Kinderspiel und Gottesreich: „Eine Welt, widde widde wie sie mir gefällt“

Spielende Kinder können den Blick öffnen, wie das Reich Gottes mitten unter uns Raum gewinnen kann. Gerrit Spallek verdankt diesen Gedanken zwei Frauen: Astrid Lindgren und der Entwicklungspsychologin Martha Muchow.

In einer Zeit, in der Kinder nicht das Kommando haben (H. Grönemeyer: „Kinder an die Macht“), aber die Kommandanten dieser Welt zunehmend infantil regieren, tut der Blick auf spielende Kinder gut. Von Kindern lässt sich lernen. Das ist biblisch bezeugt. Von ihnen lässt sich aber nicht nur lernen, wie wir ins Himmelreich kommen können (Mt 18,3). Sie geben uns auch einen Fingerzeig, wie das Reich Gottes mitten unter uns Raum gewinnen kann (vgl. Mt 11,16–19). Diese Überzeugung verdanke ich zwei Frauen.

Pippi Langstrumpf hatte sich einer raumtransformativen Taktik verschrieben.

Die erste ist Astrid Lindgren. Sie hat den Mythos von Pippi Langstrumpf geschaffen. Die Hausherrin der Villa Kunterbunt schwor sich, nie erwachsen zu werden, und entlarvte unsere Träume – die Träume der „Toms“ und „Annikas“ – als sozial normierte Utopien. Zudem hatte Pippi sich einer raumtransformativen Taktik verschrieben, die sie wie keine Zweite beherrschte: „Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt“.

In meinen Augen ist der Gehalt dieser Zeile mit keinem kindlich naiven Hedonismus zu verwechseln, sondern vielmehr in Verbindung zu bringen mit Gottes Auftrag an jede Christin und jeden Christen: Bau mit am Reich Gottes! Mach die Welt, die dir anvertraut ist, zu einer Welt, die dir (Mensch) und mir (wahlweise: Gott, Mitmensch oder Mitgeschöpf) gefällt. Es wird deutlich. Hier soll es nicht um (kurzzeitige) Luststeigerung weniger Ausgewählter gehen.

Martha Muchow untersuchte die Großstadt als Lebensraum von Kindern.

Die zweite Frau ist die Entwicklungspsychologin Martha Muchow. Anfang der 1930er Jahre untersuchte Muchow die Großstadt als Lebensraum von Kindern. Anschaulich wird ihre Arbeit anhand ihrer Beobachtungen an einem alten Löschplatz – einem ursprünglichen ›Zweckraum‹ zur Be- und Entladung von Kanalschiffen, um die umliegenden Häuser und Schulen mit Kohle und anderen Massengütern zu versorgen. Dementsprechend ist die Topographie des Löschplatzes karg und funktional ausgefallen. „Erwachsene […] haben diesen Platz für die Zwecke von Erwachsenen angelegt.“[1]

Zur Zeit ihrer Untersuchung interessierten sich die Erwachsenen aber gar nicht mehr für diesen Ort. Umso anziehender scheint er für Kinder zu sein. Bereits die Frage, was zum Löschplatz dazuzugehören scheint, macht deutlich, wie unterschiedlich derselbe Ort wahrgenommen werden kann. Während sich für Erwachsene das konstituierende Zentrum des Platzes unten, in der Nähe des Wassers, befindet, vermutet Muchow für die beobachteten Kinder zwei Mittelpunkte. Einer von ihnen liegt – aus der Perspektive der Erwachsenen – ganz am Rand: das 1,15 m hohe, dreisprossige Holzgitter an der Straße. Hier beginnt der Platz die vorübergehenden Kinder in den Bann zu ziehen.

Kurzerhand verwandelt sich ein Zaun in eine Art Turngerät.

In der Welt der Erwachsenen kommt diesem Gitter eine doppelte Aufgabe zu: Zum einen gliedert es als Grenze den Raum. Zum anderen soll es Passantinnen und Passanten vor dem Hinabstürzen auf den tiefer gelegenen Platz bewahren. Das Gitter wirkt für Erwachsene dementsprechend streng bewegungshemmend. Für die Kinder trägt es geradezu einen Aufforderungscharakter: „Und welche Fülle von Verwendungsmöglichkeiten des Gitters gibt es! Schon für das Sitzen bzw. Hocken auf dem Gitter gibt es mehrere Möglichkeiten: […] Volle Meisterschaft gehört dazu, hier oben zu sitzen, zu ›dösen‹ und auszuruhen, mit Kameraden zu klönen oder gar Bilder zu besehen und zu tauschen. Man kann sich auch bäuchlings über das Geländer legen, mit oder ohne Aufstützen der Füße auf den Erdboden, um dann eine (reizvollere?) Aussicht auf den Platz zu genießen.“[2]

In der Welt der Kinder verwandelt sich ein Zaun – ein sozial fest definierter Gegenstand, dessen Nutzen auf Ausgrenzung und Disziplinierung festgelegt ist – kurzerhand in eine Art Turngerät. Ein Gegenstand, der Bewegungen augenscheinlich unterbinden soll, wird als etwas wahrgenommen, das mannigfache Bewegungsreize auszusenden scheint.

Kinder leben in keinem Paralleluniversum: Den Unterschied machen Wahrnehmung, Deutung und Umgang.

Nun leben Kinder in keinem Paralleluniversum. Der Unterschied der Welt des Kindes und der Erwachsenenwelt ist nicht auf Seiten der Gegebenheiten, sondern eindeutig auf Seiten der Wahrnehmung, Deutung und des Umgangs mit derselben Umwelt zu suchen.

An dieser Stelle lohnt es sich, über die Deutung hinauszugehen, die Martha Muchow ihren Beobachtungen beifügt. Ihr zufolge trainieren die Kinder im Spiel den Alltag der Erwachsenenwelt.[3] Das erinnert an eine Tierdokumentation: In der Wildnis üben die Jungtiere spielerisch die Brutalität tierischen Erwachsenenlebens: jagen/fressen oder gejagt/gefressen werden. Zumindest analog gelten für den Alltag von menschlichen Erwachsenen ähnliche Spielregeln. Dennoch könnte der Unterschied zur Tierwelt erheblicher nicht sein. Denn die Welt, in der Menschen leben, müsste bei weitem nicht so sein, wie sie ist.

Im Spiel können Erwachsene lernen, dass die meisten Funktionen, Definitionen und Disziplinierungen ihrer Welt sozial produziert sind.

Muchows Beobachtungen spielender Kinder scheinen mir als Ausgangspunkte ebenso geeignet, die von ihr in den Blick genommene Zielrichtung des Lernens umzukehren. Im Spiel können nicht nur Kinder lernen bzw. reproduzieren, wie die Welt der Erwachsenen funktioniert. Im Spiel können Erwachsene zugleich lernen, dass die meisten Funktionen, Definitionen und Disziplinierungen ihrer Welt sozial produziert – also kontingent und veränderbar – sind.

Aber nicht nur das: Im Spiel kann nicht nur etwas über die Wirklichkeit erlernt werden. Die Wirklichkeit lässt sich auch – wenn auch nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort – durch das Spiel verändern: wenn etwa Schwerter zu Pflugscharen oder Gewährläufe als Blumenvasen umfunktioniert werden.

Es geht nicht darum, dem Status quo auszuweichen, sondern ihn mit seiner eigenen ausstehenden und erhofften Möglichkeit zu konfrontieren.

Das Gemeinte wird deutlich, wenn der Modus dieses Spiels näher betrachtet wird. Der spielerische Umgang der Kinder findet nicht im Modus reiner Imagination statt: so, als könnte der Zaun auch ein Turngerät sein. Der Modus des kindlich-spielerischen Umgangs mit der Welt lässt sich vielmehr als ein „als ob“ beschreiben, als eine real sich vollziehende und die Wirklichkeit performativ transformierende Projektion einer möglichen Welt – zumindest für den Moment des spielerischen Augenblicks. Kinder gehen mit dem Gitter um, als ob es sich nicht um eine Absperrung und Grenze handelt, sondern als ob das Gitter ein bewegungsförderliches und durchlässiges Turngerät sei. In gewisser Hinsicht machen die Kinder damit tatsächlich ihre Welt zu einer Welt, wie sie ihnen gefällt.

Dieser kindlich-spielerische Umgang im Modus des „als ob“ stellt für mich eine vielversprechende Analogie dar, um über einen angemessenen Umgang von Christinnen und Christen mit dieser Welt nachzudenken. Selbstverständlich geht es nicht darum, dass die Welt ein Turngerät sei. Sehr wohl aber darum, mit der Welt so umzugehen, als ob sie tatsächlich eine andere sein könnte: eine erlöste und versöhnte Wirklichkeit. Das bedeutet nicht, nackte Tatsachen zu ignorieren oder den Kopf vor der Brutalität unserer Welt in den Sand zu stecken. Ganz im Gegenteil geht es darum, dem Status quo unserer Wirklichkeit nicht auszuweichen, sondern ihn mit seiner eigenen ausstehenden und erhofften Möglichkeit zu konfrontieren.

…als ob die Gottesherrschaft bereits irdische Realität sei.

Nicht anders scheint mir Jesus mit seiner Umwelt umzugehen. Er geht mit ihr so um, als ob die Gottesherrschaft bereits irdische Realität sei – und gerade auf diese Weise wird sie erfahrbare Wirklichkeit: Er sammelt Gottes Volk zusammen, dass auch alle Ausgegrenzten einbezieht; er feiert entsprechende Festmahle und spricht den Menschen die Sündenvergebung zu.[4]

G. Agamben: Es fehlt an einer geringfügigen Verrückung des Sinns und der Grenzen dieser Welt.

Ein Pendant dieser Überlegungen findet sich bei Giorgio Agamben, der genau dieses als ob (nicht) (vgl. 1 Kor 7) im Umgang mit der Welt als entscheidendes Merkmal eines messianischen Lebens – also eines Lebens aus der Gewissheit sich ereignender Erlösung – herausstellt. Mitten in der Zeit ermöglicht dieser Umgang mit der Welt eine innere Verwandlung. Damit diese Welt eine Welt werden kann, die unsere bedingungslose Zustimmung verdient, bräuchte es gar keine ganz andere Welt. Was fehle sei ihre Transformation, worunter er lediglich eine geringfügige Verrückung des Sinns und der Grenzen dieser Welt versteht. Festgefahrene Definitionen, Ausgrenzungen und Machtverhältnisse gelte es gerade im Umgang mit ihnen von innen her auszuhebeln. Gerade hierzu versteht Agamben die Kirche und mit ihr alle Christinnen und Christen berufen. Sie sollen die angebrochene Erlösung und Vollendung in dieser Welt leben, so dass diese letzte Wirklichkeit die vorletzten Dinge „deaktiviert, suspendiert und transformiert“.[5]

Gerade das Spiel hebt Agamben als Instrument eines solchen Umgangs mit der Welt hervor. Als einen augenscheinlich völlig unangemessenen Umgang mit einer Sache erlaubt das Spielen die Schöpfung eines gänzlich neuen Umgangs. Das Spiel macht den herkömmlichen Gebrauch einer Sache unbrauchbar und vermag alle verbundenen Festlegungen und scheinbaren Alternativlosigkeiten zu entschärfen. Altbesetzte Definitionen und Stigmatisierungen, die i.d.R. dem totalitären Kult von Kapitalismus, Konsum und Zweckrationalität verschrieben sind, können über das Spiel aufgebrochen (Agamben: profaniert) und auf diese Weise für einen neuen Umgang geöffnet werden.[6]

Ein richtiges Leben, das nach anderen (so gesehen: falschen) Regeln spielt?

Das richtige Leben im falschen ist also eines, das nach anderen (so gesehen: falschen) Regeln spielt? Mit vollem Recht reißen Extrembeispiele (Folterkammer, Todeszelle, Kinderstrich u.v.a.) die gesamte Argumentation aus ihren Angeln. Das hindert aber nicht daran, denkerisch am Ball zu bleiben, damit möglich werden kann, was im Sinne dieses Beitrags „kinderleicht“ erscheint.

In einer Welt, in der Erwachsene wieder vermehrt auf Mauern und Zäune setzen, kann der Blick auf spielende Kinder die Augen öffnen – nicht nur, weil sie wesentlich die Leidtragenden neuer Abschottungs- und Ausgrenzungspolitik sind. Sie halten uns den Spiegel vor: there is no alternative? Wirklich?

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Gerrit Spallek ist Theologe am Institut für Katholische Theologie der Universität Hamburg und Redaktionsmitglied von feinschwarz.net

Bild: Dirk Schelpe / Pixelio.de

Martha Muchow wurde 1933 von den Nationalsozialisten in den Suizid getrieben. Ihre erst spät entdeckten Forschungsleistungen gelten als Pionierarbeit urbaner Sozialforschung. Mehr über Werk und Leben von Martha Muchow findet sich bei einer Laudatio von H. Faulstich-Wieland (PDF).

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[1] Martha Muchow – Hans Heinrich Muchow, Der Lebensraum des Großstadtkindes, Weinheim 2012, 110.
[2] Ebd., 114.
[3] Vgl. ebd., 121.
[4] Vgl. Martin Ebner, Jesus von Nazaret: Was wir von ihm wissen können, Stuttgart 2007, 86–92.
[5] Vgl. Giorgio Agamben, Kirche und Reich, Berlin 2012, 18–23.
[6] Vgl. Giorgio Agamben, Profanierungen, Frankfurt am Main, 2005, 74–87.

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