Ein Hilfeschrei in der Hilflosigkeit: Die alttestamentliche Dimension des Fastens

Fasten ist ein komplexes Phänomen, das mehr ist als eine Diät oder eine Entschlackung. Till Magnus Steiner verweist auf die alttestamentlichen Wurzeln des christlichen Fastens zwischen Trauer und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Fasten zum Erlangen von Heil ist in aller Munde. Eine Fastenkur – darauf wies schon Hildegard von Bingen (1089-1179) hin – bewirkt eine Reinigung des Körpers und des Geistes. Seit Otto Buchinger (1878-1966) gilt Heilfasten als medizinische Therapie, in der der eigene Körper und die eigene Gesundheit im Zentrum stehen.[1] Es gehe beim Entzug von Nahrung gerade nicht um eine selbstdestruktive Körperverachtung, sondern um Heilung. Dieses Verständnis steht konträr zum Fastenkonzept der Welt hinter der Hebräischen Bibel.

Selbstdestruktive Körperverachtung?

Fasten – wenn es nicht mit einem Bittgebet einhergeht – ist Teil des Trauerritus, in dem sich der Trauernde dem Toten angleicht.[2] Es ist wie Weinen und Totenklage eine Äußerung der Trauer durch Selbstminderung (vgl. z.B. 2 Sam 1,12). Fasten verleiht dem Elend einen sichtbaren Ausdruck. Der Trauernde grenzt sich selbst vom Alltag aus. Hier ist das Fasten wie ein symbolischer, von Mitgefühl mit den Toten geleiteter Eintritt in den Bereich von Krankheit und Tod. Als Antizipation des Todes dient das Fasten in der Hebräischen Bibel auch als nonverbale Dimension des Bittgebets für Kranke. Der Beter in Ps 35,13 beklagt die fehlende Sympathie seiner Feinde in seiner Not, während er sich selbst, als sie krank waren, mit ihnen solidarisch verhalten hatte:

„Ich aber umhüllte mich mit einem Trauergewand, als sie krank waren, erniedrigte mich durch Fasten, aber mein Gebet kehre zurück in meine Brust.“[3]

Fasten dramatisiert die Not des Menschen.

Seinem Bittgebet, das er sich nun wünscht nicht ausgesprochen zu haben, verlieh er durch eine Selbsterniedrigung in der Form des Fastens Nachdruck. Dahinter steht der Glaube, dass Gott sich den Erniedrigten, die elend und arm sind, zuwendet: „Du aber, JHWH, mein Herr, handle an mir um deines Namens willen, denn gut ist deine Gnade, errette mich. Denn ich bin elend und arm, und mein Herz ist durchbohrt in meiner Brust.“ (Ps 109,21-22)

Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang von Selbsterniedrigung und Bitte im Buch Esra sichtbar: „Dann rief ich dort am Fluß Ahawa ein Fasten aus, um uns vor unserem Gott zu erniedrigen, um von ihm einen geraden Weg zu erbitten für uns, für unsere Kinder und unser Habe. “ (Esra 8,21)

Das Fasten hebt die Dringlichkeit des Bittgebetes hervor. Die Not des Menschen wird dramatisiert, die Gott als Retter zur Handlung bewegen soll.

Fasten wie Jesus und Mose?

Im Christentum ist die 40-tägige Fastenzeit eine Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest, die vor allem durch Buße geprägt ist. In der Konstitution über die heilige Liturgie, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert wurde, heißt es: „Die vierzigtägige Fastenzeit hat die doppelte Aufgabe, vor allem einerseits durch Tauferinnerung oder Taufvorbereitung, andererseits durch Buße die Gläubigen, […, ] auf die Feier des Pascha-Mysteriums vorzubereiten.“[4] Die Umkehr des Menschen zu Gott soll im Mittelpunkt stehen. Der Codex Iuris Canonici, der römisch-katholische Codex des kanonischen Rechts, definiert die österliche Fastenzeit als Bußzeit, in der am Aschermittwoch und Karfreitag Fasten einzuhalten ist (Can. 1251). Gemäß der Partikularnorm Nr. 16 der deutschen Bischofskonferenz bedeutet dies, dass der oder die katholische Gläubige an diesem Tag nur eine sättigende Mahlzeit einnimmt (Fasten) und auf Fleischspeisen verzichtet (Abstinenz). In der Hebräischen Bibel bedeutet Fasten (hebräisch: צום) gemeinhin den vollständigen Verzicht auf Nahrung bis zum Abend (vgl. 2 Sam 1,12). Im Matthäusevangelium wird berichtet, dass Jesus 40 Tage und 40 Nächte, in der Wüste gefastet hat (Mt 4,2, vgl. Lk 4,2). Daraus leitet sich gemäß der Präfation des Ersten Fastensonntags die österliche Fastenzeit ab: „Denn er [Jesus – TMS] hat in der Wüste vierzig Tage gefastet und durch sein Beispiel diese Zeit der Buße gehei­ligt.“[5]

Ein besonderes Fasten, das durch die Gegenwart Gottes ermöglicht ist.

Allerdings dient Jesu Fasten nicht der Buße. Nachdem der Geist Gottes auf ihn gekommen war nach der Taufe durch Johannes und die göttliche Stimme aus dem Himmel die Gottessohnschaft Jesu proklamiert hatte, wird er vom Geist in die Wüste geführt, wo er vom Teufel versucht werden soll. Aber zuerst berichtet Matthäus, dass Jesus fastete und erst danach, als er Hunger hatte, beginnt die Versuchung. Der Verweis auf die 40 Tage und die 40 Nächte lenkt den Leser und die Hörerin ins Alte Testament zu Mose. Als Mose ein zweites Mal auf den Berg Sinai steigt, um die Bundestafeln zu empfangen, heißt es:

„Mose blieb dort bei JHWH 40 Tage und 40 Nächte, Brot aß er nicht und Wasser trank er nicht, und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die zehn Worte.“ (Ex 34,28; vgl. Dtn 9,9)

In der Gegenwart Gottes ist Mose den weltlichen Bedürfnissen entzogen – mit Dtn 8,3 könnte man sagen: „nicht von Brot allein lebt der Mensch, sondern von allem, was aus dem Mund Gottes hervorgeht, lebt der Mensch.“ Mose fastet nicht, er erniedrigt sich nicht selbst, um bei Gott Gehör zu erlangen, sondern Gott nährt Mose durch seine Präsenz, so dass er nicht essen und trinken muss. Ebenso ergeht es Jesus, nachdem der Geist Gottes auf ihn gekommen ist und ihn in die Wüste führte. Es handelt sich um ein besonderes Fasten,[6] das durch Gottes Gegenwart ermöglicht ist. Erst nach den 40 Tagen und 40 Nächten hungert es ihn. Jesu Fasten dient weder der Buße noch ist es überhaupt ein dem Menschen – ohne die Hilfe Gottes – möglicher Verzicht auf Speise und Trank.

Fasten als Buße?

Fasten ist generell aus der Perspektive des Alten Testament kein Akt der Buße, sondern der Vollzug der Buße kann sich im Fasten zeigen.[7] Zwar kennt auch der alttestamentliche Autor Jesus Sirach das Fasten als Bußakt für Sünden, aber er betont deutlich, dass Buße ohne innere Umkehr bedeutungslos ist:

„Wer sich nach Berührung eines Toten wäscht und ihn wieder berührt, was hat dieser von seinem Waschen? So ist es mit dem Menschen, der wegen seiner Sünde fastet und immer wieder dasselbe tut. Wer wird auf sein Gebet hören und was hat er von seiner Erniedrigung?“ (Sir 34,26)

Fasten dient der äußerlichen Erniedrigung, damit Gott sich dem Schicksal des Betenden annimmt, nachdem eine innerliche Umkehr stattgefunden hat. Dieser Zusammenhang wird im Buch Joel deutlich, in einer in der Deutung besonders umstrittenen Stelle. In der revidierten Einheitsübersetzung wird Joel 2,12-13a folgendermaßen wiedergegeben:

„Auch jetzt noch – Spruch des HERRN: Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen! Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum HERRN, eurem Gott!“ (Joel 2,12-13a, Text der revidierten Einheitsübersetzung)

Gemäß dieser Übersetzung ist das Fasten integraler Bestandteil der Buße. Im hebräischen Text jedoch hat die Umkehr zwei Dimensionen:

„[…] Kehrt um mit ganzem Herzen und mit Fasten, und mit Weinen und mit Klagen!“  (Joel 2,12)

Gott geht es nicht um die Trauerriten, sondern um die Buße des Menschen im Innersten.

Fasten, Weinen und Klagen sind Trauerriten, die die Erniedrigung des Büßers anzeigen. Diesen Symbolhandlungen geht die innere Umkehr voraus, die als eigentliche Buße qualifiziert wird. Das Zerreißen der Kleidung gehört ebenso wie das Fasten, Weinen und Klagen zu den Trauerriten; aber Gott geht es nicht um die Trauerriten, sondern um die Buße des Menschen im Innersten (vgl. Mt 6,16). Das Fasten ist dementsprechend in Joel 2,12-13a nicht Bestandteil der Buße, sondern sekundäre, äußerliche Anzeige der Umkehr. Fasten ist in diesem Fall der Schrei nach Gnade, der nur eine Berechtigung hat, wenn der Klagende zu Gott umgekehrt ist (vgl. Jer 14,10-12). Fasten hebt keine Sünden auf, sondern der zu Gott gewendete Büßer bittet darum, dass auch Gott sich ihm wieder zuwendet. Gemäß dem Buch Jesaja muss das Fasten als Selbsterniedrigung nicht nur ein leeres Ritual sein, sondern zur Identifikation mit den wirklich elenden und armen Erniedrigten werden, die zum emphatischen Handeln führt (Jes 58). Aus dieser Perspektive betrachtet ist Fasten Teil eines Dreiklangs: gute Werke (Almosen), Fasten, Gebet.[8] Die Funktion des Fastens hierbei ist die eines dringlichen Handlungsaufrufes, der das gnädige Handeln Gottes erbittet (vgl. 2 Sam 12,22).

Fasten als Hungerstreik?

Wenn Fasten nicht aufgrund von Sünde und Buße oder aufgrund von Trauer geschieht, ist es gar vergleichbar mit einem Hungerstreik, wie sich im Buch Ester zeigt. Als Mordechai erfährt, dass Haman den Tod aller Juden in Persien angeordnet hatte, voll zog er die Trauerriten, zerriss seine Kleider, hüllte sich in Sack und Asche und alle Juden fasteten, weinten und klagten. Mordechai zieht mit seinem Klagen bis zum Königspalast, um sich Gehör zu verschaffen. Die Trauerriten Mordechais und aller Juden sind ein dramatischer Handlungsaufruf, den Esther erhört (siehe Ester 4,1-8).

Fasten: Erinnerung und Hoffnung

Auffallend ist, dass es im Alten Testament kein Fastengebot gibt. In der Vielzahl der Gesetze des Pentateuchs findet sich keine Anweisung und keine Vorschrift zum Fasten. Das hebräische Wort für Fasten (צום) findet sich überhaupt nicht in den Gesetzessammlungen des Alten Testaments – nur im Kontext des großen Versöhnungstags steht die Aufforderung sich zu erniedrigen (Lev 16,29), was wie Ps 35,13 zeigt, eine Kategorie bezeichnet, zu der auch das Fasten gehören kann.[9] Erst in exilisch-nachexilischer Zeit finden sich Verweise auf einzelne jährliche Fasttage. Am Ende des Buches Esther wird zur Erinnerung an die Rettung der Juden in Persien das Purimfest vorgeschrieben, dem ein Fasten vorausgeht (siehe Est 9,31). Im Prophetenbuch Sacharja zeigt sich, dass zur Erinnerung an die Zerstörung des ersten Tempels, an die Zerstörrung der Jerusalemer Stadtmauer durch die Babylonier, an die Belagerung Jerusalems und an die Ermordung des Statthalters Gedaljah Fasttage gehalten wurden. Diese Tage dienten der Erinnerung, aber sie waren zugleich auf eine bessere Zukunft aufgerichtet, in der sich die Trauer in Freude wandeln würde:

„So spricht der HERR der Heerscharen: Das Fasten im vierten und das Fasten im fünften Monat und das Fasten im siebten und das Fasten im zehnten Monat wird für das Haus Juda zum Jubel und zur Freude und zu guten Festzeiten werden. Liebt die Wahrheit und den Frieden!“ (Sach 8,19).

Das Alte Testament warnt davor, dass Bußfasten ohne Umkehr und ohne gutes ethisches Handeln eine bedeutungslose Praxis ist.

Mit dem trauernden Blick auf die Vergangenheit wird von Gott eine bessere Zukunft erhofft (vgl. dazu Sach 7).

Fasten als Trauer

Heute ist Fasten ein komplexes Phänomen, das von Ernährungsplänen bis ins Kirchenrecht hineinreicht. Es kann die Wertschätzung für den eigenen Körper ausdrücken und zugleich eine sich selbst erniedrigende Dimension besitzen. Fasten kann eine psychologische Beschäftigung mit der eigenen Person fördern oder vor Gott und den Menschen als Hungerstreik eingesetzt werden. Die kirchliche Tradition sieht im Fasten eine Bußübung und das Alte Testament warnt davor, dass Bußfasten ohne Umkehr und ohne gutes ethisches Handeln eine bedeutungslose Praxis ist. Im Alten Testament liegt allen Dimensionen des Fastens Trauer zugrunde:  Trauer über den Tod, Trauer über geschichtliches oder persönliches Unglück und Leid, Trauer über die eigene Sünde und die Abkehr Gottes. Es ist zugleich Protest und Handeln gegen Leid und Elend. Es ist ein einsamer oder gemeinsamer kommunikativer, non-verbaler Hilfeschrei in der Hilflosigkeit.[10]

Anmerkungen:

[1] Vgl. dazu und zum Thema allgemein: M. Hoffmann, Religiöses Fasten – noch zeitgemäß?, in: Geist und Leben 81/2 (2008), S. 143–154.

[2] Siehe für eine kompakte Darstellung der biblischen Trauerbräuche: B. Lang / G. Hentschel, Art. Trauerbräuche, in: Neues Bibellexikon III, S. 918f.

[3] Sofern nicht anders angegebenen, stammen die Übersetzungen von Till Magnus Steiner.

[4] Sacrosanctum Concilium 109

[5] Vgl. auch Katechismus der Katholischen Kirche, Abschnitt 540.

[6] U. Luz weist darauf hin, „das Jesu Fasten ein außerordentliches ist“ (U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus. 1 Teilband Mt 1-7 [Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament], Düsseldorf u.a. 52002, S. 224).

[7] Dazu ausführlich: D. Lambert, Fasting as a Penitential Rite: A Biblical Phenomenon?, in: The Harvard Theological Review 96 (2003), S. 477-512.

[8] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Abschnitt 1434 und Codex Iuris Canonici, Canon 1249.

[9] Eine ausführliche Begründung hierzu bietet: J. Milgrom, Leviticus 1-16 (The Anchor Bible 3), New York u.a. 1991, S. 1054.

[10] Am Aschermittwoch ist es der Hilfeschrei der Kirche gegen die Macht des Todes und am Karfreitag der Hilfeschrei gegen die Kreuzigung Jesu. Beides wandelt sich in der Osternacht zu Jubel und zu Freude, in der Gewissheit, dass der Tod besiegt ist.

Autor: Till Magnus Steiner, Dr. theol., ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Benno-Jacob-Editionsprojekt (Israel) und Autor des Weblogs „Dei Verbum“ (www.dei-verbum).

Beitragsbild: https://www.flickr.com/photos/frnetz/12658077524

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