Der Zoo als Arche Noah?

Der Zoo – allseits beliebtes Ausflugsziel und lebendiger Ort des Lernens, gepriesen als wichtiger Schutzraum für bedrohte Arten. Aber was passiert wenn wir einzelne Zootiere wie Affen oder Eisbären genauer in den Blick nehmen? Cornelia Mügge stellt sich den ethischen Herausforderungen des Zoos.

Es wird Frühling: Zeit nach draußen zu gehen und für das Wochenende endlich mal wieder einen Ausflug zu planen. Ganz oben auf der Liste steht für viele Familien der Zoo, weil man dort Tiere anschauen, auf den Spielplätzen zwischen den Gehegen toben und zwischendurch ein Eis im Zoocafé genießen kann. Ein rundum gelungener Ausflug, so scheint es, zumal wenn man Tiere liebt und sie gern beobachtet. Mancher Tierfreund fragt sich zwischendurch aber doch, ob es den Tieren auch gefällt, den Kindern beim spielen zuzuhören (oder dabei wie sie im Rhythmus an die Glasscheibe des Käfigs klopfen); und wer bei den Eisbären genau hinschaut, muss oft feststellen, dass mindestens einer verhaltensgestört auf und ab trabt.[1]

Zoofans sprechen gerne von einer modernen Arche Noah.

Tatsächlich ist der Zoo nicht nur für viele Tierfreunde ambivalent, er stellt auch aus ethischer Perspektive einen schwierigen Fall dar. Auf den ersten Blick scheint er – zumindest auch – dem Interesse der Tiere zu dienen.[2] Vielfach wird er als Schutzraum für Tiere wahrgenommen. Zoofans sprechen gern von einer modernen Arche Noah, einem Ort, der Tieren das anderswo unmögliche Überleben sichert. Zudem sieht es beim flüchtigen Hinsehen so aus, als ob Zootiere ein durchaus gutes und komfortables Leben führen, insbesondere wenn man die Entwicklung hin zu weitläufigen Gehegen, Jagdsimulatoren u.ä. bedenkt. Im Unterschied also etwa zu der Frage, ob man Tiere essen oder für Experimente nutzen darf, stehen hier nicht einfach menschliche und tierische Interessen gegeneinander. Historisch betrachtet ging es Zoos freilich zuerst einmal um die Unterhaltung des Menschen, im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hat sich dies aber verändert und mittlerweile sehen sich die meisten Zoos auch als Orte der Bildung und des Natur- und Artenschutzes.[3] Dadurch drängt sich eben jenes Bild der Arche Noah auf. Inwiefern aber werden die Bedürfnisse und Interessen von Tieren dabei tatsächlich berücksichtigt?

Zootiere werden instrumentalisiert.

Beim Aspekt der Bildung geht es zunächst einmal darum, Wissen über verschiedene Tierarten und deren Lebensräume zu vermitteln und für die Notwendigkeit ihrer Erhaltung zu sensibilisieren. Darüber hinaus kann man den Zoo als einen Ort der Begegnung zwischen Menschen und Tieren betrachten, die sonst kaum stattfindet, aber doch wichtig ist[4], nicht zuletzt wiederum, um Achtung gegenüber Tieren zu erlernen. Allerdings ziehen ZookritikerInnen wie der Philosoph Markus Wild in Zweifel, dass ein solcher Bildungseffekt tatsächlich bei den BesucherInnen eintritt – man müsse davon ausgehen, dass die meisten doch vor allem um der Unterhaltung willen kommen und wenig lernen.[5] Ausserdem geht es bei der Vermittlung von Wissen über Tierarten und ihre Lebensräume kaum um das Wohl der einzelnen im Zoo lebenden Tiere – der Zielhorizont ist vielmehr die Erhaltung einer Art und eines Ökosystems, das einzelne Zootier wird dabei als Botschafter betrachtet, man könnte auch sagen: instrumentalisiert.

Das führt direkt zum zweiten Aspekt, dem des Artenschutzes. Demnach trägt der Zoo maßgeblich dazu bei, Tiere vor dem Aussterben zu bewahren, das Arche-Noah-Argument. Wenn es dabei aber nicht nur darum gehen soll, dass sich der Mensch im Zoo an der Artenvielfalt erfreuen kann, müsste das langfristige Ziel dann sowohl mit Blick auf die Erhaltung der Ökosysteme als auch im Sinne der Tiere sein, sie in die Freiheit zu entlassen. Dass sich solche Auswilderungsversuche in der Realität jedoch schwierig gestalten und oft scheitern, trägt nicht gerade zur Überzeugungskraft dieses Arguments bei. Zumal auch hier mit Blick auf die einzelnen im Zoo lebenden Tiere gilt, dass der Artenschutz ihnen kaum nutzt, sie werden auch in diesem Sinn instrumentalisiert.

Im Zoo sind Zeit und Art des Fressens sowie die Fortpflanzung fremdbestimmt, viele Tiere leiden unter Platzmangel.

Nun könnte man sagen, wenn es den Tieren im Zoo gut geht – weil man ihr Überleben und ihr Wohlbefinden sichert –, dann spricht doch nichts dagegen, dass zugleich andere Interessen wie Bildung und Artenschutz und durchaus auch Erholung und Unterhaltung bedient werden. Genau das aber steht zur Diskussion: Wie gut geht es den Tieren im Zoo? Dabei muss man natürlich die Bemühungen der letzten Jahre honorieren – die Zoos unserer Kindheit, in denen ein Großteil der Tiere offenkundig verhaltensgestört war, findet man heute kaum noch, vielerorts bemüht man sich um artgerechte Haltung. Allerdings sieht manches besser aus als es ist: Dass Tiere jetzt oft hinter Glasscheiben leben statt hinter Gittern beispielsweise, macht den Zoo vor allem für die Besucherin schöner, für die Tiere selbst wären Gitter oft sinnvoller, etwa für Affen, weil sie an ihnen klettern können.[6] Näher kommt man den Bedürfnissen der Tiere schon mit großen Gehegen, die mehr Bewegungsspielraum ermöglichen und viele Versteckmöglichkeiten bieten. Aber auch dann werden die Tiere in wesentlichen Hinsichten in ihrer Freiheit eingeschränkt: die Zeit und die Art des Futters sind fremdbestimmt ebenso wie die Fortpflanzung, und in den meisten Gehegen doch auch in erheblichem Maß die Bewegungsfreiheit. Selbst das Überleben ist nicht einfach „gesichert“: Zoos töten aus verschiedenen Gründen immer wieder Tiere, oft aus Platzmangel, oder z.B. auch, wenn Menschen in das Gehege eines Tieres gelangen und die Situation zu gefährlich erscheint. Angesichts dessen darf man durchaus bezweifeln, dass es den einzelnen Tieren im Zoo gut geht. Die erwähnten Eisbären sind ein frappierendes Beispiel dafür, wo dies nicht der Fall ist. (Einige Zoos haben die Eisbärenhaltung deshalb bereits aufgegeben, viele andere aber nicht.)

Um sich mit dem positiven Bild der Arche Noah schmücken zu können, müsste ein Zoo sich daher meines Erachtens auf jene Tierarten beschränken, die vom Aussterben bedroht sind, mit dem ausdrücklichen Ziel, sie wieder auszuwildern. Damit würde sich sein Bestand zum einen aber deutlich verändern, und zwar weg von den oft gar nicht bedrohten Publikumslieblingen. Um ethisch vertretbar zu sein, müsste er diesen Tierarten zum anderen einen Lebensraum bieten, der ihren Bedürfnissen so weit wie möglich entspricht. Wo das nicht einmal annähernd gelingt (wie etwa bei Eisbären), sollte man die Haltung aufgeben[7] – und umso stärker nach Alternativen im Artenschutz suchen.

Warum nicht heimische Wildtiere beobachten?

Was heisst das nun für unseren Wochenendausflug? Da wohl kein existierender Zoo diesen Arche-Noah-Anforderungen genügt, sollte man sich fragen, ob es unbedingt das exotische Tier im Zoo sein muss, das man beobachtet und dessen Gesellschaft man für den Spielplatz und das Eis benötigt. Gerade, wenn man sich als Tierfreundin versteht. Vielleicht könnte man auch einen Ausflug ins „Grüne“ planen oder in einen der weitläufigen Wildparks, wo man heimische Wildtiere antrifft. Und Spielplatz und Eis sind schliesslich auch woanders ganz schön.

[1] Die Tierrechtsorganisation PETA hat mit Videoaufzeichnungen aufgezeigt, dass fast alle Eisbären in deutschen Zoos unter Verhaltensstörungen leiden.

[2] Ich gehe davon aus, dass man Tiere grundsätzlich ethisch berücksichtigen sollte. Dies habe ich an anderer Stelle auf feinschwarz.net kurz erläutert: http://www.feinschwarz.net/lachende-baerchen-und-tote-schweine-ueber-ernaehrung-und-christliche-tierethik/#more-5606

[3] Vgl. die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie der World Association of Zoos and Aquariums (WAZA), nachzulesen auf deren Website www.waza.org

[4] Der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie, Rainer Hagencord, hat diese Dimension mehrfach stark gemacht.

[5] Vgl. Wild im Interview der Schweizer Tageswoche vom 10.9.2014: https://tageswoche.ch/gesellschaft/wer-will-schon-deprimierte-tiere-sehen-pinguine-werden-mit-antidepressiva-aufgemuntert/, abgerufen am 6.2.2018.

[6] Das muss sogar der Zürcher Zoodirektor Alex Rübel zugeben. Vgl. ein Interview im Tagesanzeiger vom 22.7.2017: http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/was-zuerichs-zootiere-denken/story/11852423, abgerufen am 6.2.2018.

[7] Vgl. für ein ähnliches, umfassender ausgearbeitetes Plädoyer: Luy, Jörg (2014): Wie wär’s mit einem anständigen Zoo?, In: TIERethik 6.2, 7-12.

Die Theologin und Philosophin Dr. des. Cornelia Mügge ist Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Allgemeine Moraltheologie an der Universität Fribourg/CH. 

Photo: David Cohen auf Unsplash.

Bereits bei feinschwarz.net von Cornelia Mügge erschienen:

Lachende Bärchen und tote Schweine. Über Ernährung und christliche Tierethik

Zeiten der Angst. Martha Nussbaum über religiöse Intoleranz

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email