Ekklesiologisch ohnmächtig und doch ermächtigt? Leserbrief

Stephan Schmid-Keiser kommentiert in einem Leserbrief den Beitrag von Rainer Bucher „Ehrenamt: Wie ein Begriff in die Irre führt.“ vom 8. Januar 2018.

Gewiss ist eines: Der «Abstiegsprozess», wie ihn Rainer Bucher mit Bezug auf das Christentum umschreibt, verlagert die stark institutionell geprägten Gewichte im Volk Gottes. Es steigere sich nun die «Macht der Ehrenamtlichen gegenüber dem professionellen System». Gemeint ist Kirche als Grösse, die in der Darstellung durch Rainer Bucher auf mich doch eher statisch wirkt. Hier ‘die’ Kirche und dort alle, die zu ihr – in welcher Nähe oder Distanz auch immer – gehören. Muss wie eh und je Kirche als Ständegesellschaft organisiert bleiben? Wie anders ist eine doch an sich selbstverständliche Aussage wie diese zu verstehen: «Die Kirche braucht alle, die zu ihr gehören. Sie muss sie hören und respektieren. Sie muss ihnen Raum geben und Aufmerksamkeit»? Wer hört einander zu? Wer respektiert einander – warum und wozu?

Muss wie eh und je Kirche als Ständegesellschaft organisiert bleiben?

Genauer besehen sind in ekklesialer Nomenklatur die ‘Ehrenamtlichen’ die ‘Laien’, die nicht ihrer «kirchlichen Würde» beraubt werden sollten – was LG 31 tatsächlich festhält. Ansätze zur Weiterentwicklung dieses Gedankens müssten endlich die ekklesiologisch wichtige ‘Ermächtigung’ von ausgebildeten Frauen und Männern mitbeinhalten. Eckpfeiler dazu wurden bereits vor Jahren moniert wie zum Beispiel eine wenig beachtete Studie von Aleksander Rajsp einschlägig aufzeigt. 1 Rajsp plädierte dafür, die einseitige Sacerdotalisierung des Presbyterats zu verlassen zugunsten der «Einbindung des kirchlichen Leitungsamtes in die Kirche als Volk Gottes». 2

die einseitige Sacerdotalisierung des Presbyterats … verlassen

Nun ist die Unterteilung in „Ehrenamt“ – „Hauptamt“ nach Rainer Bucher bestreitbar und im kirchlichen Handeln relevant, sei aber eine «typische Differenz des institutionellen Systems, seiner Interessen und Perspektiven» und verschleiere «eher, worum es geht: die säkularen Realitäten in ihrem geistlichen Sinn, also als Zeichen der Zeit, zu entziffern und die geistlichen Inhalte auf ihre weltliche Bedeutung als deren Befreiung und Erlösung zu erkennen. Dazu aber braucht es alle!» Dem ist wohl zuzustimmen. Nur wären dazu weitere theologische Verschleierungen bzw. Konstrukte, welche die erwähnte Sacerdotalisierung stützen, näher nach ihrem Sinn und ihrer Notwendigkeit zu befragen.

Wenn – erneut institutionell-ekklesiozentrisch akzentuiert – gesagt wird, dass «über 99% der Kirche» nicht hauptamtlich in ihr arbeiten, sie aber «in gleicher Weise» sind, ist auch der Begriff des gemeinsamen Priestertums aller Getauften in seiner Problematik zu benennen. Diese legt Clemens Leonhard3 dar und kommt zum aufregenden Schluss: «Der Begriff des Gemeinsamen Priestertums aller Getauften diente so oft der Verschleierung von theologischen und kirchenorganisatorischen Problemen, dass sich sein einzig legitimer Platz in einem historischen Repertoire nutzloser Theologoumena findet».

Verschleierung von theologischen und kirchenorganisatorischen Problemen

So bleibt die Frage der Ämter und Dienste ‘in’ der Kirche weiter ungeklärt. Wie lässt sich das Sakrament des Ordo und der damit übergebenen Vollmachten retten? Ist es menschenmöglich, dass ein Presbyter (künftig auch eine Presbyterin) allein Christus darstellen kann? Ist „die sakramentale Natur der Kirche“4 als ein „Kernelement unseres christlichen Glaubens“ einzige zentrale Vorgabe für „das Verständnis der pastoralen Beziehung zwischen Priestern und Laien“? Selbstverständlich hat Paulus die Vorgabe gegeben, dass der Leib viele Glieder hat, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten (Röm 12,4). Daraus aber das Amt von Geweihten so zu verstehen, dass es unveränderbar alle anderen Dienste absorbiert – gar bis zur äussersten Grenze der Erde unmöglich macht, regelmässig Eucharistie zu feiern, ist wohl nicht der Sinn der Aussage bei Paulus.

Ist es menschenmöglich, dass ein Presbyter … allein Christus darstellen kann?

Ein Kirchenbild, das sich aus der Theologie des ‚Leibes Christi‘ ableitet, kann auch anders gewichtet sein. So könnte eine Bischofskonferenz bestätigen, dass so manche Personen als Getaufte und Gefirmte ihren besonderen Anteil am Haupt Christi haben – nicht allein ein Geweihter, der über allen anderen herausragt und der Anmassung schon mal erliegen kann(!), Christus alleinvertretend unter den Leuten dieser Zeit zu be-HAUPT-en. Seine Zusage öffnet den Horizont jedes Dienstes in der Kirche: …wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Ein anderer Geist würde wehen, wenn dem Missverständnis Absage erteilt würde, dass allein der Priester das Haupt Christi vertritt! Die Verbindung aller Glieder mit dem Haupt ‚Christus‘ macht diese zu Christ-Gläubigen und nicht zu Kirche-Gläubigen! Das Miteinander zum Beispiel bei der Feier der Eucharistie betonen ist das eine, das andere ist, ein neues Verständnis der Dienste in der Kirche anbieten. Ein Amt, das alle anderen Dienste absorbiert, indem es tendenziell die lokalen Glaubensgemeinschaften als ‚Leib Christi‘ verdrängt, lässt keine neuen Spielräume offen – so auch leider bis dato die Weihe von bewährten Frauen und Männern nicht! Die Entwicklung der Weitergabe des Glaubens in Wort und Sakrament wird dadurch mehr als blockiert. Es fragt sich, ob diese Weiterentwicklung im Amtsverständnis der römisch-katholischen Kirche in nächster Zeit möglich wird. Bleiben wir gespannt darauf, ob sich ein jahrhundertealtes Missverhältnis, wie Yves Congar OP einmal festgestellt hat, in ein neues Miteinander wandelt.5

Text: Dr. Stephan Schmid-Keiser (* 04. 09. 1949), in Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie promovierter Theologe und Seelsorger, war nach seiner Pensionierung 2014 u. a. als Redaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung tätig.

  1. Aleksander Rajsp: ‘Priester’ und ‘Laien’. Ein neues Verständnis, Düsseldorf 1982.
  2. Rajsp aaO. 10. Vgl. dazu die Darlegungen in Stephan Schmid-Keiser: Aktive Teilnahme. Kriterium gottesdienstlichen Handelns und Feierns. Zu den Elementen eines Schlüsselbegriffes in Geschichte und Gegenwart des 20. Jahrhunderts, Bern, Frankfurt a. M, New York 1985, 436-448.
  3. Clemens Leonhard:Nonne et Laici Sacerdotes Sumus? Zur Problematik des Begriffs des Gemeinsamen/Allgemeinen Priestertums aller Getauften.“ In Zwischen-Raum Gottesdienst. Beiträge zu einer multiperspektivischen Liturgiewissenschaft, hrsg. von de Wildt Kim, Kranemann Benedikt, Odenthal Andreas, Stuttgart 2016, 134-148, zit. 148.
  4.  Zitate aus dem Hirtenbrief der Schweizer Bischöfe: Das Miteinander von Priestern, Diakonen und Laienseelsorger/-innen in der Feier der Eucharistie vom 2. September 2015. Siehe www.bischoefe.ch/dokumente/botschaften/begleitbrief-zum-hirtenschreiben-das-miteinander-von-priestern-diakonen-und-laienseelsorger-innenin-der-feier-der-eucharistie.
  5.   Vgl. auch Stephan Schmid-Keiser: Zur ungelösten Frage der Ämter im Kontext der Feiern des Glaubens, in: SKZ 182 (2014) Nr. 46, 669.
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