Friedhof der Zukunft

Gemeinschaftsgrabanlage Garten der Frauen Hamburg-Ohlsdorf

Die Bestattungs- und Friedhofskultur befindet in einem grundlegenden Umbruch. Wie sieht der Friedhof der Zukunft aus? Norbert Fischer gibt einen Einblick auf gegenwärtige Trends.

Die Bestattungs- und Friedhofskultur befindet sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem grundlegenden Umbruch. Friedhöfe und Grabstätten verändern ihr Erscheinungsbild. Dieser Wandel lässt sich als Folge der gesellschaftlichen Individualisierung und Partikularisierung charakterisieren.[1]

Er äußert sich auf den Friedhöfen zunächst im Wandel der räumlichen Strukturen und Gestaltungsprinzipien. Die Einzel- bzw. Familiengrabstätte wird dabei tendenziell abgelöst von zumeist naturnah gestalteten, symbolisch besetzten „Themenfeldern“ bei einer zunehmenden Formenvielfalt von Aschenbeisetzungen. Damit überwindet die Entwicklung der Friedhöfe allmählich die eher gleichförmig wirkenden Reformgrabsteine ebenso wie die namenlosen Rasenflächen der anonymen Bestattung. Stattdessen entsteht ein vielfältiges Mosaik modellierter Miniaturlandschaften.

Statt der klassischen Grabstätte entwickeln sich Anlagen, die von neuen sozialen Gruppierungen mit eigener gesellschaftlichen Identität geprägt sind.

Zu den Pionieranlagen gehört der 2001 eingerichtete „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Mit ihm wird zugleich der gesellschaftspolitische Aspekt von Bestattungskultur deutlich: Statt der klassischen familien- oder ehebezogenen Grabstätte entwickeln sich Anlagen, die von neuen sozialen Gruppierungen mit eigener gesellschaftlichen Identität geprägt sind – in diesem Fall der Frauenbewegung. Der „Garten der Frauen“ vereinigt Grabstätten für Mitglieder des gleichnamigen Vereins mit museal aufgestellten Grabdenkmäler bedeutender Hamburgerinnen. Zur Anlage gehören Erläuterungstafeln, Ruhebänke und vor allem vielfältige gartenarchitektonisch-gestalterische Elemente.

Ein weiteres Beispiel: Auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe wurden 2003 und 2007 unter dem Titel „Mein letzter Garten“ neuartige Bestattungsflächen für Aschenbeisetzungen (teils auch für Sargbeisetzungen) in einer homogen gestalteten Miniaturlandschaft geschaffen. Räumlicher Hauptbezugspunkt ist ein von Granitblöcken eingefasster Wasserfall, dem sich ein trocken gefallenes Bachbett als Symbol für das beendete Leben anschließt. Des Weiteren prägen Felssteine, geschwungene Wege, alter Baumbestand und Rasenflächen die Beisetzungslandschaft. Die Urnengräber sind als Gemeinschaftsgrabanlagen konzipiert. Den Verstorbenen wird auf gemeinschaftlichen Erinnerungsmalen aus Stein und Holz – darunter ein künstlerisch gestalteter Eichenstamm – gedacht.

„Memorial-Gärten“:  themenbezogene Miniaturfriedhöfe innerhalb regulärer Friedhöfe

Vergleichbar sind die erstmals 2009 vorgestellten „Memoriam-Gärten“. Es handelt sich um themenbezogene Miniaturfriedhöfe innerhalb regulärer Friedhöfe, betreut vom Bund deutscher Friedhofsgärtner. Inzwischen gibt es mehrere solcher Themenanlagen, unter anderem in Aachen, Berlin-Steglitz und -Zehlendorf, Duisburg-Waldfriedhof, Bonn und Saarbrücken-Dudweiler. Ähnlich ausgerichtet sind die von Friedhofsgärtner-Genossenschaften in Kooperation mit den Friedhofsverwaltungen angelegten „Bestattungsgärten“ in Köln und Bergisch-Gladbach. Auch sie sind als Landschaftsgärten en miniature gestaltet, in die die Gräber ohne feste Grenzen hineinkomponiert sind. Ähnliches gilt für die seit 2011 angebotenen so genannten „Paargräber“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg.

Hingegen zeigt sich im Vergleich zu diesen durchmodellierten Anlagen der 2006 auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf eingerichtete „Ruhewald“ als fast unberührte Waldlandschaft. In dem Mischwaldbestand werden um Bäume herum Urnengräber angelegt. Namen von Verstorbenen werden auf gravierten Schildertafeln vermerkt. Der natürliche Charakter der Waldlandschaft bleibt erhalten. Blumenschmuck und Gestecke können entlang des Erschließungsweges abgelegt werden.

Beispiele zeigen eine gänzliche Auflösung der traditionellen Friedhofsstruktur.

Wurden die genannten Anlagen noch in die klassische Friedhofsstruktur integriert, so zeigen andere Beispiele eine gänzliche Auflösung der traditionellen Friedhofsstruktur. Dies gilt beispielsweise für die Aschenbeisetzungsanlage des „Friedgartens Mitteldeutschland“ in Kabelsketal bei Halle/Saale. Es ist ein homogen gestalteter Natur- und Kulturraum, in den Einzel- und Gemeinschaftsgrabstätten gleichsam hineinkomponiert sind. Durch spezielle Namensgebungen erhalten die einzelnen Bereiche eine spezielle Atmosphäre und Bedeutung. Auf vergleichbare Weise unterscheidet sich der „freie Friedhof“ des Bestattungsunternehmens Pütz-Roth in Bergisch-Gladbach von traditionellen Anlagen.

Die gänzliche Auflösung klassischer Friedhofsstrukturen gilt auch für den so genannten Naturfriedhof „Garten des Friedens“ in Fürstenzell bei Passau. Klassische Grabstätten sind nicht mehr zu erkennen.Vielmehr sind vielfältig gestaltete Erinnerungsorte in eine weitgehend naturbelassene Landschaft eingefügt. Der Fürstenzeller Naturfriedhof ist nach den Prinzipien der Geomantie, also der europäischen Variante von Feng Shui, gestaltet worden.

Formen der Naturbestattungen sind eine Reaktion auf die aufgekommenen Baumbestattungen in freien Waldgebieten.

In der Zielrichtung ähnlich, aber stärker ökologisch orientiert ist die 2010 im schleswig-holsteinischen Ahrensburg eingeweihte „Wildblumenwiese“. Es handelt sich um ein zwei Hektar großes, von der evangelischen Kirchengemeinde verwaltetes Areal, das in seinen Randbereichen als Aschenbeisetzungsanlage dient. Auch der Berg-Naturfriedhof „Ruheberg“ in Oberried (Schwarzwald) gehört in diese Reihe. Eröffnet im Jahr 2006 als kommunaler Begräbnisplatz, können hier einzelne Urnengrabhaine oder so genannte Friedhaine erworben werden. Bei letzteren handelt es sich um Gruppen von 12 Urnengräbern um einen Baum, die unterschiedliche Gruppierungen abbilden können: zum Beispiel Familien, Freundeskreise, Vereine oder ähnliches.

Diese und andere Formen der Naturbestattung – wie auch schon der oben erwähnte Ohlsdorfer „Ruhewald“ – sind nicht zuletzt eine Reaktion auf die seit Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland aufgekommenen Baumbestattungen in freien Waldgebieten. Diese werden zumeist von privatwirtschaftlichen Unternehmen wie „Friedwald“ und „Ruheforst“ vermarktet. Dabei ist der Baum mit seinem Wurzelwerk in einem möglichst naturbelassenen, freien Waldgebiet Grabstätte und Grabzeichen zugleich. Je nach ortsspezifischen Bedingungen und Anbieter ist es möglich, schlichte Zeichen von Trauer und Erinnerung zu positionieren. Gleichwohl soll die als solche belassene Umgebung des Waldes bewusst naturnah wirken, die Bestattungsflächen sind nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Andere Formen der Naturbestattungen sind See- oder Almbestattungen, die ebenfalls neue, speziell inszenierte Orte von Tod, Trauer und Erinnerung hervorbringen.

Es zeigt sich gegenwärtig eine deutliche Tendenz zu Gemeinschaftsgräbern.

Überführt in gänzlich neue Funktionen wird ein Teil des Begräbnisplatzes im „Park der Ruhe und der Kraft“ auf dem Zentralfriedhof Wien. Diese Anlage ist in fünf verschiedene Landschaftsbereiche aufgeteilt, die unterschiedliche „Kraftorte“ darstellen und jeweils mit skulpturellen Objekten versehen sind. Der in den Zentralfriedhof integrierte Park wird durch Torbögen betreten und verlassen. Er dient als Ort der Kontemplation und Andacht.

In derart gestalteten Wald-, Wiesen- und Gartenflächen lebt das klassische Landschaftsverständnis fort, jedoch in modifizierter und vor allem miniaturisierter Form. Verbunden mit dem Aufkommen naturnaher Miniaturlandschaften zeigt sich gegenwärtig auch eine deutliche Tendenz zu Gemeinschaftsgräbern. Sie repräsentieren – wie das Beispiel des „Gartens der Frauen“ bereits zeigte – neue soziale Gruppierungen jenseits von Ehe und Familie, Klasse und Konfession. Bestimmte soziale Gruppen erhalten auf den Friedhöfen besondere Räume, die einer gestalteten „corporate identity“ unterliegen und in die das Einzelgrab integriert wird.

Bereits Mitte der 1990er Jahre wurden Gemeinschaftsgrabstätten für Menschen eingerichtet, die an AIDS verstorben waren. Eines der frühesten Beispiele in Deutschland stammt vom Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Im Jahr 1995 wurde dort auf Betreiben des Vereines Memento e.V. eine historische, denkmalgeschützte Grabstätte restauriert und und mit dem Schriftzug „Memento“ versehen („Memento I“). Die eingravierte Schleife symbolisiert Verbundenheit und Solidarität mit den Verstorbenen. Auf der Grabstätte sind jeweils die Namen der Toten aufgeführt. Später wurden weitere Gemeinschaftsgrabstätten, auch mit moderner Grabmalgestaltung, angelegt.

Unter einem gänzlich anderem Vorzeichen bedeutsam für neue, gemeinschaftsbezogene Anlagen sind Begräbnis- bzw. Gedenkstätten für totgeborene Kinder (so genannte Stillgeburten.) In der Regel dienen sie – beispielsweise dank regelmäßiger Gedenkfeiern – auch für jene als Erinnerungsort, die dort keine Beisetzung durchgeführt haben. Zu den größten und bedeutendsten dieser Anlagen gehört der 2004 eingeweihte „Sternengarten“ auf dem Hauptfriedhof Mainz. Der Name dieser Grabanlage geht zurück auf eine Passage aus dem Roman „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Eine ähnliche, allerdings weitaus größere Bestattungs- und Erinnerungslandschaft für Kinder ist auf dem Zentralfriedhof Wien zu finden: der so genannte „Babyfriedhof“. Die Inschrift auf der Hinweistafel lautet: „Hier ruhen die Babys, die viel zu kurz bei uns waren“.

Ein vieldiskutiertes neueres Beispiel bilden Gemeinschaftsanlagen für Anhänger bestimmter Fußballvereine. Auf dem Hauptfriedhof Altona in Hamburg begann man 2007 mit der Anlage des stadionähnlich gestalteten „HSV-Friedhofs“: Drei „Tribünenrängen“ dienen der Aufnahme der einzelnen Gräber für Anhänger des Hamburger SV. Die Fläche, die mit Unterstützung des Vereines angelegt wurde, befindet sich direkt gegenüber dem HSV-Stadion. Auch der FC Schalke 04 hat in Gelsenkirchen eine eigene Bestattungsanlage eingerichtet.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich darüber hinaus weitere Formen allgemeiner Gemeinschaftsgrabstätten entwickelt. Diese können an einer besonderen Blumensprache oder einer Pflanzengattung orientiert sein: zum Beispiel eine durch Rosenbepflanzung oder Rhododendren hervorgehobene Grabanlage. Auch symbolische Gestaltungen in Form von Tierkreiszeichen-Anlagen sind bekannt (Hauptfriedhof Saarbrücken).

Die Kolumbariumsbestattung erlebt derzeit eine Renaissance.

Ebenfalls auf dem Hauptfriedhof Saarbrücken zu finden ist eine besonders spektakuläre Variante der Aschenbeisetzung: die seit 2008 angebotenen Urnenpyramiden. Sie beherbergen Kammern für eine oder mehrere Urnen, auf deren Kupfertür Namen und Daten des oder der Verstorbenen verzeichnet werden. Auf einer Balustrade können Kerzen und Blumen aufgestellt werden. Nach Ende der Ruhefrist wird die Urne dann ins Pyramideninnere transloziert. Auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof wird eine ehemalige Friedhofskapelle als Urnenbeisetzungsstätte (Kolumbarium) genutzt. Überhaupt erlebt die Kolumbariumsbestattung derzeit eine Renaissance, wie die inzwischen erfolgte Umwidmung mehrerer Kirchen zu Orten der Aschenbeisetzung dokumentiert (so genannte „Urnenkirchen“).

Auf fast allen größeren Friedhöfen existieren kulturhistorisch-museale Bereiche.

Nicht zuletzt spielt der Friedhof gegenwärtig eine wichtige Rolle als kulturpädagogischer Raum. Dies gilt zum einen für museale Aufstellungen kulturhistorisch bedeutsamer Grabsteine. An vielen Orten engagieren sich Vereinigungen um den Erhalt alter Friedhöfe und Grabdenkmäler – die Friedhofs- und Grabmalkultur wird musealisiert. So gibt es mittlerweile auf fast allen größeren Friedhöfen kulturhistorisch-museale Bereiche, in denen historische Grabdenkmäler neu inszeniert werden. So wurde in den letzten Jahren beispielsweise ein neues Konzept für eine öffentlichkeitswirksame Präsentation der berühmten Seefahrer-Grabsteine auf dem Kirchhof Nebel auf der Insel Amrum erarbeitet.

__

Norbert Fischer ist Honorarprofessor am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie sowie Privatdozent für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte am Historischen Seminar der Universität Hamburg. Dort ist er Teil eines interdisziplinären Forschungsnetzwerkes zu Bestattungsriten.

Bild: Norbert Fischer 

[1] Der vorliegende Beitrag basiert auf Norbert Fischer: Friedhof der Zukunft – Über Bestattungskultur im frühen 21. Jahrhundert. In: Friedhof und Grabmal. Geschichte, Gestaltung, Bedeutungswandel. Red.: Wolfgang Pledl. München 2015, S. 198-209.

Print Friendly