Vätergeschichten am Andersort. Vom Tempelbezirk in den Konsumtempel

An pastoralen ‚Andersorten‘ wie dem Einkaufszentrum Europapark sammelt die Katholische Männerbewegung Salzburg Geschichten über Väter, die vielfältige Wirklichkeit erfassen und christliche Beziehungsfähigkeit neu einüben. Andreas Oshowski berichtet.

Die Katholische Männerbewegung (KMB) in Salzburg fragt sich, womit die Kirche Männer heute ansprechen kann. Eine Antwort darauf hatte Prof. Paul M. Zulehner bereits in Männer-Studien von 1992 mit drei zentralen Themen gegeben:

  • Mit dem Vater-Sein
  • Mit Männer-Spiritualität (inkl. Innen- und Gefühlsleben)
  • Mit der Arbeitswelt der Männer

Aus dieser grundlegenden Überlegung heraus betreibt die KMB in Salzburg ein Projekt, das sich Vätergeschichten nennt und an gewöhnlich-ungewöhnlichen Orten Geschichten über Väter sammelt.

Impuls von Mark Riklin

Der Initiator der Vätergeschichten im deutschsprachigen Raum heißt Mark Riklin. Er schilderte bei der KMB seine mehrjährigen Erfahrungen mit Vätergeschichten im öffentlichen Raum (an Tankstellen, in Fußgängerzonen, an Bahnhöfen), die er als einen Stein versteht, der ins Wasser geworfen wird und immer neue Kreise zieht: „Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.“

Geschützter Raum

Die Vätergeschichten verstehen sich als eine Art Stolperstein in einer schnelllebigen Umwelt. Sie bedürfen eines geschützten Raumes in den alltäglichen Abläufen, in denen man(n) die Frage nach dem eigenen Vater und das Innehalten über die eigene Sohn-Vater- oder Tochter-Vater-Beziehung nicht vermutet. Dass dabei aufmerksam zugehört wird, die entscheidenden Knotenpunkte festgehalten und vom Geschichten-Geber (oder der Geberin) bestätigt werden, das schafft eine unglaublich vertrauensvolle und intime Atmosphäre.

Elf Schritte

Die Katholische Männerbewegung in Salzburg gliedert die Aktion der Vätergeschichten in 11 Schritte:

  • Personen an öffentlichen Plätzen ansprechen
  • Einladung aussprechen, in einem geschützten Raum eine Anekdote über den eigenen Vater zu erzählen
  • Die Geschichte wird vom Geschichten-Spender erzählt
  • Der Geschichten-Empfänger von der KMB fragt nach bis im Kopf Bilder entstehen
  • Die Geschichte wird dem Geschichten-Empfänger rückerzählt
  • Der Geschichten-Spender bestätigt oder korrigiert die Anekdote
  • Die Anekdote wird niedergeschrieben
  • Die Geschichte wird an einen Künstler weitergereicht
  • Der Künstler illustriert das Erzählte möglichst vor Ort
  • Illustration und Erzähltes werden zusammengefügt und regen neue Bilder an
  • Illustration und Erzähltes werden zur Verfügung gestellt und wirken so in der Öffentlichkeit

Die Gastgebendenrolle ist beim Hineindenken und Hineinfühlen in eine zunächst fremde biographische Geschichte von immenser Wichtigkeit. Die Besonderheit beim Salzburger Ansatz ist darüber hinaus, dass die Geschichten von zwei Künstlern illustriert werden, so dass der Geschichten-Erzähler/innen und der Geschichten-Erfasser/innen durch das Wachsen und Werden der künstlerischen Illustration nochmals einen tieferen Einblick in das vergangene Geschehen erhalten. Dieses Sammeln von Vätergeschichten hat einen Männer-spezifischen Aspekt und mittlerweile auch einen zunehmend praktisch-theologischen:

Männer-spezifischer Aspekt:

„Vielen Kindern wurde und wird ein Vater vorenthalten …, indem er keine Zeit hat für seine Kinder, ihnen keine Zuwendung gibt oder sie sogar (körperlich und/oder seelisch) verletzt. Das Leben zahlreicher Menschen, insbesondere von Männern, ist von einer tiefen Vaterwunde gekennzeichnet, von einem ‚Väterhunger‘, der nie gestillt werden konnte“, schreibt Klaus Salzmann, Gymnasiallehrer und KMB-Vorstandsmitglied, der die Vätergeschichten von Beginn an in Salzburg mitbegleitet hat.

Schön, einfühlsam, lustig – und mehr

Und so werden neben den vielen schönen, einfühlsamen und oftmals lustigen Anekdoten auch Geschichten an öffentlichen Plätzen und Einkaufszentren erzählt, die der Geschichten-Spender nicht zu Papier gebracht wissen will: die Geschichte vom Wehrmachtsoffizier, die Geschichte von der körperlichen Gewalt, die Erzählung von der gemeinsamen Leidensgeschichte von Kind und Mutter.

Praktisch-theologischer Aspekt:

Diese Geschichten finden an völlig säkularen Orten mehr Gehör als die Struktur der naheliegenden kirchlichen Gemeinde manchmal zulässt. Und damit erhält das Hinhorchen an öffentlichen Plätzen eine zweifache theologische Dimension.

Mit dem Sammeln von Vätergeschichten will die Katholische Männerbewegung erstens – mit Papst Franziskus gesprochen – an den Rand gehen. Dies meint nicht nur den prekären Rand, sondern auch auf jene Menschen, die sich nicht in erster Linie im Zentrum der Kirche sehen. Deshalb haben wir den Vätergeschichten den Untertitel gegeben: „Vom Tempelbezirk in den Konsumtempel“.

Beschreibt man die 11 Schritte der Vätergeschichten etwas komprimiert und mit theologischer Brille, kann gesprochen werden von:

  • Positionieren (in der Öffentlichkeit)
  • Ansprechen neu lernen
  • Eine Kultur des Einladens gestalten
  • Fremde Geschichten akzeptieren
  • Immer wieder erneut Zuhören
  • Das Wertschätzen und Weitererzählen der Erfahrungen der Anderen

Jede dieser einzelnen Aktivitäten hat eine zutiefst christliche Dimension. Es ist im strengen Sinne des Wortes eine ‚theology of the event‘ (John Caputo). Eine Dimension, die den „verbeamteten Einweisern in die Nachfolge“ (Johann B. Metz) an manchen Orten verloren gegangen sein dürfte. Das Zugehen auf das Unbekannte ist die Nagelprobe christlicher Beziehungsfähigkeit (Hans-Joachim Höhn).

Unerwartet einen Raum eröffnet

Beim jüngsten Sammeln von Vätergeschichten in Saalfelden sagte eine 75jährige Dame: „Vielen Dank, dass Sie mir den Raum eröffnet haben, mich in dieser Form völlig unerwartet an meinen eigenen Vater zu erinnern.“ Das Einkaufszentrum war zum theologischen „Andersort“ (Christian Bauer) geworden, der geschützte Raum im Einkaufszentrum zwischen Roll-ups zum Dom, das Erzählen einer Vatergeschichte wurde zum Gottesdienst, zum Dienst Gottes an uns.

Andreas Oshowski

Bildquellen: Pixabay; A. Oshowski

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