Ebene

Der Wunsch und der Versuch, in unserem Inneren eine halt- und orientierunggebende Instanz aufzubauen, macht Zeitgeist-Teilnehmende allmählich wieder empfänglich für das Göttliche. Diese Dynamik erkennt man gerade an einer Art Re-Spiritualisierung auf Zeitgeist-Ebene, die momentan oft in urbanen Zentren zu beobachten ist. Die innere Stimme soll nicht nur zu einem sprechen, sondern sie soll auch durch eine höhere Anbindung inspiriert sein. Wirklich wahr und richtig wird der persönliche Wegweiser anscheinend erst durch eine höhere Instanz, welche einem durch Yoga, Meditation oder spontane Offenbarung unter der Dusche gewahr wird.

Gefühle mit göttlichem Moment

Das säkularisierte Individuum ist sich nicht sicher, ob es ganz allein für sich den rechten Weg ausmachen kann. Daher werden diese besondere Energie, die intensive Eingebung und die starke Intuition gerade zu den neuen inneren Sicherheiten für richtig oder falsch im Leben. Und damit das Ganze Substanz hat, werden diese Gefühle neuerdings gerne einem göttlichen Moment zugeschrieben. Dieses göttlich motivierte Innere wird so zum neuen Sehnsuchtsort für Stabilität und Geborgenheit. So lässt sich ein schnelllebiger, multioptionaler Zeitgeist auch einfach besser aushalten. Dieser Glaube im neuen Gewand bedient einen Mangel der individualistischen Bewegung. Und diese neue Offenheit und Bereitschaft für das Göttliche ist eine Chance, dieses Thema jetzt mitzugestalten.

Geliebt, so wie man ist: Im Zeitalter der Optimierung eine Sensation!

Hinzu kommt, dass der Zeitgeist, trotz aller momentanen Versuche, nur unser Bestes zu wollen, uns ein Gefühl niemals geben kann: Das Gefühl, dass wir gut sind so, wie wir sind. Stellen Sie sich diesen gewachsenen Individualisten vor, wenn er erfährt, dass es eine ewige Instanz gibt, die ihn so liebt, wie er ist. Das ist im Zeitalter der Optimierung – ehrlich gesagt – eine Sensation! Bedenken Sie, auf welchen Mangel diese Nachricht treffen würde. Gegen diese Botschaft kommt der Zeitgeist nicht an. Die Zeit ist reif für inspirierende Begegnungen zwischen Zeitgeist und heiligem Geist.

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Kirstine Fratz ist Zeitgeist-Forscherin bei „Zeitgeist Handeln“. Im Herbst erschien ihr „Buch vom Zeitgeist und wie er uns vorantreibt“.

Bild: Kirstine Fratz

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