Die Vielfalt der Familien im wissenschaftlichen Diskurs

Familie und Migration stehen im Fokus des neuen Forschungsschwerpunkts der Universität Luzern. Die Pastoraltheologin Stephanie Klein gibt einen Einblick in die komplexen Zusammenhänge.

In der Schweiz ist in den letzten Jahrzehnten ein tiefgreifender Wandel der Familie in einer grossen Vielfalt von Familienkonstellationen sichtbar geworden. Aber auch weltweit sind die Familien- und Verwandtschaftssysteme in Bewegung geraten. Die Globalisierung und die Migrationsbewegungen verändern die Bedingungen des Familienlebens grundlegend. Dabei erweisen sich die Verwandtschaftssysteme als enorm belastungsfähig; die oftmals weltweit verstreuten Familienmitglieder unterstützen sich gegenseitig über alle Grenzen hinweg. Doch die Migration stellt die Familiensysteme zugleich vor wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Herausforderungen und verändert sie.

Wandel der Familien im Kontext von Migration und Globalisierung

Diesen komplexen Zusammenhängen geht der neue Forschungsschwerpunkt der Universität Luzern nach. Er trägt den Titel Wandel der Familien im Kontext von Migration und Globalisierung und wird geleitet von den Professorinnen Stephanie Klein, Bettina Beer und Martina Caroni.

Neben der Migration und der Globalisierung gehören auch die neuen Reproduktionstechnologien zu den zentralen Herausforderungen der Verwandtschaftssysteme, denn sie lassen neue, rechtlich wenig geklärte Abstammungs- und Familienverhältnisse entstehen. Ein Kind kann seine Herkunft und Entwicklung heute dem Zusammenspiel von Samen- und/oder Eizellenspenden, dem Austragen durch eine Leihmutter sowie der Sorge biologisch nicht verwandter Eltern verdanken, die sich das Kind gewünscht haben und es aufziehen. Die Reproduktionstechnologien führen zu völlig neuen, national unterschiedlich geregelten und rechtlich nur wenig geklärten Familienkonstellationen.

neue Reproduktionstechnologien

Diese Veränderungen berühren kulturelle, rechtliche, ethische wie auch theologische Fragen und müssen interdisziplinär bearbeitet werden. Die theologische Forschung trägt in dem Forschungsprojekt nicht nur zur ethischen Diskussion und zur geschichtlichen Selbstvergewisserung des europäischen Verständnisses von Ehe und Familie bei. Sie widmet sich zudem den praktisch- und systematisch-theologischen Fragen, die nach den zwei Weltbischofssynoden zu Familie und dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus auch im theologischen und kirchlichen Diskurs weiter zu behandeln sind.

Diese Veränderungen berühren kulturelle, rechtliche, ethische wie auch theologische Fragen.

Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts wird an verschiedenen spannenden Projekten geforscht. Dazu zwei Beispiele:

Ehre in Familie, Recht und Religion

Unter der Leitung des Strafrechtlers Prof. Andreas Eicker und der Praktischen Theologin Prof. Stephanie Klein steht ein Projekt zum Thema Ehre in Familie, Recht und Religion. Als Auftakt dazu findet am 29.-30. November 2017 eine Internationale Studientagung zu Ehre, Scham und Schuld in juristischer, theologischer und anthropologischer Perspektive statt. Das Projekt geht der Frage nach, inwieweit unterschiedliche Auffassungen und Konzepte von Ehre eine Grundlage bilden für aktuelle öffentliche Diskussionen um verschiedene Themen wie: die Beleidigung des Gottesnamens, die Beleidigung eines fremden Staatsoberhauptes, Beschneidung, Zwangsverheiratung, Paralleljustiz und Ehrenmorde, die Bekleidung islamischer Frauen, Fest- und Feiertage, religiöse Symbole und religiöse Gebäude. Die rechtliche Frage wird untersucht im Vergleich zwischen schweizerischem und türkischem Strafrecht, sie führt aber weiter zu den religiösen Grundlagen des Ehrverständnisses im Christentum und im Islam.

Migration und Integration

Ein zentraler Forschungsbereich des universitären Forschungsschwerpunkts ist die Migration.
So entwickelt ein Projekt von Prof. Martina Caroni Lösungsansätze zur juristischen Frage der Nachzugsregelungen von Migranten. Ein weiteres Projekt von Prof. Stephanie Klein wird sich mit Religion als Ressource von Migration und Integration befassen. Ein Kick-off-Symposion mit Prof. Regina Pollak von der Universität Wien, Prof. Mohammed Nekroumi von der Universität Erlangen, Prof. Samuel Behloul vom Züricher Institut für Interreligiösen Dialog, den Mitarbeitenden des Projekts „Christliche Migration in die Schweiz“ des SPI St. Gallen, Dr. Eva Baumann-Neuhaus und Simon Foppa, dem Züricher Flüchtlingsseelsorger Jaime Armas und anderen konnte bereits viele Aspekte zusammentragen und das Projekt justieren.
Die Breite der Forschungen können auf der Homepage nachgelesen werden.

Religion als Ressource von Migration und Integration

Die Forschungen zu Familie und Migration liegen ganz auf der Linie der von Papst Franziskus initiierten Entwicklung der Katholischen Kirche. Dass die Familie ein Schwerpunkt des Pontifikats von Papst Franziskus ist, wurde bereits in den Bischofssynoden zur Familie deutlich. Dass ihm auch die Migration ein theologisches Anliegen ist, brachte er jüngst bei einem Treffen der Internationalen Föderation Katholischer Universitäten (4. November 2017) zum Ausdruck, an dem er dazu aufgerufen hat, „die theologische Reflexion über Migration als Zeichen der Zeit“ zu vertiefen und zu Fragen der Migration wissenschaftlich zu forschen.

Die Universität Luzern ist dabei.

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Stephanie Klein, Dr. theol. habil. dipl. päd., ist Professorin für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern

Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

 

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