Über Sicherheit und Angst.

Sie ist eine der profiliertesten EthikerInnen Deutschlands. Neben der Sexualethik ist die Sicherheitsethik eines ihrer zentralen Forschungsfelder. Regina Ammicht-Quinn antwortet auf Fragen von Rainer Bucher.

Nichts erschreckt in der gegenwärtigen „Flüchtlingskrise“ mehr als die Archaik der Ängste, die allüberall hochkochen, gerade weil es offenkundig echte Ängste sind, die da spürbar und öffentlich werden. Ist der Resonanzraum dieser Ängste das altbekannte kleinbürgerliche Gemüt, das sich nicht stören lassen will, oder steckt da mehr dahinter?

Was sind „echte Ängste“, frage ich zurück. Menschen haben ja vor vielem und vielem Verschiedenem Angst  – vor Spinnen, vor Alter und Einsamkeit, vor Umweltgiften, vor Krankheiten und davor, nicht mehr mithalten zu können in einer Leistungsgesellschaft. Der gemeinsame Basiswert aller Ängste ist die Fehlbarkeit, Endlichkeit und Sterblichkeit des Menschen, die dort, wo das Große Gottvertrauen, das wir uns für frühere Jahrhunderte vorstellen, verschwunden ist.

Ängste sind nicht einfach eine Reaktion auf Vorhandenes und Faktisches, auch nicht nach den Anschlägen in Paris. Sie haben auch ihre eigene kulturelle Geschichte.

„Little Albert“ ist eines der bekanntesten Kleinkinder in der Geschichte der modernen Psychologie. Für John B. Watson und Rosalie Rayner war Albert im Jahr 1920 das Material, anhand dessen bewiesen werden konnte, dass man Angst lernen kann. „Little Albert“, Sohn einer Amme aus demselben Krankenhaus in Baltimore, an dem auch Watson und Rayner arbeiteten, durfte einige Wochen lang, vergnüglich, mit einer weißen Ratte spielen. Als er elf Monate und drei Tage alt war, schlug Watson in dem Augenblick, in dem Albert nach der Ratte greifen wollte, unmittelbar hinter dessen Kopf mit einem schweren Hammer auf eine Stahlplatte.

Albert, der vorher nur durch seine Furcht vor lauten Geräuschen aufgefallen war, fiel nach vorn auf die Matratze und hielt sein Gesicht versteckt. Nach wenigen Wiederholungen zeigte es sich, dass Albert nun nicht nur vor der weißen Ratte, sondern auch vor Häschen und Pelzmänteln Angst hatte. Und vor dem Weihnachtsmann. Ehe Albert von Watson wieder „rekonditioniert“ werden konnte, verließ seine Mutter mit ihm das Krankenhaus.

Nun sind wir keine Kleinkinder mehr. Wir können uns umdrehen und sehen, wer mit dem Hammer auf die Metallplatte schlägt. Das sind, natürlich, Menschen, die Fußballstadien und Konzertsäle zu gefährlichen Orten machen wollen und dies in Paris gemacht haben. Das sind auch Menschen, die diese Angst vor unberechenbaren Attentaten verlagern und so pauschal wie möglich Fremde, Geflüchtete und alle, die von der sorgsam gehüteten abendländischen Normalität abweichen, zur Bedrohung erklären.

Ob dies der Resonanzraum des „kleinbürgerlichen Gemüts“ ist, weiß ich nicht. In den letzten Monaten sind Menschen aus allen sozialen Schichten und bisherige Vorurteile hinweg zu Weltbürger_innen und Helfer_innen geworden; statt „Kleinbürgerlichkeit“ wäre es eher für mich die Kleinherzigkeit und Selbstzentriertheit von Menschen, für die sich die Sonne nach wie vor um die eigene Befindlichkeit dreht.

Und dies ist meine Angst: Dass die gesellschaftliche Stimmungslage durch Angst vor Terror, vermischt mit Angst vor dem Fremden, ihre Compassion und ihre Rechtsstaatlichkeit verliert. Rassismus heißt genau das: die eigene Selbstzentriertheit und die eigenen Überlegenheitsgefühle mit Angst zu verknüpfen.

Was lässt die einen zu hilfsbereiten Weltbürgern und Weltbürgerinnen, was die anderen kleinherzig und selbstzentriert werden? Kann man Faktoren isolieren, die das erklären?

Warum gibt es Zivilcourage unter schwierigen Umständen? Stellen wir diese Frage doch einmal als historische Frage: Warum haben Menschen während der Nazizeit in Deutschland und in den besetzten Gebieten Juden und Jüdinnen und anderen Verfolgten geholfen? Und hier geht es um Umstände, die weitaus schwieriger waren als unsere heute und oft unmittelbar gefährlich.

Harald Welzer beispielsweise beschreibt, dass viele dieser besonders großzügigen Helfer und Helferinnen nicht als Helfer geboren waren. Sie haben nicht ihr bisheriges Leben in tiefem Nachdenken darüber verbracht, was denn nun wäre, wenn… Sie gerieten in diese Lage – etwa dort, wo Juden vor einem Transport geflohen waren und irgendjemanden um Hilfe baten. Wenn dann im oder unter dem Haus Platz geschaffen wurde für andere Menschen, bedeutete das, Lebensmittel zu beschaffen und Exkremente zu beseitigen; wenn Kinder dabei waren, wurde es noch gefährlicher; wenn einer der Versteckten krank wurde oder starb, wurde die Situation extrem kompliziert.

So berichtet beispielsweise die Historikerin Birgit Kosmala von der Familie des polnischen Kleinbauern Antoni Bielinski, die zu fünft in einem 35 qm großen Häuschen lebte: Im September 1942 klopfte eine fünfköpfige fremde jüdische Familie an und bat um Unterkunft für eine Nacht. Dies wurde ihnen gewährt. An den folgenden Tagen wiederholten sie ihre Bitte, und wieder durften sie bleiben. Einige Wochen später kam noch ein weiteres Mitglied der jüdischen Familie dazu. Antoni Bielinski wurde zweimal verhaftet, einmal gefoltert, zweimal aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Die jüdische Familie blieb bis zur Befreiung bei den Bielinskis versteckt. Aus der einen Nacht waren mehr als zwei Jahre geworden. Und als Bielinski gefragt wurde, warum er dies getan hätte, sagte er: Wir brachten es nicht übers Herz, sie wegzuschicken.

Helfer und Retterinnen im Nationalsozialismus, so unterschiedlich sie waren und so unterschiedlich sie motiviert waren, hatten zwei Dinge gemeinsam: Sie waren in der Lage, Juden nicht als „Juden“ zu sehen, sondern als Menschen, die Hilfe brauchen. Und: Sie haben Phantasie; sie nehmen Handlungsspielräume wahr, wo andere keine sehen.

Unsere Situation heute ist bei aller Kompliziertheit um so vieles einfacher. Dennoch braucht es, dringend, genau dies: die Fähigkeit, Menschen als Menschen wahrzunehmen und Phantasie, um Handlungsspielräume zu sehen. Und dies scheint es mir zu sein, was die Kleinherzigen von den Großherzigen unterscheidet.

Was kann man in Zeiten einer „sich wandelnden Sicherheitskultur“, so der Untertitel eines von Dir herausgegebenen Buches, von der Politik erwarten, was nicht?

Ich erwarte, dass im politischen Handeln Geflüchtete nicht unter der Rubrik „Sicherheitsfragen“ behandelt werden. Eine solche „Versicherheitlichung“ kann leicht zur Folge haben, dass Fragen der Menschlichkeit aus dem Blick geraten. Ich erwarte, dass Menschen in der Politik nicht nur von anderen, den „anderen“, die Kenntnis der „Hausregeln“ verlangen, sondern diese Hausregeln auch selbst kennen und stärken. Zu diesen Hausregeln gehört für Deutschland (Artikel 16a des Grundgesetzes) und die ganze EU (Artikel 18 und Artikel 19 der EU-Grundrechtecharta) das Recht auf Asyl.

Und ich erwarte, dass politisches (Sicherheits)Handeln kluges Handeln ist. Natürlich ist es Aufgabe eines Staates, seine Bürger_innen zu schützen. Und dort, wo die Angst vor Terror und die Möglichkeit des Terrors auf jeder Tagesordnung stehen, ist dies keine leichte Aufgabe. Was ich nicht erwarte, was wir alle nicht erwarten dürfen, ist: Rundum-Sicherheit. Sicherheit als „Supergrundrecht“ zu behandeln, wäre eine fatale Entscheidung.

Auf den ersten Blick mag es einleuchtend sein, dass man zunächst das Leben sichern muss, um dann in einem zweiten Schritt Freiheiten, Rechte, Gerechtigkeit zu ermöglichen. Genau diese Position aber ist fundamentalistisch. Sie basiert auf einem „everything beats being dead“ – alles ist besser als tot. Schon in medizinischen Diskursen ist sichtbar, wie schwierig solche Aussagen auch im individuellen Fall sind. Im Kontext proaktiven Sicherheitsdenkens wird hier das „Grundgut Leben“ als absolutes in eine kontingente Situation der Unsicherheit gesetzt; als Folge werden leicht andere Handlungsoptionen, die, vorsichtiger, nach anderen Grundgütern wie Würde, Freiheit, Privatheit oder Gerechtigkeit und nach demokratisch legitimierten Strukturen und Prozessen fragen, außer Kraft gesetzt.

Politische Sicherheitsdiskurse unter einer ethischen Perspektive dürfen nie allein auf „Sicherheit“ fokussieren. Hier geht es um Abwägungsfragen, um das je kleinere Übel und um die Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung mit einer Logik der moralischen Achtsamkeit. Sicherheit also ist keine absolute Kategorie. Absoluter Sicherheit kann man sich nur annähern, etwa in einer Gummizelle für jeden und jede – und auch dort bleiben Menschen sterblich.

Wenn Sicherheit keine absolute Kategorie ist, dann ist sie eine begrenzte und zu begrenzende Ressource. Sie ist begrenzt, weil absolute Sicherheit für alle weder herstellbar noch bezahlbar ist. Und sie ist eine zu begrenzende Ressource, weil ein freies Gemeinwesen, das auf die unbegrenzte Steigerung von Sicherheit zielt, am Ende kaum noch jenes freie Gemeinwesen wäre, das man doch ursprünglich sichern wollte.

Von woher erwartest Du die größten Gefährdungen des Humanen in unserer Gesellschaft?

Gefährdungen sind überall präsent, und wir können uns gar nicht beständig bewusst machen, welche Konsequenzen der Klimawandel, konventionelle ebenso wie chemische, biologische, radiologische und nukleare Waffen und die eklatante Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in einer global vernetzten und kleiner gewordenen Welt haben können und haben werden.

Es sind Gefährdungen der Lebens- und Friedensordnung der Menschheit. Die Bedrohung des Humanen, von der Du sprichst, hat noch einmal eine andere Dimension. Auch hier gibt es eine Menge von Herausforderungen, von denen die Digitalisierung der Welt eine der größten ist.

Wenn Du mich aber nach der größten Gefährdung des Humanen fragst, dann sehe ich die an einer anderen Stelle. Etwas umständlich ausgedrückt ist es für mich mangelnde Ambiguitätstoleranz. Ambiguitätstoleranz ist ein Konzept, das im Kontext des Nachdenkens über autoritäre Persönlichkeitsstrukturen entstanden ist (Fromm, Horkheimer, Adorno, Zygmunt Bauman) und von der vergessenen Else Frenkel-Brunswik 1949 ausformuliert wurde. Ambiguitätstoleranz bedeutet, dass Menschen Mehrdeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten, Ungewissheiten, aber auch unterschiedliche Erwartungen an die eigene Person aushalten können; dass sie unsichere Situationen zulassen und sich auf bislang fremde Situationen einlassen können.

Mangelnde Ambiguitätstoleranz heißt, dass Menschen unbekannte Situationen sehr schnell als unkontrollierbar und bedrohlich erleben und diese Situationen nur in einem Entweder-Oder-, einem Schwarz-Weiß-Denken verarbeiten können. Inklusion und Exklusion sind die Bewegungen, die daraus folgen: Inklusion für diejenigen, die mir ähnlich sind, die ich verstehe, die einer mir bekannten Ordnung unterworfen sind; Exklusion für alle anderen.

Ambiguitätsintoleranz, dieses schwerfällige Wort, ist für mich momentan die größte Gefährdung des Humanen in unserem Kontext. Dies bezieht sich, natürlich, auf die unterschiedlichen Reaktionen auf die Geflüchteten, die in Deutschland Sicherheit, Heimat und Leben suchen. Dies bezieht sich genauso auf die kontinuierlichen und teilweise gewaltsamen Angriffe auf die gender-Forschung, deren Ziel es ist, die Ambiguitäten menschlicher geschlechtlicher Körper, menschlichen Begehrens und menschlicher Geschlechtsidentitäten zu analysieren, zu reflektieren und ins Bewusstsein zu bringen.

Das Beharren auf sicherer Eindeutigkeit – als psychischer und als gesellschaftlicher Struktur – ist bedrohlich. Und Christ_innen sind in der Pflicht, ihm etwas entgegenzusetzen. Um Joachim Küglers Windel-Topos aufzunehmen: Wenn ich hier die „Hilflosigkeitssemantik“ weiter denke, dann sehe ich noch etwas anderes: ein Ereignis voller Ambiguität mit der tatsächlichen schmutzigen Windel, manchmal durchaus übelriechend, mitten im großen Geschehen der Menschwerdung.

Wir feiern diese Menschwerdung im Normalfall im Zauber des wohligen weihnachtlichen Zuhause-Seins. Dabei enthält die Geschichte der Menschwerdung Gottes in all ihren Bildern ihren eigenen Schrecken: Es ist der Schrecken über die Radikalität der Grenzüberschreitung Gottes. Diese Radikalität der Grenzüberschreitung Gottes zeigt sich dort, wo das Heilige Kind nicht nur in machtloser Hilflosigkeit, sondern auch in der blanken Materialität und Körperlichkeit des Menschlichen zu denken ist.

Es ist der Schrecken über eine Geburt in Blut und Schmerz. Und, wenn es uns auffällt, der Schrecken darüber, dass das heilige Kind in Windeln gewickelt wird. So gehören die schmutzigen Windeln und damit der ursprünglichste ganz und gar „unheilige“ menschliche „Schmutz“ in die Erinnerung und das Fest hinein – vielleicht auch als Imprägnierung gegen später entwickelte ausgefeilte und mit „Reinheit“ besessene Moralvorstellungen. Und als Imprägnierung gegen Ambiguitätsintoleranz, die es schwer hat mit allen Vermischungen, insbesondere der Vermischung von „rein“ und „unrein“.

 

Literaturhinweise

Harald Welzer (2012): Zivilcourage im Ausnahmezustand. In: Helfer im Verborgenen: Retter jüdischer Menschen in Südwestdetuschland; hrsg. v. Haus der Geschichte Baden-Württemberg. (Laupheimer Gespräche 10), Heidelberg: Winter, 39-49.

Beate Kosmala, Claudia Schoppmann (Hg.) (2002): Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941-1945, Berlin: Metropol

(Photo: privat)

 

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