Identität und Irritation

Dominik Gautier erinnert an den Kulturtheoretiker Stuart Hall und seine Bedeutung für eine rassismuskritische theologische Ethik. Diese Ethik lässt sich nicht festlegen, sondern sucht die Irritation des „Eigenen“. Zugleich stellt er hiermit ein Anliegen des „Netzwerks antisemitismus- und rassismuskritische Religionspädagogik und Theologie“ (narrt) vor, das an der Evangelischen Akademie zu Berlin gegründet wurde.

 

Auf der Suche nach Identität

Die Frage nach Identität steht wieder im Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzung. An den politischen Äußerungen derer, die das „Eigene“ beschwören, wird deutlich, dass ein klar abgegrenztes Selbstverständnis durch die Erfindung und Abwertung der „Anderen“ geschaffen wird. Solche Grenzziehungen sind aber nicht nur ein Phänomen des Extremen. Sie wurzeln schon in den „kleinen“ Behauptungen des „Eigenen“ im Alltag, etwa wenn gesagt wird, dass Jugendliche an deutschen Schulen deutsch und nicht arabisch zu sprechen haben. Die lauten Rufe nach nationaler, religiöser oder kultureller Identität legen offen, was im Blick auf die Identitätsbehauptungen im Alltag oft noch unerkannt bleibt: Identität ist nicht einfach unschuldig. Stuart Hall war es, der diese kritische Perspektive auf Identitäten entwickelte – und mit der er rassistische Unterscheidungsmuster in unserem Zusammenleben aufdeckte.

Identität ist nicht einfach unschuldig.

Rassistische Unterscheidungen

Von Hall kann gelernt werden, dass eindeutige Selbstbilder tendenziell über rassistische Unterscheidungen gewonnen werden. Bei Rassismus handelt es sich um den Versuch, Vorherrschaft zu erlangen und zu legitimieren. Hierbei werden entgegen der Einsicht, dass alle Menschen gleich sind, „wesenhafte“ Identitätsunterschiede zwischen Menschen erfunden. Wenn ein „Wir“ die Macht dazu hat, diese Vorstellung auch gesamtgesellschaftlich akzeptabel zu machen, kann es sich nun Privilegien sichern, die den „Anderen“ nicht zukommen: Ihnen ist schließlich aufgrund ihres „anderen“ Wesens „zu Recht“ weniger gesellschaftliche Teilhabe zuzugestehen. Rassismus, sagt Hall, erscheint heute nicht nur in seiner biologistischen Form: Weniger Rechte für „Andere“ werden also nicht ausschließlich aufgrund der „Rasse“ gerechtfertigt, die vermeintlich an Genen, Haut und Haaren erkennbar ist. Rassismus taucht vielmehr auch in kulturalistischer Gestalt auf, indem Menschen eine unveränderliche kulturelle oder auch religiöse Identität zugeschrieben wird, die „woanders“ ihren „angestammten“ Platz haben mag, „hier“ aber einfach nicht hingehört. Der Begriff der „Rasse“ versteckt sich also im Begriff der „Kultur“. Biologistisch oder kulturalistisch artikuliert, dient Rassismus der Sicherung von Herrschaft. Diese Herrschaft schleicht sich nun in unterschiedlicher Weise in unsere Selbstwahrnehmungen ein, ja wir gewinnen unsere Identitäten durch diese Verhältnisse vermeintlicher Über- und Unterlegenheit: Die „Einen“ können sich als normal, zugehörig und implizit höherwertig begreifen. Die „Anderen“ werden dazu gebracht, sich selbst als nicht zugehörig, problematisch und minderwertig zu verstehen.

„Rasse“ versteckt sich im Begriff der „Kultur“.

Uneindeutigkeit und Widerstand

Die Rede von Identität als Anker in „unsicheren“ Zeiten, sagt Hall, muss verworfen werden – zu schnell verfängt sie sich in rassistischen Rastern. Er gibt den Begriff der Identität aber nicht einfach auf, sondern plädiert dafür, vermehrt die Entwicklungen, Verschiebungen und Vermischungen von Identitäten anzuerkennen – und sieht im Wahrnehmen der kontinuierlichen Bewegungen unserer Selbstverständnisse ein kritisches Potential, das rassistische Diskurse mit ihren erlogenen, festen Identitätsvorstellungen irritieren kann. Ihn interessiert hierbei zum einen der widerständige Umgang mit Identitätszuschreibungen durch ihre Annahme und Umwertung. Dieser wird bis heute in den von Black Power inspirierten Bewegungen praktiziert, indem das in der (christlichen) Bildwelt des Westens negative Symbol der Schwärze in einen Begriff der Stärke und der Schönheit gewandelt wird. Zum anderen widmet er seine Aufmerksamkeit den Lebenswelten von Menschen, deren Selbstverständnisse sich durch Mehrfachzugehörigkeit auszeichnen und damit eindeutiger Identifikation entziehen. Die immer auch von Verletzungen gezeichneten Erfahrungen Mehrfachzugehöriger – zu denken ist an deutsche Juden, Schwarze Deutsche oder Deutsch-Türkinnen, die immer wieder als nicht „richtig“ deutsch angesehen werden – besitzen Hall zufolge das Widerstandspotential der Uneindeutigkeit, das durch das Erzählen langer, komplexer Geschichten über die eigene Identität der „einfachen“ Erzählung den Kampf ansagen kann.

Widerstandspotential der Uneindeutigkeit

Verstrickte Theologien

Dass Rassismus, diese „einfache“ Erzählung, Sünde ist, gehört in das Repertoire theologischer Rhetorik – und doch hat eine vertiefte Auseinandersetzung mit Rassismus bisher nicht stattgefunden. Das an der Evangelischen Akademie zu Berlin gegründete „Netzwerk antisemitismus- und rassismuskritische Religionspädagogik und Theologie“ (narrt) hat es sich zur Aufgabe gemacht, dies anzugehen. Getragen ist diese Arbeit von der selbstkritischen auch an Hall geschulten Einsicht, dass christliche Identitätsbildung verstrickt ist in antisemitische und koloniale Erzählungen. So ist zu kritisieren, dass christliche Freiheit – oft auch subtil in der Rede von Gesetz und Evangelium – im Kontrast zum vermeintlich rechthaberischen, unfreien Judentum profiliert wird. Ebenso muss zu denken geben, dass Schwarze Perspektiven wahrgenommen werden, wenn es um Fragen des kirchlichen Engagements für „Entwicklungspolitik“ geht, nicht aber dann, wenn Vorstellungen weißer Überlegenheit in theologischen Wissensproduktionen herausgefordert werden. So weisen seit Jahrzehnten Schwarze Theologinnen darauf hin, dass vorherrschende Theologien weiße Vorherrschaft stützen, indem sie den Eindruck erwecken, das christliche Bekenntnis könnte zur Sprache gebracht werden ohne auch nur einmal Rassismus in Kirche und Gesellschaft zu erwähnen.

Christliche Identitätsbildung ist verstrickt in antisemitische und koloniale Erzählungen.

Irritierte Ordnungen

Schlichte „Rezepte“ gegen Rassismus gibt es nicht. Viel eher gilt es, mit Hall gedacht, nach Wegen zu suchen, auf denen sich christliche Selbstverständnisse irritieren lassen – etwa durch herausfordernde Relektüren der Figur Jesu, die ihn als Juden, der er war, erscheinen lassen und die ihn zugleich als identifiziert mit dem Schwarzen Einsatz für mehr Freiheit denken. Die Botschaft Jesu wird damit mehr irritieren als zur Profilierung einladen, die den Etablierten nochmal ihre Privilegien sichert. Das Netzwerk versteht die „klassischen“ Sätze, die von christlicher Seite kritisch gegenüber dem Rassismus stark gemacht werden deshalb auch nicht als Bausteine zur Gestaltung einer „guten antirassistischen Identität“. Das „Sein in Jesus Christus“, das alle Unterschiede zwischen Menschen aufhebt (Gal 3,28) ist dann weniger eine Anleitung zum Aufbau einer „richtigen“ Gemeinschaft, als eine ständige kritische Ermutigung dazu, die verletzenden Unterscheidungen, die wir in unserem Handeln für ein gerechteres Zusammensein immer wieder machen, selbstkritisch in den Blick zu nehmen. Auch das Motiv der Gottesebenbildlichkeit, von dem in der Genesis die Rede ist (Gen 1,27), wird nicht „lediglich“ deutlich machen, dass mit ihr allen Menschen die gleiche unveräußerliche Würde zukommt. Mehr noch kann mit ihr ausbuchstabiert werden, was diese bedeutet. So kann die Gottesebenbildlichkeit als Einladung in die Unruhe der Gottesbeziehung verstanden werden: Nehmen sich Menschen als Ebenbilder einer Gottheit wahr, die sich nicht einfach fixieren lässt, bedeutet dies, sich als ein Ebenbild eines Gottes wahr, der sich nicht einfach fixieren lässt, bedeutet dies, sich als ein Ebenbild Gottes nicht einfach auf eine bestimmte Identität festlegen zu lassen. Die Perspektive der Irritation, welche eine rassismuskritische theologische Ethik einnimmt, versteht dies nun nicht als Relativismus, sondern als kreatives Potential, das uns befähigt, aus festen Identitätsmustern der Höher- und Minderwertigkeit auszuziehen. Die Unruhe der Gottesbeziehung verhilft dazu, Distanz zu uns selbst zu nehmen, uns auszuprobieren und uns selbst zum Problem zu machen. Damit könnten wir anders werden – nämlich widerständiger als es die identitäre Logik des Rassismus gern hätte.

 

Dominik Gautier unterrichtet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter Systematische Theologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zu seinen Interessen zählen der theologische Identitätsdiskurs sowie die Rassismuskritik. Er ist Mitglied im DFG-Netzwerk „Schuld ErTragen. Die Kirche und ihre Schuld“ sowie im Mitinitiator des „Netzwerks antisemitismus- und rassismuskritische Religionspädagogik und Theologie“ (narrt).

 

Literaturhinweise

HALL, Stuart, Ausgewählte Schriften, 5 Bände, Hamburg, seit 1989.

MECHERIL, Paul/CASTRO VARELA, María do Mar/DIRIM, İnci/KALPAKA, Annita/MELTER, Claus, Migrationspädagogik, Weinheim und Basel 2008.

Bild: Pressebild zum Film „The Stuart Hall Project“ (2013) von John Akomfrah: http://www.cine-k.de/img/stills/11794.large.jpg

Print Friendly