Roma betteln nicht!

Roma betteln nicht! Das dokumentarische Theaterprojekt GYPSIES der werkgruppe2 untersucht Stereotype gegenüber der größten europäischen Minderheit. Ein Bericht aus der Recherche von Silke Merzhäuser.

„Ihr seid nicht am Rande der Kirche, sondern ihr seid in gewisser Weise im Mittelpunkt, ihr seid in ihrem Herzen. Ihr seid im Herzen der Kirche.“ Dies waren tatsächlich die zentralen Worte einer Rede Papst Pauls VI. mit der er 1965 „ein neues Kapitel im Verhältnis des Vatikan zu den Zigeunern“ aufschlug. Im Herbst 2015, fünfzig Jahre später, war das Jubiläum dieser Rede Anlass für 5.000 Roma und Sinti aus ganz Europa nach Rom zu pilgern. Hier griff Papst Franziskus die Worte seines Vorgängers auf und mahnte ein Ende der Vorurteile und des Rassismus an. Dann fügte er Bemerkenswertes hinzu: „Entsprecht nicht dem Klischee!“

Das Theaterprojekt GYPSIES geht gängigen Klischees nach.

Dieses Zitat las ich zufällig, als ich mit der Recherche zu dem Theaterprojekt GYPSIES. Roma in Europa begann und dabei die Auseinandersetzung mit Klischees, Stereotypen und Vorurteilen allzu schnell ins Zentrum rückte. Das Bemerkenswerte an diesem Zitat ist, dass es das Verhältnis der Beteiligten in Schwingung bringt: Wer produziert Klischees? Wohnt wirklich jedem Klischee ein wahrer Ursprung inne? Was geschieht, wenn ich dem Klischee nicht mehr entspreche? Wem obliegt die Verantwortung für ein Klischee, ein Vorurteil? Wer kann es verändern, aufheben, auflösen, vergessen machen?

60 Prozent möchten keine Roma in ihrer Nähe. 

Die Stereotype, mit denen sich Roma konfrontiert sehen, lassen sich schnell benennen: Zivilisationsfeindlichkeit, ein Hang zum Stehlen, zum Nomadentum, zur Wahrsagerei und vor allem: zum aggressiven Betteln. Es sind resistente Vorurteile, die seit Jahrhunderten bestehen und ortsunabhängig gültig sein wollen. Auch sind sie der Grund, warum knapp 60 Prozent der Befragten der „Mitte-Studie 2016“ der Universität Leipzig angaben, Roma nicht in ihrer Gegend haben zu wollen.

werkgruppe2 fragt:

Was denken die Roma selbst?

In dem dokumentarischen Theaterprojekt GYPSIES, das ich als Dramaturgin mit werkgruppe2, einem in Niedersachsen ansässigen Theaterkollektiv entwickelte, sollten genau jene Stereotype an Roma-Familien mit der Frage zurückgespiegelt werden: Was bedeuten unsere Bilder von Roma für sie selbst? Welche von diesen Beschreibungen werden als identitätsstiftend wahrgenommen? Oder welche Möglichkeiten gibt es, Vorurteile zu durchbrechen, eben „nicht den Klischees zu entsprechen“?

Eine internationale Theaterkooperation ermöglicht Gespräche vor Ort.

Da das Projekt in Kooperation mit dem Staatstheater Braunschweig, dem Nationaltheater Temeswar (RU) und dem Théatre de la Manufacture in Nancy (FR) entstand, habe ich mit der Regisseurin Julia Roesler die Interview-Recherche in allen drei Ländern im Frühjahr 2016 begonnen. Die gesammelten Interview-Texte bilden das Material, aus dem die spätere Textfassung für die Theaterinszenierung besteht. Bei diesen Recherche-Reisen ließ und lässt sich ein Phänomen in jedem der drei Länder beobachten und erfahren: Überall gibt es Roma, die betteln.

Ich möchte drei Momente schildern, die zeigen, welch disparate und spannungsreiche Antworten wir auf unsere Fragen nach dem „Phänomen Betteln“ erhielten. Es ist ein Versuch, eine Strategie gegen unsere eigenen pauschalisierenden Vorurteile, jene Ethnisierung der sozialen Verhältnisse, zu entwickeln, indem wir uns auf die Spur nach Gegen-Geschichten begeben und diese auf einer öffentlichen Bühne nacherzählen. Geschichten, die uns überraschten, uns misstrauisch ob ihres Wahrheitsgehaltes werden ließen, die uns rührten. Es ist ein Versuch des Verlernens von Vorurteilen als eine aktive Zurückweisung von kulturellen Einschreibungen.

„Bettelmafia“? –

„Schon mal gehört, aber…“

Eines der ersten Interviews fand in Berlin statt, und wir trafen den 18jährigen Dejan, Bäcker-Lehrling, mit seinem jüngeren Bruder. Der Familie drohte Abschiebung, denn sie stammen aus dem Kosovo, waren während des Krieges geflohen, der Vater ist heute krebskrank. Wir fragten: „Wie ergeht es euch, wenn ihr auf der Straße eine bettelnde Romni seht? Was macht ihr?“ „Sie macht das vielleicht, weil sie kein Geld hat und welches braucht. Wir helfen ihr dann.“ Ob sie keine Angst hätten, der sogenannten Bettelmafia auf den Leim zu gehen? Ja, ja, davon hätten sie auch schon im deutschen Fernsehen gehört, aber selbst gesehen hätten sie die noch nie. Erwartet hatten wir anderes: vielleicht, dass sie sich ihrer „Landsleute“, die betteln, schämen; dass sie Angst haben, in eine ähnliche Situation zu geraten oder dass die bettelnde Romni ein schlechtes Bild auf „ihr Volk“ wirft. Vor allem im deutschsprachigen Raum ist uns die Warnung vor der Bettelmafia häufig begegnet und bis zu diesem Moment, hatten wir die Existenz selbst nie angezweifelt – bietet sie doch ein gutes Argument, bettelnden Roma kein Geld zu geben, da ich somit Kriminellen das Handwerk legen kann.

Ein bescheidener Wunsch, der die Fragenden beschämt.

In einem illegalen Camp in Metz waren wir unangekündigt aufgetaucht, wollten spontan Gespräche führen; wir waren unerwünscht, die Stimmung aggressiv. Alle Gadje (Nicht-Roma) würden kommen und ankündigen, sie wollten helfen, wirklich helfen jedoch würde niemand. Mit einer Frau gelang ein kurzes persönliches Gespräch: wir fragten, was ihr größter Wunsch sei, um ihre Lage zu verbessern? „Dass wir ein Papier kriegen, womit wir auf der Straße betteln dürfen. Wir betteln, um vier oder fünf Euro zu bekommen, das ist alles. Mehr wollen wir nicht.“ Die Frau wünschte sich die offizielle städtische Genehmigung, an bestimmten Plätzen in der Öffentlichkeit betteln zu dürfen.

Warum ist ihr Wunsch so konkret und armselig und für uns beschämend? Wir wundern uns, warum sie sich nicht Arbeit, Wohnung oder Auto wünscht. Ist das eine Bestätigung der Maslowschen Bedürfnishierarchie oder bloßes Von-der-Hand-in-den-Mund-leben?

„… weil du gar nix hast!“

Für ein anderes Interview haben wir eine Romni mit ihrer Familie besucht, die aus Rumänien nach Frankreich migriert waren. Heute leben sie in einem Hochhaus-Apartment in einem Vorort von Nancy, da sie durch die Teilnahme an einem Modellprojekt aus einem Camp ausziehen konnten. Die Frau lobt das Sozialsystem in Frankreich, „die geben einem einfach Geld – man muss nicht betteln. Auch als Roma ist es wichtig, den Kindern ein Vorbild zu sein. Klar ist, wenn jemand bettelt, dann bettelt er, weil er was zu essen braucht: um den Kindern Essen zu holen, weil du keine Krankenversicherung hast, weil du keine Arbeit hast, weil du gar nix hast. Wenn du ein wenig Sozialhilfe bekommen kannst, dann musst du nicht betteln gehen. Als wir gebettelt haben, haben die uns gefragt, wer unser Boss ist. Und ich wusste, dass ich für meine Kinder arbeite, ich hab keinen Chef. Jetzt arbeite ich. Gott sei Dank muss ich das nicht mehr machen.“ Der 19jährige Sohn stand neben der Mutter, er selbst beschämt von der Ehrlichkeit seiner Mutter, die unverhohlen zugab, gebettelt zu haben und dies zugleich mit der Not und Last der Verantwortung als Mutter plausibel machen konnte.

Sicherlich existieren Strukturen, pauschal „Mafia“ genannt, wie das System der Bulibascha, die vergleichbar mit Zuhältern, mit Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis leben. Sie helfen ihnen, in einem illegalen Camp zu überleben, besorgen den Generator, der den einzigen Strom liefert oder ermöglichen, die Bettelerlaubnis zu beantragen und erhalten dafür von den „Einnahmen“ einen Anteil. In der konkreten Situation sind sie oft die einzigen Unterstützer. Die Frage ist, warum sich ein solches System etablieren kann. Warum betteln diese Menschen? Weil sie wenig Optionen haben: weil die Armut in Rumänien zu groß ist; weil sie nicht wissen, wovon sie in ihren ersten Tagen in Frankreich Essen kaufen sollen; weil ihnen niemand erklärt, ob und wo sie Unterstützung bekommen könnten; weil es funktioniert und wir ihnen Geld geben, leichter als dass wir als Mehrheitsgesellschaft ihnen Arbeit geben; weil es amtliche „Bettelerlaubnisse“ gibt, die diese Handlungen legitimieren – trotz all dieser möglichen Begründungen bleibt die Scham ein stets präsentes Gefühl.

Signaturen der Bedrohung manifestieren die Identität.

Minderheitenfragen und soziale Fragen können nur schwer auseinandergehalten werden, denn in den Personen laufen sie zusammen. Zugleich ist es dieses Reden über Kulturen und über Großgruppen, das vielleicht mehr Identität produziert, als eigentlich da ist. Bei den Roma sind es in erster Linie „Signaturen der Bedrohung“, die als Identität manifestiert werden. „Wir deuten in der Begegnung ihre Armut, ihre mangelnde Gesundheit, ihre Unbildung ebenso wie ihren familiären Zusammenhalt als potenzielle Gefährdungen „unserer“ Lebensweise. Dabei ist die Wahrnehmung durchgängig selektiv und begnügt sich mit wenigen Bildern von den nackten, verwahrlosten Kindern über die aufdringlichen Frauen bis zu den „Sippenchefs“ mit den Goldzähnen. Die Tatsache, dass es auch Roma gibt, die Handwerker, Anwälte, Künstler, Berufsfußballspieler sind, wird völlig ausgeblendet,“ beschreibt es der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal.

Es sind nicht Roma, die betteln, sondern es sind Menschen in Armut, in prekären Situationen.

Vielleicht brauchen wir die Roma?

So schaffen wir zugleich eine Bedrohung und einen Indikator, um die großen Probleme unserer Gesellschaft abzulesen: die Armut innerhalb Europas, den Bildungsnotstand und die Bildungsungerechtigkeit, organisierte Kriminalität oder Flucht aus wirtschaftlichen Gründen.

Vielleicht brauchen wir „die Roma“, um uns durch ihr Dasein irritieren zu lassen, um unsere wissenden Bilder widerlegt zu sehen, um uns in unserer Sattheit infrage zu stellen, um unsere Vorstellung von Identitäten zu verfeinern, um unseren Wunsch zu teilen strapazieren zu lassen, um unser Denken vorbehaltloser zu machen.

„Wir haben auch Angst vor Anderen.“

In der Theaterinszenierung GYPSIES, die im vergangenen Frühjahr Premiere hatte, greift ein Schauspieler das eingangs erwähnte Zitat auf und fragt als Interviewer eine Schauspielerin, die eine alte französische Romni spielt: „Papst Franziskus hat zu den Roma gesagt: ‚Seid nicht wie eure Klischees.‘ Was halten Sie davon?“ Die Frau antwortet: „Aber wissen sie, wir werden überall verurteilt. Ob wir jetzt was Gutes oder was Schlechtes machen. Wir haben auch Angst vor Anderen. Vor Leuten, die wir nicht kennen.“

Silke Merzhäuser

werkgruppe2 besteht aus der Regisseurin Julia Roesler, der Komponistin und Musikerin Insa Rudolph und der Dramaturgin Silke Merzhäuser. Seit 2009 entwickelt das Theaterkollektiv Projekte, die auf journalistischen Recherchen basieren und die Grenzen von Schauspiel und Musiktheater, Dokumentation und Fiktion ausloten.

Foto: Volker Beinhorn

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