Vielfalt als Ausdrucksform des Evangeliums

Ein Gott, vier Evangelientexte, unzählige Konfessionen und christliche Lebensweisen. Philipp Elhaus erkärt aus evangelisch-lutherischer Perspektive, warum das gar nicht problematisch ist und weshalb das Evangelium ohne Vielfalt nicht zu haben ist.

  1. Eins gleich Vier? Zur Mengenlehre des Evangeliums

„Nur wer das Selbstverständliche befragt, lernt wieder das Staunen“, bemerkte Albert Einstein. Zu den Selbstverständlichkeiten des christlichen Glaubens gehört, dass wir vom Evangelium von Jesus Christus (vgl. Mk 1,1) im Singular sprechen. Die Kirche ist Kreatur des Evangeliums (creatura evangelii) und ihr Auftrag ist die Kommunikation des Evangeliums. Stellt man die notwendige Frage nach der inhaltlichen Füllung des Singulars und folgt dem protestantischen Hinweis auf die Bibel als Referenzrahmen, landet man jedoch bei einem Plural. Denn das eine Evangelium begegnet uns im Neuen Testament in vierfacher Gestalt, in den vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Viermal wird aus der österlichen Retroperspektive das Leben, Sterben und die Auferstehung von Jesus aus Nazareth, dem Christus des Glaubens, erzählt. Und in jeder der vier besonderen literarischen Jesusportraits schlägt sich der Kontext der jeweiligen Verfasserkreise inklusive verschiedener perspektivischer Zugänge und theologischer Akzente nieder. Eine Vielfalt, die zu einigen Ungereimtheiten und Widersprüchen führt, u.a. bei der Datierung der Stationen in den Jahren des öffentlichen Wirkens Jesu und in den theologischen Akzentuierungen.

Die Identität des einen Evangeliums ist nicht durch eine einheitliche Gestalt gewährleistet

Wie aber verhalten sich Singular und Plural zueinander? Wie plausibel ist die Rede von dem einen Evangelium, wenn es uns bereits in der Ursprungsurkunde des Glaubens nur in vierfacher Form begegnet, inklusive besagter Ungereimtheiten? In der Alten Kirche litt man offensichtlich so unter dem Anstoß dieser Pluralität, dass man versuchte, die literarische Vielfalt durch eine Evangeliumsharmonie zu ersetzen. Aber dieser Versuch setzte sich nicht durch. Es gibt kein Urevangelium, das als Ausdrucksgestalt der Rede von dem einen Evangelium entspricht. Die Identität des einen Evangeliums ist nicht durch eine einheitliche Gestalt gewährleistet und kann also auch nicht monistisch durchgesetzt werden. Der Singular begegnet nur im Plural. Welchen Sinn aber hat es dann, so bewusst an ihm festzuhalten, wenn er nicht greifbar und eindeutig identifizierbar ist? Die Mengenlehre des Evangeliums hält offensichtlich beides zusammen: Einheit und Vielfalt, das eine Evangelium, das von Anfang an in vier Evangelien begegnet, als eine unhintergehbare Pluralität.

  1. Das Evangelium als regulative Idee: vom notwendigen Singular und der konstitutiven Pluralität

Die Rede von dem einen Evangelium ist eine regulative Idee. Zwar entspricht dem Singular keine feste Größe, die als solche damit identifiziert werden könnte. Aber der Begriff ist notwendig, weil er auf eine innere Struktur in der Begriffsbestimmung hinweist. Denn im gesamten Neuen Testament ist die Erinnerung an die eine geschichtliche Gestalt des Jesus von Nazareth der identitätsstiftende Haftpunkt der Rede vom Evangelium. Dieser Singular ist nicht aufgebbar. An ihm hängt die Geschichtlichkeit des Heils nach christlichem Verständnis, die sich theologisch in den Hoheitstiteln, der Rede von der Fleischwerdung des Logos und später dann in der christologischen Tradition der Alten Kirche niederschlägt. Die Geschichte Jesu wird als Glaubensgeschichte also konstruktiv weiter geschrieben. Das Prinzip – oder besser gesagt das Subjekt dieser schöpferischen Prolongation der Jesusgeschichte aber ist nach dem Verständnis der Evangelien wieder ein Singular: der auferstandene Christus, der als Entzogener in seinem Geist (als Christus-Präsenz) gegenwärtig wird – dies freilich nur im Modus seiner Entzogenheit.

…unendlich viele, aber keine beliebigen Lesarten

Der Singular des Evangeliums hält also ein Doppeltes fest: die konstitutive Erinnerung an Jesus von Nazareth als eine geschichtliche Gestalt und den Verweis auf den im Geist gegenwärtigen Christus als das eigentliche Subjekt der pluralen Auslegungsgestalten des einen Evangeliums. So lassen sich die vier Evangelien als vielfältige Wirkungsgeschichte des einen Jesus Christus verstehen. Der aber ist uns sowohl als historische Gestalt als auch als Christus-Präsenz im Modus des Geistes in doppelter Weise entzogen – daher kann man sich dem einen Jesus Christus als Synonym für das Evangelium im Singular nur im Plural der von ihrem Selbstverständnis her christusgewirkten Evangelien nähern. Die Vielfalt der Evangelien ist also dialektischer Ausdruck von gleichzeitiger Entzogenheit und Nähe des einen Jesus Christus – und insofern kein Manko, sondern ein Indiz für Wesen und Reichtum des einen Evangeliums. Dieses eine Evangelium wird, theologisch gesprochen, über den Geist als offene Bedeutungsfülle aktualisiert, die unendlich viele, aber keine beliebigen Lesarten impliziert, wie es Umberto Ecco im Blick auf rezeptionsästhetische Zugänge zu einem Text generell formuliert hat.

Evangelium als regulative Idee, die sich als „schwache“ Wahrheit präsentiert

Das Evangelium ist prinzipiell auslegungsfähig wie auslegungsbedürftig – oder anders gesprochen: Es ist nur zu haben in der kommunikativen Gestalt seiner jeweiligen situativen und kontextuellen Auslegung, die sich auf Jesus Christus als regulative Idee zurückbezieht, wie sie uns paradigmatisch in den vier Evangelien der Bibel begegnet. Das eine Evangelium als regulative Idee steht für den transsubjektiven Wahrheitsanspruch des Evangeliums, die sich als „schwache“ Wahrheit präsentiert. Denn die Wahrheit des Evangeliums muss ihre Relevanz in jeweils zu aktualisierenden Aneignungsprozessen in sozialen Gemeinschaften und Gruppen erst erweisen – wofür exemplarisch die vier Evangelien stehen.

Nur in dieser Freiheit zur Vielfalt ist es als das eine Evangelium identifizierbar

Die Pfingsterzählung in Apg 2 reflektiert diese Dynamik als entgrenzendes Kommunikationsereignis. Die Rede von den großen Taten Gottes wird in jeder Sprache verstanden, denn der Heilige Geist ist vielsprachig, er übersetzt simultan in die Fülle der Sprachen und Kulturen. Das eine Evangelium setzt eine höchst kreative und spannungsreiche Dynamik von Inkulturation und Konterkulturation frei und steht in seiner Universalität allen Menschen offen, ohne Zugangsbeschränkungen im Blick auf religiöse, ethnische und geschlechtliche Zugehörigkeit. Den Singular „kein anderes Evangelium“ reklamiert Paulus daher sachgerecht als vehementen Einspruch gegen die Reglementierung dieser vielfältigen Zugänge (Gal 1,6f.). So ist das eine Evangelium inhaltlich der Garant für die Vielfalt seiner Ausdrucksformen und der pluralen Zugänge zu ihm. Es ist Bedingung der Möglichkeit und Strukturprinzip seiner Vervielfältigung. Und nur in dieser Freiheit zur Vielfalt ist es als das eine Evangelium identifizierbar.

  1. Kirche als Ermöglichungsraum

Das eine Evangelium begründet daher ebenso die Einheit der Kirche wie auch die Vielzahl der Konfessionen. Die Einheit der Kirche, insofern es die Grundlage der Kirche konstituierenden Narration bildet, die erzählend, feiernd, deutend und handelnd vergegenwärtigt wird. Und die Vielzahl der Konfessionen als plurale Erinnerungskulturen dieser einen Geschichte, die konstitutiv vorgegeben bleibt – das Fundament, das man nicht anders legen kann, ohne sich auf das zu beziehen, das bereits gelegt ist (1.Kor 3,11).

Das Evangelium frei geben, damit es aktualisiert werden kann

Das Evangelium stellt daher das ekklesiogenetische Prinzip kirchlicher Vielfalt dar: Da, wo Menschen in ihren soziokulturellen Kontexten die eine Geschichte des Jesus Christus deutend und feiernd vergegenwärtigen, bilden sich zahlreiche soziale, rituelle und organisatorische Formen heraus. Umgekehrt ist die Kirche in ihren Vollzügen als Ermöglichungsraum dieser pluralen Gestaltwerdung des Evangeliums zu verstehen. Kirche dient ausschließlich diesem einen Zweck: Evangelium so zu kommunizieren, das es sich in den Aneignungsprozessen liturgischer Praxis, individueller Bildung, sozialer Gestaltwerdung und gesellschaftlichem Engagements aktualisieren kann. Kirche als sozialer und liturgischer Raum des geteilten Wortes ist also konstitutiv ökumenisch. Jede einzelne Gestalt ist als Ausdrucksform des einen Evangeliums zu verstehen, ohne das ganze Evangelium repräsentieren zu können.

Deshalb darf Kirche den Zugang zum vorgegebenen Evangelium nicht stilistisch oder kulturell normieren

Deshalb darf die vorfindliche Kirchengestalt den Zugang zu dem vorgegebenen Evangelium nicht stilistisch oder kulturell normieren. Sondern ihre Aufgabe besteht darin, die jeweils spezifische und bestimmte Darstellungs- und Gestaltungsform des Evangeliums so zu präsentieren und zur Verfügung zu stellen, das es sich verbreiten und – metaphorisch gesprochen – aus einem verdichteten Aggregatzustand in eine fluide Form übergehen kann. Eine inhaltliche Verflüssigung des Evangeliums gibt es frei zur subjektiven Aneignung im Rahmen von religiösen Bildungsprozessen und lebensweltlicher Praxis. Und eine strukturelle Verflüssigung der handlungsbezogenen, liturgischen und nicht zuletzt organisatorischen Formen stellt sicher, dass der Glaube an das Evangelium nicht mit bestimmten organisatorischen, sozialen-, liturgischen und Frömmigkeitsformen verwechselt wird, wenngleich es in ihnen inszeniert, kommuniziert sowie als soziale Praxis gelebt und geübt wird. So haben die verfassten Kirchen in ihrer Tradition und ihren Gestaltungsformen Teil an der Dynamik des Evangeliums selbst.

  1. Mission als exzentrische Neuformatierung von Kirche

Die Universalität des Evangeliums, die seinen missionarischen Grundzug ausmacht, weitet diese ekklesiogenetische Dynamik ins Offene der Vermittlungsformen und Gestalten über die vorfindlichen Kirchengestalten hinaus. Auf diese Weise wird Mission zum Strukturprinzip einer Kirche, die sich im Werden befindet. Das Ziel der kirchlichen Mission kann sich also nicht in der Integration in die bestehenden Formen und Formate erschöpfen noch mit den formalen Begriffen von Mitgliederbindung und Mitgliedergewinnung angemessen beschrieben werden. Denn wo die Dynamik des exzentrischen Evangeliums, das es in sich hat, aus sich heraus zu gehen, auf die Vielfalt von Kulturen, Milieus und Lebenswelten trifft, werden sich im Rahmen von Ent- und Einbettungsprozessen auch neue, kontextualisierte spirituelle und soziale Formen herausbilden. Von ihrer Sendung her wächst Kirche in ihrer vorfindlichen Gestalt über sich hinaus. Ökumenisch lässt sich dies als Ökumene der Sendung beschreiben.

Kirche als Ermöglichungsraum pluraler gemeindlicher Formen und vielfältiger kirchlicher Orte

Auf diese Weise wird Kirche – aus organisatorischer Perspektive – zum Ermöglichungsraum pluraler gemeindlicher Formen und vielfältiger kirchlicher Orte, in denen Christinnen und Christen in unterschiedlichen Formen der Beteiligung Evangelium kommunizieren und leben. Dass sich diese emergenten Entwicklungen weder in einen Masterplan der kirchlichen Organisation einpassen lassen noch mit der Institutionalität eines kulturell verdunstenden Christentums konform gehen, liegt auf der Hand. Aber in ihnen vitalisiert sich der unkontrollierbare Geist des Evangeliums, der auf neue soziale Verleiblichung drängt und zu unterschiedlichen Synthesen im Blick auf Mischungsverhältnisse und Aggregatzuständen an kirchlicher Institutionalität, Organsiationsformen und Bewegungscharakter führt – auch über gängige kirchliche Praxis und Organisationsformen hinaus.

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Philipp Elhaus ist evanglischer Pastor, arbeitet als Leitender Referent für Missionarische Dienste im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und engagiert sich bei Kirche².

Bild: http://kirchehochzwei.de/cms/

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