Selbstfindung, nicht Selbstoptimierung: Überlegungen zur Beichte

Gebeichtet wird öffentlich. So jedenfalls geschieht es in den Medien. Das medial inszenierte Beichten dient der Definition dessen, was in der Öffentlichkeit als moralisch akzeptabel angesehen wird. Es geht um Selbstoptimierung, um die bestmögliche Einpassung in die Regelwerte der öffentlich verhandelten Moral. Die sakramentale Beichte zielt dagegen auf Selbstfindung, meint Martin M. Lintner.

Der Papst geht beichten – und die ganze Welt schaut zu. Er liebt es offensichtlich, die Öffentlichkeit zu überraschen. Schon mehrmals hat er im Petersdom außerhalb des vorgesehenen Programms vor den Augen aller einen Beichtstuhl aufgesucht, (in der Regel) zum Verblüffen der Anwesenden und (manchmal) zum Erschrecken des Priesters, der gerade im Beichtstuhl saß.

Papst Franziskus ist ein Sünder.

Der Papst geht beichten – alle dürfen es wissen, denn er ist ein Sünder; schließlich hat er es im aufsehenerregenden Interview zu Beginn seines Pontifikats unumwunden eingestanden: „Wer ist Jorge Mario Bergoglio? […] Ein Sünder. Das ist die richtigste Definition. Und es ist keine Redensart, kein literarisches Genus. Ich bin ein Sünder.“[1] Definiert der Papst seine Identität über die Sünde?

Mediale Bekenntnisshows als Orte der Selbsterzeugung

Szenenwechsel: In ihrem Buch „Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis“[2] vertritt die Paderborner Soziologin Hannelore Bublitz die These, dass Menschen das Bedürfnis haben und den Drang spüren, ihr Selbstkonzept und ihre Identität im sozialen Miteinander zu entfalten und auch je neu zu konfigurieren. Medial inszenierte Bekenntnisrituale dienen der Selbstvergewisserung, sie sollen sowohl sozialen Anschluss sichern als auch eine profilierte Identität ermöglichen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem medial öffentlichen Bekenntnisdrang und der Beichte ist zunächst sicher die Frage, wie die Öffentlichkeit eingebunden ist: Erfährt sie auch davon, was gebeichtet wird? Was im Beichtstuhl privat bleibt und dem strengen Beichtgeheimnis unterliegt, wird in der medialen Öffentlichkeit vor einem anonymen Millionenpublikum ausgebreitet. Nach Bublitz ist die entscheidende Frage allerdings nicht, was jemand beichtet, sondern wie er es tut, denn wie sich eine Person thematisiert, ins Gespräch bringt und darstellt, dient der Konstruktion ihres Selbstkonzepts und dessen Vergewisserung im Spiegel des sozialen Umfelds. Im „Beichtstuhl der Medien“ konstituiert sich somit ein „Subjekt, das sich in seiner öffentlichen Artikulation und Manifestation selbst auf die Spur kommt und sich im Spektrum von Konventionen, sozialen Codes und Normen erst bildet und formt. Seine öffentlich-mediale Selbstoffenbarung wird zum Akt, der ‚mediale Beichtstuhl‘ zum Ort der Selbsterzeugung“[3]. Es geht Bublitz nicht um die religiöse Beichte, aber sie glaubt, dass „mediale Beichten“ die kulturellen Muster der sakramentalen Beichte aufnehmen und die schonungslose Selbstenthüllung zu einem Instrument der Selbstthematisierung machen.

Der Beichtstuhl: (k)eine Folterkammer

Schwenken wir zurück zur Beichte: Dass dieses Sakrament in der Krise ist, ist ein offenes Geheimnis. Auch dass Papst Franziskus seit Beginn seines Pontifikats unermüdlich zur Beichte ermutigt und einlädt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, sondern stellt eher eine Problemanzeige dar. In Evangelii Gaudium erinnert er die Priester daran, „dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn, die uns anregt, das mögliche Gute zu tun“ (Nr. 44). Er gibt damit einem selbstkritischen Bewusstsein darüber Ausdruck, dass die Beichte in der Geschichte allzu oft als Kontroll- und Machtinstrument missbraucht worden ist.[4] Der Beichtstuhl war für zu viele Menschen Begegnungsort mit einem unbarmherzigen Gott, in dessen Augen Bagatellen zur Todsünde mutierten, besonders wenn sie das sechste Gebot betrafen. Dass die Beichte nicht als Heilssakrament, sondern als unheilvolles Machtinstrument ausgeübt und erfahren worden ist, stellt eine historische Last dar, die noch nicht überwunden ist.

Beichte: Institutionalisierung der eigenen Unvollkommenheit?

Bedeutet aber die schonungslose Selbstenthüllung, wie sie in der Beichte geschieht, nicht von vorneherein eine Art „Folter“? Ist nicht das Sündenbekenntnis eine Selbstkasteiung, die eine negative Selbstwahrnehmung fördert, insofern der Fokus auf die Sünden eines Menschen gelegt und ihm seine Fehler- und Mangelhaftigkeit vor Augen geführt werden? Für viele Pönitenten ist es konsternierend und zermürbend, „Beichte für Beichte“ dieselben Sünden zu bekennen und sich damit einzugestehen, nicht zu einer anhaltenden Besserung fähig zu sein. Wird die Beichte nicht zu einer Art „Institutionalisierung der eigenen Unvollkommenheit“?

Aber – vielleicht liegt gerade hier die Chance für eine Erneuerung des Sakramentes der Versöhnung: Das Sündenbekenntnis konfrontiert einen Menschen mit sich selbst, es nötigt ihn wohl zu einer offenen und ehrlichen – mit anderen Worten: schonungslosen – Auseinandersetzung mit sich, aber gerade dadurch befähigt es ihn zur Selbstannahme und damit auch zum persönlichen Wachstum. Wenn Papst Franziskus auf die Frage, wer er denn sei, antwortet, er sei ein Sünder, dann denkt er dabei wohl kaum an seine einzelnen Sünden und Vergehen. Er bringt vielmehr zum Ausdruck, dass er sich selbst in seiner Identität ein Stück weit fremd bleibt, dass er sich als von „sich entfremdet“ erfährt. Paulus reflektiert über diese ganz menschliche Erfahrung in Röm 7,15.18*–19: „Ich begreife mein Handeln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse. […] Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“

Der eigenen Boshaftigkeit in die Augen schauen

Die Erfahrung der eigenen Sündhaftigkeit ist in ihrem Kern eine Dissoziationserfahrung: Obwohl ich um das Gute, das sittlich Richtige weiß, und obwohl ich die Möglichkeit hätte, es zu verwirklichen, sperrt sich etwas in mir, mein Wille drängt mich, es nicht zu tun bzw. etwas zu tun, von dem ich weiß, dass es böse bzw. sittlich falsch ist. Cartoons, bei denen auf je einer Seite der Schultern ein Engelchen und ein Teufelchen sitzen, um einem Menschen ins Ohr zu flüstern und ihn zum Guten zu drängen bzw. zum Bösen zu verführen, sind ein durchaus lustiger und zugleich tiefsinniger Ausdruck der Erfahrung einer inneren Zerrissenheit, mehr noch, einer inneren Selbstentfremdung. Das Bekenntnis einer Sünde ist im Letzten das Bekenntnis, dass ich nicht der bin, der ich sein möchte. Es ist das Bekenntnis jemand zu sein, der ich so nicht (wenigstens nicht gänzlich) sein möchte. Es wird zum Akt der Konfrontation damit, dass ich mich selbst im Letzten nicht ganz zu verstehen mag und mir auch immer auch entzogen bleibe; dass ich aus mir nicht einfach nur den Menschen machen kann, der ich sein möchte. Vielmehr werde ich immer auch von – wie die Tradition es zutreffend nennt – dem mysterium iniquitatis, dem Geheimnis des Bösen angerührt und durchwühlt. Es macht mir „einen Strich durch die Rechnung“. Im Gegensatz zu medial inszenierten Bekenntnisshows, die sich in irgendeiner Form einreihen lassen in individuelle Techniken und Praktiken der Selbstoptimierung, ist das Schuldbekenntnis in der Beichte das Eingeständnis, in diesem Prozess der Selbstoptimierung gerade zu versagen. Es mag paradox klingen, aber das Bekenntnis von Schuld ist ein Akt, bei dem ich einerseits ganz bei mir selbst bin – denn im Bekenntnis stehe ich unvertretbar für mich selber ein und übernehme die Letztverantwortung für das, was ich bekenne –, es ist zugleich aber auch ein Akt der Selbstentzogenheit, nämlich der Konfrontation mit dem Geheimnis der eigenen Boshaftigkeit, die ich nicht zu begreifen vermag.

Angesichts des Geheimisses des Bösen: Beichte als Ort des Umgangs mit dem Eingeständnis, im Prozess der Selbstoptimierung zu versagen

Das Böse und die eigene Boshaftigkeit lassen sich nicht verstehen oder erklären. Wenn sie sich verstehen ließen, könnten sie erklärt werden. Das Böse würde nicht nur nachvollziehbar, sondern damit auch entschuldbar. Es würde in einen Verstehenszusammenhang eingebunden, von dem her es verständlich wäre. Jacques Derrida etwa betont mit Nachdruck, dass nur das Unverstehbare nach Verzeihung ruft, das, wofür es keine rationale Erklärung, wofür es keine Entschuldbarkeit gibt – und das deshalb auch unverzeihlich wird.[5] Nur Unverzeihliches, so Derrida, ruft nach Vergebung, nach einer bedingungslosen und ungeschuldeten Vergebung. Diese Vergebung ist nicht geknüpft an die Bedingung des Verstehens, auch nicht des Bekennens, des Bereuens oder dem Vorsatz der Besserung. Sie ist unbedingt, eine Gabe – steckt dieser Begriff doch in dem der Vergebung –, den Bedingungsverhältnissen entzogen. Derrida differenziert Vergebung von zwischenmenschlicher Versöhnung, also dem gegenseitigen Verzeihen, das Gespräch, Verständigung, Wiedergutmachung verlangt.

Beichte als Ort der Barmherzigkeit

Die Beichte ist eingebunden in einen Prozess der Versöhnung, der weder auf das Bekenntnis von Sünden noch auf die Buße reduziert werden darf – weshalb konsequenterweise vom „Sakrament der Versöhnung“ die Rede sein sollte. Der Prozess der Versöhnung zielt zuallererst auf die zwischenmenschliche Beziehung sowie die Beziehung eines Menschen mit sich selbst.

Der medial öffentliche Bekenntnisakt pendelt zwischen dem Ausloten, wie weit jemand die Abgründe seiner Persönlichkeit offenlegen kann, ohne von der Öffentlichkeit vollkommen abgelehnt zu werden, und der Vergebungsbereitschaft des Publikums als Seismograph dafür, was sozial (noch) akzeptabel ist. Dagegen ist die sakramentale Beichte ein Ort der Zusage einer unbedingten Annahme, die menschliches Verstehen übersteigt. Gott umfängt die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz und bejaht den Menschen – selbst mit dessen im Letzten nicht verstehbaren Boshaftigkeit.

Nicht Grenzen ausloten, sondern Zusage erfahren

Wäre diese Boshaftigkeit verstehbar und verständlich, dann wäre die Liebe Gottes nicht mehr unbedingt und frei, sondern bedingt und gefordert, nämlich ein Erfordernis der Gerechtigkeit. Die Bejahung des Menschen durch Gott, seine unverbrüchliche Treue zum Sünder ist aber kein Erfordernis der Gerechtigkeit, sondern Barmherzigkeit. Barmherzigkeit meint dabei nicht nur Milde und Nachsicht, sondern vielmehr, dass Gott dem Menschen gerecht wird – dem Menschen in seiner Unvollkommenheit, in seiner Unberechenbarkeit und mit seiner Bosheit.
Das Sakrament der Versöhnung konfrontiert mich mit diesem Blick Gottes, es ermöglicht die Annahme meiner selbst, nicht unter der Bedingung von Selbstoptimierung, sondern als eine Annahme, die auch meine inneren Abgründe, meine bleibende Gefährdung durch meine Boshaftigkeit und Überforderung, mich selbst zu optimieren – ja sogar zu erlösen bzw. so zu leben, dass mir die Erlösung gleichsam zusteht. Das Sakrament der Versöhnung bringt mich mit Gott in Berührung als der Voraussetzung und dem letzten tragenden Grund meines Lebens.

Selbstthematisierung – mehr als Selbstoptimierung

Die erfahrbare Begegnung mit dem barmherzigen Gott steht im Vordergrund, die Erfahrung einer unbedingten und grenzenlosen Annahme, die die menschliche Erfahrung von Dissoziation und Selbstentfremdung zu umfangen und damit aufzuheben vermag. Selbstthematisierung im Rahmen der Beichte dient nicht der Selbstentfaltung, sondern der Selbstfindung – besser, der Findung seiner selbst, als der man von Gott schon gefunden ist. Mich so zu erkennen, als der ich vor Gott stehe, darauf zielt Beichte – und nicht darauf, mich so zu inszenieren, dass ich soziale Anerkennung finde.

[1] Antonio Spadaro SJ, Das Interview mit Papst Franziskus, online: http://www.stimmen-der-zeit.com/zeitschrift/online_exklusiv/details_html?k_beitrag=3906412 (06.09.2016).

[2] Hannelore Bublitz, Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis (Reihe: Sozialtheorie), Bielefeld 2010.

[3] Bublitz, Im Beichtstuhl der Medien, 13.

[4] S. dazu John Cornwell, Die Beichte. Eine dunkle Geschichte, Berlin 2014.

[5] Jaques Derrida, Jahrhundert der Vergebung. Verzeihen ohne Macht – unbedingt und jenseits der Souveränität, in: Lettre International 48 (2000), 10–18.


P. Martin M. Lintner OSM ist Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen und Präsident von INSeCT – International Network of Societies for Catholic Theology.

Bild: Hunter Bryant / unsplash.com

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