Hassrede – zwischen verbaler Aufrüstung, Lüge und Verhetzung

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Es besteht reale Verletzungsgefahr durch Sprache. In Reaktion darauf werden Meinungsfreiheit und Schutz der Menschenwürde gegeneinander ausgespielt. Paul Sailer-Wlasits analysiert die Hintergründe und bietet einen unverhofften Lichtblick: Metaphern der Erwartung.

Lange bevor die Sprache umschlägt und die rhetorische Sprachgewalt zur Gewalt durch Sprache wird, sind bereits erste Ansätze von Verbalradikalismus und Hasssprache, von Lüge und Täuschung beobachtbar. Als diskursive Begleiter des politischen Handelns werden sie besonders an Wendepunkten der Geschichte virulent, so, als ob das Archaische aus der Sprache hervorbräche.

Dass Betrug und Täuschung nicht nur konstitutive Elemente der antiken Imperien und Diktaturen, sondern auch im Kern sämtlicher der europäischen Konstellationen absoluter Macht angesiedelt waren, mag als historische Konstante gelten. Aus welchen Gründen jedoch halten sich Lüge, Täuschung und Betrug auch heute noch, nach Jahrtausenden des zivilisatorischen Fortschritts, in den demokratischen Staatsgebilden der Gegenwart? Woher stammt diese geradezu ikonische Haltbarkeit, die sie sprachlich scheinbar mühelos die Epochen durchschreiten lässt?

Politik und Lüge sind eine nunmehr bereits Jahrtausende währende Mesalliance eingegangen. Ihr gemeinsamer kulturgeschichtlicher Anfang schreibt sich vom Beginn der Narration her, denn das zentrale Charakteristikum der Lüge ist, dass derjenige, der lügt, weiß, dass er die Unwahrheit sagt. Das unterscheidet die Lüge vom Irrtum. Die Absicht zu täuschen ist ein hinzukommendes Wesensmerkmal. Bereits die homerischen Epen wimmeln vor Lügen und Täuschungsmanövern, vom Verschweigen der Wahrheit bis zum bewussten Betrug, doch gerade deshalb wurde Odysseus als „polyméchanos“ von Göttern gelobt und von Menschen bewundert, als geschickt, listig-klug und erfindungsreich.

Der listig-kluge Odysseus als notorischer Lügner oder Proto-Populist?

Maßgeblich war jedoch damals wie heute die Sprache: Pseudos besaß in der Antike den Bedeutungsumfang der Unrichtigkeit, wodurch Lüge und Irrtum in diesen integriert waren. Deshalb erlaubte sich Platon auch, die „edle Täuschung“ zugunsten des Schutzes des Staates gutzuheißen. Indem der Wissende sowohl die Lüge als auch die Wahrheit zu seiner Verfügung hatte und nach Belieben einsetzen konnte, war er der Geschickte, der Könnende. Deshalb galt Odysseus nicht als notorischer Lügner, Betrüger oder Proto-Populist, sondern als Könner und seltsamer Karrierist, dessen Mythos offenbar die Zeiten übersteht.

Mit der Arroganz einer antiken Weltmacht stellte das Imperium Romanum die Rhetorik in das Zentrum politischer Wirksamkeit. Nicht der Wahrheitsgehalt, sondern der Zweck dominierte den politischen Diskurs, der wirkungspsychologische Effekt rechtfertigte jegliche verbale Überhöhung. Vergessen waren die aristotelischen Mahnungen zur Wahrhaftigkeit, die nicht nur in bedeutsamen Anlassfällen, sondern insbesondere dort, wo es nicht darauf ankäme, zur Anwendung gelangen sollten. Die Indezenz des römischen Selbstbewusstseins ließ die Restbestände an edler Staatsgesinnung dahinschmelzen und die Rhetorik wurde als Selbstbefreiung von der Verpflichtung zu Wahrheit geradezu zelebriert. Erst Augustinus führte die moralische Komponente der Verwerflichkeit der Täuschungsabsicht in den Diskurs ein. Mit seinem metaphorischen „cor duplex“, dem doppelten Herz, vollzog er nicht nur eine Abkehr von Platon, sondern auch eine Hinwendung zur geistigen Integrität und Unversehrtheit des Menschen, um zu verhindern, dass ein lügender Mund die Seele töte.

Sprachkatastrophe der Menschheitsgeschichte: Lüge als Methode, das dialogische Miteinander außer Kraft gesetzt.

Doch erst das Zwanzigste Jahrhundert sollte zu der mit Abstand größten Sprachkatastrophe der Kulturgeschichte werden, indem ausgerechnet die Sprache des Deutschen Idealismus in den brutalen Würgegriff des Totalitarismus geriet. Der Nationalsozialismus verleibte sich sprachliche Zeichen, Regeln und Stile ein und spie diese als inhaltlich deformiertes, umcodiertes und pathosdurchsetztes Sprachgut wieder aus. Die Demagogie hatte die Lüge zur Methode erkoren und die Täuschung, den Betrug sowie die Verstellungskunst, das „im-erborgten-Glanze-Leben“ (F. Nietzsche) pervertiert und das dialogische Miteinander final und irreversibel außer Kraft gesetzt.

Die Umwertung von Wörtern führte zur Verzerrung und Vergiftung der deutschen Sprache, Wortkriege und Propagandaschlachten durchsetzten das öffentliche Leben und die Lüge breitete sich wie eine Folie über das Staatsganze. Die superlativische Ausdrucksweise vernichtete jeglichen Humanismus, die auf hysterische Weise ins Monumentale gesteigerte Sprache der politischen „Elite“ bildete jenes Sprachkorsett, das auch Einfluss auf das Denken vieler Menschen ausübte. Kultische Zeremonien eines inszenierten Führerkults ließen die Sprache des Fanatismus zwischen „Krankheit und Verbrechen“ (V. Klemperer) oszillieren. Das Wechselspiel aus persuasivem Vorsprechen der Parteiführer und den rhetorisch gelenkten Antworten der Masse steigerte sich zu jenem narkotischen Begeisterungstaumel, der das NS-Podium zur Kanzel erhob, von der jedoch nur lügendurchsetzte Visionen eines gewaltvollen Reiches verkündet wurden.

Verbalradikalismus und Hassrede: die bewusste Übertretung der bestehenden Ordnung des Diskurses.

Auf solchen verschmutzten Sprachresten, auf solchen pathetischen Täuschungsmechanismen und Lügen basiert der Populismus unserer Tage, mit seinen sprachlichen Insinuierungen, Verbalradikalismen und Hassreden. Denn nicht die Wahrheit, sondern das für wahr Gehaltene reicht für das Gewinnen politischer Mehrheiten aus. Durch sprachlich herbeigeführte Simplifikationen, durch rhetorische Mehrdeutigkeit und die Reduktion von Komplexität werden jene Identifikationsräume erzeugt, in denen gesellschaftliche Mehrheiten bereit sind, sich einzurichten; besonders dann, wenn diese immer weniger an politische Partizipation glauben und fast ohnmächtig den undifferenzierten Scheinlösungen vertrauen.

Doch der Kollateralschaden des Populismus ist gewaltig. Sein rhetorischer Glanz erstrahlt und die polierten Images brauchen einen tiefer liegenden Wahrheitsgehalt der getätigten politischen Aussagen kaum jemals zu beweisen. In Wahlkämpfen haben Wahrheiten auch deshalb nicht Hochkonjunktur, weil es nicht um diese geht, sondern primär nur um das Prestigepotenzial der geäußerten Argumente, die den Inhalt längst verdrängten und in die Unbarmherzigkeit der Timeline hinabsinken ließen.

Das Habhaft-Werden der Mehrheit steht im Zentrum des rhetorischen Marktes des Als und des Als ob, der Verbalradikalismus und seine Eskalation zu Hassrede tragen zur Multiplikation bei. Die Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit vieler Menschen beginnt zwischen konkreter Furcht und diffuser Angst zu oszillieren und viele werden bereit, sogar den identitätspopulistischen Synonymisierungen von Christentum mit dem vagen Begriff Abendland zu vertrauen. Denn die Sprechakte populistischer Politikerinnen und Politiker, die sich selbst Volksnähe attestieren, sind jene des basalen Parteiergreifens: für die Interessen des sogenannten kleinen Mannes, für ein nicht näher definiertes Volk, für beliebige „verallgemeinerte Andere“, wie G. H. Mead dies nannte.

Ein irritierender, verzerrender Kommunikationscode.

Als Phänomen setzt der Verbalradikalismus bereits vor den sprachlichen Wendepunkten im Diskurs an, bevor die Sprache rhetorisch umschlägt und in veränderter Wort- und Satzsemantik sichtbar wird und auch bevor die pejorativen Sprechakte ihre performative Wirkung entfalten. Bereits davor ist der Verbalradikalismus hinsichtlich seiner Stoßrichtung festgelegt; nicht als konkrete syntaktische Form der Aussage, sondern als Intention des sprachlichen Missbrauches, als verbale Abweichung und bewusste Übertretung des Bedeutungshorizontes. Abweichungen vom Diskurs mittels übersteigerter, teils metaphorisch angereicherter Bezeichnungen, mit Synonymen, die Wortbedeutungen lenken, zuspitzen oder gänzlich umwerten, ermöglichen den wirkungspsychologischen Effekt des Verbalradikalismus. In der Sprache der Politik verfügen verbalradikale Äußerungen über erhebliche Sprengkraft, da sie die bestehende Ordnung des Diskurses wie ein irritierender, verzerrender Kommunikationscode stören und untergraben.

Ludwig Wittgensteins Feststellung „Worte sind auch Taten“ läuft nicht nur der Sprechakttheorie wie ein philosophischer Aphorismus voraus, sondern legt auch den inhaltlichen Kern der Hasssprache frei. Überall dort, wo die verbalradikale Sprache den Modus des Allgemeinen verlässt und in einen „Modus der Anrede“ (J. Butler) transformiert wird, entsteht tatsächlich Verletzungsgefahr durch Sprache. Diese erhält durch Strukturen der Wiederholbarkeit und des medial Multiplikativen jene performative Verstärkung, die sie zur wirksam handelnden Sprache macht.

Gegen die sprachliche Aufrüstung: das Hereinnehmen einer möglichen positiven Zukunft.

Das Konkurrenzverhältnis von Meinungsfreiheit mit dem obersten Gebot des Schutzes der Menschenwürde steht auf dem Spiel und wird je nach religiöser, kultureller, politischer bzw. geistesgeschichtlicher Herkunft unterschiedlich interpretiert und gewichtet. Zwischen Verbalradikalismus und Hasssprache oszillierend hat die sprachliche Aufrüstung in Europa und andernorts längst wieder begonnen; doch bereits der frühe Europäer Demokrit wusste: „Das Wort ist der Schatten der Tat.

Sobald sich die politischen Akteure der Gegenwart sprachlich wieder den Sachproblemen zuwenden und glaubhaft von künftigen Lösungen sprechen, lösen sie eine Kettenreaktion positiver Assoziationen aus. Kommende Chancen ergreifen zu wollen ist eine dieser Metaphern der Erwartung, die nicht das Warten auf ein bestimmtes Eintreten bedeuten, sondern ein Hereinnehmen der Zukunft in die Gegenwart, als Vorwegnahme möglicher günstiger Ereignisse. Und obwohl wir wissen, dass wir in der Gegenwart niemals auf direktem Weg das Äquivalent der Zukunft finden können, halten wir uns in der Modalität der Hoffnung sehr gerne sprachlich auf, da sie unsere Gegenwart mit tröstender Wirkung erfüllt.

 

Paul Sailer-Wlasits, geb. 1964, ist Sprachphilosoph und Politikwissenschaftler in Wien. Sein neues Buch „Minimale Moral. Streitschrift zu Politik, Gesellschaft und Sprache“ erschien 2016, im Verlag new academic press.

Forschungsgebiete: Sprachphilosophie, Hermeneutik, Metaphorologie, Diskursanalyse, Philosophie der Mythologie, vorsokratische Philosophie und Ästhetik.
Monografien:
Die Rückseite der Sprache. Philosophie der Metapher“ (2003).
Hermeneutik des Mythos. Philosophie der Mythologie zwischen Lógos und Léxis“ (2007).
Verbalradikalismus. Kritische Geistesgeschichte eines soziopolitisch-sprachphilosophischen Phänomens“ (2012, eBook 2014).
Zahlreiche Texte und Essays zu Politik und politischer Kultur, zeitgenössischer bildender Kunst und philosophischer Ästhetik.

(Photo: C.Falk, pixelio.de)

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