Städtetourismus. Was die Stadt so anziehend macht

Sommerzeit – Zeit für Städtereisen. Thomas Eggensperger berichtet von einer ökumenischen Studientagung zum Städtetourismus, die im Juni 2016 von der „Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Freizeit und Tourismus“ (DBK) und dem Referat „Kirche in Freizeit, Erholung und Tourismus / Kirche in der Stadt“ (EKD) veranstaltet wurde.

Der Drang in die Städte

Der Soziologe Helmut Berking (TU Darmstadt) setzte in seinem Einführungsstatement mit seinen stadtgeschichtlichen Überlegungen sehr früh an und sieht, im Blick auf biblische Befunde, durchaus negative Konnotationen in der Erwähnung von Städten. Ninive, Sodom, aber auch Rom galten als Orte der Sünde. Nichtsdestotrotz bleibt der Trend zur Verstädterung ein Phänomen bis zum heutigen Tag. Das 21. Jahrhundert wird gar ein „Jahrhundert der Städte“ (Berking). Die höchsten Wachstumsraten im Bereich des Tourismus sind in Asien und Afrika festzustellen, so wurden für 2014 insgesamt 1,1 Milliarden Ankünfte berechnet. Spitzenwerte von ankommenden Touristen erzielen heute Städte wie Hongkong, Singapur und London. Dies hat Folgen für den Tourismus wir für die Städte selbst. Die Stadt ist prinzipiell ein Geflecht von Raum und sozialer Beziehung. Gerade die Einheit von räumlicher Stadtgestalt und mentaler Stadtkultur macht ihre Bedeutung aus. Die urbane Lebensweise äußert sich in ihrer Intellektualität und Indifferenz, sowie in ihrer Blasiertheit (G. Simmel).

Unbekannte Boomstädte

Nicht zuletzt in dieser Tagung selbst, haben Debatten um Stadt m.E. aktuell die Tendenz, in der Bewertung von Städten das Kriterium europäisch geprägter Stadtvorstellungen anzusetzen. Dabei berücksichtigt man viel zu wenig die Tatsache, dass moderne, sich entwickelnde Städte mit hohem ökonomischen und kulturellem Potenzial im europäischen Raum kaum noch zu finden sind (bestenfalls Berlin und London). Stattdessen revolutioniert sich der urbane Raum in den explosionsartig wachsenden Städten Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. Zumeist sind uns Europäern kaum die Namen dieser boomenden Städte bekannt.

Für den Tourismus werden Orte – selbst wenn sie es von Hause gar nicht sind – artifiziell bedeutungsvoll gemacht. Das Fremde wird quasi in Form gebracht und in einer Weise für nostalgisch erklärt, dass man ins Staunen gerät (Lübecks Altstadt wird zum Weltkulturerbe erklärt, die Altstadt der tschechischen Insel Český Krumlov (Krumau) wird privatunternehmerisch touristisch betrieben, ist zur Gänze für den Tourismus hergerichtet, eine potemkinsche Insel gleichsam mit ca.50 wirklichen Einheimischen, aufbereitet für den nostalgiesehnsüchtigen Touristen!

Nicht jeder Tourist lässt sich dergestalt verführen. Der sogenannte Post-Tourist verweigert sich dem klassischen Städtetourismus analog zum typischen Kreuzfahrtreisenden, der für wenige Stunden den Ort der Kultur und Geschichte passiert, um dann wieder ganz woanders hinzufahren. Der Post-Tourist begeistert sich vielmehr für shared communities (z.B. B&B oder Couchsurfing), um – wenigstens für eine kurze Zeit – gut eingebettet zu sein in das wirkliche Leben der besuchten Stadt. Man lernt anstatt Hotelgäste „echte“ Einheimische kennen!

Was will der Tourist in den Kirchen?

„Wer ist der unbekannte Gast in unseren Kirchen und was möchte er?“, so die Frage der Berliner Kultur- und Tourismusmanagerin Lara Buschmann. Anhand einschlägiger Umfragen verdeutlichte sie, dass die Motive von Städtetouristen für einen Kirchenbesuch meist kulturtouristischer Art sind und religiöse Motive nachrangig sind. Kirchen sind daher, wenn sie Touristen als ihre Gäste empfangen und ihren Bedürfnissen gerecht werden möchten, wie andere Kultureinrichtungen vor die Herausforderungen und Rahmenbedingungen des Tourismus gestellt, wie bspl. durch die o.g. post-touristische Tendenz. Dies bedeutet allerdings, seitens Anbieter (wie z.B. Kirchengemeinden) professionalisierter als bisher auf die Bedürfnisse der Besucher einzugehen. Dabei ist die Zielgruppenkenntnis zu verbessern, und sich nicht nur vom persönlichen Gefühl und Erfahrungswerten über Bedürfnisse und Motive leiten zu lassen. (Testfrage: Will man wirklich ständig beim Betreten einer Kirche unmittelbar von netten Menschen angesprochen werden?)

Fünf Typen

Neben neuesten Erkenntnissen aus der Kulturtourismusstudie hinsichtlich der Zielgruppen stellte Buschmann auch die der Studie zu Grunde gelegte Typologie von Kulturtouristen ihrer Studienpartnerin Yvonne Pröbstle vor und beschrieb die fünf Typen von Kulturtouristen (Kulturtouristen. Eine Typologie, Wiesbaden 2014.). Die Typen haben einen unterschiedlichen Erfahrungsgrad, was Kulturrezeption angeht und Kultur und Kunst haben dementsprechend für sie auch einen unterschiedlichen Stellenwert. So finden sich in der Gruppe der „passionierten Spezialisten“ diejenigen, die bereit sind, zum Besuch hochkultureller Spezialangebote viel Geld auszugeben. Nicht unähnlich sind ihnen die „kenntnisreichen Traditionalisten“, die gerne auch an Studienreisen teilnehmen. Etwas anders sieht es bei den „pflichtbewussten Sightseekern“ aus. Sie konzentrieren sich vor allem auf die „obligatorischen“ Objekte (Mona Lisa, Turm von Pisa etc.), auf die der Reiseführer hinweist. Neben den „unterhaltungsorientierten Ausflüglern“ (denen es eher um den Weg als um das Ziel geht und die dabei eher sparsam mit Ausgaben sind) finden sich noch die „aufgeschlossenen Entdecker“, die jenseits der Touristenströme auf die Suche nach den schönen Dingen und kleinen Erlebnissen gehen.

Neben dem Kennenlernen der Zielgruppen, der Begleitung der Besucher vom Moment ihres Interesses bis zur Heimreise („Customer Journey“) und der Ansprache von Nah-Touristen und Anwohnern gilt es, insbesondere auf eine zielgerichtete Vernetzung von Tourismus, Kirche, Kultur und Medien unter Einbeziehung von Multiplikatoren wie den Anwohnern zu achten. Letztere müssen zwar aufgrund von großem Besucherandrang teilweise Nachteile in Kauf nehmen, profitieren aber meist auch vom Tourismus, da sich Qualität und Vielfalt der Angebote durch Zielgruppenorientierung und Kooperationen mit anderen Einrichtungen verbessern.

Beispiel: Kathedrale von Salisbury

An der Tagung in Frankfurt/M. nahm u.a. auch die anglikanische Bischöfin von Salisbury, Sarah Mulally, teil, die in ihrem Vortrag in eindrücklicher Weise den Versuch ihrer Kathedrale schilderte, aus dem 800-Jahr-Jubiläum der „Magna Charta“ – von der eines der wenigen noch existierenden Originale im dortigen Museum ausgestellt ist – eine ordentlich aufbereitete Ausstellung zu machen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, zumal die bisherige Ausstellungskonzeption im Kathredralmuseum als ein wenig verstaubt wahrgenommen wurde. Aber in diesem Fall ließ man sich darauf ein, das Event in Kooperation mit Amnesty International durchzuführen, um mit dieser Assoziation, die religiös-weltanschaulich überhaupt nicht festgelegt ist, vor allem das Wechselverhältnis von Kultur und sozialer Gerechtigkeit zu beleuchten. Den Autor dieses Beitrags beeindruckte vor allem der wenig gezielt missionarische Impetus dieses Projekts, das aber dennoch sehr stimmig wirkte, weil man das Thema der sozialen Gerechtigkeit mit einem relevanten und kompetenten Akteur aufgriff und reflektierte.

Den Kunden befragen

Hilke Rebenstorf (Soziologisches Institut der EKD ) und Christopher Zarnow (Forschungsgebiet Kirche und Stadt) stellten vorläufige Ergebnisse einer laufenden Befragung vor, die sich mit dem Verhältnis von Stadt, Tourismus und Religion auseinandersetzt. Im quantitativen Teil der Umfrage wurde untersucht, in welchem Verhältnis die Menschen zum Kirchenraum stehen, den sie besuchen. Kirchen stehen zwar in der Stadt, aber sie sind doch, wenn man sie betritt, ein besonderer Raum. Dabei zeigt sich, dass die meisten Touristen meist unvorbereitet die Kirchen betreten, um dann nicht nur vom Raum selbst, sondern auch von stattfindenden Gottesdiensten und Andachten beeindruckt zu sein. Gesprächsangebote dagegen nehmen sie scheinbar mit eher zögerlichem Interesse auf, an Führungen hingegen nehmen sie gerne teil. Klar dominierte das Raumgefühl – Raum wird wahrgenommen als Ereignis.

Typologie der Kirchenbesucher

Der qualitative Teil der Befragung ging auf die Religiosität der Kirchenbesucher ein und stellte methodisch die Frage, ob touristisches Verhalten etwas über Religionskultur aussagt. Dabei wurden verschiedene Besuchstypen ausgemacht, die sehr ausdifferenziert eingestuft werden: Das ist der touristische Besucher, der historisch interessierte Besucher, der ästhetisch interessierte oder der religiös-reflektierte Besucher, der christlich-praktizierende Besucher, der diffus religiöse Besucher sowie der sogenannte Typ X, dem kein augenscheinliches Interesse an der Kirche eignet und der dennoch anwesend ist.

Solche Befragungen sind m.E. von hoher Bedeutung, wenn man wirklich wissen will, welche Arten von Besucher in der Kirche zu finden ist und was er letzten Endes erwartet. Nur so kann man die Zielgruppe eruieren, die wirklich da ist und man bleibt nicht nur in der vagen Vermutung verhaftet, wer da sein könnte, oder wen man sich erhofft, in der Kirche anzutreffen.

Kirche, Stadt und Tourismus –  Weiterführende Überlegungen

Fünf Thesen zur (theologischen) Bewertung des diskutierten Wechselverhältnisses von Kirche, Stadt und Tourismus:

  1. Es ist nicht die Stadt an sich, die attraktiv ist, sondern es ist der lifestyle einer Stadt, u.a. verbunden mit urbanen Strukturen und einem ansprechenden Raum. Die Stadt ist nicht einfach der „Moloch“, sondern ihr eignet das Besondere. Berlin ist nicht „schön“, aber hochattraktiv. Rom ist ein historischer Ort, hat aber jenseits von Touristen oder Theologie Studierender relativ wenig zu bieten. Von Manhattan träumt jeder, unbeschadet des lauten Verkehrs und der horrenden Preise…
  2. Attraktive Städte mit attraktiven Orten gibt es viele. Deshalb braucht es für den professionellen Tourismus bestimmte Nischen, die für bestimmte Typen von Besuchern interessant sind, d.h. es braucht das Besondere jenseits der üblichen Pfade. Das können kleine Museen sein, pittoreske Gassen, eine kleine Kapelle, urige Restaurants. (Ein gutes Beispiel ist die Buchreihe „101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss“, Konrad Theiss Verlag, die auf Lokalitäten bestimmter Städte verweist, auf die man als Tourist höchstens durch Zufall stoßen würde.) Kurz – es braucht den Mut, die Nische zu sein und sich entsprechend zu platzieren!
  3. Von hoher Bedeutung ist die Frage nach der Zielgruppe. Es wäre wohl zu optimistisch zu meinen, dass eine solche Gruppe sich ideal ergibt, d.h. ein Konglomerat von ruhigen und besonnenen Besuchern, die alles mehr oder weniger verstehen, was man ihnen zeigt und im Zweifelsfall die richtigen Fragen stellen. Wenn man sich darauf versteift, wird man am ehesten klassischen Bildungsbürger ansprechen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr… Eine gute Ausgangsposition für diejenigen, die etwas anbieten wollen, ist die Suche nach der geeigneten Nische. Was biete ich Besonderes? Welche Besuchertypen wird das tangieren? Manchmal ist die Suche ganz einfach: Was würde mir selbst gefallen? Was würde ich, wenn ich Tourist wäre, von meinem „Produkt“ und dessen Vermarktung halten?
  4. Zuweilen reicht es nicht, Attraktionen „einfach so“ anzubieten. Es ist sinnvoll, die Vermarktung mit einem bestimmten Thema zu verbinden (vgl. das o.g. Beispiel der Magna Charta-Ausstellung in Salisbury). Das stiftet bei denen, die sich konzeptionell auf den Weg machen, so etwas wie Identität.
  5. Hinsichtlich der Erwartungen an Kirche und Raum ist es sinnvoll, sowohl die ökumenische Vielfalt, die interreligiösen Bezüge und außerreligiöse Einschätzungen differenziert in den Blick zu nehmen. Erwartungen und Eindrücke unterscheiden sich. So haben Katholiken für Kirchen ein anderes Empfinden als Protestanten. Für die einen ist ein sakraler Raum (gfls. mit einem Tabernakel), für die anderen ein Versammlungsort. Religiös Ungebundene wissen zum Teil gar nicht, wie sie mit dem Raum umgehen sollen, sind sich zuweilen sogar unsicher, ob sie die Kirche überhaupt betreten dürfen – und wenn doch, wie sie sich adäquat benehmen sollen, da sie schließlich nicht unangenehm auffallen wollen.

Thomas Eggensperger OP

Bildquelle: Wikipedia.

 

 

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