Plädoyer für die Jungfräulichkeit Marias

Es gibt biblische Textstücke, Motive und Figuren, die in der Rezeptionsgeschichte des Christentums eine Zentralität erlangt haben, die sie in ihrem ursprünglichen Textzusammenhang nicht hatten. Dazu gehört auch die Jungfräulichkeit Mariens. Sie verdankt ihre steile Karriere der intellektuellen Glanzleistung der Inkulturation hebräischer Texte in griechisches Denken. Von Irmtraud Fischer.

1   Theologie wird in der Hebräischen Bibel vor allem narrativ betrieben

Das Hebräische ist eine sehr konkrete Sprache, in der selbst viele Abstrakta mit Bezeichnungen umschrieben werden, die gleichzeitig Konkretes meinen; so bezeichnet etwa das Grundwort für „Barmherzigkeit“ vor allem den weiblichen Mutterschoß. Dem entsprechend wird Theologie vor allem narrativ betrieben, nicht wie im Griechischen logisch argumentierend oder philosophierend. Um Sachverhalte darzulegen, werden Geschichten erzählt, Motive, Topoi und spezifische Redeformen benützt, die häufig gar nicht originär biblisch, sondern auch im Alten Orient nachweisbar sind.

2   Wichtige Männer werden von vorerst unfruchtbaren Frauen geboren

Auch heute ist es noch so, dass sich die Öffentlichkeit bei Menschen, die berühmt oder bedeutend geworden sind, für die gesamte Biographie, einschließlich des Kindesalters, zu interessieren beginnt. Wenn die Bibel von herausragenden Figuren der Geschichte Israels Kindheitsgeschichten erzählt, tut sie das nicht, weil Kindergeschichten so nett wären, sondern weil durch eine solche Erzählstrategie von Anfang an signalisiert werden kann, dass dieser Mensch von großer Bedeutung (geworden) ist, obwohl dies allein aufgrund seiner Herkunft nicht vorherzusehen war. Bei aller Verschiedenheit gibt es auch hier gemeinsame Erzählzüge, Topoi und Motivkomplexe, die bewusstmachen, dass dieses Kind direkt von Gott gegeben ist und in seinem Erwachsenenalter zu besonderen Aufgaben berufen sein wird.

Söhne, die die Verheißungslinie fortsetzen, haben mehr mit Gott zu tun als mit menschlichem Vermögen.

Ein geprägter Zug solcher Erzählungen ist die Unfruchtbarkeit der Mutter, die lange Zeit währen kann, sogar über das fruchtbare Alter hinaus. So gebiert Sara ihren Sohn nach lebenslänglicher Unfruchtbarkeit (Gen 11,30; 16,1) im hohen Alter von über neunzig Jahren (17,17; 18,11-15; 21,1-7). Die unfruchtbare Rahel (29,31; 30,1f.) bekommt ihren ersten Sohn, nachdem Lea Jakob bereits sieben Kinder geboren hat (Gen 30,22-24).

Ähnlich ist dies mit Hanna (1 Sam 1,2), die nach intensivstem Gebet den fünf Kindern ihres Mannes von seiner zweiten Frau Peninnas ihren ersten Sohn, Samuel, hinzufügen kann (1 Sam 1,1-20). Auch bei der Frau Manoachs dauert die Unfruchtbarkeit lebenslang an (Ri 13,2f.). Wie Sara wird sie nach der Begegnung mit einem Gottesboten, der die wundersame Geburt ankündigt, schwanger (Ri 13,1-24).

Das Motiv der unfruchtbaren Mutter bedeutender Männer ist offenkundig derart fest in der literarischen Tradition verankert, dass man es bei Rebekka sogar in einem einzigen Satz nachtragen kann, ohne es narrativ auszugestalten (Gen 25,21). Es zeigt an, dass diese Söhne, die entweder die Verheißungslinie fortsetzen oder später zu bedeutenden Führungsfiguren werden, mehr mit Gott zu tun haben als mit menschlichem Vermögen, weder mit weiblicher Fruchtbarkeit noch mit männlicher Potenz.

3   Kreative klassisch-jüdische Schriftauslegung auf Basis der Septuaginta

In der Fortsetzung der Tradition der Kindheitsgeschichten ist die Kindheitsgeschichte jenes Mannes zu lesen, der nach Joh 1,13 das Wort nicht nur vermittelt, sondern das Wort schlechthin ist und „nicht aus dem Willen des Fleisches und nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren wurde.“

Die frühen neutestamentlichen Schriftsteller stehen ganz in der später im Judentum klassisch gewordenen Tradition der „Auslegung der Schrift durch die Schrift“. Man formuliert neue Texte unter Berufung auf die Heiligen Schriften, die damals ausschließlich aus jenen des (wohl noch nicht in allen Kanonteilen fixierten) Alten Testaments bestehen. Während in den Synagogen die Schriften der Hebräischen Bibel gelesen werden, nutzen die griechisch schreibenden neutestamentlichen Autoren die griechische Version des Alten Testaments, die Septuaginta.

Die Kindheitsgeschichte des Täufers als Anspielung auf alttestamentliche Erzählungen um späte Geburt.

Die lukanische Kindheitsgeschichte nimmt in der Vorstellung des alternden Ehepaares Elisabeth und Zacharias (Lk 1) diese alttestamentliche Tradition auf. Durch die Gestaltung als Begegnung mit einem Engel (Lk 1,11-22), die Betonung des Alters beider (V18) und die Begründung des Namens aus der Geschichte selber (V13ff.) greift die Erzählung vor allem auf jene der Erzeltern Sara und Abraham zurück.

Der Topos der Furcht vor dem verkündigenden Boten und der Verweis auf die Enthaltung von Alkohol (Lk 1,12.15) geht auf die Erzählung um die Engelsbegegnung von Manoach und dessen Frau zurück (Ri 13). Die Geburtsankündigung als Gebetserhörung (Lk 1,13) spielt das Fürbittgebet Isaaks für Rebekka (Gen 25,21) sowie die Erzählung der im Heiligtum betenden Mutter Samuels ein (1 Sam 1,7-20), der Aspekt, dass Kinderlosigkeit von Menschen geschmäht wird (Lk 1,25), setzt die Episode zwischen Hanna und Peninna fort (1 Sam 1,6).

Mit all diesen verarbeiteten Einzelzügen spielt die Kindheitsgeschichte des Täufers auf alle alttestamentlichen Erzählungen um die späte Geburt bedeutender Söhne aus unfruchtbaren Frauen an. Sie setzt im alten, unfruchtbaren Ehepaar das Motiv der gottgewirkten Schwangerschaft derart massiv präsent, damit deutlich wird, dass die darauffolgende Kindheitserzählung Jesu, die wie jene von Isaak (Gen 18,10-15) und Simson (Ri 13) auch mit einer Geburtsankündigung an die Mutter beginnt, in ebendieser Tradition zu lesen ist.

Motivumkehr zum Ausdruck von noch nie Dagewesenem.

Die Schriftsteller der Kindheitsgeschichten sind überzeugt davon, dass in Jesus von Nazaret Neues, noch nie Dagewesenes in die Welt gekommen ist, er aber gleichzeitig ganz in der biblischen Tradition steht. Um beides anzeigen zu können, benutzen sie den Motivkomplex der Geburtsankündigung an die Kinderlose, die jenseits der fruchtbaren Lebensphase noch ein Kind gebiert, und stellen das Neue sodann in einer Motivumkehr dar: Nicht mehr die alte, unfruchtbare Ahnfrau, bei der keine Empfängnis mehr möglich ist, wird auf die Ankündigung des Engels hin schwanger, sondern die Jungfrau, die noch keinen Mann erkannt hat, und bei der daher noch keine Empfängnis möglich war. In Aufnahme biblischer Tradition und in Anlehnung an ein mythologisches Motiv des Alten Orients wird die Fortschreibung der heilvollen Zuwendung Gottes kreativ in Worte gegossen.

Vorbereitet wird diese Motivumkehr durch eine rezeptive Übersetzung von Jes 7,14 durch die Septuaginta. Im Kontext des von Gott durch Jesaja angekündigten, von König Ahas nicht erbetenen Zeichens der Schwangerschaft einer jungen Frau übersetzt die griechische Bibel des Judentums die almah, die in Jes 7,14 wie in Hld 6,8 wohl eine junge Hofdame meint, mit dem im Griechischen vorhandenen Terminus für eine virgo intacta, mit parthenos. Das Hebräische kennt hingegen offenkundig keine spezifische Bezeichnung für „Jungfrau“, da selbst das immer wieder mit dieser Bedeutung übersetzte Wort betulah sehr häufig von der näheren Erklärung „die noch keinen Mann erkannt hat“ gefolgt wird. Betulah ist daher wohl am treffendsten mit „junge Frau im heiratsfähigen Alter“ wiederzugeben.

Neben die kinderlos Gebliebene wird die Jungfrau, die noch keine Kinder haben kann, gestellt.

In Hld 6,8 (vgl. auch Hld 1,3) wird die almah als letzte Gruppe der Frauen in Salomos Harem genannt: 60 Königinnen, 80 Nebenfrauen und zahllose junge Frauen. Auch Rebekka, die an anderer Stelle durchaus als betulah beschrieben wird, als heiratsfähige Frau, „die noch kein Mann erkannt hat“ (Gen 24,16), wird in Gen 24,43 vom Knecht, der um ihren konkreten Lebensstand nicht wissen konnte, als almah bezeichnet. Ähnlich wählt die Tochter des Pharaos diese Bezeichnung für die ihr unbekannte Schwester des Mose (Ex 2,8).

In Ps 68,26 wird damit eine Gruppe musizierender Frauen beschrieben; ihr Familienstand spielt dabei wohl keine Rolle. Der einzig weitere biblische Beleg für almah im Zahlenspruch von Spr 30,18f. spricht gegen eine Übersetzung mit „Jungfrau“, da das verglichene Unbegreifliche wohl auf die sexuelle Begegnung zielt. Die Translation von almah in der Septuaginta mit parthenos ist damit eine kreative Rezeption, die wohl dem religiösen Milieu im hellenistischen Alexandrien geschuldet ist.

Da das griechisch verfasste Neue Testament für seine Schriftzitate die Septuaginta verwendet, kann Jes 7,14 auch für die kreative Exegese in den neutestamentlichen Kindheitsgeschichten fruchtbar gemacht werden: Die Motivumkehr, die aus der kinderlos Gebliebenen eine Jungfrau macht, die noch keine Kinder haben kann, wird durch den Verweis auf Jes 7,14 in der griechischen Version als bereits in der Schrift stehend vorgestellt. Der so geborene Immanuel, der das nun anbrechende neue Heil bringen wird, ist also doppelt biblisch verbrieft: Wie schon so oft in der Geschichte der Zuwendung Gottes zu seinem Volk hat er ein Kind auf besondere Weise ins Leben gebracht, das für Besonderes bestimmt ist.

4   Die Jungfräulichkeit Mariens als theologische Botschaft

Die Jungfräulichkeit Mariens ist damit nicht als Bruch mit der biblischen Tradition der Hebräischen Bibel, die keine jungfräuliche Mutter kennt, zu lesen, sondern als Weiterführung im deuterojesajanischen Sinne: „Siehe, das Frühere ist eingetroffen, nun kündige ich Neues an!“ (Jes 42,9; vgl. 43,19; 48,6). Der aus der Jungfrau geborene Jesus von Nazaret wird in den Kindheitsgeschichten von Mt und Lk als Retter des Volkes vorgestellt, mit dem es von allem Anfang an Gott in ganz spezieller Weise zu tun hat.

Dies ist freilich eine theologische Botschaft, keine biologische und auch keine philosophisch-dogmatische. Sie steht in bester Tradition der jüdischen Exegese, die Neues nicht als Bruch versteht, sondern als aktualisierende Fortsetzung der heilvollen Geschichte Gottes mit seinem Volk. Wer Neues und noch nie Dagewesenes als von Gott kommend darstellen will, muss in diesem Milieu mit den Heiligen Schriften argumentieren. Judentum wie Christentum sind keine geschichtslosen Religionen. Sie bekennen das Wirken Gottes in der sich fortlaufend ändernden Geschichte, in der die geschehenen Heilstaten nicht gebetsmühlenartig wiederholt werden, sondern jeweils neu die Menschen treffen.

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Irmtraud Fischer ist Professorin für Alttestamentliche Bibelwissenschaft in Graz.

 

Weiterführende Literatur

Irmtraud Fischer, Déjà-vu zum Erweis der Heilsrelevanz. Genderrelevante Rezeption der Hebräischen Bibel in den erzählenden Schriften des Neuen Testaments, in: Navarro Puerto, Mercedes – Per­roni, Marinella, Hg., Evangelien. Erzählungen und Geschichte, Die Bibel und die Frauen 2.1, Stuttgart 2012, 74–98.

Andrea Taschl-Erber, Rettungsgeschichten und subversive Frauenpower. Eine intertextuelle Lektüre von Lk 1 vor dem Hintergrund ersttestamentlicher Frauentraditionen, Studien zum NT und seiner Umwelt Serie A 38 (2013), 97–145.

 

Bild: Robert Eichinger, pixelio.de

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