„Valerie und …?“: ein Kommentar

Der Videoblog „Valerie und der Priester“ ist ein aufwendiges Imageprojekt der katholischen Kirche. Das Priester-Image soll verbessert werden. Jan Loffeld – selbst katholischer Priester – setzt sich mit dem Projekt auseinander. Er beobachtet Engführungen, sieht aber auch Chancen.

Der (Video-)Blog „Valerie und der Priester“ sei eine kirchliche Auftragsproduktion, um das Image katholischer Priester aufzubessern. Dieser Satz beschäftigt mich, seit ich ihn auf feinschwarz.net las. Als Priester, der wie der Blog-Priester Franziskus von Boeselager in Münster lebt, frage ich mich seither: ist es möglich und überhaupt nötig, eine spezifische Gruppe innerhalb des Volkes Gottes in ein positiveres gesellschaftliches Licht zu tauchen? Im Hintergrund stehen wahrscheinlich die Skandale der vergangenen Jahre, die allesamt direkt mit einem dezidierten Fehlverhalten kirchlicher Amtsträger, aber auch mit strukturellen Problemen sowie tragischen Dysfunktionalitäten im Innersten der Kirche selbst zu tun hatten.

Image-Schäden und Image-Politur

Aus meiner eigenen Primizpredigt ist mir nur noch ein Satz in Erinnerung: „Du wirst daran gemessen werden, ob du mit dem Amt deine Person, oder mit der Person das Amt bekleidest“. Sicherlich gibt es in allen Köpfen innere Bilder, Klischees, die auf gemachten, projizierten oder übernommenen Erfahrungen beruhen. Somit kommt es am Ende immer auf jeden Einzelnen an, wie er das Amt theologisch bzw. geistlich begreift und konkret ausfüllt.

Valerie und Franziskus sind sie selber. Und als solche machen sie ihren Job wirklich gut. Dies goutiert unsere Gegenwarts-„Kultur der Authentizität“ ganz bestimmt. Zugleich verkörpert Franziskus offenbar jenen von manchen als „neokonservativ“ bezeichneten Priestertypus, für die zunächst eine dezidiert spirituelle Motivation in Verbindung mit einem klaren Priester- bzw. Kirchenbild im Vordergrund ihrer Entscheidung zum Priestertum stand. Diese ist bei manchen präsenter als eine primär gemeindetheologische Motivation, wobei sich beides auch gut verbinden lässt. Insgesamt hat sich dabei allerdings etwas verändert, was Angehörige anderer Priestergenerationen aber auch Gemeinden, in denen diese häufig jüngeren Priester tätig werden, oftmals irritiert.

Am Ende kommt es immer auf jeden Einzelnen an, wie er das Amt begreift und ausfüllt.

Damit zeigt sich eine nicht unwesentliche Problematik des Blogs: Der von Franziskus repräsentierte Priestertyp soll gleichsam korporativ für alle stehen. „Einer für alle“ wirkt allerdings komisch und wird der Realität kaum gerecht. Die faktische Pluralität von Priestertypen, wie auch insgesamt von Seelsorger*innen, wird nicht abgebildet. Manchmal erwähnt Franziskus auch andere Positionen bzw. weist darauf hin, dass andere in der Kirche manches vielleicht auch anders sähen. Insgesamt erscheint er aber für den unabhängigen Betrachter als „der Priester“ (der bestimmte Artikel hat hier Signalwirkung) schlechthin. Sicherlich ist solch eine Strategie medientechnisch sinnvoll, ob sie aber dem Anliegen gerecht wird, ist zu bezweifeln. Faktisch ist es jedoch die Unterschiedlichkeit von Priester- und Seelsorger*innentypen mit ihren je eigenen Bildern, pastoralen Vorstellungen, Zielen sowie theologischen Einstellungen, die bisweilen die Frage aufkommen lässt: wie hält das Volk Gottes, wie halten die Gemeinden das aus? Eine Chance wäre es gewesen, diese Pluralität nicht auf eine Person hin einzuengen – und so dem Diktat komplexitätsreduzierender spätmoderner Interessenslagen zu entkommen – sondern sie als eine bereichernde oder bisweilen sehr kontroverse Vielfalt darzustellen. So, wie es wirklich ist: in Gottes Berufungslogik haben offenbar sehr viele ihren Platz.

Die faktische Pluralität von Priestertypen, wie auch insgesamt von Seelsorger*innen, wird nicht abgebildet.

Außerdem: Wenn man kirchlicherseits solch eine Aktion startet, wäre als primäres Ziel des Blogs vielleicht nicht zunächst eine Imagekampagne für eine institutionsspezifische Personengruppe angezeigt. Vielleicht ist etwas anderes sympathischer, das hier faktisch glücklicherweise hauptsächlich geschieht und das Ganze wirklich innovativ sein lässt: eine reality-Begegnung zwischen christlichem Glauben, seinen Selbstverständlichkeiten und Überzeugungen und einem Lebensentwurf, der in fast allem völlig anders angelegt ist. Denn man wünscht sich für Glaube und Kirche mehrere solcher kontrastreichen Konfrontationen zwischen der absoluten Unselbstverständlichkeit eines christlichen bzw. religiösen Lebensentwurfs und einer völlig anderen Lebenswelt und ihren Relevanzsystemen. Das macht die Videos so sehens- und den Blog so lesenswert. Denn es passiert viel dabei. Paradigmatisch wird sichtbar, wie es einer Kirche ergeht, die aus sich herausgeht – und nicht nur davon redet, weil das unter dem derzeitigen Papst gerade angesagt scheint: sie wird sprachlos, hat absolute Übersetzungsprobleme bei dem, was ihr wichtig ist, Argumente gehen aus bzw. verfangen nicht. Eine solchen Kirche bzw. ein solcher Glaube gewinnt vielleicht sogar spirituelle oder theologische Einsichten oder Erfahrungen, die sie nie für möglich oder für bedeutsam gehalten hätte, auf die sie von selber niemals gekommen wäre.

Die Kirche hat Übersetzungsprobleme bei dem, was ihr wichtig ist.

Im Sinne des Konzils können Kirche und Glaube sich nur im engen Kontakt zur Welt realisieren, deren Teil sie sind. Es geht um die reale Welt globalisierter Unübersichtlichkeiten und Ungerechtigkeiten, verschnellter Krisenaufmerksamkeit und Krisenvergesslichkeit, völliger Autonomie und voller Eigengesetzlichkeiten, schließlich: eine Welt schier unvereinbarer Kontraste. Eine Welt, und das wäre eine heilsame Einsicht solcher Konfrontationen, die bei all dem nicht unbedingt – zumindest in Westeuropa – eine Religion braucht. Genau das machen die Dialoge zwischen Valerie und Franziskus auf eindrucksvolle Weise deutlich: die Passung zwischen einem Lebensentwurf aus dem Glauben und einem Leben ohne wird immer unselbstverständlicher. Normaler wird, gerade unter jungen Menschen, das Letztere. Angenommene Korrespondenzen entpuppen sich als Leerstellen. Dass sich beide dem allen unverstellt und ungeschönt stellen, diese Leerzeilen ihrer Kommunikation aushalten, ist wirklich stark.

Unerwartete Einsichten durch den Kontakt mit einer Welt voller Kontraste

In diesem Zusammenhang kam mir beim Lesen bzw. Sehen des Blogs eine Szene in den Sinn, die vielleicht ebenfalls viel von der Angesagtheit solcher Begegnungen erzählt. Kürzlich nach einer Trauerfeier in einem eher areligiösen Familienumfeld ergab sich beim Beerdigungskaffee ein Gespräch mit anderen Trauergästen. Dabei war für sie das Interessante nicht, dass sie mit einem Priester sprachen, sondern: „Sie sind seit langem der erste Mensch, den wir treffen, der überhaupt mit Glauben etwas zu tun hat.“

„Valerie und ein Christ/eine Christin“

Vielleicht ist ja irgendwann die Begegnung – und das nicht nur wegen fehlender Priester – „Valerie und ein Christ/eine Christin“ mindestens genau so interessant: statt einer (engeren) Imagekampagne für das Priestertum, eine (weitere) für das Evangelium. Das wäre wirklich priesterlich.


Jan Loffeld ist wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster.

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