Es gibt viele Gründe, Angst zu haben.

Am Ende des ersten Monats dieses Jahres ist vieles wie immer. Einmal am Tag Nachrichten zu hören, reicht aus, um Angst zu haben auf dieser Welt. Wie mit der Angst leben?  Von Helga Kohler-Spiegel

Angst begleitet den Menschen in unterschiedlicher Intensität, Angst gehört zum Menschen. Die Frage ist nicht, ob ein Mensch Angst hat, sondern wo und wie sich die Angst zeigt, wie sie die einzelne Person und Gruppen von Menschen wahrnehmen, und wie sie damit umgehen.

Angst – eine Basisemotion

Nach Paul Ekman (2010) gehört die Angst (und damit verbunden Furcht) – neben Wut, Traurigkeit, Freude, Ekel, Überraschung – zu den Basisemotionen. Umgangssprachlich werden sie oft auch als „Gefühl“ bezeichnet. Von manchen Forschern wird noch die Verachtung dazu gezählt. Eine Basisemotion ist gekennzeichnet von folgenden Eingeschaften:

  • Sie setzt abrupt ein und ist von kurzer Dauer, sie ist eine Reaktion auf ein Ereignis oder einen Gedanken, eine Erinnerung u.ä. Sie ist unterschieden von einer Stimmung, die länger andauert.
  • Sie unterscheidet sich von anderen Emotionen. So können z.B. Wut und Traurigkeit miteinander vermischt auftreten, sind aber zwei deutlich unterschiedene Emotionen.
  • Sie wirkt in einer für sie typischen Art auf den Körper und kommt schon bei Babys vor. (Vgl. Lelord/André 2005, 24)

Emotionen – Gefühle – Affekte – Stimmungen

Emotionen werden also durch körperliche Empfindungen ausgelöst und aufgrund unseres Denkens wahrgenommen, eingeordnet, bewertet. „Emotion“ und „Gefühl“ werden meist synonym verwendet. Affekte werden verstanden als nicht mehr bewusst steuer- und kontrollierbare Emotionen, als ein Zustand starker emotionaler Erregung, der das Verhalten leitet. Mit dem Begriff „Stimmung“ wird ein unspezifisches Erleben beschrieben wie eine „Milde Tönung“ im Hintergrund des Erlebens, die Ursache ist oft nicht eindeutig erkennbar.

Angst ist ein Gefühl – und wie auch bei anderen Gefühlen sind die Wahrnehmung und der Ausdruck dieses Gefühls sowie der Umgang damit, d.h. die Verarbeitungsmöglichkeiten entwickelt und sozial gelernt. Wie bei jeder Emotion kann man sich auch bei der Angst fragen: Wie nehme ich bei mir Angst wahr? Wer war für mich wichtig, um den Umgang mit der Angst zu lernen? Wer hatte in meiner Herkunftswelt am meisten und wer am wenigsten Angst? Wer war für mich ein wichtiges Modell im Ausdruck und im Umgang mit Angst?

Der Begriff „Angst“ kommt vom Lateinischen „angustus“ und wird übersetzt mit „Beengtheit“ bzw. „Enge“ sowie von „angor“, das übersetzt wird mit „Würgen, Beklemmung“. Das Verb „angere“ meint „die Kehle zuschnüren, das Herz beklemmen“, auch die Herleitung aus dem Altgriechischen ist parallel. Wie jedes Gefühl setzt sich auch die Angst aus einem körperlichen Anteil (z.B. Herzrasen, Schwitzen, Erröten..), einem gedanklichen Anteil (z.B. Vergesslichkeit, Gedanken an Gefahr, Gedanken daran, verletzt/ krank zu werden…), einem emotionalen Anteil (z.B. Einengung…) und dem Verhalten zusammen, das man in solchen Situationen zeigt (z.B. flüchten, Zukünftiges meiden solcher Situationen, weinen oder schreien, Zittern, starre Haltung).

Angst – ein Warnsystem

Angst dient als biologisches Warnsystem, sie wird bei Gefahr, in bedrohlichen, unkontrollierbaren Situationen aktiviert. Auslöser können intern (z.B. durch körperliche oder seelische Anspannungen, durch Gedanken und Erinnerungen) oder extern (z.B. Medienmeldungen, Lebensmittelskandale,…) sein. In der Amygdala angesiedelt schützt dieses Warnsystem, indem in Bruchteilen von Sekunden eine Situation als gefährlich, als bedrohlich erfasst werden kann. Als Reaktion stehen dann „fight or flight“, Kampf oder Flucht, Angreifen oder Sich-Zurückziehen zur Verfügung, ebenso wie als letzte Möglichkeit die Erstarrung. Eine Verarbeitung dieser Impulse über das Denken, über die Einordnung in Raum und Zeit und über die Sprache wäre viel zu langsam, um in der Bedrohung zu schützen (Kohler-Spiegel 2017).

In der Entwicklung der Menschheit haben sich die Bedrohungen verändert, das Alarmsystem ist geblieben. Auch die „trigger“, die auslösenden Impulse für die Angst sind nicht mehr mit denen vor Jahrtausenden vergleichbar. Ansprüchen nicht zu genügen, die erwartete Leistung nicht zu erbringen oder zu versagen, nicht wahrgenommen oder gar aus einer persönlich bedeutsamen Community ausgeschlossen zu werden, materielle Sorgen oder von „Fremdem“ umgeben zu sein… Heutige Trigger sind vielfältig, und teilweise von außen nicht versteh- und mitvollziehbar. Und, um es nochmals zu sagen: Emotionen erfassen den Organismus und führen zu Reaktionen, das reflexive Denken kommt erst nach dem Empfinden von Angst wieder ins Spiel, erst mit wachsender Beruhigung wird die denkende Einordnung wieder möglich.

Wenn sich die Angst verselbstständigt

Manchmal verselbstständigt sich die Angst. Dann fangen Menschen im Kopf an, „the worst case“, die schlimmsten Befürchtungen vorwegzunehmen. Auch dies ist ursprünglich ein Schutzmechanismus, um in inneren Bildern die Situation mit verschiedenen möglichen Ausgangsszenarien zu erleben, und sich so mental und emotional zu wappnen, um sich zu schützen vor der Angst und den weiteren Gefühlen, wenn die befürchtete Situation eintritt… Verselbstständigt kann sich diese Angst entkoppeln von realen Bedrohungen, sie kann in Situationen auftauchen, in denen man sich evtl. früher schützen musste, dies heute aber nicht mehr nötig ist. Die Szenen im Inneren und im Außen haben sich verändert, Anspannung und Angst bleiben und begleiten den Menschen weiterhin.

Was helfen kann

Als Basisemotion begleitet die Angst das menschliche Leben. Im Kampf gegen die Angst erleben Menschen oft, dass der Kampf gegen die Angst mühsam ist, bei dem oft die Angst gewinnt. Angst lässt sich – da sie Basisemotion ist – primär emotional beantworten, häufig erst im Anschluss daran auch kognitiv reflexiv einordnen. Angst will – oft – wahrgenommen werden, sie will verstanden werden. Fast immer braucht die Angst eine „innere Ergänzung“, um erträglich zu sein. Mögliche Ergänzungen zur Angst können sein: Mut, Zuversicht, Ermutigung, Vertrauen. Und auch Selbstfürsorge und Selbstliebe.

Nein – keine Sorge, ich biete keinen Crash-Kurs in Angstbewältigung an. Ich möchte – wieder einmal – auf diese so machtvolle Kraft hinweisen, die Leben und Erleben prägt und einen Menschen erfassen und einschränken und besetzen kann. Drei Schritte seien genannt, die sensibilisierend wirken können:

  • Ein erster Schritt:
    • Wahrnehmen und Ernstnehmen
    • Eigene Grenze annehmen
  • Ein zweiter Schritt
    • Stabilisieren, nicht bewerten
    • Eine „Realitätsprüfung“ vornehmen (alleine oder mit einer anderen Person)
    • Weitergehen, wieder ins Handeln kommen
  • Ein dritter Schritt
    • Hinschauen, was die Angst brauchen könnte, damit sie geringer werden kann
    • Und alles tun, was die Zuversicht, das Vertrauen, die Selbstliebe stärken kann

Hinzu kommt die angeborene Fähigkeit des Menschen zur „Gefühlsansteckung“, dem Phänomen, bei dem die Stimmung des Anderen (z.B. Begeisterung, Angst…) von Beobachter selbst Besitz ergreift und dabei ganz zu dessen Gefühl wird – sich also die beobachtende Person vom Gefühl des anderen „anstecken“ lässt (Bischof-Köhler, 1989). Sie darf nicht verwechselt werden mit der Empathie als der Fähigkeit, Emotionen und Absichten einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und darauf zu reagieren. Oder – kurz gesagt: mitzufühlen, was andere fühlen.

Die Geschichte von den zwei Wölfen

Die folgende indianische Erzählung soll nicht die Kraft und die Macht der Angst in uns Menschen verharmlosen, sie möge vielmehr anregen, das zu steuern und zu nähren, was zu nähren möglich ist:

Ein Großvater sitzt mit seiner Enkelin am Lagerfeuer und erzählt ihr folgende Geschichte: „In jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist geprägt von Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist geprägt von Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.
Das Mädchen schaut eine Zeitlang ins Feuer, dann fragt sie: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ Worauf der Großvater antwortet: „Der, den du fütterst.“ (Quelle unbekannt)

Das Jahr schreitet voran, es gibt zahlreiche Anlässe und Trigger, dass Angst den Menschen erfasst, es gibt auch die Gefahr emotionaler Ansteckung mit Angst. Wenn Menschen nicht von einer starken psychischen Beeinträchtigung betroffen sind, ist es möglich, immer wieder darauf zu achten, die Angst anzuschauen. Und „den richtigen Wolf zu nähren“. Das Jahr hat noch elf Monate, das zu tun.

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Helga Kohler-Spiegel ist Professorin für Pädagogische Psychologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Literatur:
Bischof-Köhler, Doris (1989): Spiegelbild und Empathie. Die Anfänge der sozialen Kognition. Bern u.a.: Huber.
Ekman, Paul (2010): Gefühle lesen: Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren, 2. Auflage. Berlin-Heidelberg: Springer.
Kohler-Spiegel, Helga (2017): Traumatisierte Kinder in der Schule. Verstehen – auffangen – stabilisieren. Ostfildern: Patmos.
Lelord, Francois, André, Christophe (2005): Die Macht der Emotionen. Und wie sie unseren Alltag bestimmen. München-Zürich: Piper.

Photo: Rainer Bucher

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