Die Angst des Stürmers vorm Elfmeter. Eine kleine Erkenntnistheorie des Fußballs

Zur Europameisterschaft in Frankreich: Ein philosophischer Blick auf den Fußball von Reinhold Esterbauer – mit abschließendem theologischen Ausblick….

Gegen Peter Handkes Vermutung haben Tormänner oder Torfrauen eher wenig Angst vor dem Elfmeter. Sie können schließlich nur gewinnen. Aber wie steht es mit dem Spieler, der sich den Ball auf den Elfmeterpunkt legt und einige Schritte zurückgeht, um Anlauf zu nehmen? Weiß er, in welche Ecke er zielen wird, oder lässt er es einfach darauf ankommen, wohin der Ball Richtung aufnimmt?

Wenn viel auf dem Spiel steht, ist der Penalty oft die einzige große Chance auf den Sieg. So möchte man meinen, dass strategisches Denken und langes Überlegen angesagt sind. Aber steigert das Kalkül nicht die Angst zusätzlich? Sollte der Torschuss vielmehr nicht wie von selbst erfolgen, so als brauchte man keine Überlegungen anzustellen? Sicher scheint vor dem Elfmeter wenig bis gar nichts zu sein, noch weniger ist auf dem Weg genauen Kalkulierens planbar. Der Ball sollte wie ein Naturereignis im Netz landen.

Die größte Kunst besteht darin, sich das eigene Denken vom Leib zu halten.

Sind also das bewusste Durchdenken der Situation und das Wissen über den gegenüberstehenden Tormann oder die einen anblickende Torfrau für Elfmeterschützinnen und -schützen und ihren Erfolg eher hinderlich? Die Situation spitzt sich in der Unmittelbarkeit des Spiels noch zu: Dort fehlt nämlich meist auch die Zeit zu kalkulieren, weil es gilt, gleichsam unmittelbar zu agieren, also nicht mit bewusster Berechnung vorzugehen. Es kommt darauf an, den Ablauf nicht durch Kalkulieren zu unterbrechen, genauso wenig wie man den Spielfluss mit Denken stoppt, sondern den Ball möglichst „laufen lässt“. Die Angst des Stürmers vorm Elfmeter ist seine Angst, dass ihm sein eigenes Bewusstsein dazwischenkommt und alles durcheinanderbringt. Die größte Kunst in dieser Situation besteht darin, sich das eigene Denken vom Leib zu halten.

Warum „weiß“ ein Spieler oder eine Spielerin dennoch, was zu tun ist? Oder wird hier ohnehin nichts gewusst, sofern wissen heißt, etwas bewusst vor sich zu haben? Was wissen Spielerinnen und Spieler auf dem Spielfeld wirklich? Die Frage ist weniger provokant, als sie scheinen mag, und hat nichts mit dem Klischee zu tun, das besagt, dass der fußballerische Verstand oft unterentwickelt wäre. Wer weiß hier also was? Überlegungen über Körper und Leib zeigen, dass sie viel „wissen“, ohne dass das eigene Ich davon Kenntnis hat. Schon Maurice Merleau-Ponty hat in anderem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es nicht dienlich wäre, würde man beim Tippen auf der Tastatur immer ins Bewusstsein holen müssen, welcher Finger wo zu drücken hat. Das „wissen“ die Finger gleichsam selbst. Bewusste Überlegungen, wo sich die erforderlichen Buchstaben auf der Tastatur befinden, würden den Schreibfluss bloß unterbrechen.

Körper und Leib „wissen“ viel, ohne dass das eigene Ich davon Kenntnis hat.

Solches „Leibgedächtnis“, das diesseits des Bewusstseins liegt, bestimmt das eigene Agieren ständig. Man denke nur an den Tanz, der nur dann im Rhythmus aufgeht, wenn die Position der Füße nicht in jedem Takt neu zu überdenken ist. Oder man erinnere sich an das Lenken eines Autos, das dann zur Gefahr wird, wenn man, statt auf den Verkehr zu achten, zu überlegen beginnt, mit welchem Fuß die Kupplung zu treten ist.

Und das Treten des Balls auf dem Fußballfeld? Wie viel Zeit bleibt hier für das bewusste Erinnern und Überlegen? Oft nur der Bruchteil einer Sekunde. Auch hier scheint der Leib mehr zu „wissen“ als das Bewusstsein. Entscheidend für den Verlauf eines Fußballspiels, das ohne unmittelbare Bewegungen nicht gespielt werden kann, die schneller ablaufen, als dass man sie denkend begleiten oder gar steuern könnte, ist, dass Körper und Leib nicht nur retentional orientiert sind. Sie haben in ihren Bewegungen nicht nur auf ein für sie spezifisches Gedächtnis Bezug, sondern können auch protentional Konstellationen auf dem Fußballfeld vorwegnehmen. Es käme zu keinem flüssigen Spiel, wenn nicht im Nu und sehr oft, ohne dass man Spielzüge wie Züge im Schach vorausüberlegen könnte, Kommendes gleichsam wie aus dem Körper heraus erfasst würde, ohne dass eine wirkliche Überlegung vorhergegangen wäre, die man bewusst nennen könnte.

Aus dem Leibgedächtnis heraus und auf unmittelbare Zukunft hin werden Pässe gespielt, Zweikämpfe ausgetragen oder Schüsse abgewehrt. Der sprichwörtliche Torinstinkt ist kein biologischer Trieb, der einem angeboren wäre, sondern das Körperwissen, das sich ein Stürmer oder eine Stürmerin als Leibgedächtnis und in der leiblichen Zukunftsfähigkeit physisch erworben hat. Intentionen auf dem Spielfeld sind kein Privileg des Bewusstseins. Gute Fußballerinnen und Fußballer haben ein leibliches „Wissen“, von dem ihre Fans in den VIP-Lounges nur träumen können.

Leibliche Präsenz

Noch etwas haben die Spielerinnen und Spieler ihren Fans voraus. Wenn der Leib der Körper ist, der ich bin, und der Körper der Leib, den ich habe, dann ereignet sich auf dem Spielfeld viel leibliche Präsenz, besonders bei Ballkontakt. Denn wie Edmund Husserl aufgezeigt hat, erlangt über den Tastsinn – und nur über ihn – jemand auch seinen leiblichen Ort. Dieser zeichnet sich nicht wie der körperliche Ort dadurch aus, dass der Kommentator oder die Kommentatorin angeben kann, wo auf dem Spielfeld sich gerade jemand befindet oder welche Stelle jemandem in der Fünferkette zugewiesen ist. Vielmehr stellt einen der Tastsinn auf einen absoluten Ort, der es erlaubt, „hier“ von „dort“ und „oben“ von „unten“ zu unterscheiden.

Der absolute Ort ist dort, wo es Ballkontakt gibt.

Solche Ortsangaben sind immer nur als je eigene möglich. Denn was für die eine vorne ist, ist für den anderen hinten, und „links“ und „rechts“ sind auf dem Spielfeld zweiundzwanzig Mal anders bestimmt. Zwar gilt auch für die Zuseherinnen und Zuseher auf den Rängen, dass ihr absoluter Raum gerade dort ist, wo sie selbst sind und sich auf Stehflächen und Sitzen spüren. Der Tastsinn fixiert den eigenen Ort, indem man dann, wenn man etwas anderes spürt, auch sich selbst spürt. Etwas sehen heißt nicht, sich auch selbst zu sehen; oder etwas hören heißt nicht, sich auch selbst zu hören. Wohl aber heißt etwas spüren immer, sich zugleich selbst zu spüren. Nur der Tastsinn verortet mich bei mir und macht mich leiblich präsent.

Auf dem Spielfeld steigert sich die räumliche Konstituierung des eigenen Leibes noch: Der absolute Ort ist nämlich dort, wo es Ballkontakt gibt. Ist ein Spieler am Ball, erlangt er nicht bloß leibliche Präsenz, sondern er befindet sich auch im Zentrum des Spiels. Die Augen der Zuschauerinnen und Zuschauer sowie die Kameras müssen ihm folgen, nicht umgekehrt. Es ist gleichgültig, welchen Platz er gerade im Koordinatensystem des Spielfeldes einnimmt – wo er mit dem Ball gerade ist, befindet sich der Mittelpunkt des ganzen Geschehens. Leiblich präsenter kann man kaum sein. Das ist das Privileg der Spielerinnen und Spieler, das ihre Fans so bewundern. Der Versuch, über lautes Rufen selbst Gegenwart zu gewinnen, ist dagegen nur ein schwacher Abklatsch.

Das Tor: der Ort der Ortlosigkeit

Es gibt nur einen Ort im Fußball, der prominenter ist als derjenige, wo der Ball gerade gespielt wird, nämlich das Tor. Sein „Ort“ ist allerdings in Wahrheit Ortlosigkeit. Das Tor ist nicht nur deshalb Utopie, weil der Ball dort nur selten zu finden ist, sondern auch weil das Tor ohne jeden Leib auskommen muss. Frei von jedem Kontakt mit einem Spieler oder einer Spielerin verliert der Ball im Tor seinen Ort und rast geradezu ins Nichts, wo jeder Raum implodiert. Nur das Netz kann ihn vor dem Verschwinden retten.

Wird im Himmel Fußball gespielt?

Man hat früher den Himmel als leiblose Ortlosigkeit zu verstehen gesucht. Eine solche Theologie macht das Fußballtor zur Himmelspforte. Diese Verheißung gilt allerdings nur für Gnostikerinnen und Gnostiker. Christinnen und Christen hingegen müssen noch ein wenig warten. Denn diese denken Christi oder Mariae Himmelfahrt als leibliches Geschehen. Deshalb kann man sich im Christentum immer noch leichter vorstellen, dass bei der Himmelfahrt ein Ball mit auffährt, als dass körperlose Wesen im Himmel Fußball spielen.

(Photo: Marliese; pixelio.de)

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