Eltern sind sehr wichtig. Und gute Manieren auch

Exemplarische Ergebnisse der Studie „Lebenswelten – Werthaltungen und Verhaltensbereitschaften junger Menschen in Vorarlberg 2016“. Von Helga Kohler-Spiegel.

Im Anschluss an die Lebenswelten-Studie von 2011 ist im Jänner 2017 die neue Studie mit den aktuellen Daten der Befragung von 2079 Vorarlberger Jugendlichen zu deren Lebenswelten und Werten erschienen. Im Auftrag des Landes Vorarlberg, dem westlichsten Bundesland Österreichs, erstellt, zeigt sie, wie junge Menschen im Alter von 14 bis 16 Jahren in den Themenbereichen Zukunft und Ängste, Ziele und Werte, Religion, Lebensgefühl und Gesundheit, Familie, Erziehung und Partnerschaft, Stellung von Mann und Frau, Politisches Interesse und Haltungen zu Demokratie, Integration und Zusammenleben verschiedener Kulturen, Schule, Freizeit, Freunde und Beruf denken.

Ausgewertet wurden die Fragebögen im Blick auf Geschlecht, Schultyp, sozioökonomischen Hintergrund der Eltern, Bildungshintergrund der Eltern, Migrationshintergrund bzw. Herkunftskultur der Eltern, Religionszugehörigkeit sowie Wohnregion (Stadt, Rheintal, Talschaften).

Eltern sind ganz wichtig.

Eine gute Beziehung zu den Eltern zu haben, ist für 77% bzw. 78% der jungen Menschen absolut wichtig, dabei gibt es keine Unterschiede zwischen Buben und Mädchen. Jeder/jedem zweiten Jugendlichen ist sehr wichtig, was die Eltern von ihm/ihr denken. Knapp drei Viertel der Jugendlichen nennen den Zusammenhalt in der Familie als sehr wichtig für sie. Nur 5% der Jugendlichen grenzen sich sehr stark von den Eltern ab. 4 bis 5% sehen ihre Eltern sehr kritisch.

Die Bedeutung von Familie zeigt sich auch darin, dass die Erziehungswerte der eigenen Eltern in großem Ausmaß an eigene Kinder weitergegeben werden wollen. Junge Menschen wollen ihren eigenen Kindern Selbstständigkeit und soziale Werte mitgeben, Ehrlichkeit und eine eigene Meinung haben stehen im Vordergrund, aber auch Anstand und Rücksicht sollen an eigene Kinder weitergegeben werden. Drei Viertel der Buben und Mädchen wollen „gute Manieren“ an eigene Kinder vermitteln. Bei den Mädchen sind die sozialen Werte stärker ausgeprägt, bei den Buben die materiellen und erfolgsorientierten Werte.

Verlässlich und treu sein, gemeinsam Spaß haben und finanziell unabhängig sein, ist allen Jugendlichen für ihre Partnerschaft sehr wichtig. Auch der Wunsch, alles mit dem Partner oder der Partnerin gemeinsam zu machen, verbindet die Jugendlichen. Mädchen und Buben mit türkischem Familienhintergrund wünschen sich verstärkt einen Partner oder eine Partnerin aus dem eigenen Kulturkreis mit hohem sozialem Status.

Im Blick auf die Rollenverteilungen von Männern und Frauen in der Gesellschaft und in Partnerschaften zeigt sich ein heterogenes Bild: Junge Frauen treten deutlich stärker für ein gleichberechtigtes Verhältnis von Mann und Frau ein als junge Männer. Während die jungen Frauen von einer gleichberechtigten Partnerschaft bzgl. Arbeitsteilung im Haushalt und Kindererziehung ausgehen, halten junge Männer stark an den traditionellen Rollenbildern fest. Diese Diskrepanz wird eine Herausforderung für die jungen Menschen sein.

Ziele und Ängste

Eindrücklich ist zu sehen, dass auch 2016 die Ziele der jungen Menschen klar sind: eine gute Beziehung zu Familie und Freunden, eine gute Ausbildung und die Möglichkeit, das Leben zu genießen. Jugendliche haben hohe formale Bildungsziele. Die Schule wird als nützlich für die eigene Zukunft gesehen, schulische Leistungen werden als wichtig erachtet.

Für junge Menschen besonders belastend sind die Angst, die Erwartungen der Eltern nicht zu erfüllen, Leistungsanforderungen in der Schule, denen sie nicht genügen, und eine distanzierte Beziehung zu den Eltern. Bei einer durchwegs positiven Sicht auf ihre Zukunft haben die Jugendlichen Angst vor Krieg und Terror, einer zunehmenden Umweltverschmutzung oder einer schweren Krankheit.

Und wie ist es mit der Religion?

Gut fassbar sind die zwei großen religiösen Gruppen, christliche und muslimische Jugendliche. Dabei wird eindrücklich sichtbar, dass Religion, religiöse Zugehörigkeit und Glaubensüberzeugungen vor allem bei muslimischen Jugendlichen sehr hohe ausdrückliche Zustimmung finden, während die zustimmenden Werte bei Jugendlichen, die zu den christlichen Kirchen gehören, deutlich niedriger sind. Nur ein Beispiel: Von den Jugendlichen, die zu den christlichen Kirchen gehören, sagen 9% der Mädchen und 7% der Buben, dass ihre Glaubensgemeinschaft für sie sehr wichtig ist. 20% der Mädchen und 21% der Buben mit christlicher Religionszugehörigkeit messen ihrer Glaubensgemeinschaft gar keine Bedeutung zu.

Anders bei den Mädchen und Buben der islamischen Glaubensgemeinschaft: Für etwa zwei Drittel von ihnen hat die Glaubensgemeinschaft eine sehr hohe persönliche Bedeutung, nur 5% der Mädchen und 3% der Buben mit islamischer Religionszugehörigkeit sagen, dass ihre Glaubensgemeinschaft keine Bedeutung für sie hat.

Dies sind eindrückliche Ergebnisse von 2079 Jugendlichen, es sind auch eindrückliche (exemplarische) Unterschiede. Alle weiteren Fragestellungen in diesem Themenfeld „Religion“ bestätigen diese Unterschiede. Interessant ist, dass diese Unterschiede nicht nur bei den Jugendlichen selbst, sondern auch für deren Eltern gelten.

Und sonst noch…

Junge Menschen im westlichsten Bundesland Österreichs interessieren sich mäßig für Politik (konkret 39%), mit der Demokratie sind sie mehrheitlich zufrieden.

Zum Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und zu kultureller Integration findet sich eine offene Einstellung. Sowohl Mädchen als auch Buben haben häufig Kontakt zu Menschen aus anderen Kulturen. Die Zustimmung zum gemeinsamen Lernen und zum gemeinsamen Schulbesuch ist hoch, mit einigem Abstand auch zur gemeinsamen Gestaltung der Freizeit. Die Items, die Abgrenzungen sichtbar machen, finden sehr geringe Zustimmung. Im Blick auf das Zusammenleben in der Gesellschaft dürfen sie dennoch nicht außer Acht gelassen werden.

Junge Menschen wissen, dass Schule und Ausbildung für ihre Zukunft sehr wichtig sind. Im Hinblick auf die zukünftige Berufstätigkeit wird deutlich, dass es für Jugendliche von besonderer Bedeutung ist, später einmal einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und über ausreichend Zeit für ihre Familie und Freunde zu verfügen.

Viele weitere Ergebnisse können das Gespräch unter Erwachsenen und mit den Jugendlichen anregen. Zentral aber bleibt: Eltern und Familie sind wichtig, sie sind der zentrale Anker für junge Menschen.

Zur gesamten Studie mit allen Daten:

BÖHEIM-GALEHR, Gabriele & KOHLER-SPIEGEL, Helga (Hg.): Lebenswelten – Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg 2016. Unter Mitarbeit von Gernot Brauchle, Katharina Meusburger, Martina Ott, Gudrun Quenzel, Egon Rücker, Innsbruck: Studienverlag 2017 (= FokusBildungSchule Bd. 9).

 

 

 

Helga Kohler-Spiegel ist Professorin für Pädagogische Psychologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg und Redakteurin von feinschwarz.net.

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