Etiketten gesucht für altneuen Wein

Wie lautet die Berufsbezeichnung von nicht-geweihten Theologinnen und Theologen in der Pastoral? Welche ist sinnvoll? Thomas Markus Meier über einen „Etiketten-Schwindel“.

Letzter Samstagmorgen im Oktober, vor der Zeitumstellung: Aus dem Radiowecker tönen die Frühnachrichten. Ich glaube, ich höre nicht recht. Als Primeur die Idee, dass beim «katholischen Abendmahl» auch einheimische Weine gereicht werden sollten. Die Deutsche Bischofskonferenz habe entsprechende Regeln schon vor Jahren gelockert, die Schweiz solle nachziehen…

Höre ich recht? Es gibt keine nennenswerteren Probleme beim katholischen Abendmahl, als die Herkunft des Weines? In den meisten Gottesdiensten, denen ich als Nichtordinierter vorstehe, stellt sich die Frage nach Abendmahl und Wein ganz anders. Wein ist kein Thema, und wird das eucharistische Brot geteilt, dann strenggenommen in Erinnerung an die letzte Messe statt dem letzten Abendmahl.

Der Primeur am Radio erinnert auch an den spritzigen, neuen Wein. «Was aber ist, wenn manches schon zu lange gärt?», fragt Salvatore Loiero, Pastoraltheologe in Fribourg, in der Schweizerischen (katholischen) Kirchenzeitung (SKZ 42-43/2017). Dort hätte ich eigentlich die Veröffentlichung einer zünftigen Leserreaktion erwartet, die ich auf eine vorgängige Nummer eingesandt hatte. Ein Ärger, der nicht bloss bei mir schon Jahre gärt, sondern bei den allermeisten meiner BerufskollegInnen. Es ist die Frage nach einer stimmigen Weinetikette, sozusagen.

Ein Ärger, der schon Jahre gärt…

Eine Themennummer der Kirchenzeitung hatte den ständigen Diakonat behandelt. Und das Spannendste dieser Nummer stand für mich zwischen den Zeilen. Nicht-ordinierte AutorInnen vermieden tunlichst das Wort «Laientheologe/Laientheologin». Autoren aus dem Priester- oder Diakonenstand hingegen benutzten fast ausnahmslos diesen Begriff.

Vor Jahren traf sich der Basler Bischof Felix Gmür mit den nicht-ordinierten TheologInnen im pastoralen Dienst in seiner Diözese – und bekam zu hören, von sämtlichen Bezeichnungen für diesen Berufsstand (manchmal PastoralreferentInnen, PastoralassitentInnen) sei «Laientheologe/Laientheologin» der ungeeignetste, unglücklichste. Und auf Nachfrage bestätigte ich dem Bischof, dass «Otto Normalverbraucher» aus diesem Begriff heraushört, dass unsereinem ausbildungsmässig etwas fehlt. Laie wird im allgemeinen Verständnis eben nicht als Zugehöriger, Angehörige des Laos, des Volkes wahrgenommen, sondern als laienhaft/unprofessionell. Und ich muss zugeben, dass es für mich befremdlich bleibt, ärgerlich auch, dass ich konsequent so angeschrieben oder brieflich angesprochen werde, als «Laientheologe».

Von sämtlichen Bezeichnungen ist „Laientheologe/Laientheologin“ der ungeeignetste, unglücklichste.

Was, wenn manches schon zu lange gärt? Wenn «Neuer Wein», beispielsweise Frauen und Männer in pfarramtlichen und pastoralen Aufgaben, also längst wahrgenommen als Pfarrerin, Pfarrer, bereits in Pension sind – aber die Begrifflichkeit noch immer nicht geklärt ist, eine passende Weinetikette fehlt? Die Lösung mit «GemeindeleiterIn» ist dabei nur eine halppatzige: Denn beim ordinierten Priester gibt es ja neben dem Gemeindepfarrer den Vikar, den Kaplan – also andere Rollen und Funktionen, wie sie vielleicht das Wort «Pastoralassistentin/GemeindereferentIn» im Unterschied zur GemeindeleiterIn signalisiert.

„synergoi“ Gottes – Gottes MitarbeiterInnen

Als «synergoi» Gottes (1 Kor 3,9), also Gottes MitarbeiterInnen ginge es um ein Zusammenarbeiten, darum, Synergien zu schaffen. Dabei empfinde ich die Titulierung als «LaientheologIn» schlicht als abwertend. Es gleicht einer Etikettierung als einer Art Hilfskraft, die es halt leider braucht, weil zu wenig «Richtige» da sind. Ich bin, wie mein Bischof, etwas ratlos. Was gäbe es denn für eine andere Etikette? Was wäre eine stimmige Bezeichnung? Vielleicht ist die Antwort gerade deshalb so schwierig, weil der Unterschied in der Praxis es eben auch ist. Was ist eine priesterliche Haltung? Hängt sie einzig ab von der Ordination? Und auch ein edler Tropfen kann nach dem Öffnen ungeniessbar sein, «einen Zapfen haben», wie es in der Mundart heisst.

Was wäre eine stimmige Bezeichnung?

Im Radio hat dann ein Domherr betont, es gehe ja nicht um die Herkunft des Weines, sondern um seine Qualität. Hier tönt «Laientheologin/Laientheologe» in der Tat als Qualitätsmangel. Auch wenn es betont nicht so gemeint wird. Aber gehört eben schon. Ich spiele mit dem Gedanken, halt ganz banal zu bezeichnen, was mir – nicht ausbildungsmässig, sondern kirchenpolitisch – fehlt. Meine Berufsbezeichnung lautete dann: «Nichtordinierter Theologe». Wer weiss, vielleicht liest das wer dann als Gütesiegel, so im Sinn von «ungeschwefelt»?

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Text und Zeichnung:
Dr. theol. Thomas Markus Meier arbeitet als Theologischer Leiter der Pfarrei St. Anna Frauenfeld. Auf facebook führt er einen viel gelesenen Bibel-Blog (aktuell zur revidierten Einheitsübersetzung): Biblioblog

Bild: Marco Mornati / unsplash

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