„Ich bin wütend und müde.“ Wenn von der Kirche nichts mehr zurückkommt

Christiane Bundschuh-Schramm entdeckt in Hartmut Rosas Resonanzbegriff eine Kategorie, mit der die Lähmung in den kirchlichen Entwicklungsprozessen und die Frustration vieler Hauptamtlichen erklärt werden kann.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart reiht sich in die Gruppe der Bistümer, die einen pastoralen Zukunftsprozess begonnen haben, gerade beginnen oder in Kürze starten. Die Erfahrungen der letzten eineinhalb Jahre sind differenziert, auch gut, aber eine diffuse Form der Ermüdung beim haupt- und ehrenamtlichem Personal hält sich hartnäckig.

Bei einer aktuellen Diskussion um die Fortschritte des Zukunftsprozesses bringen hauptamtliche Mitarbeiter/innen die Stimmungslage auf den Punkt: „Ich bin wütend und müde“. Der Eindruck täuschte also nicht, die verbreitete Müdigkeit konnte bislang nicht überwunden werden, sie paart sich hingegen mit anhaltender Wut.

Nun hat uns Harmut Rosa mit seiner Soziologie der Weltbeziehung ein Erklärungsmodell geliefert, mit dem die herrschende Lähmung beschrieben werden kann. In der Sprache Rosas geht es um eine stumme Weltbeziehung versus einer resonanten Weltbeziehung. Die Gegenüberstellung ist nicht nur beschreibend gemeint, sondern auch normativ. Eine resonante Weltbeziehung ist das Kriterium für gutes oder gelingendes Leben. „Das gute Leben (…) ist das Ergebnis einer Weltbeziehung, die durch die Etablierung und Erhaltung stabiler Resonanzachsen gekennzeichnet ist, welche es den Subjekten erlauben und ermöglichen, sich in einer antwortenden, entgegenkommenden Welt getragen oder sogar geborgen zu fühlen“[1].

Resonante Weltbeziehungen sind das Kriterium für gutes oder gelingendes Leben.

Als Resonanzachsen macht Rosa drei verschiedene ausfindig, nämlich die horizontalen Resonanzachsen, das sind die zwischenmenschlichen und politischen, die diagonalen Resonanzachsen zu den Dingen und die vertikalen zur Welt als Ganzer, zu denen die Religion zu rechnen ist.

Resonanz und Resonanzbeziehungen, so Rosa, sind dann gegeben, wenn Subjekte von dem durchaus fremden „Weltausschnitt“ affiziert und bewegt werden, diesen wirksam zu erreichen, so dass gegenseitige Anverwandlung geschieht. Entscheidend ist dabei, dass beide „Entitäten“ sowohl aufeinander  antworten und mit eigener Stimme sprechen. Es ist also eine wechselseitige Beziehung mit einem Moment des Unverfügbaren, denn Resonanz kann man nicht machen, aber in einem Resonanzraum erfahren. Rosas Anliegen ist es herauszufinden, wie Gesellschaft beschaffen sein muss, um Resonanzräume zur Verfügung zu stellen, in denen Subjekte stabile Resonanzachsen ausbilden können, die wiederum Resonanzerfahrungen wahrscheinlich machen.

Die Beziehung der kirchlichen Subjekte zum Weltausschnitt „Kirche“ ist verstummt.

Liest man die Ich-Aussage der pastoralen Mitarbeiter/innen auf diesem Hintergrund, bleibt nur der Schluss, dass die Beziehung der kirchlichen Subjekte zum Weltausschnitt Kirche verstummt ist. Ihre Resonanzerwartungen, dass sie gleichzeitig Resonanz erzeugen wie erfahren, werden nicht erfüllt.  In der Spätmoderne kommt hinzu, dass Menschen ihre Resonanzerwartungen hauptsächlich auf eine Resonanzachse fokussieren, nämlich die Arbeit. Im Falle ihres Verstummens stehen dann keine Ersatzquellen zur Verfügung, was schnell in die Resignation, in den Zynismus und dann ins Burn-out driften lässt.

Damit ist ein grundlegender Widerspruch sichtbar, der sich seit dem Konzil in der Kirche ereignet hat. Seit dem Konzil gibt es nämlich ein großes Resonanzversprechen, dass das Volk Gottes Kirche ist und daher wirksam Kirche gestalten, mit eigener Stimme sprechen kann und dies eine wirksame Wechselwirkung erzeugt. Um so größer aber das Versprechen um so größer die Erwartungen derer, die nach dem Konzil mit Verve angetreten sind, diese Kirche zu gestalten, zu prägen und auch zu verändern – hauptamtlich wie ehrenamtlich.

II. Vatikanum: ein großes Resonanzversprechen, das sich nicht erfüllt hat.

Hinzu kommt, dass die gleichen Personen den Eindruck erwecken, dass sie nicht nur keine Resonanz erzeugen können, sondern umgekehrt kaum mehr affiziert und berührt werden. Dies dürfte sich wohl auf das beziehen, was Kirche ihnen persönlich zu bieten hat: Die Gottesdienste scheinen auch die nicht mehr zu nähren, die für sie verantwortlich sind; von den Personen, die diese Kirche repräsentieren, scheint kaum ein Funke mehr überzuspringen – wie auch, wenn sie wütend und müde sind.

Offen ist, ob sich der Mangel an Resonanz auch auf die vertikale Resonanzachse der Religion bezieht. Wenn die Spätmoderne mit dem Verstummen der Resonanzachse der Religion einhergeht, legt sich die Vermutung nahe, dass auch kirchliche Mitarbeitende von dem möglichen Verstummen der Resonanzachse der Religion betroffen sind. Religion, so Rosa, besagt ja, dass die Urform des Daseins eine Resonanzbeziehung ist, nämlich da ist eine/r, der/die mir antwortet und entgegenkommt. Die Wechselbeziehung gegenseitiger Anverwandlung gerät ins Wanken, wenn die eine Seite der Beziehung in der Spätmoderne unter Plausibilitätsdruck geraten ist, und dies auch in der eigenen Gottesbeziehung des haupt-  oder ehrenamtlichen Christen.

Offen ist, ob sich der Mangel an Resonanz auch auf die vertikale Resonanzachse der Religion bezieht.

Wendet man Rosas Resonanztheorie auf die Krise der Kirche an, wird deutlich, wie weitreichend die Zukunftsprozesse der Diözesen, von denen der Rottenburger nur einer ist, gehen müssen. Eine Verkürzung solcher Prozesse auf ein bisschen Strukturveränderung oder ein wenig Pastoralkorrektur ist nicht zielführend. Ich bin daher froh, dass die „Ich-Aussage“ meiner Kollegen/innen aufdeckt, was im Sinne eines Zeichens der Zeit aufgedeckt werden muss.

(Bild: Rainer Bucher)

 [1] Hartmut Rosa: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin: Suhrkamp 2016, 59.

Eine Rezension von Rosas Buch durch Michael Schüßler folgt in Bälde auf feinschwarz.net.

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