Von der Kanzel gestiegen

Zu wem spricht die Predigende? Wer hört zu? Hört jemand zu? Eine poetische Reise in die Welt der kirchlichen Verkündigung. Von Eva Harasta

„In einem Salon, wo getanzt wird, brauchen wir uns nur die Ohren zuzuhalten, damit uns die Tänzer lächerlich vorkommen. Wie viele menschliche Handlungen hielten einer solchen Prüfung stand? Würden nicht viele plötzlich vom Tragischen ins Komische umschlagen, lösten wir sie von der Gefühlsmusik, die sie begleitet?“[1]

Christus ein Gymnasiallehrer

Denken wir eine Pfarrerin, adrett und erbaulich, auf ihrer Kanzel: Jedes Wort nimmt man ihr aus dem Mund, jede Geste aus der Hand. Wie spricht sie, dass es so wird? – Nun, Pfarrerin, nimm allererst Rücksicht auf das Zartgefühl des Menschen. Wie sensibel er ist, unser Religiöser, und leicht verletzt von der hässlichen Welt! Er will die Dinge als Märchen hören, mit Gefühl und Farbe, verspielt, bebildert, hübsch und sauber. Feinsinnig und gebildet, will er bei Deiner Predigt an Schönes denken. Alltag und Normalität haben ihm keinen Raum in der Kirche. Sein Gott ist ein König, seine Kirche ein glänzender, weißer, schützender Raum, sein Christus ein Gymnasiallehrer. Zünde Kerzen an, lass Gold und Silber blinken, lass alte Lieder klingen und Glocken. Erzähle Geschichten, streichle die Seele. Sei höflich und hübsch, biete Buntes und Düfte. Angenehm und biegsam sei Deine Rede, wie ein Sommerregen und Blättergeflüster. Die sieben Zwerge liegen Dir zu Füßen. Tu, was Du willst, nur eines nicht: Nimm sie nicht ernst, die da zuhören. Sonst halten sie sich die Ohren zu, und das wäre doch unschön.

Symboldidaktik und Kerzen?

Wie? Also nein, jetzt einmal vernünftig geredet. Da hast Du jetzt übertrieben mit dem Gefühligen – so spricht doch längst keine Pfarrerin mehr! Symboldidaktik und Kerzen? Ich bitte Dich, alles sowas von Nineties. Heute sind wir längst weiter. Die Sprache des öffentlichen Diskurses ist Mittel unserer Wahl, Sentimentalität und Nostalgie sind uns fremd. Hör zu: Wir beteiligen uns an jedem Diskurs, fachgerecht und informiert, ausgleichend und respektiert, überall, wo uns alle hören. Von Märchensprache und Ritualen halten wir nichts. Verantwortung und Sachgemäßheit sind unsere Kriterien. Hör nur zu! Wir sprechen für Millionen Kirchenmitglieder, und unsere Stimme wird gehört. Sie wird gehört, hörst Du nicht? Gehört wird sie! Überall hört man uns. Hör zu: Predigt, Zeitung, Twitter, Radio sind voll von uns. Plakate und Flyer sowieso. Überall sind wir aktiv und haben tausende Follower. Hörst Du? Mach uns das nach. Niemand hält sich die Ohren zu, wenn wir sprechen. Die Menschen lächeln freundlich und nicken uns zu. Man widerspricht uns nicht. „Nur nicht widersprechen!“ flüstern sie sich zu, wenn wir sprechen – hörst Du nicht? Wir nehmen uns ernst und alle nehmen uns ernst. Hör zu! Nicht doch, was soll das, Ohren zuhalten gilt nicht. Hierher, komm her, nicht weggehen, was – hey, hör zu!

Nicht Motten noch Mäuse fressen unsre Pension, den unvergänglichen Schatz.

Da kann es einem ja schwindlig werden, was für unangenehm aufdringliche Leute. Komm her zu mir, werte Schreiberin, ruh Dich aus. Unerträglich, diese Leute, nicht? Was sie nur wollen mit ihrem Schreien, schleierhaft ist mir das. Schau, setz Dich, hier haben wir Ruhe. Gut haben wir es hier, zufrieden kann man sein, nicht wahr, werteste Schreiberin? Nun, bald wird auch der letzte Steuergroschen ausgegangen sein und die Kirche ohne Mitglieder. Aber wie gut, dass wir unsere Pensionsansprüche haben. Nicht Motten noch Mäuse fressen unsre Pension, den unvergänglichen Schatz. (Gut gesagt, nicht? Meine Ironie, die lob ich mir.) Erfreuen wir uns daran, an solchen verlässlichen Schätzen, Allerwerteste, und lassen wir Gott einen lieben Mann sein. Das ist doch alles Schnee von gestern. Offenbarung, Bibel, Kirche, ich bitte Dich, lass mich damit in Frieden. Über Gott heute noch reden? Also, entre nous: Das ist doch ein vormodernes Gespinst, dieser Gott-als-Person. Den erzählen wir vielleicht noch im Hörsaal und in der Gemeinde, als Reminiszenz und weil die anderen es nicht besser verstehen. Aber selber dran glauben müssen, also nein, wo käme man da hin. Und selbst wenn, Allerwerteste – glaubst Du im Ernst, dass wir ihn interessieren, dass ihn die Kirche interessiert? Wie, wirklich? Wie amüsant, um nicht zu sagen, apart von Dir, Schreiberlein. Hast Du getrunken? Komm her, reich mir die Hand, schau mir in die Augen, Kleines, tanz mit mir, dann wird Dir das Lachen schon vergehen. Hier ist kein Gefühl und keine Musik, hier ist es kühl, sink hin, vergiss Dich.

Denken wir eine Pfarrerin, adrett und erbaulich, auf ihrer Kanzel — aber nein, was ist das, da ist sie ja gar nicht mehr.

[1] Henri Bergson, Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen (1900), übersetzt von Roswitha Plancherel-Walter, Hamburg 2011: 15.

PD Dr. Eva Harasta ist Studienleiterin für Theologie und interreligiösen Dialog an der Evangelischen Akademie zu Berlin. Ferner ist sie Mitglied des Berlin Institute for Public Theology.

Bild: Französischer Dom, Berlin / pixelio.de / Dieter Schütz

 

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