Hemd und Hose: Warum die Theologie politisch nicht kleingläubig werden darf

68er

2018 ist Marx-Jahr. Vor 400 Jahren begann der 30-jährige Krieg, vor hundert endete der Erste Weltkrieg. Vor 50 Jahren erwarb sich eine Generation den Namen 68er. Gregor Taxacher fragt sich, ob eine Botschaft in dieser Zusammenstellung steckt.

Runde Gedenkjahre sind für Verlage und Buchhandel mittlerweile das, was der Muttertag für die Floristik bedeutet. Und so drängeln sich derzeit in den Auslagen Neuerscheinungen zum Dreißigjährigen Krieg, Marx-Biografien und Essays zu den Umbruchsjahren 1918 und 1968. Bedeutet diese Lenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit mehr als eine Art gesellschaftlicher Geschichts-Didaktik?

2018: ein vielfaches Gedenkjahr

Für Immanuel Kant hing an geschichtlicher Erinnerung nicht weniger als die Hoffnung, dass „das menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sei“.[1] Er überwindet die eigene Skepsis gegenüber dieser Hoffnung durch den Hinweis, es gebe in der Geschichte „Begebenheiten“, die „zu groß … und ihrem Einflusse auf die Welt in allen ihren Teilen zu ausgebreitet“ seien, „als dass sie nicht den Völkern bei irgendeiner Veranlassung … in Erinnerung gebracht und zu Wiederholung neuer Versuche dieser Art erweckt werden sollten“.[2] Dabei denkt Kant konkret an die gerade stattfindende Französische Revolution: Mag sie auch in Terror und Diktatur umkippen, der Aufbruch zu einem republikanischen Staatswesen auf dem Boden der Menschenrechte wird unvergesslich sein und sich allein dadurch auf Dauer durchsetzen. Moralisch-politischer Fortschritt hängt für Kant an der Erinnerung, die nicht erlaubt, hinter das einmal Ergriffene zurück zu fallen.

Positive und negative Erinnerungslogiken

Die unvergesslich zum Imperativ werdende Erinnerung ist im 20. Jahrhundert allerdings ins Negative umgeschlagen: Die Schoa ist uns jene „Begebenheit“ geworden, die zu „groß“ ist, um vergessen zu werden, und die laut Theodor W. Adorno den kategorischen Imperativ dahin umformuliert, „dass Auschwitz nicht sich wiederhole“.[3] Von der Hoffnung, die Menschheit bewege sich beständig zum Besseren, ist geblieben, sie möge nicht dem Schlimmsten verfallen.

Vielleicht kann man das Pathos der 68er – in bonam partem – interpretieren als den Versuch, doch noch beide Seiten zusammen zu bringen: Ihr Kampf gegen Altnazis und Notstandsgesetze gilt Adornos Imperativ, doch ihre Hoffnung bezieht sich auf Marx. Und der Aufbruch zur sozialistischen Befreiung sei trotz allen Scheiterns so wenig zu vergessen und zu verlieren wie der bürgerliche Aufbruch, den Kant erlebte.

Heute: Gedenkkultur ist auf Warnung gepolt.

2018 Marx und der 68er gedenkend scheinen wir davon denkbar weit entfernt. Ganze Regionen der Welt erinnern tatsächlich eher an den Dreißigjährigen Krieg: Failed States, transnationale Bürgerkriege, die sich als Religionskriege ausgeben und in denen die Großmächte eifrig mitmischen. In der „westlichen Welt“ haben Anhängerinnen und Anhänger Kants wie auch Adornos alle Hände voll damit zu tun, die Mindeststandards von Demokratie, Humanität und sozialer Gerechtigkeit zu verteidigen. Gedenkkultur ist dadurch eher auf Warnung gepolt als auf Fortschritt.

Die Fixierung auf die Verhinderung des Schlimmsten wirkt fatal.

Doch diese Fixierung auf die Verhinderung des Schlimmsten wirkt fatal. Sie lässt das Schlimme, das ist, als Besseres erscheinen gegenüber dem Befürchteten. Und so verteidigen nun viele tapfer den Parlamentarismus, die traurigen Reste unseres Asylrechts, die Institutionen der EU und das Pariser Klimaabkommen, die vor Jahren noch für den sozialen und ökologischen Umbau eines nicht zukunfsfähigen, weil weder demokratischen noch nachhaltigen Kapitalismus eintraten. Hatten wir nicht begriffen, dass der Ist-Zustand in sich schon apokalyptische Züge trägt[4], dass wir nicht bleiben werden, wenn alles bleibt, wie es ist? Jetzt scheint sich all unser Hoffen darauf zu reduzieren, dass alles wieder werde wie vor Trump und AfD, vor Brexit, Erdogan und Orbán …

Diese Situation fordert auch Theologie heraus. Die Initiatoren einer neuen politischen Theologie beider Konfessionen in der Nachkriegszeit wussten um die notwendige Verknüpfung von Widerstand und Hoffnung: Jürgen Moltmann verbindet die Theologie der Hoffnung mit der des Kreuzes, Johann Baptist Metz Befreiungsgeschichte und gefährliche Erinnerung. Am radikalsten wohl gehören bei Friedrich-Wilhelm Marquardt christlicher Sozialismus und die Theologie nach Auschwitz zusammen.[5] Wie steil das heute klingt, wenn man es nur notiert …

Diese Situation fordert die Theologie heraus. Politische Theologie verknüpft Hoffnung und Widerstand.

Mir scheint, wir stecken in einem politischen, auch intellektuellen Klima, das der alten Redensart Recht gibt, nach der einem im Zweifelsfall das Hemd näher sei als die Hose. Fatal, wenn die „besorgten Bürger“ und jene, die sich wegen der „besorgten Bürger“ Sorgen machen, dies gemeinsam haben. Fatal, weil man gerade bei gerettetem Hemd mit verlorener Hose dennoch nackt dasteht.

Spiegelbildlich zu diesem Rückzug verhält sich die schon ritualisierte Reaktion auf „islamistische“ Terroranschläge in Europa: Regelmäßig wird zum Heldentum stilisiert, wenn wir uns unseren „westlichen Lebensstil“ nicht aus Angst versagen. Vergessen wird dabei, dass die allermeisten Opfer dieses Terrors nicht für einen westlichen Lebensstil sterben, weil sie im Irak, in Afghanistan oder Nigeria ermordet werden, wo dieser kaum erschwinglich ist. Verdrängt wird, dass Konsum und Freizeit-Hedonismus, unser auch auf Kosten anderer gelebtes Privileg, noch nicht das ist, was unsere angebliche „Wertegemeinschaft“ auszeichnen soll. Oder doch? Es ist jedenfalls unser Hemd.

Mit Hemd, aber ohne Hose: nackt

In dieser kleinmütigen Situation sollten sich Theologinnen und Theologen darauf besinnen, dass Apokalyptik und Messianismus zusammengehören. Sie sollten darüber nachdenken, wie sich dies in eine säkulare politische Sprache übersetzen lässt. Wer wenn nicht sie müssten darum wissen, dass Wahrheit auch Wahrheit bleibt, wenn sie chancenlos und zum Scheitern verurteilt erscheint? Der Kleinmut einer weitgehend auf Groko-Koalitionsverhandlungs-Niveau abgesunkenen öffentlichen Debatte über die gesellschaftliche Zukunft ist theologisch gesehen Kleingläubigkeit.

Apokalyptik und Messianismus säkular politisch übersetzen

Warum kommt aus Kirchen und Theologie kaum etwas hörbar Klares zu den nicht beliebigen, sondern notwendigen Entscheidungen angesichts der ökologischen Katastrophe und einer sozialen Spaltung der Welt, von der wir mit der unsere Breiten erreichenden „Flüchtlingskrise“ nur die schwächsten Symptome wahrnehmen (wollen). (Jüngst ein Gesprächsfetzen vom Nebentisch im Café: „Warum kommen die alle aus Afrika? Da ist doch gar kein Krieg.“)

Das Christentum ist eine Erinnerungsgemeinschaft an einen und jene „Begebenheiten“ um ihn, die „zu groß“ sind, um vergessen zu werden und um nicht immer wieder zu „Wiederholung neuer Versuche dieser Art“ anzustiften. Dazu braucht es keine Jubiläumsjahre; diese Erinnerung wird stets ausgerichtet, im Jahreskreis. Gewiss: Damit ist noch keine Politik gemacht. Aber ließen sich die Reich-Gottes-Gleichnisse dieses gefährlich Erinnerten auf unsere Redensart hin nicht so paraphrasieren, dass auch noch sein Hemd verlieren wird, wer es krampfhaft festhält, weil es ihm näher erschien als die Hose?

Grösse und Risiko christlicher Erinnerung und der aktuelle Kleinmut der Jahresgedenken

Auch mit Marx und den 68ern ist heute nicht schon Politik gemacht. Weder ein christlicher noch ein linker Fundamentalismus helfen. Aber sie sind nicht mit Radikalität im guten Wortsinn zu verwechseln. Ist der Ruf nach an die Wurzeln gehenden Veränderungen schon verpönt, weil „Systemveränderung“ inzwischen von den rechten Populisten gepachtet wurde? Dabei meint deren Forderung (wo nicht wirklich verkleidete Nazis unterwegs sind) meist so etwas Diffuses wie „Wir wollen unsere 50er Jahre wiederhaben“. Das Bestehende zu verteidigen, weil es von der falschen Seite angegriffen wird, reicht nicht, wenn dieses Bestehende sozial und ökologisch keinen Bestand haben wird. „Sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen.“[6]

Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen.

Wir können dies wissen. Wir können wieder lauter, öffentlicher, eindringlicher diskutieren, was dies politisch und was es theologisch bedeutet. Nur was erhofft und gefordert wird, lässt sich auch in das unumgängliche Klein-Klein der „Realpolitik“ und „Real-Theologie“ umsetzen. Nur ein Glaube, der die zu versetzenden Berge (Matthäus 17,20) fixiert, gibt die Kraft, die Schüppe in die Hand zu nehmen. Nur messianische Erinnerung lässt unseren Umgang mit Geschichte mehr sein als ein erfreuliches Konjunkturprogramm für den Buchhandel.

Dr. Gregor Taxacher ist Universitätsdozent für systematische Theologie und ihre Didaktik an der TU Dortmund.

Bild: samuel-zeller, unsplash_com

[1] Kant, Der Streit der Fakultäten, Zweiter Abschnitt. Ursprünglich 1798. Online: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3509/1

[2] Ebd.

[3] T.W. Adorno, Negative Dialektik (Frankfurt 31982) 358. Zum Umschlag von Kant zu Adorno vgl. Taxacher, Nicht endende Endzeit. Nach Auschwitz Gott in der Geschichte denken. (Gütersloh 1998) 31 f.

[4] Das habe ich 2012 in „Apokalypse ist jetzt“ nachzuweisen versucht.

[5] Dazu: Andreas Pangritz (Hrsg.): „Biblische Radikalitäten“. Judentum, Sozialismus und Recht in der Theologie Friedirch-Wilhelm Marquardts. Würzburg 2010.

[6] Ansprache von Papst Franziskus beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra (Bolivien), 09.07.2015; https://www.uni-koblenz.de/~didaktik/roe/francisco.pdf (eingesehen am 22.01.2018).

Weiteres von Gregor Taxacher bei feinschwarz.net:

Das philosophische Handwerk. Matthew B. Crawfords „Wiedergewinnung des Wirklichen“

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