Die Rolle der Religion und die Beteiligung von Frauen in Entwicklungsprojekten

Simone Dollinger stellt die Ergebnisse einer qualitativen Studie vor, die im Rahmen eines Forschungsauftrages des Instituto Superior Ecuménico Andino de Teología (ISEAT) in La Paz erstellt wurde.

In Bolivien verfolgenen einige NGOs das Ziel, Entwicklung in ländlichen Gemeinden durch Projekte im Bereich der ökologischen Landwirtschaft zu erreichen. Kleinbauern und Kleinbäuerinnen sollen neben der Produktion für den Eigenbedarf ein kleines zusätzliches Einkommen erwirtschaften können. Wir haben im Rahmen einer qualitativen Studie[1] in Sorata[2] ein solches Entwicklungsprojekt untersucht.
Es handelt sich um eine Kooperative, die sich der ökologischen Landwirtschaft widmet und der primär die Frauen angehören. Die Kooperative wird von einer lokalen NGO unterstützt. Diese wiederum erhält Gelder von einer Organisation der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit mit christlichem Hintergrund.
Uns interessierte, ob die stärkere Präsenz[3] der Frauen in der Kooperative ihre Beteiligung an Entscheidungsprozessen in der Kooperative und in der Gemeinde erhöht, und welchen Einfluss religiöse Faktoren (z.B. die konfessionelle Zugehörigkeit der Mitglieder) auf das Entwicklungsprojekt haben.

Das Tal von Sorata, Bolivien 2016 (Foto: Simone Dollinger)

Wir stellten fest, dass es Frauen gibt, die sowohl in der Kooperative wie auch auf Gemeindebene mit Führungsaufgaben betraut wurden. Es handelt sich jedoch um wenige Einzelpersonen. Die Kleinbäuerin Felipa H.[4] ist Präsidentin der Kooperative und erzählt uns, dass viele Frauen Angst vor den Weiterbildungen der NGO hätten. Ihnen wäre es lieber, wenn sie, Felipa H., ihnen alles erklären würde.

Frauen mit Führungsaufgaben

Worin liegen die Gründe für diese Ängste und fehlendes Selbstvertrauen von Frauen? Auch wenn sich die Bildungssituation von Frauen und Mädchen in Bolivien stark verbessert hat, gibt es immer noch eine Generation von Frauen, die keinen oder nur einen limitierten Zugang zu Bildung hatte. Dies wirkt sich auf das Selbstvertrauen von Frauen bei Bildungsveranstaltungen aus. In der Regel sprechen Frauen, die nicht oder nur wenige Jahre in die Schule gegangen sind, Aymara, und haben Schwierigkeiten Spanisch zu verstehen. Wenn also die Weiterbildungen der NGO nicht auf Aymara gehalten werden, sind diese Frauen praktisch davon ausgeschlossen.

doppelte Arbeitsbelastung

Ein weiterer Faktor schränkt Frauen in der Übernahme von Führungsaufgaben ein: ihre doppelte Arbeitsbelastung: Die Landwirtschaft ist in der andinen Welt eigentlich Aufgabe von Mann und Frau gemeinsam. Durch Migrationsprozesse, der lukrativeren Arbeit des Mannes in den Minen Soratas oder auch durch instabile Familienverhältnisse werden der Frau zusehends praktisch alle Aufgaben in der Landwirtschaft übertragen. Dies führt dazu, dass Frauen eine doppelte Arbeitsbelastung erfahren, da sie meist die häuslichen Aufgaben ohne Unterstützung des Mannes erledigen. Die Kleinbäuerin Célica Q. drückt diese zeitliche Belastung so aus: „Wir haben keine Zeit, wir müssen uns um das Gemüse kümmern, um den Verkauf, alles.“ (Célica Q. 2016:24-25[5])

Kleinbäuerin bei der Arbeit auf ihrer Parzelle in Pallcapampa, Bolivien 2016 (Foto: Simone Dollinger)

Schliesslich hängt der Grad der Beteiligung von Frauen an Entwicklungsprojekten und die Verbesserung des Familieneinkommens auch mit ihrer ökonomischen Ausgangslage zusammen.
Frauen oder Familien, die wenig finanzielle Eigenmittel haben, schaffen es kaum, mit ihrer Arbeit als Mitglied der Kooperative mehr zu erreichen als den Eigenbedarf zu decken. Felipa H. meint dazu: “Im Moment ist es so, dass diejenigen, welche Geld haben, vorwärts kommen. Aber diejenigen, welche keines haben, die bleiben dort wo sie sind.“ (Felipa H. 2016:76-78)

Die Rolle von Religion und der Einfluss der konfessionellen Zugehörigkeit

In Bezug auf die Rolle von Religion und den Einfluss der konfessionellen Zughörigkeit der Mitglieder der Kooperative auf das Entwicklungsprojekt sind wir auf eher überraschende Erkenntnisse gestossen.
Die Mehrheit der Mitglieder ist katholisch, daneben gibt es vereinzelt Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirche und einer evangelischen Kirche, die sich zu den Quäkern mit angelsächsischem Ursprung zählt.
Die Haltungen dieser Kirchen und deren Mitglieder zur andinen Religion sind sehr unterschiedlich: Während Katholiken und Katholikinnen Riten und Praktiken aus der andinen Religion und Spiritualität in ihren Alltag integrieren, halten Mitglieder evangelischer Kirchen diese religiösen Praktiken der andinen Welt für profan und unbiblisch. Die Analyse der Interviews zeigte, dass Mitglieder der Kooperative, welche den beiden evangelischen Kirchen angehören, nicht an Festen teilnehmen, keine andinen Rituale praktizieren und keinen Alkohol trinken. Mitglieder der Quäkerkirche verbinden ihren Glauben mit der Arbeit in der Kooperative. Es ist ihnen wichtig, bei ihrer Arbeit auf dem Acker innezuhalten und Gott um eine gute Ernte und Schutz vor Unwettern zu bitten. Sie richten diese Bitte jedoch nicht in andiner Tradition an die Pachamama, sondern an den „Einen Gott“. Wider erwarten stellen diese konfessionellen Unterschiede kaum ein Hindernis für das Entwicklungsprojekt und die Arbeit in der Kooperative dar. Die Mitglieder behandeln sich mit grossem Respekt. Man nimmt zwar in der Regel nicht an Veranstaltungen der anderen Kirche teil, kann aber nach einer gemeinsamen Aktivität ohne weiteres akzeptieren, dass der Quäkerpastor ein Tischgebet spricht und danach nach andiner Tradition ein Mittagessen geteilt wird, zu dem alle etwas beigesteuert haben.

konfessionellen Unterschiede stellen kaum ein Hindernis für das Entwicklungsprojekt dar

Weiter stellten wir fest, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Motivation für die Teilnahme am Entwicklungsprojekt und der konfessionellen Zugehörigkeit gibt. Auch wenn die Kirchen nicht direkt Projekte oder Aktivitäten von Entwicklungsprojekten unterstützen, empfinden es die interviewten Kleinbauern und Kleinbäuerinnen als motivierend, wenn die Kirche sie indirekt unterstützt, beispielsweise indem der Pfarrer der katholischen Kirche die Aktvitäten des Dorfes im Bereich des Bioanbaus wertschätzt. Hingegen empfinden es Mitglieder als demotivierend für ihr Engagement, wenn sie kein Interesse von ihrer Kirche spüren. Die spirituelle Motivation für das Engagment in Entwicklungsprojekten wurde am stärksten von den Mitgliedern der Quäkerkirche ausgedrückt. Die Mitglieder verstehen ihr Engagment für bessere Lebensbedingungen als Dienst der Kirche an der Gesellschaft. Die Kirche solle zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Das christliche Leben sei mit allem verbunden: der Ernährung, dem gesellschaftlichen Leben, „denn die Sicht der Kirche ist Gutes Lebens.“ (Reynaldo Ch. 2016:125)

Die Mitglieder verstehen ihr Engagment für bessere Lebensbedingungen als Dienst der Kirche an der Gesellschaft.

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt bezieht sich auf die Ermächtigung von Frauen innerhalb ihrer Kirche und die Beziehung zu ihrem Engagement in Entwicklungsprojekten. Im untersuchten Kontext konnten wir feststellen, dass der Zugang von Frauen zu Bildungsveranstaltungen innerhalb der Kirche ihnen helfen kann, ihr Selbstvertrauen zu stärken oder sich Fähigkeiten anzueignen, die ihnen für Führungsaufgaben ausserhalb der Kirche nützlich sind. Dazu zählt das Sprechen und Argumentieren vor einem grösseren Publikum. Felipa H. sagt, dass sie hauptsächlich in der Kirche gelernt habe in Versammlungen zu sprechen:

Ja, es gibt die Präsenz der Frau als Führungsperson in unserer Kirche, und es ist dort, wo wir vor allem gelernt haben zu sprechen. Ich habe dort viel gelernt. … In der Kirche habe ich Theologie gelernt. Sie haben mich gelehrt in Versammlungen zu sprechen. Ich habe viel gelernt und die meisten Frauen haben es auch in der Kirche gelernt wie zum Beispiel die Gemeindepräsidentin. (Felipa H. 2016:64-68)

Der Vorstand der Kooperative mit Mitarbeitern der NGO in Sorata, Bolivien 2016; Felipa H. ist hinten in der Mitte zu sehen (Foto: Simone Dollinger)

Was können diese Erkenntnisse nun für Akteure und Akteuerinnen der Entwicklungszusammenarbeit und/oder der Kirchen bedeuten?
Auf der Ebene von Entwicklungsprojekten scheint es uns wichtig, dass bei der Implementierung von Aktivitäten sehr genau auf die ungleichen Bildungschancen von Frauen, ihre zeitliche Beanspruchung und ihre finanzielle Situation geachtet wird, um ihre Beteiligung an Entscheidungsprozessen in den Projekten und der Gemeinde zu erreichen. In Bezug auf die Rolle von Religion und konfessioneller Zugehörigkeit zeigen unsere Resultate ein sehr harmonisches Zusammengehen von Mitgliedern unterschiedlicher Kirchen und einen positiven Einfluss auf die Motivation, sich am Entwicklungsprojekt zu beteiligen.

Religion und konfessionelle Zugehörigkeit nicht ausser Acht lassen

Für Akteure und Akteurinnen der Entwicklungszusammenarbeit empfehlen wir deshalb, Religion und konfessionelle Zugehörigkeit neben kulturellen, sozioökonomischen und demographischen Aspekten nicht ausser Acht zu lassen. Ob eine Familie die Aktivitäten eines Projektes als sinnstiftend und Verbesserung der Lebensqualität wahrnimmt, hängt nicht nur vom ökonomischen Erfolg ab, sondern auch davon, ob die Beteiligten einen Zusammenhalt über konfessionelle Grenzen hinweg im Projekt erfahren, und ob Raum da ist, die je eigenen religiösen Überzeugungen und Praktiken mit dem Engagement zu verbinden. Die Kirchen ihrerseits können durch ihre wertschätzende Haltung gegenüber den Bemühungen ihrer Mitglieder um bessere Lebensbedingungen viel für die Motivation und den Zusammenhalt in einem Projekt auf der Ebene der Gemeinde beitragen.

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[1]     Die Studie wurde im Rahmen eines Forschungsauftrages des Instituto Superior Ecuménico Andino de Teología (ISEAT) von Liz Ramos und mir von Ende 2016 bis Anfang 2017 erarbeitet. Ein erster Kontakt mit der Kooperative und der NGO gab es bereits im Rahmen der Diplomarbeit eines Nachdiplomkurs des ISEAT zu Religion und alternativen Entwicklungsmodellen im 2015.

[2]     Sorata ist eine politische Gemeinde (span. Municipio), welche im Zentrum des Departements La Paz liegt.

[3]     Es sind die Frauen, die den grösseren Teil der landwirtschaftlichen Arbeit verrichten: den Boden vorbereiten, säen, Unkraut entfernen, ernten und die Produkte verkaufen.

[4]     Die Namen der interviewten Personen wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert. Die Zitate aus Interviews wurden von mir aus dem Spanischen übersetzt.

[5] Vgl. Quellenangaben am Ende des Textes.

Quellen:
Célica Q. 2016. „Entrevista realizada por María Teresa Quispe con Célica Q. en Sorata, La Paz, Bolivia. Original en aymara. Traducción al español de María Teresa Quispe“.

Felipa H. 2016. „Entrevista realizada por María Teresa Quispe con Felipa H. en Sorata, La Paz, Bolivia. Original en aymara. Traducción al español de María Teresa Quispe“.

Reynaldo Ch. 2016. „Entrevista realizada por Simone Dollinger con Reynaldo Ch. en Sorata, La Paz, Bolivia“.

Die Theologin Simone Dollinger ist Fachperson der schweizerischen Organisation für personelle Entwicklungszusammenarbeit COMUNDO und ist im Einsatz in La Paz, Bolivien.

Beitragsbild: Gemeinschaftliches Mittagessen nach einer Weiterbildung, Pallcapampa, Bolivien 2015 (Foto: Simone Dollinger)

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