Ein Pilgerweg als Gratwanderung

Literarischer Pilgerweg

Bekannte und unbekannte Räume, Perspektiven und Nischen in Kirchengebäuden lassen sich durch ortsspezifische Literaturinszenierungen neu erschliessen. Berenike Jochim-Buhl berichtet von einem literarischen Pilgerweg durch das Konstanzer Münster.

„Die Wege des Herrn sind unergründlich. Das lassen Sie doch nicht länger auf sich sitzen, liebe Daseinskämpfer! Frustration und Gewalt in allen Nuancen als moderner spirit. Der Beichtstuhl längst ausrangiert. Gebetsteppich, Putto und Kippa zu Schnäppchenpreisen. Erleuchtungsresistente Prediger twittern von den Kanzeln. Ignoranz statt Inbrunst. Wenn Nietzsche Sie nicht mehr schocken kann und Sie sich dennoch fragen: Wohin führt die Reise? Wem darf ich meinen Glauben schenken? – dann sind Sie hier richtig! Der Basar der Heilsbotschaften ist eröffnet. Die Gurus, Himmelsstürmer und -stürzer diverser Epochen bieten Ihnen ihr Geleit – auf einer literarischen Gratwanderung zwischen luftigen Höhen und modrigen Tiefen des Konstanzer Münsters Unserer Lieben Frau.“

Aufruf zur Pilgerreise von und mit dem Ensemble „wortörtlich“

Soweit der Aufruf zur Pilgerreise von und mit dem Ensemble „wortörtlich“, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Literatur ortsspezifisch zu inszenieren. Literatur Raum geben und Räume sprechen lassen, das klingt für das Ohr von Theolog*innen besonders spannend, wenn der Raum ein sakraler ist. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass in einer Kirche Texte gelesen und gehört werden. Eine literarische Pilgerreise von der Kirchturmspitze bis zur Krypta jedoch haben vermutlich die wenigsten erlebt.

Eine literarische Pilgerreise von der Kirchturmspitze bis zur Krypta

Ausgestattet mit dem eigens gedruckten Pilgerpass und einer Pilgermuschel als Erkennungs- und Unterscheidungszeichen (es werden zwei getrennte Pilgergruppen unterwegs sein) begibt sich die gespannte Besuchergruppe ins Kirchenschiff des Konstanzer Münsters. In den folgenden knapp zwei Stunden machen wir uns auf die Reise. Unsere „Wanderkarte“ weist uns den Weg und erschließt uns den Raum. Sie ist nicht nur eine Topographie der Stationen, zu denen wir pilgern, sondern zugleich eine Schatzkarte offener Existenzfragen. „Wohin gehen wir?“, „Wo spürst du Schuld?“, „Welche Angst macht dir Angst?“ „Woran hältst du fest?“, „Wer kennt den Weg?“

Die Verschlungenheit und das Kreisförmige des Pilgerwegs lässt ahnen: der Weg ist das Ziel. Die Fragen sind zeitlos, die inszenierte Literatur epochen- und gattungsübergreifend: wir bewegen uns auf passages des rites, wenn man so will. Vom frühchristlichen Segenstext und den obligatorischen Bibelpassagen über Klassiker deutscher Dichtung bis hin zu postmoderner Popliteratur, Songtexten und Donald Trump als Antichrist: es ist für jede*n Pilger*in etwas dabei. Doch nicht die Texte allein machen die literarische Pilgerreise aus. Ihre ungewöhnliche Verortung lässt neuen Gedankenraum entstehen.

Die ungewöhnliche Verortung von Texten lässt neuen Gedankenraum entstehen.

Dass die inszenierte Pilgerreise eine Gratwanderung nicht nur literarischer Art werden würde, war den Ensemble-Mitgliedern spätestens klar, als sie sich in der Vorbereitungsphase auf eine Hütten-Klausur begeben hatten. Wie schon beim Brainstormen zur literarischen Raumerschließung unter dem Schlagwort „Liebe“ sollte jede*r ein Symbol mitbringen, das er oder sie mit dem Thema verbindet. Daraus sollten sich ganz persönliche Zugänge zum Thema entwickeln, aus denen für die Inszenierung und die Textauswahl geschöpft werden konnte. Nur, was beim Thema „Liebe“ überhaupt kein Problem war, nämlich persönlich vertraulich aus dem eigenen Nähkästchen zu plaudern, die eigene Intimität nach außen zu kehren, ihr Raum zu geben und Worte für das eigene Verstehen und Definieren von Liebe zu finden, das funktionierte beim Thema „Glaube“ so gar nicht. Schon bei der Auswahl der Symbole taten die Ensemblemitglieder sich schwer und brachten teilweise „Ersatz-Symbole“ mit – das, was man eigentlich mitbringen wollte, sei zu privat. Ist Glaube also privater und intimer als Liebe? Tun wir uns schwerer über Glaubensfragen zu sprechen als Erotik und Beziehungsprobleme zu erörtern? Die Ensemblemitglieder – allesamt übrigens keine Theolog*innen – beschlossen: wenn wir keine Worte finden und keine Antworten geben können, dann öffnen wir den Diskursraum über die Textwelt.

Pilgerreise – eine Gratwanderung nicht nur literarischer Art

Wenn wir uns mit dezidiert religiösen Texten schwer tun, dann treten wir vom Grat zurück zum Fuß des Berges und machen den Aufstieg Schritt für Schritt. Um Glaubensfragen zu berühren, müssen wir nicht mit dem Wegweiser draufzeigen, wir können uns auch über Umwege auf den Weg machen. Die unterschwelligen Verweise sind stiller, und klingen doch  länger nach.

Diese Entscheidung ist vielleicht die große Stärke der Literaturveranstaltung. Eine Lesung, die Fragen stellt und keine Antworten gibt. Gerade dadurch entsteht ein großflächiger Anschlussraum.

Literarischer Pilgerweg

 

Für wortörtlich war am Anfang nicht das Wort. Auch nicht die Frage. Am Anfang war der Raum. Und das Konstanzer Münster bietet davon viel. Eine Begehung der Räumlichkeiten, die zwar im Kirchenbau sind, doch gerade nicht das sind, was man sich klassischerweise unter Kirche und Kirchenraum vorstellt, macht den spezifischen Reiz der Wortwanderung aus. Das Ensemble hat Wert darauf gelegt, dass der Raum festlegt, welche Texte zu ihm passen. Welche Atmosphäre herrscht, was funktioniert? Wie wirkt ein Text an dieser Stelle?

Am Anfang war der Raum. Und das Konstanzer Münster bietet davon viel.

Bevor wir unseren Weg antreten, werden wir von der retro anmutenden Lautsprecherbox an der Spitze des Pilgerstabs gesegnet. In luftiger Höhe stehen wir auf der Außenbrüstung des Münsters. Während um uns herum die Sonne im Bodensee verschwindet, wehen uns zur Abendluft philosophische Gedanken zum pilgernden Wandern um die Nase. Abendliche Passanten schauen neugierig zur Kirche hoch. Wir stehen in der dunklen Kapelle unter dem Kirchenschiff und hören die Visionen des Novizen Adson aus Umberto Ecos Name der Rose. Ein Taschenlampenstrahl lässt dazu einzelne Figuren der alten Fresken über uns aus der Dunkelheit erscheinen. Hoch im Gewölbe des Münster-Dachstuhls werden wir zu Zuschauern des biblischen Bruderkampfs. Eingebettet in Filmzitate aus „Fight Club“ treten Kain und Abel zum Showdown an. Wie um einen Boxring geschart, werden wir in Anfeuerungen hineingezogen, das einzige Mal, dass beide Pilgergruppen auf ihrer Reise aufeinander treffen, bevor wir die Seiten tauschen und uns gegenseitig mit einem „Friede sei mit dir“ abklatschen.

Eingebettet in Filmzitate aus „Fight Club“ treten Kain und Abel zum Showdown an.

Die Texte werden im Raum nicht ins Leere gesprochen, sondern die literarischen Glaubensfragen wirken im Raum, in dem wir als Pilger*innen selbst stehen. Im Unterschied zu einer statischen Lesung in einem Konferenzsaal, einer Theateraufführung, in der räumlich Darsteller*innen und Publikum schon durch Bühne und Zuschauerraum getrennt sind und ja, auch im Unterschied zu einem klassischen Kirchenraum, der meist immer noch in Altarraum und Gemeindebänke  getrennt bespielt wird, werden wir bei unserer literarischen Gratwanderung Teil des Raums. Nicht nur des topographischen Raums als Container-Raum, sondern auch des Aufführungsraums, des Textraums, des Interaktionsraums. Wir werden zu Anhängern des „Fliegenden Spaghettimonsters“, dessen Gebote wir im Wechsel selbst verlesen. Wir werden zu Zeugen eines verzweifelten Punkgebets, das auf dem plötzlich gar nicht mehr so stillen Örtchen in der Sakristei im wahrsten Sinne des Wortes heraussprudelt. Wir träumen sehenden Auges „Träume von Räumen“, die im Gebälk des Dachstuhls sichtbar werden. Wir meinen den Geifer und stinkenden Atem des Antichrists zu spüren, dessen Polemik in Trump’schen Satzfetzen aus der dunklen Grotte hallt.

Wir träumen sehenden Auges.

Der stete Wechsel der Szenen und Orte, die wir uns im Pilgerschritt erlaufen, das Unerwartete der Texte und ihrer jeweiligen Kontexte sowie die Mischung aus unpersönlicher Stimme vom Band und in Szene gesetzter Live-Performance durch Pilgerführer*in und Sherpa macht dabei den spezifischen Reiz aus. Wir knüpfen Kontakt zu den anderen Pilger*innen, weisen auf Stufen hin, leuchten mit Taschenlampen den Weg. Gruppendynamischer Interaktionsraum entsteht. Wir tauschen Traubenzucker und wissende Blicke aus. „Wohin führt die Reise? Wem darf ich meinen Glauben schenken?“ Die Texte liefern uns keine klaren Antworten. Auf dem bunten Bücherbasar werden viele Auslagen feilgeboten. Wir bewegen uns durch Wortwaren und Sinnangebote, verschaffen uns Zugang zu verborgenen Räumen, öffnen verschlossene Türen, steigen unbekannte Treppen hinauf und hinab. Und werden dabei von Glaubensfragen begleitet.

Am Ende sind wir nicht nur um einen Stempel im Pilgerpass und Muskelkater in den Beinen reicher. Wir haben uns Raum erschlossen. Kirchenraum und Textraum. Was nehmen wir mit? Wir sollten uns in Zukunft nicht nur in den immer gleichen, bekannten Orten aufhalten. Grenzgänger und Gratwanderinnen haben oft einen besseren Ausblick. Kirchenraum ist nicht nur das bekannte Kirchenschiff mit Altarraum. Kirche hat einen Dachboden und Seitenkapellen, eine Sakristei und einen Kirchturm. Umwege sind auch Wege. Manchmal führen sie zu neuen Zielen. Texte leben von ihren Kontexten, nur wenn man auch mal querliest, neu kombiniert, den Ort wechselt, kann Klangraum ausgeschöpft werden. Bibeltext klingt anders, wenn er einfach eine Textstimme im profanen Textchor ist. Eine Brechung von Texten kann auch durch raumspezifische Inszenierung erfolgen. Vor Augen geführte Absurdität dient als Augenöffner.

Wir haben uns Raum erschlossen. Kirchenraum und Textraum.

Wo lesen wir? Wo hören wir Texte? Sind es nicht immer die gleichen Räume und Kontexte? Was hat unsere Heimatgemeinde an Kirchenraum außerhalb des bekannten zu bieten? Warum die Bibel nicht mal auf dem Klo und den Comic in der Bibliothek lesen? Was passiert, wenn ich die Predigt nicht auf der Kanzel oder vom Ambo spreche, sondern mich in die Bänke zur Gemeinde setze? Oder den Gottesdienst gleich im Supermarkt feiere? Brot und Wein gäbe es dann auch schon vor Ort.

Berenike Jochim-Buhl ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Altes Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.

Wortörtlich wird vom Kunstfond im Rahmen des Konstanzer Konzilsjubiläums gefördert und inszeniert angelehnt an Thema und Gallionsfigur des Konzilsjubiläums eine dreijährige Lesungs-Trilogie. (2015: Hoffnung, „Am Pranger – Ein literarischer Schauprozess“; 2016: Liebe, „Rotlichtbetrachtungen – Eine Lesung am Ende der Tugend“, 2017: Glaube, „Glaubensfragen. Eine literarische Gratwanderung“)

Bild: wortörtlich

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