Stabilität durch Vielfalt

Die Innsbrucker Theologin und Dipl.Ing. der Landwirtschaft Veronika Lamprecht spürt Parallelen zwischen ökologischen Prozessen und theologischen Erkenntnissen nach – vor allem der „Homöostase“, einem dynamischen Gleichgewicht.

In der Ökologie gibt es das Konzept der Homöostase. Darunter ist ein dynamisches Gleichgewicht zu verstehen. Wenn ein Ökosystem gut funktionsfähig bleiben soll, während zum Beispiel Nahrung verbraucht wird, abgestorbenes Gewebe anfällt oder äußere Einflüsse wie Hitze, Nässe usw. zu Herausforderungen werden, müssen ständig ausgleichende Prozesse darin ablaufen. So ein System kann also nie völlig statisch sein, wohl aber stabil, indem es bestimmte grundlegende Parameter, die das Überleben garantieren, durch Rückkoppelungskreise relativ konstant halten kann.

Ist ein System reich an Biodiversität, … dann ist es gewöhnlich besonders stabil.

Die Vielfalt an Lebewesen und Mechanismen, die in so einem System besteht, ist eine wichtige Grundlage für die Stabilität eines Ökosystems. Ist es reich an Biodiversität, möglichst auch an Organismen mit unterschiedlichen Ansprüchen (z.B. durch unterschiedliche Vegetationszyklen), dann ist es gewöhnlich besonders stabil. Fehlt ihm diese Vielfalt, ist es gegenüber äußeren Einflüssen viel verletzlicher.

Das Konzept der Homöostase stammt ursprünglich aus der Physiologie. Die Fähigkeit lebender Systeme, unter stark schwankenden Außenbedingungen relativ stabile Zustände aufrechtzuerhalten, wurde schon von verschiedenen Wissenschaftlern beobachtet. Den Begriff prägte in den 1930er Jahren der Physiologe W. B. Cannon. Er übertrug diesen Blick auf das System des menschlichen Körpers auch auf andere Systeme – zum Beispiel auf die Gesellschaft. Das Konzept der Homöostase wurde auch in vielen weiteren Wissenschaften rezipiert, wie eben z.B. in der Ökologie, oder auch in der Psychologie oder den Wirtschaftswissenschaften.

Der Aspekt der Vielfalt als Anknüpfungspunkt

Aber kann es auch Denkanstöße für kirchliches Leben und Handeln liefern? Ich denke, es lassen sich darauf aufbauend Bilder entwickeln, die zumindest beim Nachdenken helfen können. Der Aspekt der Vielfalt kann zum Beispiel ein Anknüpfungspunkt zum Nachdenken sein. Ein weiterer Aspekt die Aufmerksamkeit bezüglich lebenswichtiger „Grundprozesse“, die für das „Ökosystem“ Kirche (über)lebensnotwendig sind. Diese Fragen könnte man übrigens auch an Paulus anknüpfend am Bild des „Leibes“ durcharbeiten.

Zur Vielfalt, die das Leben der Kirche prägen und bereichern kann, fallen mir schnell einige Beispiele ein: eine Vielfalt an Sprachen und Bildern, in der wir als Kirche von dem reden, was uns wichtig ist; eine Vielfalt an Orten der Begegnung mit Menschen, mitten in ihrem Lebenshorizont oder auch als „Gegenentwurf“ dazu (z.B. Orte der Stille, die die Alltagshektik relativieren helfen); eine wertschätzende Haltung gegenüber der Vielzahl an Menschen und Gruppen, die bereit sind, ihre vielfältigen Fähigkeiten und Gaben in das Leben der Kirche einzubringen, aber auch denen gegenüber, die uns mit ihrem Leid und ihren Fragen herausfordern.

Wertschätzung für Vielfalt

Auch in der Entwicklung der Kirche ist eine Wertschätzung für Vielfalt zu entdecken. Dazu reicht zum Beispiel ein Blick in die Bibel. In der Vielfalt der Überlieferungen kann sich deutlicher klären, wer Jesus Christus in seiner ganzen Komplexität eigentlich ist.

Aber Vielfalt ist, wie wir immer wieder erfahren, auch etwas Herausforderndes. Sind wir noch „wir“, wenn so vieles möglich ist, so viele Gruppen mit ihren Ideen und Bedürfnissen einbezogen werden, oder verlieren wir dadurch unsere Identität?

Und damit bin ich beim zweiten Aspekt, den das Bild vom Ökosystem als Denkhilfe liefern kann: Auf welche „zentralen Funktionen“ hin muss unser „Ökosystem“ Kirche stabil sein, damit es als lebendiges System bestehen kann? Diese Frage eröffnet ebenfalls ein weites Feld an Denkrichtungen. Ich möchte nur eine davon skizzieren und dazu mit einer Erfahrung beginnen: Eine junge Frau, in der pfarrlichen Jugendarbeit engagiert, reagiert auf einen Impuls, in dem es darum geht, dass Christus das Zentrum einer Pfarre sein soll. Und sie stellt ganz ohne große Emotion, einfach als nüchterne Wahrnehmung fest: „Bei uns ist das aber nicht so.“

Woran lässt sich festmachen, dass Christus im Zentrum unseres Lebens und Arbeitens steht?

Mir geht diese Feststellung nach. Einerseits, weil ich mich frage: Was gibt es im pfarrlichen Leben – abseits der theologische Reflexionsebene – zu erfahren, das uns als Kirche von einem beliebigen Verein unterscheidet, in dem man sich auch „zuhause fühlen“ und engagieren kann? Und andererseits: Woran lässt sich festmachen, dass Christus im Zentrum unseres Lebens und Arbeitens steht? Wie können wir uns in lebensfördernder Weise klar auf dieses Zentrum beziehen?

Ich denke, das darf nicht so aussehen, dass wir Christus vor allem „im Mund führen“.  Aber ein fruchtbarer Weg könnte meiner Meinung nach sein, immer weiter dem Geheimnis nachzuspüren, das Christus für uns auch bleibt. Wie schon die, die seine menschliche Gegenwart erlebt haben, damit gerungen haben zu deuten, was da eigentlich „läuft“, bleibt es auch eine Aufgabe für uns, wieder und wieder aus unseren vielfältigen Lebenszusammenhängen heraus auf seine Botschaft hinzuhören. Wenn Christus in dem Sinn in unserer Kirche präsent ist, dass wir uns in unseren Lebensentwürfen von ihm immer wieder herausfordern lassen, dann sind wir in einer guten Weise auf einen „grundsätzlichen Lebensprozess“ unseres „Ökosystems Kirche“ bezogen. Denn Leben, sei es in einem Ökosystem oder in einer Gemeinschaft von Menschen, ist immer etwas sehr Komplexes, das, wenn man es gestalten will, beständige Aufmerksamkeit und manchmal kreative Wege zum Weitergehen braucht.


Autorin: Veronika Lamprecht, Dipl. Ing. der Landwirtschaft und BA in Religionspädagogik, nach einigen Jahren Leben und Arbeit mit Menschen mit Behinderungen in der „Arche Tirol“, ist seit September 2017 im Pastoraljahr der Diözese Innsbruck (unter anderem im Bereich Schöpfungsverantwortung).

Beitragsbild: Pixabay

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