Im Schattenreich des Stephen King

Die Verfilmung von „Es“ läuft gerade im Kino. Doch das Werk von Horror-Altmeister Stephen King ist breiter und vielschichtig. Der Religionspädagoge Ulrich Kumher findet es aus christlicher Perspektive erschreckend und lehrreich zugleich.

Stephen King versteht es seit vielen Jahren, sein Publikum durch sinistere Geschichten in seinen Bann zu ziehen. Millionen von Menschen haben seine Geschichten gelesen und die Filme, die auf seinen Romanen und Kurzgeschichten basieren, gesehen. Der Erfolg Stephen Kings reißt nicht ab: Immer wieder schaffen es seine Bücher in die Bestsellerlisten, so manche seiner Geschichten haben Kultstatus erlangt, wie z.B. „Shining“ und „Es“, dessen Neuverfilmung zur Zeit in den Kinos zu sehen ist. Das Werk Stephen Kings ist voller übernatürlicher Phänomene, menschlicher Tragödien und Gewalt.

Die Fragilität menschlicher Existenz fühlbar machen

King lotet die Abgründe und Schatten menschlicher Existenz aus, zeigt, wozu Menschen fähig sein können, und schreckt vor Tabubrüchen nicht zurück, wenn er beispielsweise Kinder gleichermaßen als Gewaltopfer und Täter darstellt. Als Meister des Horrors zeichnet sich Stephen King gerade dadurch aus, dass er Furcht und Schrecken in einen Alltag einbrechen lässt, den er besonders erfahrungshaltig und liebevoll zu beschreiben weiß. Er versteht es, Atmosphäre aufzubauen, und die Fragilität menschlicher Existenz fühlbar zu machen.

Desensibilisierung in puncto Gewalt

Aus christlicher Perspektive kommen einige Aspekte der Geschichten Stephen Kings als äußerst problematisch in den Blick, so z.B. die Kombination von Gewalt und Bösartigkeit, wie sie der Clown „Pennywise“ in dem Roman „Es“ personifiziert. Dabei geht es nicht nur darum, dass Gewaltdarstellungen für negative Effekte in Frage kommen können, wie z.B. für eine Desensibilisierung in puncto Gewalt. Tatsächliche Übergriffe, bei denen als Clowns verkleidete Personen die seelische und körperliche Gesundheit ihrer Mitmenschen gefährdet oder gar verletzt haben, sind wohl auch von der – fiktiven – Horrorfigur Pennywise angeregt worden. Insofern ließe sich hier davon sprechen, dass diese Art der Unterhaltungsliteratur und ihre Verfilmungen inhumane Handlungsmöglichkeiten ins Bewusstsein zu bringen vermögen und sogar für einige Menschen ein reizvolles Modell für Inhumanität liefern.

Gegenbilder zu christlichen Hoffnungen

Als problematisch erscheint zudem, dass in den Horrorgeschichten nicht selten das, was gewöhnlich positiv besetzt ist, in sein Gegenteil verkehrt worden ist: So wird nicht nur der Clown (vgl. „Es“) unter Stephen Kings Feder zu einer Horrorfigur, sondern auch die Krankenschwester (vgl. „Sie“). Eckhard Pabst hat in seiner Interpretation der älteren Verfilmung des Romans „Carrie“ (USA 1976) darauf hingewiesen, dass sich diese Geschichte als Verkehrung des Cinderella-Märchens begreifen lässt.[1] Auch der christlichen Hoffnung widerfährt in einigen Romanen dasselbe Schicksal, insofern Stephen King explizit auf den christlichen Glauben anspielt, aber einen Kontrast, ein Gegenbild zu ihm entwickelt: In dem Roman „Friedhof der Kuscheltiere“ wird die Auferweckung des Lazarus (Joh 11,17-44) zitiert, doch in der Romanhandlung gibt es keine Auferweckung aus dem Tod. Die christliche Hoffnung auf die lebensspendende Macht Gottes wird kontrastiert mit einer Art Auferstehung verstorbener Personen zu blutrünstigen Wiedergängern.

Wäre vor Kings Hoffnungslosigkeit zu warnen?

Während „Der dunkle Turm“ eine Schöpfungserzählung beinhaltet, die als Verkehrung von Gen 1,1-2,4a begriffen werden kann, entwirft der Autor in „Revival“ ein Szenario des Grauens für das Jenseits – das Gegenteil zur christlichen Erlösungshoffnung. Durch diese Art der Spiegelung ins Negative entlässt Stephen King sein Publikum in die Hoffnungslosigkeit, gerade dann, wenn eine universale Heilsperspektive komplett ausfällt. Auch wenn sich einwenden lässt, dass es sich hier ja nur um fiktive Geschichten zur Unterhaltung handelt, bleibt die Frage, ob die Hoffnungslosigkeit und das Grauen nicht doch in das Weltbild der Leserinnen und Leser einzusickern vermögen und dort fortwirken. Ist nicht angesichts dieser Beobachtungen von der Lektüre Stephen Kings aus christlicher Perspektive dringend abzuraten und vor ihr zu warnen?

Er weiß um die Vielschichtigkeit des Lebens

Gegen eine einseitige Warnung vor der Lektüre Stephen Kings spricht u.a. der Facettenreichtum seines Werks. Da gibt es nicht nur das Dunkle und Hoffnungslose, sondern da gibt es Schattierungen und Licht, wenn die Protagonisten und Protagonistinnen seiner Geschichten füreinander einstehen und es mit dem Bösen aufnehmen. Religion ist von dem Facettenreichtum nicht ausgenommen. Sie dient nicht nur als Kontrast für Horrorvisionen. Stephen King weiß auch bei diesem Thema um die Komplexität und Vielschichtigkeit des Lebens und bringt diese auf das Papier. Über ihre Erfahrungshaltigkeit hinaus sind die Geschichten symbolträchtig und lassen sich oftmals als Zeitkritik, wenn nicht gar als „prophetisch“[2] verstehen: Seine Geschichten können auf problematische Zustände und Ereignisse in den USA bezogen oder sogar als deren Vorwegnahme gelesen werden (z.B. „Mr. Mercedes“).

Herausfordernde Anfragen an den Glauben

Zudem ist zu bedenken, dass Stephen King viele Menschen durch seine Geschichten anzieht und fasziniert. Die einseitige Warnung vor der Lektüre Kings würde die Chance verpassen, über die Fragen, die in seinen Geschichten aufscheinen oder explizit gestellt werden und die u.a. die Abgründe menschlicher Existenz und das Böse betreffen, in einen konstruktiven Dialog zu kommen. Stephen Kings Geschichten lassen sich häufig als Anfragen an den christlichen Glauben begreifen und thematisieren alte theologische Probleme, z.B. die Theodizeefrage (vgl. „Revival“). Christinnen und Christen können sich durch die Bücher von Stephen King herausfordern lassen. Sie stehen dann vor der Aufgabe, ihren Glauben u.a. angesichts der Schattenseiten menschlicher Existenz plausibilisieren zu müssen, sie stehen vor der Aufgabe, mit den Negativerfahrungen in Kings Werk umgehen zu müssen. Nicht zuletzt impliziert die Auseinandersetzung mit den Geschichten Stephen Kings die Frage nach der Existenz übernatürlicher Phänomene und Fähigkeiten. Wann werden sie der Fantasie zugeschrieben, wann wird ihnen „Wirklichkeit“ zugemessen? – In dieser Perspektive lässt sich die Auseinandersetzung mit den Romanen und Kurzgeschichten des Horrormeisters als theologische Herausforderung begreifen – und als gute Übung.

[1] Vgl. Eckhard Pabst: Carrie – Des Satans jüngste Tochter, in: Ursula Vossen (Hg.): Filmgenres. Horrorfilm, Stuttgart 2004 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18406), S. 218-224.

[2] Tobias Rüther: Der Tod und das Auto, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3. September 2017, Nr. 35, S. 41.

Ulrich Kumher ist Religionspädagoge.

Bild: joshua_Willson / Pixabay

Print Friendly