Quo vadis, Austria? Zur Präsidentschaftswahl in Österreich

Für Jan Heiner Tück (Wien) ist die diesjährige Pfingst-Predigt von Kardinal Schönborn Anstoß für einen theologischen Kommentar zur Präsidentschaftswahl in Österreich.

In einem dramatischen Augenblick in der Geschichte der Zweiten Republik Österreich hat Kardinal Christoph Schönborn am Pfingstsonntag im Stephansdom eine eindrückliche Predigt gehalten. Sie rief zur Überwindung der Sprachbarrieren, zur Einheit in der Vielfalt und zur Vergebungsbereitschaft über die Gräben hinweg auf. Der Kardinal erinnerte an den Heiligen Geist als „Meister des Unmöglichen“. Die Kraft des Geistes schaffe, was Menschen nur allzu oft nicht schaffen: die Überwindung der Sprachverwirrung, die Einigung auseinanderstrebender Kräfte sowie Vergebung und Neuanfang dort, wo Schuldvorwürfe zu einer Lähmung des Zusammenlebens zu führen drohen.

Ein dramatischer Augenblick in der Geschichte der Zweiten Republik Österreich – und der Heilige Geist als „Meister des Unmöglichen“

Seine Ansprache, die bewusst nicht direkt auf die politische Situation einging, spielte dennoch unverkennbar auf den Kontext der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen und auf die besorgniserregende Polarisierung der österreichischen Gesellschaft an. In der Alpenrepublik steht am 22. Mai die Stichwahl an, in der die Wähler erstmals zwischen einem grünen und einem blauen, will sagen: rechtspopulistischen, Präsidentschaftskandidaten entscheiden müssen. Dass es niemand aus den beiden Volksparteien SPÖ und ÖVP, die seit Beginn der Zweiten Republik immer den Bundespräsidenten gestellt haben, in die Stichwahl geschafft hat, dass die politische Mitte hier massiv eingebrochen ist, zeigt die alarmierende Situation an. Österreich steht am Scheideweg.

Österreich steht am Scheideweg.

Vor diesem Hintergrund erinnerte Schönborn an den Heiligen Geist, der Verstehen schafft, wo Unverständnis herrscht. Die Menschen tragen die Sehnsucht in sich, verstanden zu werden, aber fühlen sich nur selten ganz verstanden – und umgekehrt zeigen sie für den anderen, der wirklich anders ist, nur selten Verständnis. Vorurteile und Schablonen, die das Eigene bestätigen, das Fremde auf Distanz halten, bestimmen das Denken. Ausgrenzungsmechanismen regulieren das Verhalten.

Wenn aber in einer Gesellschaft die Verständigung über die gemeinsamen Grundlagen immer weniger gelingt, wenn Missverständnisse grassieren, ja blankes Unverständnis für die Position des anderen Platz greift, dann ist die Stunde gekommen, wo der Geist der Verständigung gefragt ist, der auch in der Position des anderen die particula veri, das berechtigte Anliegen zu sehen lehrt und verhärtete Fronten so kommunikativ verflüssigen kann.

Der Geist der Verständigung ist gefragt.

Die Willkommenskultur, so könnte man diesen Gedanken des Kardinals weiterführen, hört auf die Autorität der Leidenden und tritt für den unbedingten Schutz von Kriegsflüchtlingen ein. Das ist ihre Stärke. Sie steht allerdings in Gefahr, die Grenzen des politisch Machbaren zu überdehnen und die Sorgen der einfachen Leute zu übergehen. Das ist ihre Grenze. Die berechtigte Kritik an der Angstgesellschaft bleibt jedenfalls solange wohlfeil, als sie die diffusen Ängste nicht in konkrete Befürchtungen übersetzt.

Die Autorität der Leidenden … und die Instrumentalisierung der Angst

Es gibt Probleme, die über die Sprach- und Inkulturationsschwierigkeiten auch die Differenz der Religionskulturen betreffen: Intoleranz gegen Andersgläubige, Probleme mit der Religions- und Gewissensfreiheit, archaische Geschlechtervorstellungen, Gewalt gegen orientalische Christinnen und Christen in Flüchtlingsunterkünften usw. Diese Probleme sind nicht schönzureden, sondern beim Namen zu nennen und entschieden anzugehen. Das ist die wirksamste Waffe gegen die politische Instrumentalisierung der Angst, die diese Probleme undifferenziert auf alle Flüchtlinge hochrechnet und einer pauschalen Diffamierung alles Fremden das Wort redet. Pfingsten als das Fest der Überwindung der Sprach- und Verständnisbarrieren durch die Feuerzungen des Heiligen Geistes kann hier eine Ermutigung sein

Erzwungene Einheit … und verbundene Vielfalt

Weiter gibt es die Gefahr, die Einheit erzwingen zu wollen und widerstrebende Kräfte kleinzuhalten. Die Einheit des Ganzen aber wird gefährdet, wenn die unterschiedlichen Kräfte gegeneinander, statt für- und miteinander an der Lösung der aufgegebenen Probleme arbeiten. Das Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern, das Paulus im ersten Brief an die Korinther entfaltet, mag nicht direkt auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse übertragbar sein. Dennoch zeigt es, dass die Einheit einer Gesellschaft nur dann lebensfähig ist, wenn sie die Vielfalt der Begabungen ihrer Mitglieder integriert und jedem den ihm und ihr nötigen Gestaltungsspielraum ermöglicht. Das kann schwierig sein und einiges kosten, aber die Hoffnung ist, dass sich alle am Ende komplementär ergänzen können wie die Stimmen in einer polyphonen Komposition.

Verharren in unversöhnten Verhältnissen … und Heilung und Frieden

Schließlich gibt es Wunden und Verletzungen, die Menschen an Grenzen führen und verbittern lassen. Sie schaffen es nicht zu verzeihen. Sie halten dem anderen den Spiegel vor und fixieren ihn auf seine Schwächen. So kommt es zur Stabilisierung unversöhnter Verhältnisse. Der Geist als der Meister des Unmöglichen könnte hier zur Kunst der Vergebung anleiten, den anderen eben nicht auf seine moralischen Hypotheken festzunageln, sondern ihm den Spielraum zu einem Neuanfang zu geben. In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums ist davon die Rede, dass Jesus seinen Jüngern den Frieden geschenkt hat, den die Welt nicht geben kann. Er hat auf einen anderen Beistand verwiesen. Der Geist der Wahrheit aber ist es, der tiefer ins Verstehen einführt und gegen Verzagtheit und Verwirrung der Herzen aufstehen lässt. Kann er die Verständnisbarrieren überwinden, die Risse im Gefüge des Ganzen heilen und Feindschaften in versöhnte Verschiedenheit überführen? Er kann, wenn er denn der Meister des Unmöglichen ist.

Erinnerung an 1955: Entlassung Österreichs in die Freiheit

Nur an einer Stelle im Pfingstgottesdienst brachte Kardinal Schönborn die dramatische Situation Österreichs direkt zur Sprache, dessen Bundeskanzler Werner Faymann erst am Montag zuvor vom Amt zurückgetreten war, weil ihm nach dem desaströsen Abschneiden des SPÖ-Kandidaten in der Vorwahl zum Bundespräsidenten die Zustimmung in der Partei weggebrochen war. Bei den Fürbitten erinnerte der Kardinal spontan und in frei gewählten Worten daran, dass der 15. Mai in der Geschichte Österreichs ein denkwürdiges Datum ist. An diesem Tag wurde 1955 der Staatsvertrag der Zweiten Republik unterzeichnet und das Land in die Freiheit entlassen. Er betete dann um Verständigungsbereitschaft, Zusammenhalt im Wesentlichen und die Fähigkeit zur Vergebung. Man hätte bei diesen Worten im bis auf den letzten Platz gefüllten Stephansdom eine Stecknadel fallen hören.

Man hätte bei diesen Worten im bis auf den letzten Platz gefüllten Stephansdom eine Stecknadel fallen hören.

Allen Anwesenden war schlagartig klar: Schon in wenigen Tagen werden die Weichen gestellt, ob Brücken der Verständigung gebaut und das gewiss schwierige Geschäft der Integration gemeinsam weiter vorangetrieben wird – oder an den Grenzen höhere Zäune errichtet und der Ausstieg aus dem gemeinsamen Projekt Europa betrieben wird. Die Österreicher und Österreicherinnen haben die Wahl.

(Bild: Rainer Sturm / pixelio.de)

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