»Ich bin Judith«: Ein Nachdenkbericht über meinen Vornamen

Artemisia Gentileschi (1612-1621)

Nomen est omen? Anlässlich ihres Namenstages hat sich Judith Klaiber Gedanken über ihren Vornamen gemacht. Als Leser*in werden Sie mitgenommen auf eine Spurensuche mit offenem Ausgang.

Liebe/r Leser*in,


anlässlich des Namenstages von Judit(h) hätten Sie an dieser Stelle eigentlich eine durchkomponierte, rezeptionsgeschichtlich und theologisch adäquate Reflexion mit feministischer Hermeneutik finden sollen. Am Ende sind für mich jedoch mehr Fragen unbeantwortet geblieben, als dass ein klares Bild davon entstanden ist, was die biblische Figur „Judith“ und damit ihr, mein Name, für mich bedeutet. Der vorliegende Nachdenkbericht ist daher unvollständig. Er ist nicht mehr als eine flüchtige Spurensuche. Alles beginnt mit der Vorstellung meines Namens: »Ich bin Judith.«

Konkreter Anlass, sich über diesen Namen mehr Gedanken zu machen, waren inspirierende Begegnungen mit zwei Namensvetterinnen in Wien. Hinzukommt die Lektüre exegetischer Arbeiten, die sich mit einer feministisch-dekonstruktivistischen Methodik dem Judith-Buch widmen – dieser sex-and-crime-Geschichte[1] im alttestamentarischen Teil (katholischer Lesart) der Bibel mit delikat-theologischem Reiz.

Judit-Buch: ein „einfach nachzuahmendes Emanzipations-Modell“?

Diese exegetischen Arbeiten fragen danach, ob das beschriebene Frauen-Bild im Judit-Buch ein „einfach nachzuahmendes Emanzipations-Modell“[2] ist. Sie erörtern damit das Spannungsfeld zwischen Autonomie und göttlicher Führung und nehmen ernst was Text, Interpretation und Interpret*in unter der Kategorie Geschlecht verstehen.[3]

Gleichzeitig darf natürlich nicht vergessen werden, welch reiche Blüte das Sujet „Judith“ in künstlerischen, literarischen und musikalischen Bereichen gefunden hat. Diese Betrachtungsweise ist jedoch aufgrund der reichhaltigen Eigenständigkeit hier nicht näher in den Blick gekommen – als erste Verweise zum Nachforschen: Gustav Klimt, Friedrich Hebbel, Artemisia Genteleschi (s. Header-Foto), oder auch Siri Hustvedt.

Pastoraltheologische Spurensuche in der unmittelbar-persönlichen Gegenwart

Zwei Frauen aus Wien sind mir bei der Erforschung des Namens als besondere Persönlichkeiten in unserer Gegenwart präsent geworden. Dabei ließ sich feststellen, dass sich aufgrund des gleichen Vornamens scheinbar automatisch eine eigentümliche und intime Verbundenheit ergeben kann:

Judith Kohlenberger ist am Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital und an der Wirtschaftsuniversität Wien als Wissenschaftlerin tätig ist. Sie hat einen interdisziplinären Hintergrund in der Kulturwissenschaft, mit Fokus auf Wissenschaft und Technologie, und veröffentlichte vor kurzem ihre Dissertation zu Begründungsdiskursen in us-amerikanischer Popkultur. Mit ihrer 2015 begonnenen Forschung zu geflüchteten Personen trägt sie fundamentale Erkenntnisse und Zusammenhänge in Bezug auf die beruflichen Qualifikationen von Personen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan zusammen. Dadurch wird das enorme Qualifikationspotential dieser Personen für den österreichischen Arbeitsmarkt fruchtbar hervorgehoben und zugleich die notwendige Einbindung in berufliche Kontexte hinsichtlich des Integrationsprozesses betont. Darüber hinaus ist es ihr ein wichtiges Anliegen, den gesellschaftlichen Diskurs um Flucht und Migration wieder positiver zu besetzen. (Mehr unter: Seite vom Wittgenstein Centre)

Ein gleicher Vorname schafft scheinbar automatisch eine eigentümliche und intime Verbundenheit.

Judith Pühringer ist Betriebswirtin und Expertin in den Bereichen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik und seit 2004 Geschäftsführerin von arbeit plus, einem Netzwerk gemeinnütziger, arbeitsmarktpolitischer Unternehmen in Österreich. Neben der Kampagne „Auch das ist Arbeit“ konnte in diesem Jahr die Aktion 20.000 als Erfolg verbucht werden: Mit der Aktion 20.000 wurde Ende Juni eine Gesetzesänderung in Österreich zur Abstimmung gebracht, von der langzeitbeschäftigungslose Menschen über 50 Jahren profitieren. Ihnen soll die Chance einer sinnvollen Beschäftigung in Gemeinden und Sozialen Unternehmen geboten werden, um dadurch nicht zuletzt eine Möglichkeit zur Selbstentfaltung und zum sozialen Austausch zu erhalten. Zudem ist Judith Pühringer im Koordinationsteam der Armutskonferenz vertreten und engagiert sich für den Aufbau einer Alternativbank in Österreich. (Mehr unter: Link zur Seite von arbeit-plus

Und ich? Was macht mein Name mit mir? „Ich bin Judith.“

Ich bin Judith, eine junge Frau aus dem Schwarzwald. Aufgewachsen mit zwei Brüdern namens Thomas und Tobias. Klassische biblische Namen. Soweit nichts Auffälliges – wenn nicht das Theologiestudium wäre. Was bedeutet es für eine katholische Theologin in ihrem Verhältnis zum Judentum, wenn sie „Frau aus Jehud“ genannt wird; wenn sie also nach einer Frau benannt ist, die durch die Enthauptung von Holofernes ihr Volk befreit hat? Insbesondere wenn sie einer Generation angehört, deren Großväter im Krieg gekämpft haben und deren Eltern Nachkriegskinder sind?

Was bedeutet es für eine katholische Theologin, wenn sie Judith heißt?

Und noch mehr, wenn die Frage nach Relevanz und Bedeutung von „Israel“ im eigenen katholischen Theologietreiben ungeklärt und offen ist? Was meine ich eigentlich, wenn ich „Israel“ schreibe: das Land, den Staat, die Geschichte, die Politik, die Personen, die Glaubensgemeinschaft, das auserwählte Volk Gottes? Lässt sich das so überhaupt angemessen auseinanderdifferenzieren?

Was bedeutet die Enthauptung eines Mannes für meine feministische Hermeneutik?

Und was bedeutet schlussendlich die Enthauptung eines Mannes für meine feministische Hermeneutik, die auf eine Befreiung aller Geschlechter von stereotypen Rollenzuweisungen und überkommenen patriarchalischen Strukturen hin arbeitet – inspiriert von zeitgenössischen Autor*Innen wie Laurie Penny, Julia Korbik, Jack Urwin, Margarete Stokowski, Rebecca Solnit; aber natürlich auch Simone de Beauvoir?

Je mehr ich mich mit der biblischen Figur hinter meinem Namen auseinandersetze, desto mehr lerne ich Facetten und Phänomene schätzen, die eventuell für eine breitere Selbst-Reflexion hilfreich sein könnten. Vielleicht ist diese reflexive Haltung der lateinischen Redensart Nomen est omen zu verdanken, oder aber Marion Kobelt-Groch ist zuzustimmen, wenn sie treffend beschreibt: „Judith krallt sich ihre Opfer, um sie nie mehr loszulassen.“[4]

Eine männermordende Witwe: gefährlich aber gegenwartsrelevant.

Das ist gefährlich, ist die biblische Figur doch eine männermordende Witwe, die dem Mann durch das Phallussymbol schlechthin (das Schwert) und mit den Mächten der Verführung und Schönheit den Kopf (die ratio) nimmt. Gleichzeitig wurde, bzw. wird sie dabei aber als gottesfürchtige Heldin verehrt.

Gefährlich, ja, aber gegenwartsrelevant: „Das Juditbuch ist ein Antwortversuch auf die Frage: Was muß erinnert werden, damit wir leben und überleben inmitten einer bedrohlichen und todgefährlichen Welt?“[5]

Ist am Ende vielleicht doch die List ein probates Mittel, den Kampf gegen starre Zuschreibungen von „Geschlecht“ zu führen?

Schlussendlich bleibt die Hoffnung, dass dieses Ringen um die Bedeutung des Namens mit der eigenen Biographie zu einem tieferen Theologietreiben anspornt und dafür argumentiert, sich von überholten Strukturen kämpferisch zu befreien. Ist es aber heute erinnerungswürdig, in diesem Kampf zur absolut äußersten Not, zu eigentlich ablehnenswerten Instrumentarien zu greifen? Ist am Ende vielleicht eher die List ein probates Mittel, den Kampf gegen starre Interpretamente mit klaren Zuschreibungen von „Geschlecht“ zu führen?

Vielleicht regt Sie, liebe/r Leser*in, diese gemeinsame Wanderschaft auf der wechselhaften Spurensuche zwischen Namen und Persönlichkeit ja auch zu einer eigenen Entdeckungsreise ihrer Namenspatronin oder ihres Namenspatronen an. Ein gegenwartsrelevanter Reisetipp für Ihre Spurensuche: Suchen Sie sich Namensvetter*innen und diskutieren Sie über Bedeutungszuschreibungen ihres Namens.

Ihre,
Judith.

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Judith Klaiber ist Universitätsassistentin am Institut für Praktische Theologie in Wien und Koordinatorin des Forschungsverbunds „Interdisziplinäre Werteforschung“ – eine Kooperation der Katholisch-Theologischen Fakultät, der Fakultät für Sozialwissenschaften, der Fakultät für Rechtswissenschaften und der Fakultät für Bildungswissenschaft und Philosophie.

Bild: Web Gallery of Art 

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[1] Vgl. Schmitz, Barbara (2006), Judit / Juditbuch, URL: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/10395/, vom 30. August 2017.

[2] Hellmann, Monika, Judit – eine Frau im Spannungsfeld von Autonomie und göttlicher Führung. Studie über eine Frauengestalt des Alten Testaments, Frankfurt am Main 1992, S. 15.

[3] Radel, Claudia, Judit – über Schönheit, Macht, und Widerstand im Krieg. Eine feministisch-intertextuelle Lektüre, Berlin 2003.

[4] Kobelt-Groch, Marion, Judith macht Geschichte. Zur Rezeption einer mythischen Gestalt vom 16. bis 19. Jahrhundert“, München 2005, S. 11.

[5] Zenger, Erich: „Wir erkennen keinen anderen als Gott an…“ (Jdt 8,20). Programm und Relevanz des Buches Judit, in: Religionsunterricht an höheren Schulen 39 (1996), S. 23-36.

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