Vom Sichtbarmachen

Kunst

Das ZKM – Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe zeigt bis zum 8. April eine große Ausstellung über Kunst aus den 70er Jahren: die Feministische Avantgarde. In dem Vermittlungsformat ÜBERSCHREITUNGEN treffen TheologInnen auf KunstvermittlerInnen des ZKM und haben auch durch diese Ausstellung geführt. (Silke Merzhäuser)

„Das ist doch das Abendmahl, ne? Das Abendmahl vom Da Vinci. Aber da sind ja nur Frauen drauf. Das ist doch Yoko Ono, ne?“, stellt ein älterer Ausstellungsbesucher verblüfft fest. Der Einstieg in die Führung eröffnet gleich Grundlegendes: eines der vielen Themen ist die fehlende Sichtbarkeit von Künstlerinnen in der Öffentlichkeit. Zwar existierten, wie die Ausstellung mit ihren über 400 Ausstellungsstücken eindrücklich zeigt, auch in der Mitte des letzten Jahrhunderts viele Künstlerinnen, doch keine Plattformen, die Möglichkeiten zur Präsentation boten.

„Aber da sind ja nur Frauen drauf.“

Es lohnte sich für den Kunstmarkt nicht, Werke von Frauen auszustellen, da der Abbruch der künstlerischen Tätigkeit durch „das Verschwinden in Ehe und Familie“ vorbestimmt war. Dem entgegnet die amerikanische Künstlerin Mary Beth Edelson in ihrer da-Vinci-Adaption Some Living American Women Artist/ Last Supper (1972) mit einem Panorama von praktizierenden erfolgreichen Künstlerinnen. So verbindet sich hier das Werk mit einer unmissverständlichen politischen Forderung, mit einer Korrektur. Die Projektleiterin Judith Bihr dazu: „Das Kunstwerk kann als Manifest gegen das Argument von Galerien und Museen gelesen werden, die sagten: wir würden ja Künstlerinnen ausstellen, aber es gibt eben keine guten Künstlerinnen. Und bis heute kennen wir diese Argumentation, wenn es um die Besetzung von Podien geht.“

Birgit Jürgenssen, Nest, (1979). © Estate Birgit Jürgenssen / VG Bild-Kunst, Bonn, 2016 / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Die umfassende Ausstellung stammt aus der Sammlung Verbund Wien und wurde von deren Gründungsdirektorin Gabriele Schor als eine Themen- und keine Frauenausstellung zusammengestellt. Sie vereint Künstlerinnen, die in den Jahren zwischen 1930 und 1958 geboren sind, und enthält Kunstwerke, die neu entdeckt und noch nie gezeigt wurden, aber auch Werke von Martha Rosler, Cindy Sherman oder Valie Export, die den Weg in den Kanon zeitgenössischer Kunst längst gefunden haben. Diese Künstlerinnen begannen in den 1970er Jahren die kulturellen Konstruktionen des Weiblichen zu unterwandern und besonders ihren Körper als Projektionsfläche von sozialen Codes zu zeigen.

Unterwanderung kultureller Konstruktionen des Weiblichen

Die Auswahl von neuen – unbelasteten – Medien, wie Fotographie, Film und Video sowie in Performances und Aktionen, war ein Schlüssel für die Künstlerinnen, eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu erproben, ohne auf die männlich-geprägte Kunstgeschichte, vor allem Malerei, als Referenz verwiesen zu werden. Gerade Fotographie und Video bildeten die Möglichkeit mittels Kostüm und Masquerade mit Identitäten zu spielen: so sind in der Ausstellung Entfaltungen von provokativen, poetischen und ironischen Rollenbildern in unterschiedlichen Varianten zu entdecken – die beim Betrachten manchmal den Atem stocken lassen angesichts der Unverfrorenheit, des Mutes und des Witzes, mit denen Künstlerinnen ihre Zugriffe auf weibliche Identität und Verfertigung von Rollenbildern demonstrieren. Kaum vorstellbar, dass diese Kunstwerke 50 Jahre alt sind, denn sie haben inmitten der aktuellen Diskussion um sexuelle Gewalt und Belästigung oder die gläserne Decke kaum an Berechtigung eingebüßt.

Provokative, poetische und ironische Rollenbilder

Renate Eisenegger, Hochhaus (Nr.1) , (1974). (aus einer 4-teiligen Serie) © Renate Eisenegger / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Es handelt sich dezidiert um eine Avantgarde, um Pionierleistungen von Künstlerinnen. „Es ist spannend zu beobachten, dass die Künstlerinnen, ohne sich untereinander zu kennen, doch ähnliche Bildstrategien wählten“, erklärt die Kunstvermittlerin Barbara Kiolbassa. Es seien die Erfahrungen im Alltag, die das Engagement dieser Generation verbinde. Die zentralen Themen sind: die Entdeckung weiblicher Sexualität, der Einsatz des eigenen Körpers, das Aufbrechen stereotyper Frauenbilder, das Diktat der Schönheit sowie das Schaffen eines Bewusstseins von Gewalt gegen Frauen. Die neue Losung war: Das Private wird politisch.

ÜBERSCHREITUNGEN

Seit über 10 Jahren existiert das Veranstaltungsformat ÜBERSCHREITUNGEN im ZKM, das zu verschiedenen Angeboten gehört, in denen Tobias Licht, Leiter des Bildungszentrum Karlsruhe (Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg), die Zusammenarbeit mit bedeutenden kulturellen Einrichtungen im Umkreis sucht, um „Theologie und Kirche mit der Kultur unserer Zeit ins Gespräch zu bringen“. Monatlich findet das Format ÜBERSCHREITUNGEN bei freiem Eintritt statt und bietet eine Führung durch aktuelle Ausstellungen. Der Theologe Thomas Licht begreift seinen Part als inhaltliche Ergänzung: „Vor allem in der kunstgeschichtlichen Moderne gibt es Themen, an denen sich die profane Kultur abarbeitet, während die Theologie sie mit spitzen Fingern anfasst und die Verkündigung sie weitgehend brachliegen lässt. Das ist vor allem die Theodizee-Frage. Andere betreiben unser ‚Kerngeschäft‘. Theologie und Kirche können sich hier aber nicht ungestraft heraushalten, weil die Menschen – und nicht nur die Intellektuellen – eben vor diesen Fragen nach Leid, Tod, Vergänglichkeit, auch Schuld stehen und sich ihre Antworten anderswo suchen, wenn wir unserer Aufgabe hier nicht nachkommen. Es geht mir einfach darum, dieser zentralen theologischen Aufgabe, diesem ureigenen kirchlichen Auftrag zu entsprechen.“

Kunst arbeitet sich an Themen ab, welche die Theologie nur mit spitzen Fingern anfasst.

Ein Beispiel zeigt das Potential des Formats: Für die dokumentierte Live-Aktion Glauben Sie nicht, dass ich eine Amazone bin (1975) wählte die Künstlerin Ulrike Rosenbach Video-Technik, um selbst Bilder von sich produzieren und korrigieren zu können. Mit 15 Pfeilen schoss sie auf eine Reproduktion des Gemäldes Madonna im Rosenhag (1450) von Stephan Lochner und filmte diese Aktion mit zwei Kameras. Beide aufgenommenen Bilder fügte sie in einer Überblendung zusammen: das Madonnengesicht, das von den Pfeilen durchbohrt wird, und ihr eigenes Gesicht. Hier fallen Frauenbilder zusammen, die sich in Momenten nicht unterscheiden lassen: das unnahbare, reine Gesicht der Madonna und das Rosenbachs als aggressives, kämpferische Amazonen-Gesicht. Doch die Pfeile durchbohren nicht nur die Madonna, sondern auch das der schießenden Künstlerin: „Indem ich die Madonna treffe, treffe ich mich selbst.“ (Ulrike Rosenbach)

„Indem ich die Madonna treffe, treffe ich mich selbst.“ (Ulrike Rosenbach)

Um diesem Justieren der Rolle der Frau und der damit einhergehenden Ambivalenz einen weiteren Bezugsrahmen zu geben, liest Tobias Licht – laut umgeben von all den sich-freikämpfenden Frauen, die wütend von den Museumswänden blicken – eine Passage aus dem Buch der Sprichwörter, Kap. 31. (Das Lob der tüchtigen Frau)

„Sie gleicht den Schiffen des Kaufmanns:/ Aus der Ferne holt sie ihre Nahrung. Noch bei Nacht steht sie auf,/ um ihrem Haus Speise zu geben/ und den Mädgen, was ihnen zusteht. Sie überlegt es und kauft einen Acker,/ vom Ertrag ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg. Sie gürtet ihre Hüften mit Kraft/ und macht ihre Arme stark. Sie spürt den Erfolg ihrer Arbeit,/ auch des Nachts erlischt ihre Lampe nicht.“

Der Text ist eine der Lesungen im Sonntagsgottesdienst vom 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A), der zwar durchaus vom Rahmen einer patriarchalen Gesellschaft gekennzeichnet sei, in dem aber die Frau in einer auch wirtschaftlich aktiven, selbständigen, nicht stummen Rolle beschrieben werde, so Licht. „Allerdings: Ausgerechnet die hier zitierten Verse werden weggelassen, in denen die Frau in ihrer Selbständigkeit als Wirtschaftssubjekt geschildert wird, sie den Erfolg ihrer Arbeit spürt, sie den Mund zur Unterweisung öffnet. Es ist gut, dass der Text im Gottesdienst gelesen wird – aber er ist sehr abgeschwächt. Das ist ein wenig die Situation der Kirche überhaupt und die Erfahrung mit ihr: Kirche und kirchliche Tradition sind ambivalent. Sie bergen die Quellen, sind der ursprüngliche Ort für den Impuls zur Befreiung. Und zugleich vermittelt kirchliche Praxis immer wieder auch genau die gegenteilige Erfahrung. Diese Ambivalenz, diese Ungleichzeitigkeit, damit muss man leben. Und das ist nicht immer ganz leicht.“

Geleitet sind diese Veranstaltungen innerhalb der Ausstellung von der Idee, das Verbindende zu suchen und gemeinsam kunstwissenschaftliche und theologische Fragen aufzuwerfen. Es entsteht ein lebendiger Dialog, der zeigt, wie ambivalent und dynamisch eine gemeinsame Bildbetrachtung sein kann. Die Veranstaltung ÜBERSCHREITUNGEN erscheint als gelungenes Beispiel für eine Theologie, die sich auf schwieriges Terrain wagt. Sie bleibt erfreulich unabgeschlossen.

Silke Merzhäuser, werkgruppe2

www.zkm.de

www.bildungszentrum-karlsruhe.de

 

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