GOTT … nach dem pastoralen Kältetod

Kirche und Seelsorge greifen die zentralen Merkmale heutiger Religiosität nicht konstruktiv auf. Damit driftet ihr Reden von Gott in eine Wirklichkeitsferne, die zum pastoralen Kältetod führt, analysiert Ludger Verst.

Option für eine Kirche des Karsamstags

Religion ist en vogue. In modernen Gesellschaften werden die alten, großen Fragen nach dem Sinn in veränderter Form neu gestellt. Was ist mein Platz in dieser Welt? Kann ich meinem Leben jenseits aller Nützlichkeit auch Tiefe verleihen? Gibt es bleibende Werte? Antwortangebote werden heute mehr oder weniger individuell auf Stimmigkeit überprüft und erlebnisbezogen formatiert. Eine früher sich eher sozial und politisch definierende Religiosität tritt heute hinter eine deutlich biografiesensiblere Spiritualität zurück.

Religion ist Selbstthematisierung und Selbstvergewisserung

Das Interesse an religiösen Inhalten bemisst sich weitgehend danach, ob und inwieweit sie Prozesse der Selbstthematisierung und Selbstvergewisserung in Gang setzen. Nicht Orthodoxie und Gemeindebindung sind gefragt, sondern spirituelle Selbsthilfe für sensible Performer. Der anlehnungsbedürftige Einzelgänger will sich im Glauben frei bewegen und vor allem sich selbst spüren; er will spüren, dass er glaubt und was er glaubt.

Kirche zwischen Inszenierung des Außergewöhnlichen …

Die Inszenierung des Außergewöhnlichen, des Spektakulären und Einmaligen wird zum Katalysator für die Erfahrung des „Ganz-Anderen“. Die Nachfrage richtet sich auf eine „ästhetische Performance, wie sie etwa in Riten und Ritualen praktiziert wird, weil hier am ehesten atmosphärisch erlebbar wird, was Religion leisten kann, nämlich Medium zu sein für die sinnliche Repräsentanz des den Sinnen Entzogenen“ (Hans-Joachim Höhn)[1].

„Pastorale Fertigrede“

Was sich so einerseits nüchtern auf den Punkt bringen lässt, stellt sich andererseits als ein bedrückendes Problem pastoraler Praxis dar. Denn jenseits aller Schwerfälligkeiten der Institution, heute am Evangelium Jesu das entscheidend Christliche zu veranschaulichen und dabei den rechten Ton zu treffen, geht die „pastorale Fertigrede“ kirchlicher Kommunikation über das reale Leben der Menschen und deren Bedürfnisse gleichgültig hinweg. Der Pastoraltheologe Stefan Gärtner plädiert für die Notwendigkeit einer sprachlichen Selbstkritik, um das Abdriften in eine sprachliche Sonderwelt genauso wie eine profillose Anpassung an den Mainstream zu vermeiden: Obwohl Seelsorgerinnen und Seelsorger spürten, dass sie mit ihrer Sprache das Ziel nicht treffen, weil gerade die Sprache sie von der Wirklichkeit entfernt, gingen sie doch „leichtmäulig mit dem Namen Gottes um, als hätten sie gerade noch mit ihm gefrühstückt“ (Fulbert Steffensky).

Sprache ohne Wirklichkeit

„Man tut vertraut, obwohl Gott in der eigenen Sprache gar nicht erfahrbar wird. Der Wirklichkeitsverlust der Sprache, der durch wortreiche Sprachlosigkeit kaschiert wird, führt zur Banalisierung dessen, von dem man spricht“[2] — schlimmer noch: er führt zum pastoralen Kältetod Gottes.

… und künstlicher Wiederbelebung

Dieser atmosphärische Tod beschreibt das ganze Dilemma kirchlicher Pastoral, in der es so gut wie nichts mehr zu heilen, noch zu retten gibt. Vor diesem Hintergrund erlangt die jüngst von Judith Müller zitierte „Fremdprophetie“ Robert Schneiders[3] praktische Plausibilität: „Die deutschsprachige Kirche – die katholische wie die evangelische – ist im Zerfallen. Ihr Zerfall (…) kommt dem Erlöschen des Bewusstseins gleich, dem Stillstand des Pulses. Noch hin und wieder bäumt sich ihr sterbender Körper auf. Er wehrt sich mit verzweifelten Konzepten der Hoffnung gegen die Ohnmacht, in die er gesunken ist. (…) Glanz und Herrlichkeit sind vergangen, die Macht zerronnen, die Autoritäten verspielt, die Inhalte verstellt und vergessen gar. (…) Alle künstlichen Wiederbelebungskonzepte, jeder bemühte Neuaufbruch, all die hilflosen Versuche einer scheinbar zeitgemäßen Bild- und Sprachfindung müssen scheitern.“

„Wirklichkeit wichtiger als die Idee“ (Franziskus)

Diese Ohnmacht zu gewärtigen, hieße, „die Wirklichkeit wichtiger zu nehmen als die Idee“ (Papst Franziskus). Es hieße, die Gegenwart Gottes als eine verstörende Präsenz wahrzunehmen, die die vertrauten Diskurse und Ordnungen unbrauchbar macht. Dies wäre ein erster Schritt in Richtung einer eigenen wachen Präsenz in dieser Welt. Hier, mitten im Gefühl der Verletzung, dass die alten Konzepte nicht mehr tragen, dürfte eine neue christliche Gottesbeziehung zu vermuten sein.

Kirche des Karsamstags

Inmitten einer Kirche des Karsamstags wird die Botschaft vom leidenden und sterbenden Jesus von Nazareth auf eine neue Weise anzuschauen und auszuhalten sein. Die Kirche hat durch die Heiligsprechung ihrer eigenen Herkunft und weithin auch ihrer hierarchischen, quasi göttlichen Struktur die Verhärtung und damit die Probleme selbst hervorgebracht, mit denen sie sich im gesellschaftlichen Diskurs seit langem konfrontiert sieht. Diese Gestalt der Kirche liegt nun im Sterben. Als „Leib Christi“ hat die Kirche Anteil am Leiden und Sterben ihres Herrn, wie sie auch Anteil hat an seiner Auferstehung. „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben“ (1 Kor 15, 14-15a).

Heraus aus den Hochburgen …

An dieser Positionierung hängt gleichsam die Existenzfrage der Kirche selbst. Denn so wenig es ausreicht, den Namen des Auferstandenen in salbungsvollen Dokumenten aufzuführen oder in Liturgie-Hochburgen weihevoll aufleben zu lassen, so wenig lässt sich diese Frage heute noch akademisch, konfessionell, eben traditionell dogmatisch beantworten.

Johann Baptist Metz äußert den Verdacht, dass der christlichen Dogmatik „der Weg und die Zeit zwischen dem Karfreitag und dem Ostersonntag abhanden gekommen“ seien. Dabei müsse innerhalb der Christologie gerade die „Karsamstagsatmosphäre“ kenntlich gemacht werden: „Es gehören Karsamstagserfahrungen dazu und eben eine Art Karsamstagssprache (…), die nicht, wie im Mythos, eine reine Siegersprache ist.“[4]

Für eine Karsamstagskirche wäre es bedeutsam, den unbemerkten Hintergrund, vor dem thematisch so etwas wie Geist, Hoffnung oder neues Leben spürbar werden könnte, selbst zum Thema zu machen. Nur so ließe sich der Horizont, in dessen Kontext sich die Dinge zu zeigen vermögen, auch selber ins Auge fassen, statt diesen immer schon dogmatisch vorauszusetzen.

… hinein in die Erforschung des Hintergründigen

Kurzum: Eine phänomenologische Neuorientierung kirchlicher Rede tut not. Sie löste die zementierten Gegensätze von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, Kirchlichem und Weltlichem, von Innen und Außen, Unten und Oben auf und wäre imstande, zwischen diesen Polen zu vermitteln, ja, die sich öffnenden Zwischenräume allererst wahrzunehmen und als Spielräume zu nutzen. Hier, an und auf den Schwellen und Übergängen, zwischen Karfreitag und Ostern, ließen sich neue Erfahrungsräume von Religion und christlichem Glauben gewinnen.

Gott an und für sich gibt es nicht.

Wer die Dinge, wie sie sich zeigen, zum Leitfaden macht, identifiziert Pastoral nicht mehr länger mit einem Handeln nach Regeln und dem Anwenden von lehrhaftem Wissen, sondern meint zunächst die ganz ursprüngliche Situiertheit des Menschen in seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Zu einer solchen Wahrnehmung gehören Ereignisse, Schriften, Orte und Zeiten, Personen, Rollen und Ämter, die als religiös, göttlich oder heilig erlebt, bezeichnet und behandelt werden. „Das Als artikuliert keine verborgene Phänomenstruktur, sondern macht die Perspektive explizit, in der das Phänomen erscheint.“[5]

Die Karsamstagssituation annehmen

Im strengen Sinne gibt es nichts Religiöses, das schlechterdings religiös ist. Auch Gott an und für sich gibt es nicht. Das Religiöse oder Göttliche ist keine Entität. Es besteht nicht aus vorgefundenen Qualitäten, wie es die schlichte Rede von religiöser Erfahrung suggeriert. Das Als markiert eine kritische Schwelle, vor der jede Rede von Gott steht, die ihrem Zeugnis, der memoria passionis, mortis et resurrectionis Jesu Christi, treu bleiben und gerecht werden will.

„Nichts ist unmöglich …“

Leiden, Sterben und Auferstehen sind die maßgeblichen Erfahrungs- und Hoffnungswerte einer Kirche, die ihre Karsamstagssituation annimmt und zu gründlicher Selbsterforschung nutzt —, die ihre Lufthoheit über das Himmlische in eine Erforschung des Irdischen, ihr Überfliegersein in eine Spiritualität von unten verwandelt. Dann würde sich auch ihre Sprache wandeln. Und ihre Begriffe würden ebenso sinnvoll wie verstehbar sein. Gott, Geist und Auferstehung lassen sich entweder in lebendige, besser noch: erlebte Geschichten übersetzen oder sie taugen nicht.

Erzählen, was wirklich, wahr und wichtig ist

„Auferstehung kann ich nur verstehen, wenn ich schon hier und jetzt Auferstehungserfahrungen machen kann, zum Beispiel nach einer schlimmen Niederlage. Mein Heilwerden und mein Neubeginn sind meine Auferstehung. Das verbindet mich mit Jesus von Nazareth. Als Verbrecher hingerichtet, hat Gott ihn nicht im Tod gelassen, sondern von den Toten auferweckt. Das kann für mich nur dann wirklich, wahr und wichtig sein, wenn ich mit einer Macht rechne, bei der dies möglich ist. Und wenn schon bei Toyota nichts unmöglich ist, um wie viel mehr dann erst bei Gott.“[6]


Ludger Verst ist Inhaber von INTERFAITH – Labor für soziale Kommunikation – in Dreieich/Frankfurt. Neben seiner publizistischen Arbeit und Lehrtätigkeit, von 2000 bis 2013 auch als Ausbildungsleiter an der Journalistenschule ifp in München, ist Verst Schul- und Krisenseelsorger im Bistum Mainz.
Bild: talgat-baizrahmanov / unsplash.com

[1] Unveröffentlichtes Manuskript.

[2] Stefan Gärtner: Evangelium und Spache als Thema der Pastoral, in: ɛὐangel – Magazin für missionarische Pastoral, 1. Jahrgang, Heft 2, Dezember 2010, S. 11.

[3] Judith Müller: „Nichts ist zu tun – ohne in Tatenlosigkeit zu versinken.“ — http://www.feinschwarz.net/nichts-ist-zu-tun-ohne-in-tatenlosigkeit-zu-versinken (30.05.2017).

[4] J.B. Metz: Theodizee-empfindliche Gottesrede, in: Ders. (Hg.), „Landschaft aus Schreien“. Zur Dramatik der Theodizeefrage. Mainz 1995, S. 84f.

[5] So äußert sich I. U. Dalferth (Die Wirklichkeit des Möglichen. Hermeneutische Religionsphilosophie. Tübingen 2003, S.129) in deutlicher Distanz zu Michel Henrys Phänomenologie der Inkarnation, in der die Phänomene selbst sprechen (Radikale Lebensphänomenologie. Freiburg/München 1992,  S. 127).

[6] Ludger Verst, Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA) vom 20.12.2005 (Kommentar)

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