Identität und Abgrenzung: Ein kirchenhistorisches Schlaglicht auf das Fasten

Fasten hat eine eminent soziale Dimension – und die heute gängige  Einschätzung des Fastens als eine Form der Trauer oder der Buße ist keineswegs selbstverständlich. Daniel Weisser beleuchtet eine Episode aus der spätantiken Kirchengeschichte.

Wachsende Popularität der Kirche – und des Fastens

Im Schatten der sog. Konstantinischen Wende am Beginn des 4. Jhs. vollzieht sich eher unbemerkt noch eine weitere Entwicklung: Der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel, das Fasten also, wird zusammen mit anderen Formen des Verzichts ein Thema von großer innerchristlicher Virulenz. Dabei steht nach der staatlichen Anerkennung der christlichen Religion durch das Toleranzedikt des Galerius von 311 und das Mailänder Protokoll von 313 nichts weniger zur Diskussion als die Frage, wie angesichts der veränderten gesellschaftlichen Situation und der nun in die Kirche strömenden „unzähligen Menschenmassen“[1] erkennbar werden kann, wer es ernst meine mit dem Christentum, mithin also ein verus Christianus sei.

In diesem Diskurs kristallisiert sich sehr bald die Askese[2] als wichtiges Kriterium zur „innerchristlichen Differenzierung […] im Sinne einer Hierarchisierung“[3] heraus. Wer asketisch lebt, hält die Leidenschaften seines Körpers in Zaum und manifestiert damit nach außen hin die Kontrolle über den eigenen Leib und seine Bedürfnisse. Zu einem asketischen Leben zählen als sichtbarste Zeichen der weitgehende Verzicht auf Nahrungsmittel (vor allem die als Luxusgüter geltenden Genussmittel Fleisch und Alkohol) und körperliche Grundbedürfnisse (Schlaf und warme Bekleidung) sowie der idealerweise vollständige Verzicht auf Sexualität[4]. Natürlich werden diese anspruchsvollen Anforderungen nicht von allen erfüllt – und noch nicht einmal von einer Mehrheit. Diejenigen aber, die sich diesem Lebensstil verschreiben, sind  (oder werden) einflussreich und versuchen, andere von diesem Weg zu überzeugen. Augustinus, Ambrosius, Johannes Chrysostomus und Basilius zählen zu diesen zeitgenössischen Avantgardisten.

Fasten als Unterscheidungsmerkmal

Sie werden allesamt auch Bischöfe und haben in dieser Eigenschaft in doppelter Weise mit dem Fasten zu tun. Zum einen treffen sie auf Christen, die ihre Begeisterung für diese entbehrungsreiche Lebensform nicht teilen und bei denen sie für diese Praktiken werben.[5]

Zum anderen begegnen im 4. Jahrhundert an verschiedenen Stellen des Römischen Reichs auch Einzelpersonen und Gruppierungen, die Fasten- und Enthaltsamkeitsforderungen radikalisieren und zum eigentlichen Heilskriterium machen: Wer nicht auf Fleisch und Alkohol, auf Sexualität, Reichtum bzw. Besitz überhaupt verzichtet, kann nach ihrer Auffassung nicht gerettet werden.[6] Fasten und andere Formen des Verzichts werden hier zu einem soziologischen Unterscheidungs- und zugleich zu einem soteriologischen Ausschlusskriterium.

Radikale Asketen und nicht-asketische Christinnen und Christen

Dieses im Wortsinn exklusive Verständnis von Askese führte verständlicherweise zu teils erheblichen Spannungen, wenn radikale Asketen auf nicht-asketisch lebende Christinnen und Christen trafen. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist die nach ihrem Gründer Eustathius von Sebaste benannte Gruppierung der Eustathianer. Sie waren in ihren Praktiken derart radikal, dass um das Jahr 342/3 ein Konzil im kleinasiatischen Gangra – im Umfeld dieser Stadt in der Provinz Paphlagonien ist auch das Epizentrum dieser Bewegung zu sehen – zusammentrat, um sich mit ihren Umtrieben zu beschäftigen. Aus den Konzilsdokumenten erfahren wir von ihren Fastenpraktiken. Sie werden im Synodalbrief zunächst vorgestellt als solche, „die am Sonntag fasten und die Heiligkeit des freien Tages und die in den Gemeinden festgelegten Fastentage verachten und (an ihnen) essen […].“[7]

Hier rückt zunächst das Sonntagsfasten in den Blick. Der Sonntag als der Tag des Herrn ist bei aller Vorliebe und Hochschätzung für das Fasten in der frühen Kirche – und bis heute – immer ein Feiertag und kein Fasttag, selbst in der vorösterlichen Bußzeit. Als Tag der Auferstehung kommt ihm besondere Festlichkeit und Bedeutung zu. Fasten ist also nicht zu jeder Zeit gut und gottgefällig – es gibt Tage der Freude, an denen das Fasten untersagt ist. Konsequenterweise verurteilen die Konzilsväter diese Fastenpraxis der Eustathianer und sprechen ihnen ab, eine richtig verstandene Askese zu leben: „Wenn jemand aus vermeintlicher Askese am Sonntag fastet, sei er ausgeschlossen.“[8]

Umgekehrt verwundert angesichts der strengen Fastenpraxis der Eustathianer die Tatsache, dass sie an den vorgeschriebenen Fasttagen Nahrung zu sich nehmen. Dieses Fastenbrechen wird zum Gegenstand einer eigenen Verurteilung: „Wenn jemand, der asketisch lebt, anmaßend die Fastentage, die der Gemeinschaft der Kirche überliefert sind und von ihr gehalten werden, nicht beachtet, ohne dass dies körperlich notwendig wäre, […] sei er ausgeschlossen.“[9]

Fasten als Provokation?

Insgesamt verurteilen die Bischöfe neben den konkreten Fastendelikten (Fasten am Feiertag; Fastenbrechen am Fastentag) vor allem die dabei zutage tretende Haltung der Eustathianer. Sie begegnen denen, die nicht fasten, mit Anmaßung und Hochmut. Ihr eigenes Fastenbrechen an eigentlich vorgeschriebenen Fastentagen kann vor dem Hintergrund ihres Rigorismus dann nicht inhaltlich-theologisch, sondern nur als Protest-, Abgrenzungs- und zugleich als identitätsbildende Maßnahme verstanden werden. Die Zugehörigkeit zu ihrer (kleinen) Gruppierung zeigt sich nach außen nicht durch Übereinstimmung in bestimmten dogmatischen oder liturgischen[10] Fragen, sondern in erster Linie in der Abkehr von den Ernährungs- bzw. Fastengewohnheiten der (größeren) Gemeinden.

Fasten mit Folgen

Das durch die Eustathianer hervorgerufene Konfliktpotential ist vor allem in der Nähe begründet, die sie und ähnliche Gruppierungen zu den großkirchlichen Gemeinden halten. Sie ziehen sich nicht in die Einsamkeit zurück, sondern praktizieren ihre Askese inmitten der Gesellschaft und im Gegenüber zu den großkirchlichen Gemeinden. Die Eustathianer erheben das Fasten zu einem entscheidenden Heilskriterium und bestimmen also ihre Identität wesentlich durch Abgrenzung.

Am Beispiel der Eustathianer wird sichtbar, dass das Fasten neben seiner den Menschen mit Gott und seinen Mitmenschen verbindenden Dimension auch ein separierendes Potenzial besitzt. Die Haltung, aus der heraus man fastet und seinen Mitmenschen begegnet, gerät bei ihnen aus dem Blick.

Daniel Weisser

Bildquelle: Pixabay

[1] Der römische Bischof Siricius spricht in einem Brief aus dem Jahr 385 von innumerae plebes, die nach der Konstantinischen Wende den Weg zum Christentum gefunden hätten: Sir. Ep. ad Him. 2.

[2] Askese (gr. askeo, wörtlich: üben) wird hier verstanden als tägliche Einübung in eine enthaltsame Lebensführung, die Unabhängigkeit von materiellen Bedürfnissen anstrebt.

[3] Barbara Feichtinger, Quid est autem homo aliud quam caro …? (Tert. adv. Marc. 1,24) Aspekte spätantiker Körperlichkeit, in: Jahrbuch für Antike und Christentum 50 (2007) 5-33; 26.

[4] Die von Barbara Feichtinger angesprochene Hierarchisierung wird ab dem Ende des 4. Jhs. eng mit der sexuellen Askese verknüpft, die von einer individuellen Lebensentscheidung zur Zugangsvoraussetzung für bestimmte kirchliche Ämter wird.

[5] Das geschieht meist im Zusammenhang mit der Ermunterung zur auch sexuellen Enthaltsamkeit in sog. Jungfräulichkeitsschriften, so etwa Johannes Chrysostomus in De Virginitate 30,3.

[6] Einen Überblick über diese Gruppierungen, deren gehäuftes Erscheinen cum grano salis auf das 4. Jahrhundert beschränkt ist, habe ich versucht zu geben in Daniel Weisser, Quis maritus salvetur? Untersuchungen zur Radikalisierung des Jungfräulichkeitsideals im 4. Jahrhundert = Patristische Texte und Studien 70 (Berlin/Boston 2016).

[7] Die Übersetzungen stammen von Daniel Weisser.

[8] Kanon 18 des Konzils von Gangra; Hervorhebung DW.

[9] Kanon 19 des Konzils von Gangra. Als Ausnahmen, die vom Fasten dispensieren, dürften vor allem Krankheit oder Schwangerschaft in Frage kommen.

[10] Wenngleich es Gruppen mit einer strengen asketischen Agenda gab, die teilweise auf Wein bei der Eucharistiefeier verzichteten; weil sie stattdessen ausschließlich Wasser verwendeten, werden sie unter der Bezeichnung Aquarier subsummiert.

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