Konfessionslosigkeit gestalten! Ein Plädoyer dafür, genau(er) hinzuschauen

Ein ›kirchennahes‹ Buch erscheint bei einem religionskritischen Verlag: Eine Studie über »Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularen Humanismus in Deutschland«. Emilia Handke empfiehlt den Titel allen, die mehr über Vergemeinschaftungsformen von Konfessionslosen in Deutschland erfahren möchten.

Wenn man heute in Deutschland bis drei zählt, dann ist der oder die erste katholisch, der oder die zweite evangelisch und der oder die dritte konfessionslos. Diese Drittelung wird sich in Zukunft zugunsten der Konfessionslosen massiv verschieben – die Kirchenmitgliedschaftsprognosen sehen übel aus. Ostdeutschland besitzt dabei wohl lediglich so etwas wie einen »Problemvorsprung« (Peer Pasternack). Waren in den alten Bundesländern im Jahr 1970 nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung konfessionslos, so geht der statistische Zeiger heute der 20 Prozent-Marke entgegen. In den neuen Bundesländern betrifft dies aktuell etwa Dreiviertel der Bevölkerung. Dieser Befund fordert Kirchen wie säkulare Vergemeinschaftungen gleichermaßen heraus.

Konfessionslosigkeit: eher eine »Problemanzeige als eine inhaltliche Beschreibung«

Der Erfurter Hochschulpfarrer und Leiter der Evangelischen Stadtakademie Andreas Fincke, der lange Zeit als Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) gearbeitet hat, nimmt mit seiner Studie »Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland« diese doppelseitige Herausforderung in den Fokus. Bereits der Untertitel zeigt an, dass Konfessionslosigkeit eher eine »Problemanzeige als eine inhaltliche Beschreibung« (Michael Domsgen) darstellt.

Das Vorwort stammt von Horst Groschopp, dem Reihenherausgeber, der geraume Zeit in leitender Position beim Humanistischen Verband Deutschlands tätig war und den mit dem Autor eine langjährige Bekanntschaft verbindet. Er stuft Finckes Studie der atheistischen, freigeistigen und humanistischen Organisationen und Strukturen als »kultursoziologische Gesamtbetrachtung der ›säkularen Szene‹ in Deutschland« (7) ein, welche von eigener Seite bisher gescheitert sei. Dass das Buch mit dem Alibri Verlag aus Aschaffenburg darüberhinaus in einem Organ publiziert worden ist, das bisher durch zahlreiche kirchen- und religionskritische Publikationen in Erscheinung getreten ist, könne als ein Angebot zum Dialog gewertet werden: »Hier ein ›kirchennahes‹ Buch zu veröffentlichen, wird sicher diverse Kritiken von allen Seiten auslösen – von kirchlicher Seite ebenso wie von den im Buch porträtierten Verbänden. Das kann für alle heilsam sein.« (10)

Den Verbänden ist die Forderung nach einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche gemeinsam.

Auf eine Einleitung, in der Fincke die inhaltliche Spannweite von Konfessionslosigkeit zwischen entschiedenem Atheismus, religiöser Indifferenz und spiritueller Offenheit skizziert, folgt die Vorstellung der in Deutschland vorfindbaren kirchen- und religionskritischen Organisationen (Deutscher Freidenker-Verband, Verband der Freidenker der DDR, Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten, Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften, Bund für Geistesfreiheit Bayern, Humanistische Union, Humanistischer Verband Deutschlands).

Mitunter stellen sich den Verbänden dieselben Herausforderungen, vor denen auch die Kirchen stehen.

Viele dieser Verbände haben ihre Arbeit in den letzten 25 Jahren sowohl strukturell als auch inhaltlich neu aufgestellt und intensiviert. Trotz interner Heterogenität ist ihnen allen die Forderung nach einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche (Auflösung der Konkordate und Staatskirchenverträge; Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts, des Einzugs der Kirchensteuer über das Finanzamt, der Theologischen Fakultäten an den Universitäten sowie der staatlich finanzierten Militärseelsorge) gemeinsam. In diesen Verbänden zeigen sich mit der hohen Altersstruktur und der schwachen mitgliedschaftlichen Bindungsbereitschaft jedoch mitunter dieselben Herausforderungen, vor denen auch die Kirchen stehen.

Einen Schwerpunkt legt Fincke auf den Humanistischen Verband Deutschlands, der 1993 gegründet wurde, etwa 20.000 Mitglieder umfasst und gemäß § 4 und § 140 GG als Weltanschauungsgemeinschaft anerkannt und damit den Religionsgemeinschaften rechtlich gleichgestellt ist. Neben der grundsätzlichen Forderung nach einer Trennung von Staat und Kirche bemüht dieser sich, Konfessionslosigkeit vor allem im sozialen Bereich durch ein umfassendes Dienstleistungsangebot (im Blick auf Schwangerschaft, Kindererziehung, Jugend- und Bildungsarbeit, Sozialarbeit, Altenpflege, Patientenbetreuung und Sterbebeistand) zu gestalten. Konkret betrifft dies zum Beispiel das (sehr erfolgreiche) Berliner Modell des Lebenskundeunterrichts sowie die Gestaltung weltlicher Rituale zur Lebensbegleitung.

Fincke präsentiert strategische Allianzen zwischen Laizistinnen/Laizisten, Atheistinnen/Atheisten und weltlichen Humanistinnen/Humanisten.

Ein eigenes Kapitel widmet Fincke dem sog. Neuen Atheismus, als dessen wichtigste Vertreter die englischsprachigen Religionskritiker Richard Dawkins, Sam Harris, Daniel Dennett und Christopher Hitchens gelten können, die mit ihren Schriften die Bestsellerlisten besetzten und somit ein breites Medienecho erzielten. In Deutschland stünde diesem neuen Atheismus in Sprache, Polemik und Diskurs die 2004 als »Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung« gegründete religionskritische Giordano-Bruno-Stiftung nahe – laut Fincke derzeit die einflussreichste laizistische Initiative in Deutschland. Sie setzt nicht so sehr auf mitgliedschaftliche Bindung (im Jahr 2017 kann man von etwa 7.000 Fördermitgliedern ausgehen), sondern auf die Akquise projektbezogener Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Sympathisantinnen und Sympathisanten. Als öffentlichkeitswirksame Initiativen können die Gründung des Humanistischen Pressedienstes (hpd) sowie des einflussreichen Internetportals Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) gelten.

Neben den Jugendweiheverbänden, an deren Feiern seit der Wiedervereinigung mehr als 1,5 Millionen Jugendliche teilgenommen haben, präsentiert Fincke auch die strategischen Allianzen zwischen Laizistinnen/Laizisten, Atheistinnen/Atheisten und weltlichen Humanistinnen/Humanisten in einem eigenen Kapitel. Zwar sei die Initiative zur Gründung eines »Zentralrats der Konfessionslosen« bisher abgelehnt worden, allerdings wurde der Weg zu einem gemeinsamen Dachverband beschritten. Zur Bündelung der Kräfte gründeten Vertreter der elf wichtigsten säkularen Organisationen in Deutschland im Jahr 2008 den Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO), auch um politisch mehr Einfluss nehmen zu können (Kampagne zur Ablösung der historischen Staatsleistungen an die Kirchen, Forderung nach Beteiligung an den Rundfunkräten).

Als Repräsentantinnen und Repräsentanten der Konfessionslosen können diese Verbände nicht gelten.

Weiter sind in den politischen Parteien in den letzten Jahren laizistische Arbeitsgruppen ins Leben gerufen worden (seit 2011 in der SPD, seit 2012 bei Die Linke, seit 2013 bei Bündnis 90/Die Grünen). Neben den Kirchen (Sunday Assembly, 2013 in London entstanden) sowie in bzw. unter Mitwirkung der Kirchen (Feiern der Lebenswende, 1997 in Erfurt entstanden) sind in den letzten Jahren weitere Initiativen gestartet worden, welche das organisationsbezogene Merkmal »Konfessionslosigkeit« inhaltlich ausgestalten wollen.

Obwohl Konfessionslosigkeit als Phänomen massiv gewachsen ist, gelang es den freidenkerischen, atheistischen und humanistischen Organisationen bisher nicht, ihre Mitgliederstärke zu erhöhen (25.000 Mitglieder insgesamt, das sind weniger als 0,1 Prozent der Konfessionslosen und etwa die gleiche Stärke wie vor hundert Jahren). Als Repräsentantinnen und Repräsentanten der Konfessionslosen können diese Verbände daher nicht gelten.

Fincke plädiert zu Recht dafür, die Krisensymptome ernster zu nehmen und den Herausforderungen ungetrübt ins Auge zu blicken.

Trotzdem könnten die Kirchen, die sich in einer Haltung »[z]wischen Ignoranz und Befremden« (135) üben würden, laut Fincke von ihnen lernen, weil sie Positionen vertreten, die von vielen Menschen geteilt würden (z.B. Kritik an der Kirchensteuer, am konfessionellen Religionsunterricht). Er plädiert völlig zu Recht dafür, die Krisensymptome ernster zu nehmen und den Herausforderungen ungetrübt ins Auge zu blicken. Zudem müssten die Interessen der Konfessionslosen im öffentlichen Raum stärkere Berücksichtigung erfahren (z.B. durch Einführung eines nichtreligiösen Angebots für die Begleitung der Soldatinnen und Soldaten, eines Gleichgewichts bei der Besetzung der Rundfunkräte).

Am Ende der Lektüre gilt, dass Finckes aufmerksame und abwägende Studie trotz mancher Redundanzen und einiger weniger Ungenauigkeiten jeder und jedem zu empfehlen ist, die/der das Interesse hat, mehr über die Vergemeinschaftungsformen der Konfessionslosen in Deutschland zu erfahren.

Das Buch: Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme aus kirchennaher Sicht (Humanismusperspektiven 3), Aschaffenburg 2017, 140 S., € 16,- 

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Emilia Handke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Praktischen Theologie der Philipps-Universität Marburg und zugleich Vikarin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland in Hamburg.

Von der Autorin bereits auf feinschwarz.net erschienen:

Zeit, dass sich was dreht. Überlegungen zu einer Kasualpraxis der Zukunft

Bild: Buchcover 

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