Die virtuellen Masken des Begehrens

Theresia Heimerl über Cybersex und was das Christentum mit ihm zu tun hat….

Cybersex ist auf den ersten Blick ein Paradoxon. Sex, darunter verstand man bisher die vom Begehren getriebene, hoffentlich lustvolle Interaktion mit einem anderen Körper. Und doch, die Anzahl sexueller Aktivitäten, die dieser Definition nicht mehr entsprechen, übersteigt längst die „traditionelle“ Lesart um ein Vielfaches.

Der häufigste Ort von Sexualität ist nicht das Schlafzimmer, sondern das Internet. Ob Pornos aller Art, Shops mit einschlägiger Unterstützung technischer oder medizinischer Natur, Dating-Plattformen, all das geht selbst an den frömmsten ZeitgenossInnen mit dem besten Spamfilter nicht spurlos vorüber. Hier ist die Verbindung zur klassischen Definition von Sex indes noch gut erkennbar, wollen die genannten Angebote doch „realen“ Sex anregen oder unterstützen.

Ist das Sex?

Streng katholisch betrachtet: Ja.

Cybersex im engeren Sinn ist aber die scheinbare Umkehrung von Sex. Virtuelle Körper treffen im virtuellen Raum aufeinander und tun miteinander virtuelle Dinge, die, ebenso wie ihre Avatare, also die virtuellen Körper, abstrakte Rechenleistung, 0 und 1, sind. Die physischen Körper dahinter sitzen am PC, oft nur durch Tastatur, zunehmend auch Hilfsmittel wie Oculus Rift mit dem virtuellen Körper, dessen Handlungen sie steuern, verbunden. Ist das Sex?

Streng katholisch betrachtet: Ja. Der Katechismus der katholischen Kirche reiht jede Handlung, welche zu einer unangemessenen Erregung führt (und unangemessen ist im Katechismus alles, was nicht der potentiellen Produktion von Nachkommenschaft innerhalb der Ehe dient), unter „Sünden gegen die Keuschheit“. Und wer die Geschichte der Sexualität im christlichen Abendland kennt, weiß: Sex ist, wo theologisch darüber geschrieben wurde, in der Regel Abstraktion und Imagination, ja das Begehren selbst womöglich eine kulturelle Konstruktion zölibatärer Asketen. „Schmutzstarrend und abgemagert saß ich in meiner Höhle, doch im Geiste tanzten die leichtbekleideten Mädchen aufreizende Reigen um mich“ – was wie eine sehr präzise Beschreibung des soziophoben Nerds klingt, stammt aus einem Brief des Hl. Hieronymus an seine junge Schülerin.

Sehnsucht und Begehren als bewährtes Instrument der Pastoralmacht

Cybersex ist bei näherer kulturhistorischer Betrachtung kein Paradoxon, sondern die konsequente Entwicklung von Sexualität in der westlichen, christlich geprägten Welt. Der Körper ist verdächtig, weil zu wenig kontrollierbar, weil fluide und unrein. Er wird notwendigerweise von der massa damnata in Dienst genommen zur Fortpflanzung. Die Sehnsucht und das Begehren aber, die mindestens ebenso pädagogisches Instrument der Pastoralmacht waren wie Überwachen und Strafen, sind eine Angelegenheit des klerikalen und höfischen Geistes. Das Verbotene und Begehrte spielen sich dort in grelleren Farben und größerer Wollust ab als in den oft genug armseligen Schlafstätten abgearbeiteter Bauern.

Längst sind wir den Normierungen der Sexualität in Gedanken, Worten und Werken entwachsen, die Sehnsucht nach Unkörperlichkeit ist geblieben und diese just da erfahren zu können, wo lange Zeit der Körper über den Geist zu siegen schien, eben in sexualibus, ein später Triumph des Dualismus, den das Christentum als Trojaner in seiner Software mitgenommen hat.

Die Optimierung des Körpers, wie sie das Christentum nur seinem Gott zutraute.

Cybersex als letzte Manifestation tradierter Körperskepsis zu verstehen, greift aber noch zu kurz. Es ist vielmehr eine Optimierung des Körpers, wie sie das Christentum nur seinem Gott zutraute, die sich an den virtuellen Körpern, in denen bzw. durch die sich ihre Schöpfer und noch viel zahlreicher ihre User bewegen, verwirklicht. Ob die vermeintlich optimale Größe jedweden Körperteils oder dessen Funktionstüchtigkeit, oder gar speziesübergreifende Erfahrungen, so man Sexszenen in entsprechenden Games hier inkludiert – die „erspielten“ und dadurch „erfahrenen“ Körper sind ein selbst ermöglichter Ausgleich zum jämmerlichen Anblick im morgendlichen Badezimmerspiegel.

Ironischerweise liefern uns gerade die virtuellen Körperwelten den nötigen Verfremdungseffekt, um den materiellen Körper als Reaktionsmedium wahrzunehmen. Der Schweiß auf dem Controller der Konsole ist ebenso echt wie der beschleunigte Puls und andere Manifestationen der Erregung, die doch den bunten, binären Zahlenkonstrukten auf dem Bildschirm gilt.

Der Alptraum der Theologen und Theologinnen?

Cybersex ist Platons Alptraum: Die abgedunkelte Höhle, in der einzig das grünliche Feuer des Bildschirms flackert, wird zum idealen Erfahrungsort der körperlosen Ideen, deren attraktivste der Körper zur Befriedigung „niederer“ Lüste ist.

Ist Cybersex auch der Alptraum der Theologen und Theologinnen? Für manche ja. Naturgemäß für jene, für die Sex an sich schon ein Alptraum ist. Dann für all jene, die sich mit der menschlichen Neugier schon seit dem Paradies schwertun. Und erst recht für jene, die rechtschaffen für eine befreite, geschlechtergerechte, beziehungsfähige Anthropologie kämpfen.

Die virtuelle Welt zeigt die Welt des Begehrens:

Voll von Sehnsüchten.

Cybersex macht die Welt des Begehrens nicht schlechter. Er zeigt uns auf einem flimmernden Bildschirm im Dunkel oder gar technisch hineinversetzt in die virtuelle Welt, wie diese Welt ist: Voll von Sehnsüchten, schnellen Befriedigungen, Täuschungen und Momenten des Glücks, noch immer von patriarchalen Strukturen geprägt, in denen Frauen öfter zu Objekten werden als Männer. Geprägt vom Bestreben, den eigenen Körper zu überwinden, ohne ihn gedanklich loszulassen, ihn zu optimieren, damit er endlich unsere Seele nach außen repräsentieren könne.

Und vor allem enthüllt die virtuelle Welt des Cybersex eine bittere anthropologische Erkenntnis: Selbst dort, wo wir doch, von der alten Sexualmoral befreit, endlich ganz frei wir selbst sein wollen, in der Sexualität, sind wir oft genug jemand anderer. Der Avatar der Cyberwelt ist eine Ganzkörpermaske, die wir (noch) als solche erkennen. Dass wir sie nur allzu gerne aufsetzen, lässt unangenehme Schlussfolgerungen für sexuelle Begegnungen in der „analogen“ Welt zu. Der von Alter, Alkohol und Fettpolstern gezeichnete Körper macht Sex nicht automatisch „echter“ oder „wahrer“, die Partnerin oder den Partner nicht weniger zum Objekt. Wer weiß schon, mit welchem Avatar des oder der anderen man die letzte Nacht verbracht hat, auch ganz ohne den PC eingeschaltet zu haben?

Die Realisierung alter Versuchungen und das Scheitern an sehr traditionellen Sünden.

Alle ernstzunehmenden Dystopien von einer gar nicht fernen Zukunft des Menschen im Cyberspace erzählen letztlich nicht von neuen Verderben, sondern der Realisierung alter Versuchungen und dem Scheitern an den sehr traditionellen Sünden.

Cybersex könnte für die Theologie ein interessantes Diskursfeld eröffnen, das sie über Sexualität jenseits der bis zum Überdruss abgearbeiteten Fragen körperlicher Details neu nachdenken lässt. Was tun mit dem Begehren, das eben nicht auf Fortpflanzung ausgerichtet ist, sondern um seiner selbst willen gesucht wird? Was tun mit der Sehnsucht nach dem so paradoxen, unkörperlichen Körper?

In die Abgründe, die sich beim Nachdenken über Cybersex durchaus auftun können, sollten Theologinnen und Theologen ruhig blicken, die mutigsten vielleicht sogar bis in die eigenen Seelenregungen hinab.

Virtualität sollte Vertreter einer Disziplin, die eigene Studienplanpunkte zu Himmel, Hölle und Fegefeuer hat, wirklich nicht abschrecken, im Gegenteil: Sex im Kopf mit körperlichen Nebenwirkungen hat eine lange christliche Tradition.

 

Ao.Univ.-Prof. DDr. Theresia Heimerl ist Religionswissenschafterin in Graz.

Print Friendly