Deutschland hat gewählt: Aus Sicht von Kindern und Jugendlichen heißt es jetzt: Dranbleiben!

Anstelle von Resignation ist Aktion gefragt. Kerstin Fuchs ist Bundesvorsitzende des größten katholischen Pfadfinderverbandes in Deutschland. Sie blickt auf die Bundestagswahl aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen.

Die Bundestagswahl ist entschieden. Die großen Parteien sind abgestraft worden. Die kleinen Parteien erstarken. Ein Trend der letzten Wahlen hat sich umgekehrt. Waren zuletzt nur noch vier Parteien im Bundestag vertreten, sind es nun sechs Parteien. Nicht überraschend: Die AfD hat wie erwartet den Sprung in den Bundestag geschafft.

 

Die Wahlen aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen

In den letzten Wochen gab es bereits zwei Wahlen die Kinder und Jugendliche dazu einluden, ihre Meinung zu äußern, wer in diesem Land regieren sollte: Zum einen die Jugendwahl, die in Schulen in Deutschland durchgeführt wurde und bei der alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 wählen durften. Zum anderen die U18-Wahl, die von Jugendverbänden wie dem Deutschen Bundesjugendring organisiert wurde. Sie richtete sich an alle Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre. Insgesamt haben 220.000 Kinder und Jugendliche von diesem Wahlangebot Gebrauch gemacht.

Jugendwahlen haben das Ergebnis der Bundestagswahl vorausgesagt.

Auch wenn sich die Ergebnisse etwas unterscheiden: Die Jugendwahlen haben das Ergebnis der Bundestagswahl in weiten Teilen vorausgesagt.

U18-Wahl

CDU 28,5%
SPD 19,8%
Bündnis 90/Die Grünen 16,6%
Die Linke 8,1 %
FDP 5,7 %
AfD 6,8 %

Quelle: https://www.u18.org/bundestagswahl-2017/wahlergebnisse/

Jugendwahl

CDU 31,7 %
SPD 16,2 %
Bündnis 90/Die Grünen 20,5 %
Die Linke 5,3 %
FDP 5,6 %
AfD 6,2 %

Quelle: http://www.juniorwahl.de/

Insgesamt gibt es bei den Jugendwahlen nur wenige Unterschiede zur Bundestagswahl. Auffällig sind allerdings das deutlich schlechtere Abschneiden der AfD und der FDP sowie die deutlichen Gewinne der Grünen. Junge Menschen sehen also durchaus eine Alternative zur AfD. Vielleicht auch, weil die Ängste, mit denen die AfD spielt, für Kinder fast keine Rolle spielen: Sie kennen Mohammed und Aisha aus ihrer Klasse oder dem Fußballverein und spielen mit ihnen ohne Ressentiments.

Jugendwahlen zeigen, dass man Kindern und Jugendlichen durchaus zutrauen kann zu wählen.

Die Zahlen zeigen aber vor allem auch, dass man Kindern und Jugendlichen durchaus zutrauen kann zu wählen. Denn die Befürchtungen, diese würden die Wahlen nicht ernstnehmen oder extremere Parteien als die Erwachsenen wählen, sind augenscheinlich unbegründet. Und wie kann man das Interesse von Kindern und Jugendlichen besser wecken als dadurch, dass auch ihre Stimme zählt? Schließlich sollte man nicht diejenigen von der Wahl ausschließen, die die jetzigen politischen Entscheidungen und die Zukunft betrifft.

Die AfD steht den Werten unseres Jugendverbandes diametral entgegen.

Die AfD als Protestpartei?

Die Wahlerfolge der AfD sind bitter. Aus der Perspektive unseres Jugendverbandes, der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG), sind sie besonders bitter, weil die Partei mit ihren Positionen unseren Werten diametral entgegensteht. Während Werte wie Offenheit, Respekt, Toleranz, Vielfalt und Demokratie in unserem Verband groß geschrieben werden, ist von ihnen bei der AfD weit und breit nichts zu spüren.

Die AfD ist vielmehr eine Partei, die den Klimawandel negiert, Kinder in Untersuchungshaft nehmen will und gegen Menschen anderer Religion und Hautfarbe hetzt. Populistisch geschickt bringen sich ihre Vertreterinnen und Vertreter mit provokant bis schockierenden Aussagen ins Gespräch, um diese im nächsten Moment durch relativierende Aussage eines anderen Parteimitglieds scheinbar zu verwässern. Und dennoch hat sie rund 13% der Wählerinnen und Wähler überzeugt, ihnen ihre Stimme zu geben.

Ein Großteil der AfD-Wählerinnen und -Wähler hat die Partei nicht wegen der Inhalte gewählt.

Die Wahlanalysen machen aber auch deutlich: Ein Großteil der AfD-Wählerinnen und -Wähler hat die Partei nicht wegen der Inhalte gewählt, sondern weil sie keine andere Alternative im Politikbetrieb sehen oder ihre Kritik am System und an unserer Form der Demokratie kanalisieren wollten. Sie fühlen sich in ihrer Lebenssituation ignoriert, von „denen da oben“ missachtet, in ihren Träumen verraten und sozial bzw. gesellschaftlich abgehängt.

 

Aktion statt Resignation

Diese Einstellung – aus Protest eine extreme Partei zu wählen – steht unserer christlichen Grundüberzeugung entgegen. In einer von Gott geschaffenen Freiheit haben wir die Verantwortung, unsere Gesellschaft und unsere Beziehungen zu gestalten.

Ignorieren ist keine Lösung und mit den gleichen Waffen zurückschlagen auch nicht.

Nur ist es leider nicht so einfach, Arbeitslosigkeit, Preissteigerungen und (vermeintliche) Ungerechtigkeiten zu erklären. Die Welt ist kompliziert und marktwirtschaftliche und globale Zusammenhänge werden immer komplexer, so sehr wir uns das vielleicht auch anders wünschen würden.

Fest steht: Wir müssen uns mit der Partei und ihren Aktivitäten auseinandersetzen. Anstelle von Resignation ist Aktion gefragt. Ignorieren ist keine Lösung und mit den gleichen Waffen zurückschlagen auch nicht.

Sensible und ernsthafte Auseinandersetzung mit Parteien wie der AfD und vor allem auch mit den Menschen, die sie gewählt haben.

Das verbietet sich vor dem Hintergrund der Werte, die wir als Christinnen und Christen, als Demokratinnen und Demokraten und auch als Mitglieder eines Jugendverbandes gelernt haben und leben. Denn die Partei ist immerhin durch eine demokratische Wahl von rund 5 Millionen Deutschen in den Bundestag gewählt worden – auch wenn uns das nicht gefällt.

Es erfordert eine sensible und ernsthafte Auseinandersetzung mit Parteien wie der AfD und vor allem auch mit den Menschen, die sie gewählt haben. Hinter den Wahlentscheidungen stehen eben nicht NUR rassistische und extremistische Motivationen, sondern auch Sorgen und Ängste.

 

Rechtspopulismus entlarven – Orientierung geben

Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag bietet sich die Chance, die vermeintlichen „Alternativen“ und Lösungen der AfD als das zu entlarven, was sie sind: Ein Spiel mit den Ängsten der Menschen und eine Abkehr von Werten wie Humanität, Solidarität und auch Nachhaltigkeit.

Es gilt Menschen dazu zu ermutigen, das politische System mitzugestalten.

Es muss darum gehen, sich mit den Problemen und Sorgen der Menschen auseinanderzusetzen und echte Alternativen zu diskutieren. Auch die immer noch nicht zufriedenstellende Wahlbeteiligung von etwas mehr als 75 % macht deutlich, was die drängendste Herausforderung dieser Zeit ist.

In Jugendverbänden können Kinder und Jugendliche lernen, was es zu einer reflektierten Partizipation braucht.

Es gilt Menschen dazu zu ermutigen, das politische System mitzugestalten. Doch das will gelernt sein und dazu braucht es Bildung. Die Menschen brauchen Kenntnisse über das demokratische System, Urteilsfähigkeit und sie müssen in der Lage sein, politisch zu handeln. Hier setzen Jugendverbände an: Dort können Kinder und Jugendliche genau das lernen, was es zu einer reflektierten Partizipation braucht: Demokratie und Mitbestimmung im Kleinen, sich einsetzen für eigene Ideen und Visionen.

Also: Dranbleiben!

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Kerstin Fuchs ist Bundesvorsitzende der DPSG (Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg). Die DPSG ist der größte katholische Pfadfinderverband und gleichzeitig einer der größten Kinder- und Jugendverbände in Deutschland.

Bild: Sebastian Humbek | DPSG 

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