Europas Krise, eine Herausforderung für die Theologie: Ein Tagungsbericht

Martin Kirschner (Eichstätt) fasst zentrale Aussagen einer Tagung zusammen, die sich mit der Frage auseinandersetzte: Welche Herausforderung stellt die Krise Europas für die Theologie dar?

Die Diagnose der Krise begleitet den Europäischen Integrationsprozess seit langem. Die wichtigen politischen Entscheidungen der EU werden in Krisengipfeln getroffen, meist zu nächtlicher Stunde, ihre Institutionen reaktiv weiterentwickelt, jedes Referendum lässt die Luft anhalten. Die derzeitigen Krisen der Union aber greifen tiefer, sie stellen das „Projekt Europa“ ganz real in Frage. Positiv ausgedrückt: Europa muss sich neu erfinden oder es wird zerfallen. Die Krisen im Außen (von Russland und der Ukraine über die Türkei und den Nahen Osten nach Nordafrika, mit ihrem Epizentrum in Syrien) reichen ins Innere der EU und spalten dort die Gesellschaft (von den Flüchtlingen über die Russlandpolitik bis zu den Terroranschlägen im Herzen Europas und dem Erstarken der Populisten). Ein Zerbrechen der EU, das in der Finanz- und der folgenden Staatsschuldenkrise noch verhindert werden konnte („Grexit“), wurde durch die populistische „Kernspaltung“ der britischen Gesellschaft im „Brexit“ Realität. Der Populismus aber greift um sich: von Polen und Ungarn über Österreich bis nach Frankreich und Deutschland. Die Wahl Donald Trumps erscheint Vielen wie der politische Super-GAU. Nun kann man hoffen, dass sich diese Befürchtungen nicht bewahrheiten. Dennoch wird die Neuerfindung Europas von einem frommen Wunsch zunehmend zu einem Erfordernis der internationalen Politik. In einem dramatischen Appell hat Bernd Ullrich in der Zeit vom 10.11.2016 die Wahl von Trump als „Weckruf“ für Europa gedeutet. Der „Kampf um die Demokratie“ sei wieder offen und Europa die einzig verbliebene Macht, „die auf dieser Erde Demokratie und Vernunft verkörpern kann.“

Es braucht eine Erneuerung der politischen Kultur in Europa.

Wenn hinter dem Projekt der Europäischen Einheit und ihren Werten als eigentliche „Gründungskrise“ die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs stand, die Gräuel Hitlerdeutschlands und die moralische Evidenz des „nie wieder!“ – dann scheint die Zeit gekommen, in der man sich nicht mehr auf einer vermeintlichen „Gnade der späten Geburt“ ausruhen kann, sondern für ein Europa der Menschenrechte, der Demokratie und Humanität kämpfen muss. Angesichts von Polarisierungen und Desintegration auf dem gesellschaftlichen und religiösen Feld, erst recht angesichts der Spirale von Terror und Angst, Gegenterror und neuen Feindbildern, stößt die wirtschaftliche und funktionale Legitimation der Europäischen Union an ihre Grenze. Es braucht eine Erneuerung der politischen Kultur in Europa. Damit stellt sich auch die Frage nach den „vorpolitischen Grundlagen des Politischen“ neu. In einer radikal pluralistischen Migrationsgesellschaft müssen die Wurzeln europäischer Identität, die Ressourcen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der öffentliche Ort der Religionen und auch die politische Dimension der Theologie(n) neu verhandelt werden. Dabei verlagern sich die Auseinandersetzungen aus den „Komfortzonen“ einer vermeintlich stabilen liberalen Gesellschaftsordnung in die konfliktreichen Arenen einer pluralistischen, fragmentierten, sozial, kulturell und religiös heterogenen Gesellschaft.

Öffentlich Rechenschaft zu geben von der Hoffnung des Glaubens (1 Petr 3,15) wird von einer fundamentaltheologisch-apologetischen zu einer gesellschaftlich-religionsübergreifenden Aufgabe.

Mit einer Tagung zur „Krise Europas als Herausforderung der Theologie“ hat die deutsche Sektion der Europäischen Gesellschaft für katholische Theologie die „religiöse Pluralisierung, gesellschaftliche Polarisierung und politische Desintegration“ zum Thema gemacht, mit dem Ziel „einen neuen Diskurs um die Zukunft Europas und den Beitrag der Theologie(n)“ zu eröffnen.

Um das Feld zu eröffnen, habe ich zunächst gezeigt, wie die verschiedenen Krisen ineinandergreifen und die Theologie dazu herausfordern, die eigene Rolle und den Beitrag der Religionen für die politische Kultur in Europa zu reflektieren. Dabei geht es nicht nur um die gesellschaftliche Funktion von Religion und die Stellung der Glaubensgemeinschaften, sondern auch um Fragen, die den Kern des Glaubens betreffen und glaubwürdiges Zeugnis in der Zivilgesellschaft verlangen. So, wenn es darum geht, ob eine Gesellschaft es angesichts der Flüchtlingskrise wagt, sich zu öffnen und in eine riskante Zukunft aufzubrechen, statt sich in Verteidigung der eigenen Besitzstände abzugrenzen. Der Zusammenhang von Terror und Angst, aggressivem Islamismus und Islamophobie lässt sich nur durch Menschen und Gruppen unterbrechen, die trotz Gewalt und Spaltung Vertrauen aufbauen und Kommunikation wagen. Öffentlich Rechenschaft zu geben von der Hoffnung des Glaubens (1 Petr 3,15) wird von einer fundamentaltheologisch-apologetischen zu einer gesellschaftlich-religionsübergreifenden Aufgabe, um gegen die Gefahren der Desintegration, der Resignation und des Zynismus Ressourcen für ein „kontrafaktisches“ Vertrauen, für Hoffnung und Menschlichkeit zu mobilisieren. Das Programm von Papst Franziskus trifft hier den Kern: ‚Compassion‘ nicht als Moralismus oder naives ‚Gutmenschentum‘, sondern als eine mitmenschliche und politische Leidenschaft, die aus der Wahrnehmung der Not der Menschen an der ‚Peripherie‘ entspringt. Compassion setzt einer „post-faktischen“ Emotionalisierung des Politischen andere, ebenso starke Emotionen entgegen, die aus dem Kontakt zur verdrängten Realität am Rand der Gesellschaft erwachsen. Die Bedeutung einer solchen Kultur der Compassion für die Frage nach der ‚Seele Europas‘ hat Piotr Kubasiak (Wien) im Rückgriff auf Johann Baptist Metz weiter ausgeführt und die Überlegungen der Reflexionsgruppe „Die geistige und kulturelle Dimension Europas“ von 2002 im Blick auf den Beitrag der Theologie zur Begründung von Solidarität in Europa weitergeführt. Er erinnerte dabei an die Versprechen und Erwartungen von 1989, die in Polen im Zeichen von „Solidarność“ standen. In der Diskussion wurde die Notwendigkeit betont, die politisch-theologischen Impulse mit dem Diskussionsstand in Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft und theologischer Ethik zu vermitteln, damit sie nicht in moralisch-appellativen Forderungen oder in einem unmittelbaren Rekurs auf Glaubenstraditionen verbleiben.

Das Verständnis von Rationalität hat eine politische Dimension.

Den Nutzen klassischer philosophischer Begrifflichkeit für die Vermittlung von Theologie, Gesellschaft und Vernunft machte Markus Riedenauer (Wien) an dem Prinzip des „dividendo et componendo“ deutlich: Auf der einen Seite steht die notwendige rationale und kritische Differenzierung von Problemen und die Unterscheidung von verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und ihrer Eigenlogik. Auf der anderen Seite muss diese Unterscheidung gesellschaftlich integriert und in der Instanz der Vernunft auf die Einheit der Wirklichkeit als Ganzer und auf den Anspruch des Absoluten bezogen werden. Solche Vermittlung ist das Gegenteil von den Kurzschlüssen eines politischen Populismus, eines religiösen Fundamentalismus und eines Szientismus, die je auf ihre Art eine einzige Logik absolut setzen und die differenzierende Integration für überflüssig erklären. Das Verständnis von Rationalität hat also eine politische Dimension – und es wirkt sich auf das Verständnis von Wissenschaft und den Ort der Theologie in der Gesellschaft aus. Johannes Grössl (Siegen) erinnerte in diesem Zusammenhang an die Arbeiten von Karl Popper und seine Strategien einer Überwindung des Irrationalismus und der Sicherung einer offenen Gesellschaft. Dabei wurde die Gefahr diskutiert, dass enge Kriterien von Rationalität ihrerseits Instrument von Herrschaftsansprüchen werden und andere Positionen ausschließen. Erkenntnistheoretisch unterstrich die evangelische Theologin Christiane Nagel (Kiel) die zirkuläre Struktur wissenschaftlicher Arbeit, in der die Voraussetzungen und Überzeugungen der forschenden Person und die Anforderungen einer diskursiv nachvollziehbaren, methodisch reflektierten intersubjektiven Überprüfbarkeit zusammenspielen.

Die Frage nach dem Verständnis und der Bedeutung von Toleranz.

Im Blick auf das Zusammenleben der Religionen und ihren öffentlichen Ort verdichten sich die verschiedenen Verständnisse rationaler Rechtfertigung und gläubiger Gewissheit in der Frage nach dem Verständnis und der Bedeutung von Toleranz. Hilary Mooney (Weingarten) ging den theologischen Gründen einer Wertschätzung von Toleranz und Pluralität bei einigen Kirchenvätern nach. Der Zusammenhang von Toleranz und negativer Theologie, sowie das Verhältnis zur Offenbarungstheologie, zur Israeltheologie und Christologie wurden diskutiert. Veronika Hoffmann (Siegen) machte in ihrem Vortrag deutlich, wie wichtig es ist, ein Verständnis von Toleranz und Glaubensgewissheit auszuarbeiten, in dem die Intensität des Glaubens nicht zu Lasten der Toleranz geht. Neben einer ‚epistemischen Bescheidenheit‘ käme es darauf an, die spezifische, ‚kontingente Gewissheit‘ des Glaubens zur Geltung zu bringen und eine religiöse Begründung von Toleranz auszuarbeiten. Die politische und gesellschaftliche Bedeutung von Toleranz machte der Vortrag des Soziologen und Religionswissenschaftlers Hüseyin Ağuiçenoğlu (Dozent für alevitische Theologie in Weingarten) an der Religionspolitik und den Umgang mit Minderheiten in der Türkei anschaulich. Die hohen Erwartungen an den spezifisch türkischen Laizismus hätten sich nicht erfüllt, da dieser die Beseitigung der institutionellen Macht des Islam mit einer rigorosen, auf staatliche Kontrolle und Uniformität setzenden Religionspolitik verband. Im Zuge der Annäherung an die EU kam es zu einer vorübergehenden Öffnung für Pluralismus und Minderheitenschutz, die aber mit dem Kurswechsel der Regierung Erdogan mittlerweile einer neuen Islamisierung mit den Mitteln staatlicher Religionspolitik gewichen ist. Die Situation der Minderheiten, auch der großen Gruppe der Aleviten, die 20-25% der Bevölkerung ausmachen, ist extrem angespannt.

Nicht Jenseitsorientierung, sondern ein Überspielen der eigenen Schwäche und Angst vor dem Tod führen zu exzessiver Gewaltausübung.

Patrick Becker (Aachen) erinnerte daran, dass die Fragen nach Geltung, Rechtfertigung und Bewährung gläubiger wie nicht-gläubiger Lebensoptionen eng mit Vorstellungen vom Ende des Lebens und der Geschichte verknüpft sind. Er benannte eine Tendenz zur Verinnerweltlichung von Jenseitsvorstellungen, was die Imaginationsräume des Möglichen, die Vorstellungen von Heil und Unheil, die Grenze zwischen Machbarem und Unverfügbarem verschiebt. Dem Phänomen des Terrorismus ging Jürgen Manemann (Hannover) in seinem öffentlichen Vortrag an der Frage nach, warum gerade junge Europäer in den Dschihad ziehen. Er deutete dies weniger als ein spezifisch religiöses Phänomen, denn als Spiegel der inneren Widersprüche der westlichen Gesellschaften, ausgehend von Erfahrungen des Nihilismus und der psychischen Not. Die meisten europäischen Dschihadisten kämen aus religionsfernen Elternhäusern. Nicht Jenseitsorientierung, sondern ein Überspielen der eigenen Schwäche und Angst vor dem Tod führe zu exzessiver Gewaltausübung als Form der Selbstenthemmung, der Selbstexpansion und des Todeskults, mit dem Gefühl der Demütigung, des Identitäts- und Kontrollverlustes kompensiert werden. Der Dschihadismus biete dafür eine Legitimation.

Der tragende Konsens einer Gesellschaft resultiert nicht aus der Schnittmenge nebeneinanderstehender Positionen, sondern muss je neu kommunikativ errungen werden.

Fragen nach der öffentlichen Rolle von Religion und nach der politischen Verantwortung theologischer Reflexion kamen in verschiedenen Perspektiven in den Blick. Moritz Rudolph (Leipzig) stellte die Diskussionen um die Möglichkeit eines europäischen Verfassungspatriotismus dar. Dabei warf er die Frage auf, ob der Europäische Integrationsprozess nicht zunächst eine Phase grundlegender Kritik und Erneuerung durchlaufen muss, damit eine gemeinsame Verfassung oder eine politische Identifikation mit Europa möglich ist. Die Frage nach dem Ort von Religion und Theologie im öffentlichen Diskurs erörterte Maureen Junker-Kenny (Dublin). Gegen unvermittelte Rückgriffe auf vormoderne Traditionen in der angelsächsischen Theologie (etwa: radical orthodoxy) und gegen statische Vorstellungen eines „overlapping consensus“ bei John Rawls plädierte sie im Anschluss an Paul Ricœur für die Verbindung einer hermeneutischen mit einer deontologischen, an Kant orientierten politischen Ethik. Prophetische Kritik der Theologie und die Autorität der Leidenden können auf einer motivierenden und heuristischen Ebene zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen, bedürfen aber der geltungstheoretischen Begründung und ethischen Vermittlung. Der tragende Konsens einer Gesellschaft resultiere nicht aus der Schnittmenge nebeneinanderstehender Positionen, sondern müsse je neu kommunikativ errungen werden – und zwar gerade angesichts der uneingelösten Versprechen der Aufklärung. Zwei unterschiedliche Narrative für eine solche Selbstverständigung boten die engagierten Vorträge von Georg Essen (Bochum) und Karlheinz Ruhstorfer (Dresden). Während Essen die neuzeitliche Aufklärung als ein zur Geltung bringen der autonomen Vernunft, meist gegen den Widerstand der Kirchen, verstand, verwies Ruhstorfer auf die Bedeutung, die das christliche Verständnis der Inkarnation des Logos für die westliche Kultur, für die Anerkennung der Personenwürde und für die Prozesse von Säkularisierung und Aufklärung hatte. Während Essen die kriteriologische Bedeutung autonomer Vernunft auch innerhalb der Theologie betonte, plädierte Ruhstorfer für eine Aufnahme der unterschiedlichen vormodernen, modernen und postmodernen Denkformen in die theologische Arbeit, um die produktiven und humanen Ressourcen des Glaubens für die Gegenwart freizulegen. Indem Essen für die Freiheit als autonomen Rechtsgrund und Sinnprinzip der Verfassung argumentierte, wandte er sich auch gegen restaurative Lesarten des sogenannten Böckenförde-Paradoxon, die dieses etwa für eine christliche Leitkultur instrumentalisieren.

Die Tagung hat damit einen weiten Bogen von gesellschaftsanalytischen und praktischen Fragen der politischen Kultur bis hin zur theorieintensiven Auseinandersetzung um die Rationalität der Theologie und die Bauprinzipien des öffentlichen Raumes geschlagen. Die Vielfalt der Beiträge und der beteiligten Disziplinen hat sich in für mich erstaunlicher Weise zu übergreifenden Fragestellungen zusammengefügt.

Martin Kirschner ist Professor am Lehrstuhl für Theologie in den Transformationsprozessen der Gegenwart der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Beitragsbild: Pixabay.com

 

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