Luther 2.0

2017 jährt sich der vermeintliche Thesenanschlag durch den jungen Mönch Martin Luther zum 500. Mal. Der Reformator ist in der Öffentlichkeit allgegenwärtig. Grund genug, sich der Frage zu stellen, wie man mit Luther heute ins Gespräch kommen könnte. Von Isabelle Senn


Pünktlich zum Reformationsjubiläum war er da. Nicht das Kind in der Krippe, sondern der große Reformator unter dem Baum zog an Weihnachten 2016 alle Aufmerksamkeit auf sich. Und ähnlich paradox wie beim Messias im Stall muten hier die lokalen Begebenheiten an: Martin Luther in Form einer Handpuppe ist im Wohnzimmer einer römisch-katholischen Theologin angekommen. Diese Tatsache sorgt für Gesprächsstoff, und ein Gespräch verspricht in der Tat stattzufinden, zumal die Theologin auch Bauchrednerin ist.

Martin Luther im Wohnzimmer einer römisch-katholischen Theologin

Eins ist offensichtlich: Hier treffen im zeitlichen wie im räumlichen Sinne Welten aufeinander. Martin Luther ist in einer anderen Zeit angekommen; der Mann, der im Mittelalter großgeworden ist und dort zeitlebens verwurzelt war, findet sich plötzlich in einem gesellschaftspolitischen Kontext wieder, welcher nicht nur durch die Postmoderne geprägt ist, sondern sich bereits wieder kritisch damit auseinandersetzt. Es ist wohl wahr, dass das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden wird. Wenn sich die reformatorische Entwicklung im 16. Jahrhundert im Rückblick als mehr oder weniger geradlinig nachvollziehen lässt, so soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass für den historischen Martin Luther und seine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen gesellschaftliche, kirchliche und politische Bewegungen gleichermaßen ergebnisoffen waren, wie dies der (nach)postmoderne Zeitenlauf ist, dem sich die Luther-Handpuppe nun gegenübersieht.

Martin Luther hat es – ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils – verstanden, die Zeichen der Zeit zu lesen und darauf zu reagieren.

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg von Luthers Reformation ist gewiss seiner Fähigkeit zuzuschreiben, das aufzugreifen und zu thematisieren, was die Menschen seiner Zeit existentiell umgetrieben hat. Martin Luther hat es – ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils – verstanden, die Zeichen der Zeit zu lesen und darauf zu reagieren. Wenn jener Luther, der sich seit einigen Monaten am Wohnzimmertisch eingerichtet hat, Gehör finden will, reicht es also nicht, die Themen aus dem späten Mittelalter bzw. der frühen Neuzeit wieder anzurichten und aufzutischen. Bilder vom Höllenfeuer und einem strengen Richtergott vermögen heute – glücklicherweise – nicht mehr die Massen zu ängstigen. Doch die Angst als solche hat die Zeiten überlebt. Hierzulande tritt sie zuweilen in Erscheinung im Angesicht des Fremden, das den einzelnen Menschen wie die Gesellschaft als ganze zu einer Standortbestimmung herausfordert und einlädt. Und in einem omnipräsenten Kapitalismus, der nichts verzeiht, wird die Suche nach einem gnädigen Gott wieder virulent, selbst wenn sie hier in säkularisierter Gestalt daherkommt.

Der aufmüpfige Mönch – die knuffige Handpuppe?!

Es erfordert eine gewisse Phantasie, die Figur, die zweifellos den evangelischen Pastor Martin Luther darstellt, mit dem streitbaren Reformator in Verbindung zu bringen, welcher die damalige katholische Kirche – vielleicht nicht auf Anhieb, dafür je länger je mehr – das Fürchten gelehrt hat. Die Puppe blickt so freundlich, dass es schwierig ist, sie in kontroverstheologische Gespräche zu verwickeln. Das vorgerückte Alter, von dem das graue Haar zeugt, und die damit einhergehende Milde, welche in 500 Jahren noch beträchtlich wachsen konnte, erschweren es, in dem Gesprächspartner – auch – den aufmüpfigen Mönch von anno dazumal zu sehen.

Der Handpuppen-Luther ist jedenfalls selbst ein Kind seiner Zeit. Und die knuffige, weiche Figur ist nur eine Erscheinungsweise des Jubilars. Luther begegnet heutzutage auch als Quietsche-Entchen oder als Nudel. Ein Blick in die Auslagen von Fachgeschäften – und zwar relativ unabhängig vom Fach – provoziert einen eigenartigen Verdacht: Hier wird ein Heiliger kreiert. Durch die zahlreichen, vielfältigen und äußerst kreativen Luther-Devotionalien wird zwar noch keine historische Persönlichkeit kanonisiert, wohl aber kommerzialisiert. Der historische Martin Luther hat den Ablasshandel seiner Zeit an den Pranger gestellt. Es wäre eine Frage an sein Handpuppen-Alter-Ego wert, wie er auf eine Konsumgesellschaft blickt, die mit Erfolg auch seine eigene Person zu vermarkten weiß.

What would Luther do – 2017?

Die spannende Frage bleibt ohnehin: Was sagt der große Reformator hier und heute? Was würde ihn an- und umtreiben, käme er in der gegenwärtigen Bundesrepublik tatsächlich nochmals zur Welt? Noch ist der Wortgewandte, der da am Wohnzimmertisch anzutreffen ist, ziemlich wortkarg. Das liegt nicht nur an der Schwierigkeit, die passende Stimme für eine Gestalt solchen Formats zu finden. Es hängt mit der Herausforderung zusammen, mit der die Theologie seit jeher konfrontiert ist und der sich Martin Luther damals mit Erfolg gestellt hat: die Botschaft des Evangeliums in die Sprache einer bestimmten Zeit so zu übersetzten, dass sie auch unter geänderten Vorzeichen ankommt und anspricht. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass es seine Zeit braucht, bis das Gespräch zwischen der römisch-katholischen Theologin von heute und dem evangelischen Reformator von damals in Gang kommt. So bleibt dem Pastor in seinem edlen Talar Zeit, den heutigen Menschen aufs Maul zu schauen, bevor er sich selbst zu Wort meldet. Was er dann sagt, wird sich zeigen oder besser: hören lassen. Und es kann gleichwohl heilsam relativiert werden, zumal der besagte Handpuppen-Luther eine unter vielen Luther-Gestalten ist, die derzeit auf dem Markt zu finden sind. Was der „richtige“ Martin Luther heute sagen würde, bleibt Hypothese. Und so bezeugen und veranschaulichen die zahlreichen Luthers, die in verschiedensten Formen landauf landab ihre Käufer/innen suchen und finden, immerhin eins: Es gibt viele (nicht nur theologische) Meinungen und Interpretationen dessen, wie diese Person damals war und wer sie für heute sein kann. So oder so bleibt es spannend, mit Luther in einen Dialog zu treten.


Isabelle Senn
ist katholische Theologin und Bauchrednerin; derzeit ist sie im pastoralen Dienst in der Schweiz tätig.

Bild: Chrismon/Dorothee Hörstgen

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