Drei ernsthafte Probleme der Theologie

In der Debatte um den Katakombenpakt werden Fragen sichtbar, denen die akademische Theologie nicht ausweichen sollte, meint Rainer Bucher. Leicht zu beantworten sind sie freilich nicht.

Die Replik von Cordula Ackermann, Peter Fendel, Benedikt Kern und Julia Lis auf Michael Schüßlers Bericht von der römischen 50-Jahrfeier des Katakombenpakts  markiert unterhalb ihrer ideologiekritischen Oberfläche drei ernsthafte Probleme: die Rolle und den Status der universitären Theologie im Volk Gottes, die Optionalität der Theologie und was es mit der  „Großen Erzählung von Befreiung und Unterdrückung, dem Ende der Sklaverei, dem Leiden, der Auferstehung, von Tod und Leben “, die das Christentum und schon das Judentum anstimmen, diesseits der Eschatologie auf sich hat. Es sind ernsthafte Probleme, insofern man ihnen als Theologe und Theologin nicht ausweichen kann, wenn man es ernst mit dem meint, was man ist und tut.

….. ernsthafte Probleme, insofern man ihnen als Theologe und Theologin nicht ausweichen kann, wenn man es ernst mit dem meint, was man ist und tut.

Diese Anfragen sind aber eben nicht ganz so umstandslos zu beantworten, wie die Autoren und Autorinnen der Replik offenbar annehmen.

Die kirchliche Rolle der universitären Theologie ist – gerade in unseren Breiten – aktuell ungeklärt und sachlich arm wie seit langem nicht mehr. In der Spätphase der kirchlichen Selbstverbarrikadierung während der Pianischen Epoche und in der Frühphase von deren Auf- und Abbruch war die akademische Theologie die Avantgarde der Befreiung aus den Verengungsspiralen der kirchlichen Gegenwärtigkeitsverweigerung. Danach und wohl auch deshalb war sie in deutlicher Überschätzung ihrer Relevanz das bevorzugte Ziel lehramtlicher Kontrolle. Erst langsam ist sie dabei, ihre reaktive Selbstbeschränkung auf den akademischen Binnenbereich zu überwinden.

Die mühsamen und in mehrfacher Hinsicht verlustreichen Selbstbehauptungskämpfe für akademische Freiheit und gegen lehramtliche Restriktionen überlagerten dabei innerhalb der akademischen Theologie die Frage nach ihrer Relevanz für und im Volk Gottes. Das war verständlich, ist aber ein Schaden. Es stimmt: Die letzte größere – eben zugleich theologische wie kirchliche – Bewegung, die diese Relevanz und damit auch die Adäquatheit der „Produktionsbedingungen“ von Theologie für diese selbst und für ihre Rolle im Volk Gottes thematisierte, war die Theologie der Befreiung. Deren Antwort („Theologie aus dem Volk und für das Volk“) freilich war zu romantisch für die akademische Tradition Westeuropas und deren Wissensformate.

Wie muss eine akademische Theologie ausschauen, die dem Volk Gottes hier und heute hilft, das Volk Gottes auch tatsächlich zu werden und die gleichzeitig in der Lage ist, gegenüber zeitgenössischen Wissensformaten der Geistes-; aber auch der Natur-, Wirtschafts- und Technikwissenschaften gesprächsfähig zu sein?

Wie muss eine akademische Theologie ausschauen, die dem Volk Gottes hier und heute hilft, das Volk Gottes auch tatsächlich zu werden und die gleichzeitig in der Lage ist, gegenüber zeitgenössischen Wissensformaten gesprächsfähig zu sein?

An welchem Ort muss sie entstehen? Zu wem und was muss sie Verbindung halten? Von was muss sie wissen? Wem ist sie verpflichtet? Wer betreibt sie? Solchen und verwandten Fragen kann die akademische Theologie nur um den Preis der Selbstbeschädigung ausweichen.

Zwei Dinge scheinen mir freilich unbestreitbar: Ressentiments gegen das Akademische sind auf diese Fragen genauso wenig eine Antwort wie der Rückzug ins Akademische. Und: Die Theologie selbst ist es, die diese Antworten geben muss. Vor anderen verantworten muss sie sich, ihre Selbstbestimmung aufgeben darf sie nicht.

Die zweite große Frage betrifft die Optionalität der Theologie. Für wen und was setzt sie sich ein, aus welcher Perspektive forscht sie, mit welchen Interessen und Verbündeten? Welche Optionen entwickelt sie, auf wessen Seite steht sie, wann interveniert sie, mit wem solidarisiert sie sich, vor allem aber: Wen kritisiert sie?

Für wen und was setzt sich die Theologie ein, aus welcher Perspektive forscht sie, mit welchen Interessen und Verbündeten? Welche Optionen entwickelt sie, auf wessen Seite steht sie, wann interveniert sie, mit wem solidarisiert sie sich, vor allem aber: Wen kritisiert sie?

Auch das sind Fragen an die akademische Theologie, denen sie nur um den Preis der Selbstbeschädigung ausweichen kann. In postmodernen, also tatsächlich unübersichtlichen Zeiten können sie aber nur noch jenseits aller selbstgewissen flächenhaften Überzeugungsattituden beantwortet werden, also situativ, auf eigenes Risiko und eigene Entscheidung hin. Auch hier gilt: Vor anderen verantworten muss die akademische Theologie sich, ihre Selbstbestimmung aufgeben aber darf sie nicht. So naiv, an irgendeine „Objektivität“ zu glauben, ist sie übrigens schon lange nicht mehr: Es gibt keinen „view from nowhere“, weder einen wissenschaftlich-szientistischen noch eine kirchlich-religiösen und übrigens auch keinen politisch-engagierten.

Und dann bleibt die im eigentlichen Sinne theologische Frage, die „Große Erzählung von der Befreiung“: Was meint sie bei Jesus und was bedeutet sie heute?

…. die „Große Erzählung von der Befreiung“: Was meint sie bei Jesus und was bedeutet sie heute?

Sie meint bei Jesus beides: das punktuelle Anbrechen einer neuen Wirklichkeit hier und heute – und den Durchbruch dieser Wirklichkeit für alle und überall. Letzteres aber ist Gottes Privileg, ein Privileg, das Menschen Gott gerade nicht aus der Hand nehmen dürfen. Das anzuerkennen verfällt keiner „Ideologie neoliberaler Alternativlosigkeit“, sondern sichert – nach all den schrecklichen Theokratien in Geschichte und Gegenwart der Menschheit – die Freiheit des Menschen vor jenen, die sich mit besten Absichten an Gottes Stelle setzen.

Es geht tatsächlich darum, „dass die Praxis der Befreiung weitergeht“.  Das  „Glück der Begegnung im Alltag“, den „Moment, wo das menschliche Leben einen Wert bekommt“ darf man dann aber eben gerade nicht  gegen „den erbarmungslose(n) Tod so vieler Menschen auf der Flucht, in sinnlosen Kriegen, durch Hunger“ ausspielen.

(Rainer Bucher; Photo: Lupo, pixelio.de)

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