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Digitalisierung

Pastoraltheologie im Zeitalter digitaler Transformation: Unter dieser Überschrift traf sich im September die Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologinnen und -theologen. Judith Klaiber und Richard Hartmann berichten.

Auf der Tagung haben die verschiedenen Zugänge, Präsentationsformen und auch Anfragen der Referierenden verdeutlicht, dass sich die akademische (Pastoral-)Theologie grundsätzlich noch auf wahrnehmender Spurensuche dessen befindet, was Digitalisierung bedeutet. Über 70 Teilnehmende aus der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden, Südtirol und Österreich engagierten sich in einem kreativen Such-Prozess zur Frage, was die Digitalisierung konkret für das Fach und wechselseitig auch für den pastoralen Alltag in kirchlichen Diensten bedeutet.

Theologie der Digitalität – interdisziplinär

Deutlich wurde, dass die Frage nach einer Theologie der Digitalität (und: Theologie der Virtualität) inhaltlich interdisziplinär angefüllt werden muss. Das gilt insbesondere für den Diskurs um anthropologische Grunddimensionen, die fundamental für digitalisierte Prozesse und deren Konsequenzen sind, da wir als Menschen eben immer schon in plurale und komplexe Wirkungsmächte verstrickt sind – eben auch digital.

Neben Vorträgen zu Identität in social media, Transhumanismus, Glaubenskommunikation, Medienkompetenz und dem Internet als ortlosem Ort wurde sehr wohltuend die römische Sichtweise auf den Perspektivwechsel von Zentrum und Peripherie aufgenommen. Dass die tiefschürfenden Veränderungen von Digitalisierung in den unterschiedlichsten Ebenen eine unbestrittene Tatsache sind, lässt sich im Zitat von Prälat Tighe konstituieren: „Digital is real.“ Sich dagegen zu stellen wird nicht gehen. Andererseits kommt es darauf an, so Simona Birkel (Eichstätt), die Chancen anzunehmen ohne das Postulat aufzugeben, dass die Technik für den Menschen da ist und nicht umgekehrt!

Kommunikation im Netz bringt Kontrollverlust.

Diese Realität hat tiefgreifende Folgen sowohl für die Kirche wie auch für den wissenschaftlichen Diskurs. Andrea Imbsweiler (Erfurt) von der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral betonte: „Kommunikation im Netz bringt für die institutionelle Kirche unvermeidbar Kontrollverlust: Zeugnis und Agieren Einzelner gewinnen Bedeutung.“ Glaubenskommunikation ist nicht steuerbar, im Sinne des „Roma locuta – causa finita“. Sie ereignet sich unvermittelt an vielen Orten, ist abhängig von Einzelnen, ihrer Bereitschaft und Fähigkeit zu rezipieren wie zu agieren und sich in das offene Feld zu wagen. Richard Hartmann, (Fulda) der wiedergewählte Vorsitzende der Konferenz, sieht, dass die social media mehr noch als die Aufklärung dafür sorgen, dass formale Autorität – auch innerhalb der Kirche – irrelevant wird.

Von Wahrheit und Wirksamkeit

Der Wahrheitsanspruch wird reduziert auf die Frage der Wirksamkeit. Nichts, was mit akademischem oder hierarchischem Habitus untermauert wird, hat damit selbstwirkend Geltung. Spannend ist dann, wenn sich Autoritäten statt mit anspruchsvollen reflektierenden Texten nur in kurzen Tweets und Bildern in die öffentliche Landschaft wagen und darin ihre Wirksamkeit entfalten. Damit gelingt jedoch zugleich eine neue Kommunikation über Generationen und ihre Distinktionen hinweg. Jan Loffeld (Münster) stellt fest: „Digitalisierung macht einen anderen Generationendialog möglich. Je jünger, desto inkulturierter: down-top. Ein schönes Beispiel für die ‚conversión pastoral‘!“

Theologische „Digital Natives“ im Kommen

Dabei konnten die Teilnehmenden am Kongress auch lernen, dass die Generationendifferenz bezüglich digitaler Kompetenz längst nicht so eindeutig ist, wie allgemein behauptet. Auch die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen sich nicht allein aus Altersgründen als typische digital natives. Wolfgang Beck (Frankfurt) bemerkt, dass es ganz neue und ganz andere Logiken der Kommunikation und der Selektion von Bedeutungen im gesellschaftlichen Kontext gibt: „Eine ‚Kultur der Digitalität‘ zeigt gesellschaftliche Effekte von Algorithmizität, Referenzialität und neuen Sozialformen.“ Was das für die Theologie bedeutet, welche Algorithmen sich hier in welcher Weise ausweisen, wird noch zu erforschen sein.

Digital übersetzen oder ganz neu erfinden?

Pastoraltheologie, die so mit dem Leben heute korrespondiert, steht mit Sebastian Kießig (Eichstätt) vor neuen Herausforderungen: Wie gelingt Erkenntnisgewinn? Welche Handlungsfähigkeit gewinnen und verlieren die Theologie und die Kirche? Was passiert, wenn pastorales Handeln sich unkritisch auf die aktuellen Kommunikationsweisen einlässt? Gibt es eine Möglichkeit, Theologie in die Sprache einer digitalisierten Kultur zu übersetzen oder muss es nicht eine ganz andere Theologie werden, fragt etwa Sonja Pohl? Andreas Büsch (Mainz) hat schon in seinem Eröffnungsreferat darauf hingewiesen, dass dank Social Media die Kirche die historische Chance hat, wirklich zu einer Communio zu werden. Gemeint ist eine Communio auf Augenhöhe. Voraussetzung sei jedoch, sie lasse sich kritisch-optimistisch auf Digitalisierung mit ihren Implikationen ein und finde pragmatische Lösungen für den pastoralen Alltag.

Richard Hartmann ist Professor für Pastoraltheologie in Fulda und Vorsitzender der Konferenz der Deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen e. V.

Judith Klaiber ist Universitätsassistentin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.

Bild: www.pastoraltheologie.de

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