Von der Aktualität eines Totgesagten. Karl Marx zum 200. Geburtstag

Zu  Beginn des Jahres 2018, zu Zeiten, da der Kapitalismus offenbart, was in ihm alles steckt, empfiehlt sich eine kritische Relektüre seines größten Kritikers. Von René Buchholz.

„Karl Marx ist tot, Jesus lebt“, jubelte 1989 der damalige Arbeitsminister Norbert Blüm in Danzig. So mutig konnte man vorpreschen, weil die Agonie des ‚real existierenden Sozialismus‘ unübersehbar war. Nach seinem Ableben legte man als Beigabe das Œuvre Marxens gleich mit ins Grab – sicher ist sicher. Dabei hätte es solcher Sorgfalt gar nicht bedurft: Mit der Grablegung Marxens waren schon die ‚Realsozialisten‘ intensiv beschäftigt. Wie tötet man einen Kritiker? Man fertige überlebensgroße Skulpturen an oder meißele seine Thesen in Marmor und Goldschrift an die Wände der Universitäten und vor allem: Man entwickele eine Orthodoxie, die den unzensierten Gedanken auslöscht.

„Daß gesellschaftliches Sein über Bewußtsein gebietet, ist ein aufzuhebender Zustand, kein weltanschauliches Dogma.“ (Alfred Schmidt)

Aber die Kritik verschwindet so wenig wie die Krisen, die nicht per Kabinettsbeschluss beendet werden können. Jenseits des Triumphalismus der Sieger und eines zur Weltanschauung geronnenen ‚Dialektischen Materialismus‘ sorgt nämlich der siegreiche Kapitalismus selbst dafür, dass seinen Apologeten die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Schon vor der Krise von 2008 zeigten die Folgen der neoliberalen Wende, dass die alten Probleme, welche die Marxsche Theorie analysierte, sich auf dem fortgeschrittenen Stand der Gesellschaft reproduzieren und freie Märkte nicht automatisch freie Menschen bedeuten. So ist der 200. Geburtstag Marxens im Jahr 2018 allenfalls Anlass, aber nicht der Grund, nach der Aktualität seiner Theorie zu fragen.

Die alten Probleme reproduzieren sich. Freie Märkte bedeuten nicht automatisch freie Menschen.

Dass bei allem unleugbarem Fortschritt die Menschen zu Anhängseln ihrer eigenen Apparatur wurden, d.h. dass sie aus der Hörigkeit gegenüber der ersten Natur in diejenige der zweiten, von ihnen selbst produzierten übergehen, gehört zu den zentralen Einsichten der Marxschen Theorie. Häufiger wird aus dem Kommunistischen Manifest jener Passus zitiert, wo Marx und Engels geradezu euphorisch die ungeheure Entfesselung der Produktivkräfte beschreiben, die in der Geschichte der Menschheit singulär dasteht; zugleich beseitigt der Kapitalismus mit der ihm eigenen naturwüchsigen Gewalt die Reste der alten Ordnung.

Jenseits kalter und heißer weltanschaulicher Kriege, in die auch Theologen involviert waren, bleibt aber die Frage, ob nicht nach wie vor „der Produktionsproceß die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsproceß bemeistert“ (MEGA II/6, 111). In einem erweiterten Begriff des ‚Produktionsprozesses‘ sind nicht nur Güter, sondern auch die Dienstleistungen eingeschlossen, die inzwischen einen erheblichen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum haben.

Der Kapitalismus als von Menschen produziertes Machtverhältnis: über die angeeignete Natur und über die Menschen, die ihre Arbeitskraft als Ware zu Markte tragen müssen.

Marx begriff den Kapitalismus nicht, wie im ‚Neoliberalismus‘, als sich selbst regulierendes mathematisches System, sondern als von Menschen produziertes Machtverhältnis – als Macht über die zu bearbeitende, praktisch angeeignete Natur und als Macht über Menschen, die nicht selbst über Produktionsmittel verfügen, sondern ihre Arbeitskraft als Ware zu Markte tragen müssen.

Die soziale Asymmetrie und die im Konkurrenzprinzip und Profitinteresse begründeten Krisen sind keine bedauerlichen Ausnahmeerscheinungen; im Kapitalismus ist vielmehr der Ausnahmezustand die Regel. Wolfgang Streeck hat gezeigt, welcher Preis für das permanente Krisenmanagement zu zahlen ist, nachdem der nur wenige Jahrzehnte nach 1945 währende sozialstaatliche Kompromiss seitens des Kapitals aufgekündigt wurde und die Politik auf eine Regulierung der Finanzmärkte weitgehend verzichtete. Freiheit ist die ungehinderte Entfaltung des Kapitals; Gleichheit die fiktive Egalität der Vertragspartner.

Die Rückkehr zu „Freiheit, Gleichheit, Eigenthum und Bentham“, wie Marx ironisch die Gesellschaft im Zeichen von Profit, Warentausch und Konkurrenz bezeichnete (MEGA II/16, 191), verlagerte das Gewicht der Kräfte wieder stärker zugunsten des Kapitals (einschließlich der von Marx noch unterschätzten Finanzmärkte) und schwächte die Position der Anbieter von Arbeitskraft – als hielte die „allpfiffige Vorsehung“ (ebd.) die Gesellschaft im Gleichgewicht und garantierte den Wohlstand aller, während eben diese quasi-metaphysische Voraussetzung schon im 19. Jahrhundert falsifiziert worden ist. Das Überleben des Kapitalismus hing in hohem Maße ab vom liberalen ‚Sündenfall‘, dem staatlichen Interventionismus, der nur dann schädlich zu sein scheint, wenn er zugunsten der Lohnabhängigen erfolgt.

Krisen, die Exploitation von Arbeitskraft und der Zustand der ‚working poor‘ sind also nicht das Ergebnis persönlichen Versagens – wie immer es um die individuelle Verantwortung bestellt sein mag; der ‚Kapitalist‘ ist, wie Marx im ersten Band des Kapital schreibt, nur die „Personifikation ökonomischer Kategorien“ und insofern kann man nicht „den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er social bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag“ (MEGA II/6, 67f). Daraus lässt sich jedoch keine ewig gültige materialistische Lehre vom Menschen gewinnen; die Übermacht der Verhältnisse über die Individuen ist ein zu überwindender Zustand.

Der Marxsche Materialismus ist nicht als geschlossene Weltanschauung zu verstehen, die Christentum und Idealismus ablösen soll, sondern als Instrument der Analyse in praktischer Absicht. Er hält zugleich die Erinnerung daran wach, dass die Menschen von ihrer naturalen Basis nicht schlechthin unabhängig sind. Es liegt aber an den Menschen, diese Abhängigkeit erheblich zu mildern und die soziale Welt – einschließlich des ‚Stoffwechsels mit der Natur‘ (MEGA II/6, 192) – vernünftig einzurichten, die so erst zu ihrer Welt wird.

Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der die Menschen weder Sklaven der Natur noch der von ihnen selbst produzierten Einrichtungen sind.

So sehr die Möglichkeit dazu von objektiven Faktoren – nicht zuletzt vom Stand der Naturbeherrschung – abhängt und nicht allein vom guten Willen, so wenig folgt Geschichte einer strengen Gesetzmäßigkeit oder der Selbstexplikation des Absoluten. Es sind die Menschen, die Ziele formulieren und Mittel zu ihrer Realisierung bereitstellen müssen. In diesem Rahmen hofft Marx jedoch, dass die bestehenden Widersprüche des Kapitalismus ihn über die eigenen Grenzen hinaustreiben und sich die Möglichkeit ergibt, eine Gesellschaft zu etablieren, in der die Menschen weder Sklaven der Natur noch der von ihnen selbst produzierten Einrichtungen sind.

Diese Überlegungen pointierend konnte Adorno schreiben, dass „die Erfüllung des Materialismus … zugleich das Ende des Materialismus“ sei. (Adorno 2016, 635f) Der frühe Marx ging noch einen Schritt weiter und nannte den „Communismus … das aufgelöste Räthsel der Geschichte“ (MEGA I/2, 389) – ein Gedanke, der in seiner Konsequenz trotz Marxens tiefer Abneigung gegen Religion kaum anders als theologisch gefasst werden kann.

So sehr jeder Versuch, über die Gegenwart hinauszugelangen, explizit oder implizit in dem Ziel terminiert, alle Widersprüche zu tilgen und noch die Wunden der Vergangenheit zu heilen, so bleibt endliche Praxis doch, wie es sehr nüchtern am Schluss des Kapital heißt, auf das ‚Reich der Notwendigkeit‘ verwiesen und nur auf ihm erhebt sich das ‚Reich der Freiheit‘, in dem die Menschheit sich vom Bann der perennierenden, von Klassenkämpfen geprägten Vorgeschichte emanzipiert. Vom ‚aufgelösten Rätsel der Geschichte‘ ist denn auch im Spätwerk nicht mehr die Rede.

Die Rede von Erlösung hat sich hier und jetzt, inmitten von Unterdrückung und Ausbeutung, zu bewähren.

Die theologische Marxrezeption wurde lange von der Frage nach dem ‚weltanschaulichen Status‘ der Marxschen Lehre dominiert. Dies zeigte sich nicht zuletzt in der Debatte um die Theologie der Befreiung in den 80er und früher 90er Jahren. Gegenüber dem Marxschen Verdikt, Religion sei Opium des Volkes (MEGA I/2, 171), galt es zu zeigen, dass die Rede von Erlösung sich hier und jetzt, inmitten von Unterdrückung und Ausbeutung, zu bewähren hat – und nicht erst im Jenseits und in den einzelnen Seelen.

Die meisten Befreiungstheologen verstanden die Marxsche Theorie eher in einem heuristischen Sinne und nicht als materialistisches Passepartout. Die lehramtliche Maßregelung der Befreiungstheologie schwächte ihre Position in Lateinamerika zugunsten ‚fundamentalistischer Opiate‘; man geht wohl nicht zu weit, die Vorbehalte, die von konservativen Kreisen Papst Franziskus entgegengebracht werden, auch in jenen Kontroversen zu suchen.

Die anhaltenden Krisen und Konflikte des Kapitalismus, die fortschreitende Degradierung der Menschen zu bloßen Instrumenten der Profitmaximierung empfiehlt auch Theologen und Theologinnen eine Relecture der Marxschen Theorie; denn, wie Adorno schreibt, die „metaphysischen Interessen der Menschen bedürften der ungeschmälerten Wahrnehmung ihrer materiellen.“ (Adorno 1990, 391) Das wäre auch theologisch auszubuchstabieren.

 


Neben den beiden Werkausgaben (MEW und der aus philologischen Gründen zu präferierenden MEGA, aus der im Text zitiert wurde) und den Marx-Biografien von Jürgen Neffe, Gareth Stedman Jones sowie J. Sperber & Th. Atzert seien zum Weiterlesen empfohlen:

Theodor W. Adorno: Negative Dialektik (1966) = Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann u.a., Band 6, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 41990.
Pierre Bourdieu: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen des alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Übersetzt vom Zentrum für europäische Gesellschaftsforschung, Konstanz (UVK) 1997.
Terry Eagleton: Warum Marx recht hat. Übersetzt von Hainer Kober, Berlin (Ullstein) 2012.
Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung, Berlin (Suhrkamp) 2015.

René Buchholz ist Mitarbeiter in der kirchlichen Erwachenenbildung der Erzdiözese Köln und Apl. Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Photo: René Buchholz

Von René Buchholz bisher bei feinschwarz erschienen:

Alternativlos? Zur Annullierung der Ehe zwischen Mme Liberté und M. Capitalisme

 

Religion für die Infantilgesellschaft. Zur Konjunktur des Fundamentalismus

 

Politik für die Infantilgesellschaft. Zur neopaganen Faszination des Autoritären

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