Neues zu Firmung und Weihe

Ottmar Fuchs setzt sein Projekt einer radikalen gnadentheologischen Relektüre, ja Reformatierung kirchlicher Diskurse und Praktiken mit großer Eindringlichkeit fort. Diesmal geht es um Firmung und Weihe. Von Rainer Bucher.

 „Immer gratis, nie umsonst“ seien Sakramente, so Ottmar Fuchs in seinem 2015 erschienen Buch zu den  katholischen Sakramenten.

Blumen in den Himmel geworfen

Anzuzeigen ist jetzt ein gewichtiger „pastoraltheologischer Zwischenruf zu Firmung und Ordination“ des gleichen Autors. Er trägt den schönen, dem 1. Petrusbrief entnommenen Titel: „Ihr aber seid ein priesterliches Volk“.

Nullpunkt der Gnade

Wie schon 2015 spürt man auch diesem neuesten Buch an: Da drängt es einem Altmeister der Praktischen Theologie immer neu zu sagen, was übersehen zu werden droht und zwar auf allen Seiten, bei jenen, die alles beim Alten lassen wollen, wie auch bei manchen allzu eifrigen Strukturreformern: dass die Erwählung des Menschen durch Gott nur dort wirklich ernst genommen wird, wo auch der  „Nullpunkt der Gnade“ ernst genommen wird.

„Es geht mir um die Spiritualität künftiger Pastoral auf der Basis des priesterlichen Gottesvolkes zusammen mit jenen, die für dieses Volk im priesterlichen Amt tätig sind. Im Mittelpunkt steht also nicht zuerst eine machbare Bewältigung der gegenwärtigen Situation, sondern die Perspektive, aus der heraus die Situation wahrgenommen, in ihrer Unsicherheit angenommen, stellenweise verändert und zum Teil ausgehalten werden kann. Es geht um die Erweiterung und Vertiefung des theologischen und spirituellen Bewusstseins hinsichtlich dessen, was uns in der gemeinsamen bzw. darin unterschiedlichen priesterlichen Existenz von Gott hergegeben ist. Aus dieser Perspektive können wir die eigene Not genauso unkaschiert wahrnehmen, bis hin zum Nullpunkt der Gnade, um darin gemeinsam entsprechende Wege und Auswege zu finden.“ (10)

Es ist da nur  konsequent, wenn Fuchs dieses Programm an jenen beiden Sakramenten ausbuchstabiert, die offenkundig zu den gefährdetsten gehören. Die Firmung führt schon länger „eine kümmerliche Existenz im konkreten Leben der Kirche und auch der Gläubigen“ (Karl Rahner). Die Weihe aber war immer schon ein Sakrament nur für wenige. In Zeiten, da das katholische Priestertum durch massive Missbrauchsskandale und radikale Delegitimierung ständischer Ordnungsvorstellungen und ontologisierender Erwählungsdiskurse an einer spezifischen Nulllinie angekommen ist – und das in manchen Diözesen ganz wörtlich – , hängt das Sakrament der Ordination ohne plausible Neubegründung theoretisch, biographisch und pastoral ziemlich in der Luft.

Fuchs versteht die Firmung als Sakrament „des gemeinsamen Priestertums“ (98),  ja als „Laienordination“ (98), das priesterliche Weiheamt aber als „Sakrament der Gnade für die Kirche und die Welt“ (11). Dessen Verbindung mit der kirchlichen Jurisdiktion sei nicht dazu da, die eigene Macht durchzusetzen, sondern die ohnmächtige Macht der Gnade zu repräsentieren und zur Geltung zu bringen. „Die Ordination rechtfertigt nicht die Subordination der Gläubigen unter das, was man selber denkt; vielmehr besteht die Amtsgnade darin, die eigene Glaubenserfahrung und theologische Meinung als Ermöglichung des je besonderen Glaubens und der je besonderen Meinung der anderen einzubringen“ (231).

Das und vieles andere Bedenkenswerte, etwa zum Diakonat (129-179),  startet durchaus bei klassischen sakramententheologischen Referenzpunkten, übersteigt sie aber im Modus einer praktisch-theologischen Radikalisierung. Das liegt weit jenseits pastoraltheologischer Arbeitshilfen, hilft aber eben doch, solche zu entwickeln, etwa konkret in der Frage des Firmalters, wo Fuchs plausibel für biographie- und kultursensible Flexibilität plädiert. Dass Fuchs dabei grundsätzlich „für den Diakonat und für das Presbyterat … offene Zugangsbedingungen voraus(setzt), die sich auf verheiratete und nichtverheiratete Menschen genauso beziehen wie auf Männer und Frauen“ (9) hat der Autor ja auch bereits kürzlich auf feinschwarz begründet.

Denn Gott bin ich und nicht Mann (Hosea 11,9)

Beeindruckende Radikalität

Selbst wer an der einen oder anderen Stelle andere Schlüsse zieht:  Die Radikalität, mit der hier an den prekären Orten Firmung und Weihe theologische Tradition, menschliche Existenz heute und kirchliche Praktiken auf gnadentheologischer Basis in ein kreatives Verhältnis gesetzt werden, beeindruckt. Unterhalb der Radikalität dieses Buches wird man über katholische Sakramente theologisch nicht mehr weiterführend sprechen können.

 

Ottmar Fuchs, »Ihr aber seid ein priesterliches Volk«. Ein pastoraltheologischer Zwischenruf zu Firmung und Ordination,
Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag 2017

Umfang: 272 Seiten
Ladenpreis: 27,- €

 

 

Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz und Mitglied der feinschwarz-Redaktion.

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