Mit Gott gegen Wissenschaft?

Am vergangenen Wochenende fand der zweite „March for Science“ statt. feinschwarz.net dokumentiert das Statement von Michael Schüßler zum Festvortrag von DFG-Präsident Peter Strohscheider beim Tübinger Fakultätsjubiläum.

Es ist spannend zu sehen, wie Universität und Wissenschaften reagieren, wenn sie gegenwärtig sehr grundsätzlicher Kritik ausgesetzt sind. Der Bezug zur jüngeren Geschichte von Theologie und Kirche liegt auf der Hand: Was passiert, wenn nach dem unfehlbaren Lehramt der Kirche jetzt auch dessen moderne Erben, also das säkulare Lehramt der Wissenschaften in Frage steht?

In Reaktion auf auch religiös motivierte Angriffe hielten Wissenschaftler_innen beim ersten March for Science 2017 Schilder in die Luft mit dem Motto: „Wir haben die Fakten“, was so viel heißt wie: „Wir haben die Fakten … und wir haben die Wahrheit – und ihr nicht“.

Wir haben die Fakten – und ihr nicht

DFG-Präsident Peter Strohschneider hat darauf hingewiesen: Die Idee, jedes Problem der Gesellschaft und der Lebensführung allein mit Wissenschaft lösen zu können, das ist eine szientokratische Utopie. Und wie jede Utopie birgt „sie die Gefahr struktureller Selbstüberforderung von Wissenschaft. Sie wecken Erlösungshoffnungen, die jedenfalls kurzfristig eher  enttäuscht werden.“[1]

Gerade im Vergleich zu Religion und Theologie wird klar: Die Vorstellung, dass die eigenen Überzeugungen und Erkenntnisse als Lösung für die ganze Welt zu vollstrecken wären, mit dieser Vorstellung ist die Wissenschaft nicht allein. „Mit Gott gegen Wissenschaft“, das wird dann zum Clash religiöser Einheitsutopien mit säkular-wissenschaftlichen Einheitsutopien. „Ein ‚säkularer Experten- und Wissenschaftsdogmatismus‘ steht völlig gleichberechtigt neben anderen (religiösen und politischen) Dogmatismen im Supermarktregal der … Gesellschaften: freie Wahl für freie Bürger … .“[2] So haben das Fritz Breithaupt und Martin Kolmar im Kursbuch beschrieben.

  Clash religiöser und wissenschaftlicher Einheitsutopien

Damit keine Unklarheiten aufkommen: Das Problem ist nicht methodisch reflektierte Forschung an sich. Niemand will sich heute von einem Arzt aus dem 17. Jahrhundert behandeln lassen oder sich aus Furcht vor religiösen Sanktionen einen anderen Lebensstil aufzwingen lassen. Zum Problem wird aber eine anmaßende Wissenschaftsgläubigkeit, die sich selbst an die Stelle des Ganzen setzt.

Wissenschaft jedoch bietet so ziemlich das genaue Gegenteil der alltagsweltlichen Erwartung an „Fakten“, also an sicheres und eindeutiges Wissen: „Die Leistung, die das Wissenschaftssystem … erbringt, ist gerade nicht das einheitliche Bild einer einheitlichen Welt, sondern die Bereitstellung eines Potenzials unendlich erscheinender Auflösungs- und Rekombinationsmöglichkeiten in der Beobachtung von Welt.“[3] So treffend der Münchener Soziologe Armin Nassehi.

Keine sicheren Fundamente, sondern erhöhte Komplexität

Wissenschaft bietet keine sicheren Fundamente, sondern erhöht die Komplexität. Und das ist auch gut so. Nur wie kommuniziert man das in einer Welt, in der die Komplikationen neuer Perspektiven nicht mehr automatisch als Befreiung aus Enge und Unwissen erlebt werden, sondern als ein nächstes Angebot, dem man als Einzelner oder als Organsation vertrauen kann, oder eben auch nicht?

Das ist, wie ich finde, der entscheidende Punkt der Debatte. Und dieses Probem stellt sich auch der akademischen Theologie. Nur zwei Beispiele: Die Menschen lesen die Bibel und erwarten orientierende Eindeutigkeit. Die Bibelwissenschaften aber bieten „unendlich erscheinende Auflösungs- und Rekombinationsmöglichkeiten in der Beobachtung“ biblischer Texte. Oder: Die Kirchenleitungen und pastorale Orte müssen Entscheidungen treffen und erwarten von der Praktischen Theologie kurzfristig erfolgversprechende Patentrezepte der Kirchenentwicklung, passend für die nächsten 20 Jahre und mit Erfolgsgarantie. Doch auch der Weg meines pastoraltheologischen Faches ist gepflastert mit Kirchenrettungskonzepten, die mal besser und mal schlechter gescheitert sind.

Nicht Instruktion der Anderen, sondern Inspiration zu eigenem

Was man daraus lernen kann: Die Außenbeziehung von Wissenschaft besteht nicht in einer technokratischen Instruktion der Anderen, sondern in der Inspiration zu Eigenem. Die universitäre (Praktische) Theologie kommuniziert mit Rainer Bucher „nicht Zweiwertigkeit, sondern den Einspruch dagegen. Es geht immer auch noch anders und es gibt immer noch mehr“[4]. Genau das meint theologische Intellektualität: die Wirklichkeit aus mehr als einer Perspektive sehen zu können, und zwar gerne auch mit Lust und sprühender Kreativität.

Damit ergibt sich eine interessante Parallele: Gott und Wissenschaft, die Kirche und die Universität: Beide Felder leiden unter dem gleichen Problem. Die Ohnmachtserfahrung in der Relativierung bisheriger Deutungsmonopole scheint ganz ähnlich zu sein. Und der relativierende Vertrauensverlust ebenso. Nun reagieren Teile der Universität auch noch mit der gleichen Strategie, die schon bei den Kirchen nicht funktioniert hat. Man dichtet das bisherige Selbstbild ab und bekämpft die „Diktatur des Relativismus“.  Mit einem „March for Science“-Slogan: „Für Fakten gibt es keine Alternative“.

Wissenschaft im Kampf gegen die „Diktatur des Relativismus“?

Das Problem dieser Strategie ist das Gleiche, das wir auch aus dem kirchlichen Feld kennen. Die einfache Aktivierung von früher einmal identitätsstiftenden Fixpunkten kann die Probleme in einer völlig veränderten Gegenwart nicht mehr lösen. Es verschlimmert sie sogar. In der Außendarstellung zeichnet man das Bild, dass akademische Forschung die einzig wahren Fakten liefert, und zwar als sicheres Fundament. Nach Innen aber sagt Tanja Gabriele Baudson, die bundesweite Koordinatorin des „March for Science“: Wissenschaft ist ein Streben nach Wahrheit, die man nie in ihrer Absolutheit ganz erfassen könne, „aber wir versuchen es“[5]. Diese Relativierung ist nicht marginal, sondern entscheidend.

Eindeutigkeitserwartungen erkenntnisträchtig enttäuschen

Was lässt sich festhalten? Zwei Punkte und ein abschließendes Beispiel.

  1. Die Wissenschaften sind in ihrer komplexitätssteigernden Eigenlogik zu verteidigen. Und zwar gegen religiöse Eindeutigkeitserwartungen wie gegen ökonomische Effizienzzwänge. Beides gilt auch und besonders für eine universitäre Theologie. Und zwar in der Komplexitätssteigerung, wie sie eine multireligiöse Gegenwart heute darstellt (wie beim in Tübingen geplanten „Campus der Theologien“). Aber auch in der Fähigkeit, von ihrem Gotteshorizont her die säkularen Mehrdeutigkeiten und Paradoxien einer digitalen Gegenwart auszuhalten. „Ich finde eigentlich nur in religiösen Semantiken eine Bereitschaft, die Paradoxie selbst zum Ausgangspunkt zu nehmen.“[6], hat Niklas Luhmann einmal gesagt. Das wäre das Gegenteil von Fundamentalismus.
  2. Religiöse Wissenschaftsfeindlichkeit deckt zugleich blinde Flecken auf. Es wird nicht genügen, durch einen szientistischen Rollback die Wissenschaft gegen eine Diktatur des Relativismus von Fakten zu verteidigen. Es braucht neue Wege, um von der Kompliziertheit der Wirklichkeit zu erzählen. Um Komplexität nicht als Problem, sondern auch als Teil der Lösung zu entdecken. Tanja Gabriele Baudson meint zum Vertrauensverlust von Wissenschaft: „Vertrauen entsteht, wenn wir als kompetent, wohlwollend und integer wahrgenommen werden. … Es wäre daher kontraproduktiv, nun unsererseits eine Deutungshoheit zu beanspruchen“.[7] Dieses heilsame Abrüsten von Eindeutigkeitsfiktionen mit Kraft und Phantasie in die Öffentlichkeiten hinein zu vertreten, das ist auch wegweisend für theologische Plattformen wie feinschwarz.net.

Damit bin ich bei meinem abschließenden Beispiel:

Gerade machen in den sozialen Netzwerken die zehn Thesen des „mission.manifest“ die Runde. Es geht um die Zukunft von Theologie und Kirche aus der Sicht charismatischer und evangelikal Engagierter in der katholischen Kirche. Erstunterzeichner ist unter anderen Bischof Oster aus Passau. Er hatte 2016 „die theologischen Fakultäten … als Paradiese für Fachspezialistentum“ bezeichnet, deren Dozierenden es nicht mehr gelingt „all die verschiedenen „Ergebnisse“ (?) in eine … einheitliche theologisches [sic] Gesamterfahrung … integrieren zu können.[8]“ Der Begriff „Ergebnisse“ ist mit Anführungszeichen und einem eingeklammerten Fragezeichen versehen und entsprechend ironisiert. In den zehn Thesen nun wird Glaube mit Begeisterung verwechselt und das Geheimnis Gottes mit der Unbedingtheit im eigenen Bekenntnis. Es wäre ein Leichtes, diese Glaubensformen mit intellektueller Überheblichkeit abzuqualifizieren und sich damit vom Leib zu halten. Und genau das wäre auch der Fehler.

Es sich nicht zu leicht machen mit frommer Wissenschaftsskepsis

Was für andere Wissenschaften gilt, gilt auch für die akademische Theologie: Sie darf es sich nicht zu leicht machen in der Reaktion auf religiöse Wissenschaftsskepsis und frommen Anti-Intellektualismus. So wie die Gesellschaft insgesamt nicht auf die Urteile der Wissenschaft wartet, so warten die Gläubigen im Volk Gottes nicht mehr auf die Urteile akademischer Theologie. Der Diskurs wird sich umgekehrt einer von affektiv verankerten „Frames“ geleiteten Lebenswelt stellen müssen. Unterhalb dessen lauert nur noch der Elfenbeinturm. Doch der wird, wie für andere Wissenschaften auch, für die akademische Rede von Gott immer unbewohnbarer. Ich halte das für eine gute Nachricht.

Michael Schüssler ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen und Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Bild: Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen / Michael Schüßler

Der Vortrag von Prof. Dr. Strohschneider erscheint in Doppelausgabe der Theologischen Quartalsschrift 198 (2018), H 1/2. 

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[1] Peter Strohschneider, Über Wissenschaft in Zeiten des Populismus. Rede anlässlich der Festveranstaltung im Rahmen der Jahresversammlung der DFG am 4. Juli 2017 in Halle (Saale), 7. (online:  http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/2017/170704_rede_strohschneider_festveranstaltung.pdf).

[2] Fritz Breithaupt / Martin Kolmar, Fakten oder Faketen. Eine Geschichte postfaktischer Autoritäten, in: Kursbuch 189, Lauter Lügen (März 2017), 68-80, 70.

[3] Armin Nassehi, Geschlossenheit und Offenheit. Studien zur Theorie der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2003, 320.

[4] Rainer Bucher, Theologie im Risiko der Gegenwart. Studien zur kenotischen Existenz der Pastoraltheologie zwischen Universität, Kirche und Gesellschaft, Stuttgart 2009, 201.

[5] Tanja Gabriele Baudson, So frei wie möglich forschen können, in: Forschung und Lehre 1/2018, 28. (online: https://www.forschung-und-lehre.de/politik/so-frei-wie-moeglich-forschen-koennen-221/)

[6] Niklas Luhmann, Ich denke primär historisch, DZfPh 39 (1991), 937-956, 940.

[7] Baudson, 29.

[8] Bischof Stefan Oster, Facebook-Eintrag, abrufbar unter: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/oster-kritisiert-liberale-theologen.

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